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Thema / Archiv | Beitrag vom 28.10.2009

Risel: Unscharfe Bilder, halbfertige Songs

Musik-Journalist Martin Risel über den Film "Michael Jackson's This is it"

Martin Risel im Gespräch mit Katrin Heise

Martin Risel war in Berlin bei der nächtlichen Premiere des Dokumentarfilms "Michael Jackson's This is it" über dessen letzte Proben dabei. Er sah einen Star, der auf der Leinwand eher eine traurige Figur abgibt.

Katrin Heise: "This is it" – so heißt der Dokumentarfilm über die letzten Tage von Michael Jackson, seine Proben zu der dann nicht mehr stattfinden könnenden Tour, die für den Sommer geplant war. Musikredakteur Martin Risel war heute Nacht bei der Premiere, quasi bei der Wiederauferstehung. Ich weiß nicht, kann man das so sagen?

Martin Risel: Ich denke, einige Fans versuchen das zumindest so zu sehen. Der Deckel ist noch nicht so ganz richtig geschlossen, und schon kann man sagen, nach dem Tod ist vor dem Event. Das ist sicherlich das Motto nach dem letzten großen Event der Begräbnisfeier. Nun wird ein neues Event geschaffen, nämlich ein neuer Film.

Heise: In 18 Kinos zeitgleich heute Nacht Premiere, in Berlin war ein Kino darunter, ich glaube, um zwei Uhr morgens war das Ganze, es wurde mit einem großen Event gerechnet. Wie war denn die Stimmung da?

Risel: Also es war ganz klar zu sehen, dass Sony Pictures, die das Ganze ja sozusagen auf den Markt bringen, ein ganzes großes Event schaffen wollten weltweit. Also das merkt man schon an dieser Strategie, 18 Städte weltweit und in besonderen Metropolen, da lädt man sich überall noch prominente Gäste ein und legt einen roten Teppich aus, lässt Limousinen vorfahren und alle Medien antanzen sozusagen. So schafft man Events. In Berlin war es dann ein bisschen überraschend. Der rote Teppich war kürzer als erwartet, die Prominenz war unbekannter als gedacht, es waren weniger Fans da, als ich das erwartet hatte. Es gab natürlich welche da, die da auch rumgetanzt haben, und viele mit Hut und Handschuhen, die dann irgendwie Moonwalk oder Ähnliches dargestellt haben, vor den Kameras dann auch gerne, aber doch wirklich eher B-Prominenz. Und was mich auch gewundert hat, es gab sogar an der Abendkasse noch Karten zu bekommen für die nächtlichen Sondervorführungen.

Heise: Also das heißt, es war jetzt so der große Ansturm, mit dem man vielleicht gerechnet hatte, nicht unbedingt. Wie war denn die Stimmung? Überwog, also Sie haben jetzt gesagt, (einige) tanzten da rum, also weniger Trauer, mehr dann auch Freude, den großen Star noch mal zu sehen?

Risel: Das war bei beiden – also gerade bei den Fans so ein bisschen geteilt. Ich glaube, es ging vielen Leuten darum – und darum geht es sicherlich dann auch, wenn der Film in die Kinos kommt und die Leute dann da hinströmen sollen ...

Heise: Die laufen ja zum Teil jetzt dann schon.

Risel: ... auch auf so eine Art und Weise noch mal Abschied zu nehmen und ihn doch noch mal irgendwie tanzen zu sehen, was man ja sonst nicht mehr kann, wenn er nicht mehr auftritt. Und insofern durchmischen sich sicherlich da die Gefühle. Zum einen die Trauer, er ist nun weg und er ist nicht mehr wirklich da, aber zumindest, er ist ja auch ein Kind des MTV-Zeitalters, das heißt, er war immer eine Projektion, auf dem Bildschirm auch, und da kann man ihn halt noch mal sehen.

Heise: Zusammenbrüche gab es aber nicht?

Risel: Habe ich keine beobachten können, nein.

Heise: Haben Sie mit den Fans sprechen können?

Risel: Ich habe mit ein paar Fans gesprochen, und da war durchaus eben dieses Zwiegespaltene auch zu hören – da gehen wir vielleicht später noch drauf ein. Es ging dann eben ins Kino hinein, und auch da ging erst mal nicht der Film an, sondern erst mal zwei Stunden vor dem eigentlichen Kinostart durfte man sich dann angucken die Übertragung vom roten Teppich aus Los Angeles.

Heise: Ach, die Schaltung war vorgeschaltet?

