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Fazit / Archiv | Beitrag vom 09.09.2015

Rheingold im Stadttheater MindenBegeisterung über das "ostwestfälische Bayreuth"

Von Dieter David Scholz

Andreas Kuntze (Intendant der Nordwestdeutschen Philharmonie - l-r), Dirigent Frank Beermann, die Vorsitzende des Richard Wagner Verbandes Minden, Jutta Hering-Winckler, Regisseur Gerhard Heinz und die Intendantin des Stadttheaters Minden, Andrea Krauledat posieren im Innenraum des Stadttheaters in Minden (Nordrhein Westfalen). Große Oper im kleinen Minden: Von 2015 bis 2019 wird in der ostwestfälischen 80 000-Einwohner-Stadt Richard Wagners kompletter «Ring des Nibelungen» aufgeführt.  (picture alliance / dpa / Oliver Krato)
Andreas Kuntze (Intendant der Nordwestdeutschen Philharmonie - l-r), Dirigent Frank Beermann, die Vorsitzende des Richard Wagner Verbandes Minden, Jutta Hering-Winckler, Regisseur Gerhard Heinz und die Intendantin des Stadttheaters Minden, Andrea Krauleda (picture alliance / dpa / Oliver Krato)

Mit dem "Ring des Nibelungen" von Wagner hat das kleine Stadttheater in Minden ein ehrgeiziges Projekt in Angriff genommen - und hat es meisterhaft bewältigt. Nicht nur die Besetzung sei durch die Bank überzeugend, meint unser Kritiker Dieter David Scholz.

Es ist eines der kleinsten Stadttheater Deutschlands mit der wohl größten Wagnerambition, das Stadttheater im ostwestfälischen Minden. In den vergangenen 13 Jahren hat es bereits "Holländer", "Tannhäuser", "Lohengrin" und "Tristan" gestemmt. Mit Wagners Opus Magnum, dem "Ring des Nibelungen" hat es nun sein ehrgeizigstes Projekt in Angriff genommen und einmal mehr unter Beweis gestellt, dass man in der Lage ist, an einem so kleinen Haus ohne eigenes Opernensemble Wagner angemessen realisieren zu können. Zu verdanken ist dies vor allem Jutta Winkler, Chefin des Mindener Richard Wagner Verbands. Sie ist in der Stadt außerordentlich gut vernetzt und schafft es immer wieder, die Spendenbereitschaft der Mindener Bürger und Betuchten zu aktivieren. Dank dieses mäzenatischen Wunders hat sich Minden inzwischen den Ruf eines "ostwestfälischen Bayreuths" erworben.

Gerd Heinz, zuletzt leitender Opernregisseur und Mitglied der Operndirektion am Theater Freiburg, hat den "Vorabend" der kapitalismuskritischen Parabel von der Welt Anfang und Ende als Kammerspiel angelegt, handwerklich gut gearbeitet, ohne alle Aktualisierungen, politisierende Winke mit Zaunpfählen und ohne Bebilderungszwang. Er bleibt nah am Stück und greift bei den Verwandlungen und illusionistischen Momenten des Stücks in die Trickkiste des Kabuki- bzw. Bunrakiheaters. Frank Philipp Schlössmann, der auch den letzten Bayreuther "Ring" ausstattete, hat für den Mindener eine so einfache wie sinnfällige szenische Lösung gefunden.

Publikum war außer Rand und Band

Da das Orchester wegen des unzureichend geräumigen Orchestergrabens auf der Bühne platziert ist, lässt er Vorbühne und hochgefahrenen Orchestergraben bespielen, eingerahmt von einem symbolischen roten "Ring" in einem Quadrat. Nur wenige Requisiten werden benötigt, so gut wie keine Kulissen. Dafür gibt es symbolisch abstrakte Laserillumination. Die Darsteller treten zeitlos "modern" in sackleinernen Kostümen auf, denn Gerd Heinz geht es in der Walhallsaga vor allem um zeitlose menschliche Konflikte. Ein einleuchtendes Konzept. Das Orchester im Rücken, können die Sänger außerordentlich textverständlich singen, zumal Dirigent Frank Beermann sie auf Händen trägt und auf exzessive Phonstärke verzichtet.

Die Besetzung ist durch die Bank überzeugend. Bedauerlich, dass der Wotansänger Renatus Mészar, der die Partie schon in Weimar überzeugend sang, indisponiert war. Um so mehr faszinierte der außerordentlich kultiviert singende Tenor Thomas Mohr als Loge, Heiko Trinsinger singt einen kraftvollen Alberich. Der Mime von Dan Karlström ist die Sensation des Abends. Er gibt den bösen Zwerg als giftige Mischung aus kleinem Bub und geschundener Kreatur, mit treffsicherem Charaktertenor und sportlich-agilem Körpereinsatz. Aus den weiblichen Partien ragt die altgriechisch gemummte Erda von Evelyn Krahe heraus.

Die Nordwestdeutsche Philharmonie, die in Minden regelmäßig gastiert und auch die bisherigen Wagnerproduktionen spielte, hat in erweiterter Großbesetzung und ungewöhnlicher Aufstellung unter Frank Beermann, GMD des Theaters Chemnitz einen gänzlich unteutonischen, romantisch-sensiblen Wagner gespielt, klangprächtig, höchst kompetent und klug durchdacht. Ein großer Wagnerabend im kleinen Stadttheater Minden. Das Publikum war außer Rand und Band vor Begeisterung. Man darf gespannt sein auf die Komplettierung dieses "Rings" in den nächsten drei Jahren.

Mehr zum Thema:

"Gemetzel" bei den Nibelungen-Festspielen - Schwulst schreit nach Schwulst
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