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Tacheles / Archiv | Beitrag vom 07.04.2012

Revere befürchtet Eskalation im Streit mit Nordkorea

Früherer US-Diplomat und Strategieberater wirft Pjöngjang Verletzung des Leap-Day-Abkommens vor

Kim Jong-Un, der neue Führer Nordkoreas (AP)
Kim Jong-Un, der neue Führer Nordkoreas (AP)

Nordkorea wird seine Ankündigungen wahr machen und Ende kommender Woche versuchen, einen Satelliten mit einer Langstreckenrakete ins All zu schiessen. Diese Überzeugung äußerte Evans Revere, Strategieberater von Stonebridge & Albright im Tacheles - Aspen Forum.

Deutschlandradio Kultur: Bis 2007 arbeitete Evans Revere, mehrfach ausgezeichneter Diplomat, im US-Außenministerium, bekleidete dort unter anderem das Amt des Unterstaatssekretärs und kommissarisch auch des Staatssekretärs für ostasiatische und pazifische Angelegenheiten.

Evens Revere ist Spezialist für Asien mit besonderem Augenmerk für die Beziehungen zu China, Japan und Korea, wo er auch längere Zeit auf Posten war. Ich freue mich, Sie, Herr Revere, hier in Berlin zu diesem gemeinsam mit dem Aspen Institut veranstalteten Tacheles begrüßen zu dürfen.

Chronik einer angekündigten Provokation oder bewusste Eskalation? Nordkorea hat angekündigt, es wolle angesichts des 100. Geburtstages von Staatsgründer Kim il Sung rund um das Datum des 15. April einen Wettersatelliten ins All schießen. Die Vereinigten Staaten erkennen darin einen Bruch des Leap Day Agreements, also, des am Schalttag, dem 29. Februar dieses Jahres, geschlossenen bilateralen Abkommens. Darin hatte sich Nordkorea unter anderem verpflichtet, sein Atomprogramm auszusetzen und die Arbeit mit den Kontrolleuren der Atomenergiebehörde IAEA wieder aufzunehmen. Im Gegenzug versprachen die USA 240.000 Tonnen Nahrungsmittel zu liefern.

Reiht sich die demokratische Volksrepublik Korea damit wieder in die seinerzeit von US-Präsident George Bush beschriebene Achse des Bösen ein?

Evans Revere: Ich denke, Ihre Frage ist interessant, da Sie mit dem Begriff Achse des Bösen einen Begriff benutzen, den ich immer sehr kritisch finde. Böse ist doch kein gutes Wort, das man als Diplomat benutzen sollte, wenn es darum geht, dass man gerade die Gegenseite für etwas Gutes gewinnen kann. Und ich wusste nicht davon, dass Nordkorea wirklich hier Teil der Achse wäre. Nordkorea ist doch immer ein eigenständiges Land und brüstet sich auch damit, ein ganz eigenständiges System zu haben, seinen eigenen Weg zu gehen – trotz all der Herausforderungen und der Kompliziertheiten im Leben.

Der geplante Abschuss dieses Satelliten, wie Nordkorea sagt, ist etwas sehr Beunruhigendes. Es ist nicht nur eine Verletzung des Abkommens und auch des Geistes dieses Abkommens, das am 29. Februar abgeschlossen wurde, sondern ist auch eine grobe Verletzung, wenn es so kommt, verschiedener UN-Resolutionen. Dahingehend ist das nun eine Herausforderung für die internationale Gemeinschaft sowohl für die USA wie auch für die gesamte Region. Es ist eine sehr ernste Angelegenheit.

Deutschlandradio Kultur: Wie sollte denn die internationale Staatengemeinschaft reagieren? Die USA haben ihrerseits reagiert, indem sie die Nahrungsmittellieferungen zunächst einmal ausgesetzt haben.