Risel: Genau, das war so vorgesehen, dass alle Prominenten, alle Medienvertreter das sich auch mit angucken mussten oder durften, weil später kam man gar nicht mehr rein. Auch da eigentlich ein bisschen ähnlicher Eindruck, wie ich den in Berlin hatte: weniger Prominenz als erwartet. Man hätte ja jetzt denken können wie bei der Trauerfeier und bei Bekundungen danach irgendwie, dass wirklich die ganzen großen Musikstars und auch die Politik irgendwie vertreten ist, das war weniger der Fall. Auch da wurden viele Leute ja von Journalisten am roten Teppich abgegriffen sozusagen, man hat wirklich wenig ganz bekannte Gesichter gesehen. Natürlich war der Jackson-Clan, zu großen Teilen zumindest, da, viele Leute, die als Tänzer, als Musiker an diesem Riesenmammutprojekt auch mitgewirkt haben, waren da und wurden auch vor die Kameras gezerrt und durften noch mal ihre letzten Eindrücke vom toten Star irgendwie schildern, kurz bevor er tot war. Aber auch da war das Ganze sehr groß angelegt und ist ein bisschen kleiner ausgefallen.

Heise: Und wie war der Film dann letztendlich?

Risel: Ja, der Film – vielleicht muss man kurz vorweg sagen, worum geht es da. Das sind Aufnahmen von den Proben, die in den letzten drei Monaten vor Michael Jacksons Tod entstanden sind, also April bis Juni. Und man sieht da heulende Tänzer, man sieht ein ganzes Team, das natürlich total verzückt ist, dass sie mit diesem Star arbeiten können, sie sind so stolz und glücklich. Man sieht auch, es wäre sicherlich eine tolle Show geworden, die dafür in London dann auf die Bühne gebracht worden wäre, weil da sind schon gigantische Showelemente dabei. Da kann man mal so ein bisschen reinriechen, das ging ja nun nicht bis zur Ausgereiftheit sozusagen. Man sieht halbfertige Songs auf halbfertigen Bühnen immer. Und man merkt, es sind unscharfe Bilder – wundert man sich erst mal, für eine Kinoqualität sehr unscharf –, das liegt einfach daran, es sind ja keine professionellen Kameras dabei gewesen ...

Heise: War ja nicht fürs Kino gedacht.

Risel: ... sondern es wurde nur eigentlich eben fürs Privatarchiv von Michael Jackson ein bisschen mitgedreht. Und aus diesem gigantischen Material von allen Proben, wo mitgeschnitten wurde, da hat man dann eben jetzt das Beste sehr geschickt zusammengeschnitten. Man merkt deutlich, an der Tonqualität ist sehr viel nachgebessert worden, das ist sonst so überhaupt nicht anders möglich geworden. Das ist ja auch einfacher zu manipulieren, weil man es nicht so sieht wie die Bilder. Das merkt man ganz deutlich, und ich sage es gleich mal vorweg: Ich hatte den Eindruck – und man kann es natürlich nicht beweisen –, die Stimme wurde zum Teil gedoubelt von Michael Jackson, weil der Gesang, ich glaube nicht, dass das alles echt ist. Es gibt auch Teile der Familie, die den Film gesehen haben und das gesagt haben, dass da nachgeholfen wurde, und ich bin mir da nicht so ganz sicher.

Heise: Hören wir jetzt noch mal einen Titel von ihm, da können wir es ja vielleicht dann, aus dem Film?

Risel: Ich würde sagen, wir hören jetzt mal einen Titel, der so ein bisschen auch Eindruck gibt von den Probenarbeiten, wie das gemacht ist. Ein bekannter Titel in einer ungewöhnlichen Version hier.

(Einspielung Song von Michael Jackson)

Heise: Michael Jackson beatet in einer ungewöhnlichen Version, denn auf den Proben zu seiner letzten Tournee aufgenommen, jetzt zu sehen und zu hören in dem Film "This is it" und auf der CD, die zeitgleich jetzt auch rauskommt, eine Doppel-CD. Sie hatten das vorher gesagt, also dass das wirklich auch so ein bisschen nach Probencharakter klingt. Ich meine, das kann ja ganz spannend sein, aber jetzt war es doch eher ein bisschen – man hört lieber das Original, ich jedenfalls.

Risel: Man hört dann doch lieber das Original. Aber so was ist eben halt im Film auch immer mal zu sehen, wie die dann auch mit einer kleinen Gruppe einfach mal was üben, sehr viel, wie an den Choreografien einstudiert wird und wo wirklich dann Michael Jackson auch dann immer mal wieder doch relativ stark eingreift, zumindest der Teil, den man in dem Film zu sehen kriegt, dass er sich da auch durchaus bewusst und agil zeigt und dynamisch und kreativ sozusagen und eine relativ starke, fitte Persönlichkeit abgeben soll. Das ist so ein bisschen die Message des Films.

