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Thema / Archiv | Beitrag vom 27.11.2008

Roadmovie durch die islamische Welt

Georg Misch über seinen Film "Der Weg nach Mekka - Die Reise des Muhammad Asad"

Georg Misch im Gespräch mit Britta Bürger

Dokumentarfilmer Georg Misch (mindjazz pictures / mischief films)
Dokumentarfilmer Georg Misch (mindjazz pictures / mischief films)

Der österreichische Dokumentarfilmer Georg Misch ist den Spuren seines Landsmannes Leopold Weiss, der sich nach seinem Übertritt zum Islam Muhammad Asad nannte, durch die arabische Welt gefolgt. Seine Englisch-Übersetzung des Koran ist noch heute gültig. Der Dokumenarfilm kommt nun ins Kino.

Britta Bürger: Muhammad Asad. Im Jahr 1900 geboren als Leopold Weiss. Der österreichische Dokumentarfilmer Georg Misch ist diesem interessanten Leben mit der Kamera hinterhergereist. Derzeit ist er schon wieder auf neuen Reisen und deshalb begrüße ich ihn jetzt in Dänemark. Schönen guten Tag, Herr Misch!

Georg Misch: Guten Tag!

Bürger: Ob in Saudi-Arabien oder bei den Beduinen in der Wüste, überall preisen Muslime Muhammad Asad als einen Europäer, der sich nicht nur arabisch gekleidet hat und Kamele reiten konnte, sondern der der Welt ein richtiges Bild vom Islam gezeigt hat. Was hat ihn überhaupt angetrieben? Was war der Auslöser für seinen Aufbruch?

Filmplakat "Der Weg nach Mekka - Die Reise des Muhammad Asad"Misch: Na ja, bei seiner ersten Reise in den Orient nach Palästina im Jahr 1922 war sicher interessanterweise eine gewisse naive, fast orientalistische Faszination mit den Beduinen und mit den Arabern, die ihn ursprünglich angezogen hat. Dabei ist es aber nicht geblieben. Er hat sich ja sowohl mit der Lebensweise, mit der Kultur, aber eben auch mit der Religion sehr umfassend auseinandergesetzt und hat sich wirklich in die Materie und in das Leben dieser Menschen so vertieft, dass er wirklich zu einem der Ihren geworden ist. Das heißt, er ist auch nicht nur ein Konvertit, der seine Religion gewechselt hat, sondern er ist zu jemanden geworden, der wirklich sich völlig transformiert hat in einen anderen Menschen, der wirklich zu einem Araber geworden ist, aber der auch gleichzeitig seine europäischen Wurzeln nicht vergessen hat. Und das war, glaube ich, seine Stärke, diese Möglichkeit, sich vollständig zu verwandeln, aber auf der anderen Seite auch seine Herkunft und das Wissen und die Kultur seiner ursprünglichen Herkunft mit in seine neue Lebenswelt mit einzubringen. Was er im Islam gefunden hat, war eine Heimat. Muhammad Asad war ein sehr intellektueller Mensch, ein sehr denkender Mensch. Und er hat einmal beschrieben, dass der Islam ihm nach einiger Zeit der Studien vorkam wie ein perfektes architektonisches Gebilde, in dem alle Proportionen in perfekter Harmonie sind und alles genau hundert Prozent passt und in Balance ist.

Bürger: Er selbst hat 17 Jahre lang daran gearbeitet, den Koran ins Englische zu übertragen und unter aufgeschlossenen Wissenschaftlern und liberalen Intellektuellen, da gilt sie tatsächlich als die beste Auslegung des Koran überhaupt.

Misch: Na ja, gut, absolut zu sagen die beste, ist immer schwierig. Und es ist so, dass Muhammad Asad auch seine eigene Koranübersetzung und den Kommentar noch mal verbessern wollte. Er hat immer gesagt, der Koran ist wie ein Ozean. Je weiter man sich hineinbegibt, desto tiefer wird er. Und ich glaube, das, was er nach 17 Jahren fertiggestellt hat, hätte er bis zu seinem Lebensende immer wieder und immer wieder überarbeiten wollen und können. Und das ist, glaube ich, auch genau die Stärke seiner Herangehensweise, dass er sagt, wir müssen den Koran auf unsere Gegenwart und unsere Lebenswelt hin interpretieren. Das macht ihn so modern, den Muhammad Asad, und das macht auch seine Koranübersetzung so modern.

Bürger: Wie kommt es denn, dass er in der arabischen Welt noch heute so bekannt ist. Viele Leute in Ihrem Film, die sprechen mit leuchtenden Augen wirklich voller Stolz von ihm.