Evans Revere: Nun, die Nahrungsmittellieferungen wurden temporär ausgesetzt, während die Amerikaner die Situation genauer unter die Lupe nehmen. Ich glaube, es gab keine formelle Entscheidung seitens Washingtons, hier schon etwas komplett auszusetzen, sondern man überprüft gerade die jetzige Situation. Und die Hauptsorge im Blick auf Lebensmittel ist doch das: Wenn Nordkorea internationale Abkommen verletzt, was sagt das dann aus über die Garantien, die die DVRK (Demokratische Volksrepublik Korea) den USA gegeben hat mit Blick auf Sicherheit – auch mit Lebensmittelsicherheit und die anderen Inspektoren, die ihre Arbeit durchführen sollen, auch mit Blick auf die Verteilung der Lebensmittel. Das führt insgesamt zu schwierigen Fragen.

Was die USA, was die internationale Völkergemeinschaft tun sollte? Nun, ich denke, gegenwärtig in der ersten Phase dieser Reaktion geht es darum, dass Warnungen ausgesprochen werden in Richtung Nordkorea – aus den unterschiedlichsten Ecken, über unterschiedliche Kanäle – genau dies jetzt nicht zu tun, nämlich nicht diesen Abschuss durchzuführen. Diese Warnungen waren sehr explizit. Diese Warnungen wurden begleitet von eindeutigen Aussagen, und dies gilt für private Kanäle als auch für öffentliche Kanäle, dass es ansonsten Konsequenzen gäbe.

Ich denke, das muss genau jetzt passieren und das geschieht ja auch so. Das heißt, wenn der Abschuss wirklich vonstatten geht innerhalb von ein paar Tagen, und ich persönlich gehe davon aus, dass es wirklich hochwahrscheinlich ist, dass sie dies tun werden, ich glaube, es ist unvermeidlich, dass dieses Ganze dann zum Sicherheitsrat der Vereinten Nationen gebracht wird, wo wir dann intensive Gespräche haben werden. Und ich hoffe, dass man dann hoffentlich einen Konsens finden kann, wie man auf diese Aktivitäten reagieren kann.

Deutschlandradio Kultur: Herr Evans Revere, erklären Sie uns, warum Sie so sicher sind, dass die Nordkoreaner wirklich mit dem Abschuss des Satelliten voranschreiten? Ist es wegen der Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag? Ist es, weil der neue Führer sich etablieren muss?

Evans Revere: Nun, ich denke, beide Gründe sind zu nennen, aber vielleicht spielt noch mehr hinein. Ich denke, die Nordkoreaner haben vor ein paar Monaten schon beschlossen, dass sie dies prinzipiell gesehen so tun würden, ich denke, zum ersten aufgrund des bevorstehenden Geburtstages. Sie machen dies, glaube ich, auch, um zu zeigen, dass der neue Führer, das neue Führungsteam in Pjöngjang wirklich in Kontrolle ist. Und das ist ein Beweis, ein Zeichen dieser Kontrolle und auch eine Möglichkeit, um die Vorbereitungen zu operationalisieren, die Nordkorea macht mit Blick auf den Satellitenabschuss.
Aber ich glaube, es gibt darüber hinaus noch andere Gründe. Und die anderen Gründe sind diejenigen, die für mich am meisten besorgniserregend sind. Und zuvorderst würde ich sagen, dass dies auch mit dem Test einer Langstreckenrakete zu tun hat, was wiederum wichtige technologische Auswirkungen hat auf die Fähigkeit von Nordkorea, militärische Angriffe durchzuführen, auch mit Blick auf Massenvernichtungsmittel. Und ich denke, deshalb ist es so, dass der wichtigste Grund mit Blick auf diese Planung, so gesehen werden muss. Das sehe ich so und ich denke, das sollte auch die internationale Gemeinschaft so sehen.

Deutschlandradio Kultur: Wir reden also von Langstreckenraketen, die unter Umständen auch die Westküste der Vereinigten Staaten erreichen könnten?

Evans Revere: Sie haben noch nicht die Fähigkeit, dies jetzt zu tun. Aber die Abschussraketen, die bereits mehrfach in der Vergangenheit getestet wurden, die Kerne dieser Trägersysteme wurden bereits erfolgreich abgeschossen und haben eine beachtliche Reichweite erreicht, dies mehrfach schon. Es gab natürlich auch Schwierigkeiten, es gab Probleme, und zwar immer in der finalen Phase, wenn es darum ging, den Satelliten wirklich in den Orbit zu schießen.

