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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.04.2012

Ringen mit sich selbst

Raymond Carver: "Beginners. Uncut", S. Fischer, Frankfurt am Main 2012, 362 Seiten

Carver: "Als wüssten wir, wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden."
Carver: "Als wüssten wir, wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden." (picture alliance / dpa)

Unter dem Titel "Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden" erschien 1981 ein Buch mit 17 Kurzgeschichten von Raymond Carver. Der hat sich immer beschnitten gefühlt, durch die Kürzungen seines Lektor. Jetzt bringt seine Witwe die Langversion unter dem Titel "Beginners" heraus.

Am 8. Juli 1980 um acht Uhr morgens konnte Raymond Carver nicht mehr. Er setzte sich hin und schrieb einen Brief an seinen langjährigen Lektor und Freund Gordon Lish. So entstand ein großartiges Dokument der Literaturgeschichte, das sich im Anhang dieses Buches findet. Es zeigt das Ringen eines Autors mit sich selbst und beginnt mit einer captatio benevolentiae an den Mann, den sie in den Vereinigten Staaten ehrerbietig "Captain Fiction" nennen.

"Schon jetzt hast Du mir in gewissem Sinne Unsterblichkeit verliehen", hebt Carver sich noch windend an, um nach langer Vorrede zum Punkt zu kommen:

"Und jetzt habe ich Angst, schreckliche Angst, ich habe das Gefühl, wenn das Buch in seiner derzeitigen, bearbeiteten Form veröffentlicht wird, werde ich vielleicht nie wieder eine Geschichte schreiben ... Dir allein verdanke ich dieses doch ziemlich interessante Leben, das ich jetzt führe. Aber wenn ich jetzt so weitermache, dann schade ich mir selbst. Das Buch wird nicht das sein, was es sein soll, ein Anlass zum Feiern, sondern es wird Erklärungen und Entschuldigungen fordern."

Dieser mehrseitige Verzweiflungsschrei Carvers markierte den Bruch zwischen ihm und seinem engen Vertrauten Lish - und er lieferte der Witwe des Schriftstellers, Tess Gallagher, den ausschlaggebenden Grund, die Geschichten, die zu Carvers Lebzeiten nur in stark zusammengestrichenen Fassungen erschienen waren, nun posthum in ihrer Ursprungsversion zu veröffentlichen unter dem von Carver dafür vorgesehenen Titel "Beginners".

Das Buch war 1981 - radikal bearbeitet - unter dem Titel "Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden" erschienen. Nun also kann man anhand der 17 short stories, die dieser Band umfasst, einen Mythos überprüfen: den Mythos, dass erst die drastischen Eingriffe des Lektors (Lish kürzte die Storys um bis zu 70 Prozent) Carvers Geschichten zu etwas Einmaligem gemacht hätten. Lish hatte sich unbescheiden indirekt eine Art Mitautorschaft an ihnen zugeschrieben.

Sicherlich war Lish für Carver ein wichtiger Wegbegleiter in der Ausbildung seines minimalistischen, lakonischen Stils. Doch auch in der extended version der "Beginners" begegnet uns ein Autor, dessen Prosa konzise wie kaum eine andere daher kommt. Gerade in der nun restaurierten Titelgeschichte (zwei befreundete Paare trinken Gin miteinander, reden über Beziehungen und stellen fest, dass "wir alle blutige Anfänger auf dem Gebiet sind, ... als wüssten wir, wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden") wird das deutlich. Die Ironie will es, dass darin jemand sagt: "Ich will versuchen, mich kurz zu fassen."

"Beginners" (34 Seiten lang, in der gekürzten Fassung sind es 18) ist alles andere als ein Text, dem man (bis auf einige wenige Dialoge) Verdichtung wünschen würde. Im Gegenteil: Man hat das Gefühl, bisher um die weitaus bessere, weil reichere Originalfassung betrogen worden zu sein. Carver selbst wusste sehr genau, was sein Idol Anton Tschechow in einem Brief an seinen Bruder Alexander am 11. April 1889 so ausgedrückt hat: "Kürze ist die Schwester des Talents".

Besprochen von Knut Cordsen

Raymond Carver: Beginners. Uncut
Die Originalversion von "Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden"
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié sowie Antje Ravic Strubel
S. Fischer, Frankfurt am Main 2012
362 Seiten, 21,99 Euro