Misch: Na ja, weil es gibt halt wenige, die wirklich so einen Schritt gemacht haben. Ich glaube, das Wichtige ist, wenn Muhammad Asad ein Araber gewesen wäre und genau die gleichen Leistungen vollbracht hätte, würde man sich vielleicht in der arabischen Welt weniger an ihn erinnern. Aber das Besondere ist eben, dass er jemand war, der aus dem Westen zu ihnen kam und sie als die, die sie sind, akzeptiert hat und wirklich in ihre Lebenswelt eingetaucht ist. Und ich glaube, das macht ihn ganz besonders speziell für sie.

Bürger: 1987 ist Asad als alter Mann zurückgegangen dann nach Europa, einsam und zurückgezogen hat er in Spanien gelebt und kurz vor seinem Tod gesagt: "Ich habe mich in den Islam verliebt, aber ich habe die Muslime überschätzt." Woran ist er am Ende dann doch verzweifelt?

Misch: Das ist das Wichtige. Es kommen ja im Film auch sehr kritische Stimmen zum Ausdruck. Es ist ja nicht nur so, dass Muhammad Asad da Lobpreisungen erfährt und sonst keine kritischen Stimmen sind. Sondern es kommen ja kritische Stimmen ihm gegenüber und auch den Muslimen gegenüber zum Ausdruck. Das ist aber auch die wichtige Unterscheidung, die man machen muss zwischen Islam und den Muslimen. Also Asad war nie dem Islam gegenüber kritisch, sondern nur den Muslimen und wie sie das eben auslegen. Und schon gegen Ende seines Leben, er ist ja 1992 gestorben, hat er schon gesehen, wie radikale, fundamentalistische und eben nicht denkende Herangehensweisen an die Religion von den Muslimen existierte. Das heißt, er hat sich ganz besonders gewährt gegen die sogenannte islamische Revolution im Iran. Das war etwas, was er als etwas völlig Absurdes gesehen hat, eine islamische Revolution.

Bürger: Sie verknüpfen die Reise zu den Lebensstationen Muhammad Asads im Film ja immer wieder mit den aktuellen politischen Geschehnissen vor Ort in palästinensischen Flüchtlingslagern und in Pakistan ebenso wie beim Gedenktag am 11. September in Ground Zero. Warum haben Sie, Herr Misch, sich bewusst gegen einen rein biografisch-historischen Dokumentarfilm entschieden?

Misch: Das war für mich das Grundkonzept des Films. Ursprünglich bin auf die Geschichte von Muhammad Asad gestoßen im Jahr 2000. Damals war das für mich eine tote Geschichte für jemanden, der im letzten Jahrhundert gestorben ist und die mir nicht relevant genug war. Dann passierte "9/11" im Jahr 2001 und mir wurde bewusst, dass seine Geschichte eine sehr für die Gegenwart relevante Geschichte ist. Und es war für mich klar, dass dieser Film kein biografischer, rückblickender Film sein kann, sondern ein Film sein muss, in dem wir dem nachgehen, was der Nachhall Muhammad Asads ist, was eine Relevanz für unsere Gegenwart ist. Und dadurch wurde der Film eigentlich zu einem Roadmovie, das durch die Gegenwart reist, das sich diese ganzen Kontakt- und Konfliktpunkte zwischen der westlichen Welt und der sogenannten islamischen Welt anschaut, die wir aus den Medien kennen. Aber mit Muhammad Asad als einem Reiseführer aus der Vergangenheit, der uns völlig neue Sichtweisen auf ja fast altbekannte Probleme gestattet.

Bürger: Und wie hat sich Ihr persönliches Bild vom Islam, von islamischen Gesellschaften und der arabischen Welt durch die Arbeit an diesem Film verändert?

Misch: Für mich ist im Prinzip durch die Arbeit an diesem Film auch ein Fenster aufgegangen. Das lag u.a. auch daran, dass ich etwas Arabisch gelernt habe dafür und mir durch die Möglichkeit, Arabisch zu lesen und zu schreiben und ein ganz klein wenig zu sprechen wirklich auch diese Kultur etwas weniger fremd geworden ist. Und es war so, dass wir als Filmteam auf unseren Reisen mit so offenen Armen aufgenommen worden sind, dass wir uns eigentlich überall sehr zu Hause gefühlt haben und wirklich wie ein Teil in diese Gemeinschaft aufgenommen worden sind, obwohl wir eigentlich Fremde sind. Und das ist ein Erlebnis, das einem ja die Fremdheit von dem Ganzen etwas nimmt.

Bürger: "Der Weg nach Mekka – Die Reise des Muhammad Asad", heute kommt der Dokumentarfilm von Georg Misch in die Kinos. Haben Sie vielen Dank, Herr Misch, für das Gespräch!

Misch: Danke vielmals!

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Grenzgänger zwischen Orient und Okzident

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