Das heißt, es konnte gezeigt werden, dass Kernkompetenz da ist, um etwas in die Atmosphäre zu schießen, aber das volle Potenzial noch nicht ausgeschöpft wurde.

Ich denke, dass der gegenwärtige Test, und so sehen das auch viele Experten, ihnen zusätzliche Daten liefern wird und zusätzliches Verständnis über die Mängel des Systems und wie man diese Mängel beheben kann. Wann und wie es ihnen gelingen wird, diese Trägerrakete wirklich zu entwickeln, das bleibt abzuwarten. Aber ich denke, in ein paar Jahren werden sie dieses System haben und werden dann in der Lage sein, genau das zu tun, was Sie gerade gesagt haben, nämlich die Westküste der USA zu erreichen und auch darüber hinaus.

Deutschlandradio Kultur: Das lässt ja nicht viel Zeit. Wie groß, lassen Sie uns das doch mal runterbrechen, ist denn die Bedrohung momentan durch die atomare Streitkraft Nordkoreas? Wie viele Bomben gibt es? Gibt es auch biologische und chemische Waffen, wie ja einige der US-Generals auch behaupten?

Evans Revere: Nordkorea hat eine große Menge an Atomwaffen. Sie haben chemische und biologische Waffen. Das stimmt. Sie haben in ihrem Arsenal heutzutage wirklich die Fertigkeit, diese Waffensysteme einzusetzen, und zwar in der gesamten Region. Sie haben Mittelstreckenraketen, die Japan erreichen, die gesamt Südkorea erreichen würden und, wie ich meinen chinesischen Freunden auch immer ganz gerne wieder sage, die auch bis nach China reichen. Sie haben Artilleriefertigkeiten. Mit Blick auf atomare Waffen kann man sagen, dass bereits zwei Atomtests durchgeführt wurden. Der zweite war deutlich erfolgreicher als der erste, obwohl er nicht komplett erfolgreich war. Und woran sie gegenwärtig arbeiten, ist eine fortschrittlichere Kompetenz, um einen Sprengkopf zu entwickeln, den man auf eine Rakete setzen kann.

Und mit Blick auf die Lagerung der Waffen bleibt zu sagen, ohne jetzt delikate Punkte aus meiner Vergangenheit anzusprechen, aber so kann ich doch sagen, dass man davon ausgehen kann, dass sie ungefähr sechs, zwölf atomare Sprengköpfe haben oder zumindest schon das Material, um sechs oder ein Dutzend atomare Sprengköpfe entwickeln zu können.

Deutschlandradio Kultur: Also eine ernsthafte Bedrohung. Jetzt spitzt sich die Situation ja wieder zu mit diesem Abschuss dieser Rakete und dem Satelliten. Sie glauben nicht, dass das einfach nur ein Geburtstagssatellitengruß sein soll. Was kann die internationale Gemeinschaft tun? Sollte man den Sanktionsdruck verstärken?

Evans Revere: Ich denke, wir müssen im Kopf behalten, dass die Nordkoreaner bisher noch nichts abgeschossen haben. Das heißt, es gibt noch Zeit, zwar nicht viel, aber wir haben noch Zeit. Es muss in Nordkorea gehört werden und verstanden werden, dass dies Konsequenzen hat, nicht nur Konsequenzen seitens Südkoreas, Chinas oder den USA, sondern dass die internationale Völkergemeinschaft reagieren wird. Und wenn der Satellit abgeschossen wird und, wie ich bereits zuvor sagte, ich denke, sie werden das wirklich tun, dann müssen wir meiner Ansicht nach die ganze Sache so schnell wie möglich zum Sicherheitsrat der UN bringen.