Heise: Das würde ich gern noch mal genauer wissen, weil aufgenommen wurde ja für sein Privatarchiv, so und jetzt wird das also zusammengestellt. Ich meine, da ist ja auch ein Riesenverlust entstanden. Man wollte eine große, große Geschichte daraus machen, diese 50 Auftritte, und dann ging das eben nicht mehr, und das soll jetzt wahrscheinlich der Film so ein bisschen abfangen. Also was für ein Bild will man von ihm vermitteln?

Risel: Also klar ist dran gedacht, er soll der dynamische, flotte 50er sein, der noch fit ist, der in der Lage gewesen wäre, Supershows hinzulegen, der auch körperlich in der Lage dazu ist und mental und der immer noch irgendwie auf der Höhe seiner Zeit und seiner Kräfte ist. Das ist das Bild, was es vermitteln soll. Wenn man so ein bisschen mehr über die Hintergründe weiß und recherchiert, dann sieht man auch andere Seiten. Also man sieht, kann auch den leicht gebrochenen Mann so ein bisschen raussehen. Man sieht ganz dünne Beinchen, man sieht einen sehr abgemagerten Körper, die Jacketts schlackern, also man kann wirklich darunter ahnen, dass da nur eine ganz, ganz dünne Gestalt noch geblieben ist von ihm. Und mir ist aufgefallen, es gibt keine Nahaufnahmen von ihm, keine Nahaufnahmen vom Gesicht, man sieht niemals seine Augen, da wird nie nah rangezoomt oder er hat immer eine Brille auf. Und die Augen würden ja einen Blick in seine Seele zulassen, das ist ganz bewusst vermieden worden, das ist schon ziemlich deutlich.

Heise: Selbst schon bei Aufnahmen, muss man ja sagen, die ja gar nicht für die Öffentlichkeit so gedacht waren.

Risel: Ja, selbst das. Also er soll, das Ganze soll halt sehr, sehr echt sein, sehr authentisch, sehr intim wirken, und so ist es eben auch in dieser Musik. Vielleicht ein paar Worte auch zu der CD: Da gibt es zum einen eben in der – das ist eine Doppel-CD – da gibt es eine CD, wo die Stücke aus dem Film in der Reihenfolge auftauchen, das sind alles bekannte Songs, die man kennt, zum Teil. Dann gibt es eine zweite CD, wo ein paar veränderte Versionen sind, da haben wir jetzt schon zwei Versionen gehört, sogenannte Demoversionen, die dann ein bisschen anders klingen, die so ein bisschen Probencharakter haben und was natürlich immer so Raritätenschätzchen sind für Sammler. Und von dieser Sorte hören wir jetzt noch mal einen.

(Einspielung Song von Michael Jackson)

Risel: Ja, ein doch ziemlich ungewöhnlicher Michael Jackson mit "She's Out of My Life", ein Titel von der neuen Doppel-CD zum Film "This is it". Bemerkenswert irgendwie vor allem diese Stimme, ist mir auch aufgefallen, das hört man auch im Film – wenn er spricht, ist die Stimme sehr, sehr dünn, sehr fragil, sehr zerbrechlich und sehr zart und sehr hoch irgendwie.

Heise: Und wenn er singt?

Risel: Ist es eigentlich ähnlich. Er nimmt sich oft auch sehr zurück mit der Stimme. Argument ist immer: Ich muss meine Stimme schonen, ich darf mich in den Proben nicht zu sehr verausgaben. Aber auch da weiß man nie so ganz genau, kann man nicht wirklich hintergucken: Ist einfach die Kraft nicht mehr da vielleicht?

Heise: Ja, und man kann ja davon ausgehen, dass das nun ganz schön bearbeitet ist. Also es wird ja nicht das sein, was man dann tatsächlich von ihm hätte hören können, wenn man ohne Mikrofon neben ihm gestanden hätte, wenn er singt. Also da ist doch viel eingriffen worden. Das heißt, der Eindruck, den man insgesamt von ihm hat nach dem Film, ist nicht unbedingt der, der vermittelt werden soll, sondern man sieht schon eine sehr traurige Gestalt, oder?

Risel: Ja, man kann die auf jeden Fall da durchaus rauslesen und ich glaube, dass auch selbst Fans, die sicherlich den Film sich gerne angucken wollen, da dann sehr gespalten werden in ihrem Bild.

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