Es gibt bereits eine Anzahl von Sanktionen, die Nordkorea betreffen, aber es gibt zusätzliche Dinge, zusätzliche Maßnahmen, die ergriffen werden können, um diese Sanktionen noch zu verschärfen und um auch das zu tun, was Obama vor ein paar Tagen erst sagte, nämlich um sicherzustellen, dass – wenn Nordkorea mit diesen Aktivitäten voranschreitet – es dann weiter von der internationalen Gemeinschaft isoliert wird und dass Nordkorea dann auch ganz klar gesagt wird, dass es hierfür einen Preis zu zahlen hat und dass sichergestellt wird, dass es diesen Preis zahlen wird.

Deutschlandradio Kultur: Hat denn Nordkorea versucht, diesen Sanktionsdruck dadurch zu nehmen, dass es auch angekündigt hat, die Inspektoren, die Beobachter der IAEA, der Internationalen Atomenergiebehörde, könnten auch wieder ins Land kommen?

Evans Revere: Nun, als Teil dieses Leap Day Agreement vom 29. Februar versuchen nun die Nordamerikaner einiges. Sie sagen, ja, die Inspektoren können zurückkommen in die Anlage in der Nähe von Pjöngjang, um dort die Aktivitäten zu überprüfen, um dort alles zu untersuchen und auch dort natürlich sicherzustellen, dass das Moratorium, sprich, die Stilllegung, wirklich durchgehalten wird. Teil dieses Abkommens vom 29. Februar ist auch, dass jedoch sie keine Raketenabschüsse durchführen würden, dass auch hier das Moratorium gilt. Das wurde ganz deutlich gesagt mit Blick auf die Nordkoreaner, dass Raketenabschüsse auch Satellitenabschüsse beinhalten. Die Nordkoreaner haben das so erstmal nicht hinnehmen wollen, aber das wurde in den Diskussionen klargestellt, dass Satellitenabschüsse eine direkte Verletzung des Abkommens vom 29. Februar wären.

Deutschlandradio Kultur: Herr Revere, am 11. April wird die Arbeiterpartei eine Konferenz abhalten, um – wie es heißt – den neuen Machthaber Kim Jong Un formell zum Generalsekretär der Partei zu küren. Die Anberaumung ist ja sicher kein Zufall, wenige Augenblicke quasi vor dem geplanten Satellitenstart. Will hier Kim Jong Il’s Sohn Stärke demonstrieren?

Evans Revere: Ich denke, was wir gegenwärtig in Nordkorea sehen, ist seine Art uns zu sagen, dass er wirklich die Fäden in der Hand hält in Nordkorea und dass er die Fähigkeiten hat, sein Land zu regieren. Einen Satelliten abzuschießen und das so durchzuführen, wurde wahrscheinlich schon von seinem Vater entschieden, aber ich denke, er führt das jetzt so durch, folgt den Befehlen sozusagen seine Vaters. Und wie Sie wahrscheinlich auch gehört haben, wird er, Kim Jong Un, im Entscheidungsfindungsprozess beteiligt gewesen sein mit Blick auf das Timing. Und ich denke, das ist ein weiteres Zeichen, dass er wirklich deutlich machen kann, er hat das Sagen in Nordkorea.

Persönlich glaube ich, dass er wirklich die Fäden in der Hand hält in Nordkorea. Er ist ein junger Mann. Er ist zwar nicht sehr erfahren, aber er hat Personen um sich herum, die sehr erfahren sind. Ich denke sehr deutlich, er hat die Fäden in der Hand. Und es gibt darüber hinaus ein großes Maß an Kontinuität zwischen der Politik, die sein Vater durchgeführt hat, und der Politik, die er durchführt. Denn eine Politik ist natürlich, ein modernes Raketensystem zu entwickeln.

Deutschlandradio Kultur: Herr Evans Revere, Sie kennen die Leute, die hinter dem neuen Führer Nordkoreas stehen. Sie sollten ja selbst die diplomatische Mission der Vereinigten Staaten leiten in Pjöngjang, wäre sie denn jemals eröffnet worden. Sie haben auch informelle Gespräche geführt, um den Konflikt zu entschärfen – mit welchem Ergebnis?

Evans Revere: Ich hatte ja verschiedene Gespräche mit Vertretern aus Nordkorea. Und Dank der Unterstützung und Dank der Freundlichkeit und auch der Vision des Aspen Instituts Deutschland konnten wir gerade erst vor ein paar Tagen Zeit mit ihnen verbringen. Ich denke, ich bin jetzt nicht so wirklich in der Lage, hier die Details anzusprechen. Aber vielleicht kann ich Ihnen ein paar Eindrücke weitergeben, die ich entwickelt habe, basierend auf den Gesprächen, die wir führten.

Ein Eindruck ist, den ich mit nach Hause nehme, und der ist sehr deutlich, dass Nordkorea wirklich diesen Abschuss durchführen wird. Ich habe in diesen Tagen in diesen Gesprächen, die wir hatten, nichts gehört, das mich denken ließe, dass es nicht dazu käme.

Ein zweiter Eindruck, und das ist womöglich mehr als ein Eindruck, ist vielmehr eine Schlussfolgerung, würde ich sagen, ist, dass die DVRK nicht nur entschlossen ist, diesen Abschuss durchzuführen, sondern auch, wenn der UN-Sicherheitsrat darauf dann reagiert auf starke Art und Weise, dass dann Nordkorea ebenfalls darauf wiederum recht heftig reagieren wird.

Ein Vertreter der DVRK hatte deutlich gemacht, dass Maßnahmen, die der UN-Sicherheitsrat oder die internationale Völkergemeinschaft möglicherweise in Reaktion auf den Abschuss nehmen könnte, dass jegliche Maßnahme – und ich formuliere das jetzt etwas schwammig und will nämlich sicherstellen, dass ich hier niemanden wirklich zitiere –, dass also jede Maßnahme, die die internationale Gemeinschaft ergreift, die DVRK als Verletzung ihrer Souveränität sehen würde und reagieren wird mit Maßnahmen der DRVK. Er hat nicht spezifiziert, wie diese Maßnahmen ausschauen könnten.

Deutschlandradio Kultur: Könnten das wieder Angriffe auf südkoreanische Schiffe, auf die südkoreanischen Inseln vor nordkoreanischer Küste sein? Oder denken Sie da eher an eine Wiederaufnahme, an verstärkte Wiederaufnahme von Atomtestaktivitäten?

Evans Revere: Nun, wenn Sie sich die Geschichte der Aktivitäten Nordkoreas anschauen und das gesamte Wechselspiel auch mit dem UN-Sicherheitsrat, dann ist es so, dass die Checkliste der Optionen, nennen wir es mal so, eigentlich all das umfasst, was Sie gerade ansprachen. Natürlich geht es um militärische Provokationen. Und es wird auch immer um harte Worte gehen natürlich und um Drohungen gehen. Aber es wurden schon Atomtests durchgeführt in der Vergangenheit als Reaktion auf das, was geschah. Und ich denke, jetzt ist es schwierig zu sagen, welche Optionen sie sich dieses Mal überlegen. Ich denke, wir können die Möglichkeit ausschließen, dass mit Blick auf die Langstreckenraketen es zu solchen Tests kommen könnte.

Deutschlandradio Kultur: Welche Rolle kommt China bei einer möglichen Lösung dieses Konflikts zu? Und ist es überhaupt wieder denkbar in absehbarer Zukunft, ich denke dabei auch an die Wahlen, die in Südkorea anstehen, und auch die Wahlen, die natürlich in den Vereinigten Staaten anstehen, die Sechsparteiengespräche wieder zu neuem Leben zu erwecken?

Evans Revere: Das ist für mich sehr, sehr schwierig mir vorzustellen, dass wir sehr bald wieder an den Tisch zurückkehren, wenn die Koreaner das so durchziehen. Das wird wirklich schwer. Aber mit der Konsequenz dieses Abschusses wirklich umzugehen, das wird extrem kompliziert sein. Und dann, um den zweiten Aspekt Ihrer Frage anzusprechen, die Chinesen dazu zu bringen, dass sie Druck ausüben auf Nordkorea, ist ganz entscheidend.

Hier geht es um Möglichkeiten Chinas, Nordkorea in gewisse Richtungen zu schubsen sozusagen. Sie waren etwas zögerlich, diesen Einfluss zu nutzen – aus Angst möglicherweise, aus Angst, dass sie einmal ihren Einfluss nutzen und damit die Chance ausgenutzt haben. Präsident Obama hat erst jüngst Hu Jintao getroffen, das wissen Sie, in Peking und hat die chinesische Führung intensiv gebeten hier Druck auszuüben, um wirklich ein Umdenken in Pjöngjang zu erreichen. Und ich hoffe, das wird erfolgreich. Ich hoffe, dass wirklich die Chinesen ihren Einfluss ausüben. Aber ich glaube, die Nordkoreaner sind schon zu weit gegangen in Richtung dieser Aktivitäten, um wirklich noch den Abschuss nun zu stoppen.

Deutschlandradio Kultur: Evans Revere, Sie hoffen, dass China einen positiven Einfluss ausübt. Welche Rolle soll denn Russland spielen? Russland hat ja gerade auch jetzt im Eisenbahnsektor ein neues Abkommen mit Nordkorea geschlossen, will Wirtschaftsbeziehungen ausbauen. Besteht da eine Möglichkeit, den Hebel anzusetzen?

Evans Revere: Ich denke, die Russen können wohl hilfreich sein. Sie haben ja schon sehr deutlich öffentlich gesagt, dass sie besorgt sind mit Blick auf diesen Abschuss. Und das ist von großer Bedeutung. Aber vielleicht lassen Sie mich noch mal kurz auf China zu sprechen kommen. Die Chinesen haben auch ihre Sorge ausgedrückt und dies auf einmalige Art und Weise. Und das war beides hilfreich.

Nun zurück zu den Russen: Ihre Fähigkeit, wirtschaftliche Instrumente zu nutzen, gibt es. Die Russen haben darüber gesprochen, eine Gaspipeline durch die Republik laufen zu lassen. Das wäre gut, wenn es letztlich dazu käme, ich denke, mit Blick auf die gesamte wirtschaftliche Entwicklung der koreanischen Halbinsel. Deswegen könnten die Russen wirklich eine Rolle spielen, die Nordkoreaner daran zu erinnern, dass dies nordkoreanische Verhalten eine essentielle Voraussetzung ist, um mit diesen Abkommen voranzugehen und auch natürlich mit anderen. Und dann sind die Russen natürlich auch im Sicherheitsrat als ständige Mitglieder bei der UN vertreten. Und ihre Stimme ist entscheidend, wenn wir in eine bestimmte Richtung gehen wollen.

Deutschlandradio Kultur: Das klingt so ein bisschen nach einem Zuckerbrot-und-Peitsche-Ansatz. Was könnte denn der Westen noch an Zuckerbrot bieten? Denn bei dem damaligen Atomabkommen waren ja nur eigentlich Versprechen für Sicherheit, für eine Lockerung der Beziehungen, aber nicht wirkliche wirtschaftliche Vorteile an Nordkorea versprochen worden.

Evans Revere: Nun, die Aussicht größerer Vorteile, die gab es. Und ich glaube, das ist entscheidend. Die Nordkoreaner haben verstanden, dass das Abkommen vom 29. Februar ein bescheidener erster Schritt war, der zu weiteren Schritten führen würde. Das wurde ihnen so zugesagt.
Die Nordkoreaner haben ein paar ernste Zusagen gegeben in diesem Abkommen, aber – wie bereits gehört – werden die wahrscheinlich verletzt.

Nun weiteres Zuckerbrot? Ich denke, wir sollten nicht den Wert unterschätzen des wichtigsten Zuckerbrotes, das in dem Abkommen angesprochen wurde, nämlich die Erkennung keiner feindlichen Absichten gegenüber der DRVK Nordkoreas. Das scheint möglicherweise erstmal banal für einige, die das hören, aber für die Nordkoreaner ist das nicht banal. Nein, das ist eine wichtige Aussage, die ihre Wurzeln hat in Verhandlungen, die zurück datieren um 12 Jahre mit Nordkorea. Sie wollten diese Aussage in dem Abkommen, weil das für sie von Wert ist. Es war sozusagen ein Symbol des Potenzials für langfristige bessere Beziehungen mit den USA.

Das heißt, es gibt das Potenzial für bessere Beziehungen mit den USA, es gibt das Potenzial für bessere Beziehungen mit uns und andere Vorteile, die sich daraus ergeben würden. Aber das war noch nicht genug. Und was wir festgestellt haben im Laufe der Jahre in der Zusammenarbeit mit Nordkorea, dass trotz all des Zuckerbrots und des potenziellen Zuckerbrotes, das wir auf den Tisch gebracht haben, nichts funktionierte, um sie wirklich davon abzuhalten, diesen Weg zu gehen.

Wir sollten es weiterhin versuchen. Ich bin wirklich ein starker Befürworter des Dialoges mit der DVRK, aber ich denke, gleichzeitig müssen wir nichtsdestotrotz deutlich machen, dass es auch Peitschen gibt, sprich, Sanktionen, andere Dinge, die in unserem Werkzeugkasten unsere Optionen sind. Aber am wichtigsten ist, dass wir die nordkoreanische Wahrnehmung verändern, dass der Weg, auf dem sie sind, gegenwärtig der beste ist. Und das haben sie noch nicht eingesehen. Wir müssen sie davon überzeugen. Wir müssen ihnen deutlich machen, dass Atomwaffen Sicherheit nicht verstärken, sondern reduzieren.

Deutschlandradio Kultur: Diese Überzeugungsarbeit müssten Sie auch bei einem anderen Land leisten, nämlich beim Iran. Wo sehen Sie Parallelen, auch im Ansatz? Ich will noch mal sehr undiplomatisch sagen: Iran und Nordkorea standen ja auf der berühmten Liste der Staaten auf der Achse des Bösen. Selbst wenn wir diesen sehr undiplomatischen Term noch mal einbringen oder weglassen würden, wie kann man das Problem Iran angehen? Und gibt es da Parallelen im Ansatz?

Evans Revere: Ich werde jetzt den Begriff Achse des Bösen nicht mehr verwenden, aber wir sehen es so: Der Iran ist ein großes Land mit einer langen Geschichte. Und ich war immer beeindruckt, immer, wenn ich Iraner getroffen habe, habe ich den Eindruck, dass es Respekt gibt und auch Bewunderung für die USA bei vielen Iranern, die ich getroffen habe. Und das war bewundernswert und interessant. Wissen Sie, ich bin kein Experte, wenn es zum Iran kommt. Es gibt natürlich Gemeinsamkeiten, ja, mit Blick auf die großen Sorgen, mit Blick auf die Entwicklung im Iran. Das Uranprogramm dort, die Entwicklung der Kapazitäten dort, das sind große Sorgen – ja.

Größere Transparenz ist essentiell. Der Iran muss der Völkergemeinschaft ganz genau zeigen, was er tut, warum er es tut. Und die IAEA muss vor Ort sein, um das zu überprüfen. Und hier war ja auch die DVRK zögerlich. Iran hat deutlich gemacht, dass sie dort kein Atomprogramm durchführen. Nun aber, die internationale Gemeinschaft weiß davon noch nichts und kann dies nicht überprüfen. Ich wurde sehr ermutigt von ein paar Zeichen, die im amerikanisch-iranischen diplomatischen Dialog zu sehen waren, also, wirklich in Gesprächen zwischen Diplomanten – und das ist sehr entscheidend. Und jetzt müssen wir abwarten, in welche Richtung uns das führt.

Das Potenzial für den Iran, in eine schwierige, gefährliche Richtung sogar zu gehen, ist da, weil es nämlich ein großes Land ist, ein sehr reiches Land ist. Es hat Verbindungen in der internationalen Gemeinschaft, die Nordkorea so nicht besitzt. Aber es hat noch nicht das Stadium erreicht, in dem sich Nordkorea gegenwärtig befindet. Und deswegen ist Nordkorea die dringlichere Herausforderung für uns.

Tacheles

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