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Fazit / Archiv | Beitrag vom 24.09.2013

Respekt und Solidarität für den Süden

Debatte über die Zukunft Südeuropas in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften

Von Jürgen König

Massentourismus in Venedig (picture alliance / dpa Foto: Soeren Stache)
Massentourismus in Venedig (picture alliance / dpa Foto: Soeren Stache)

Seit Jahrzehnten verbringen massenhaft Touristen ihre Ferien im Mittelmeerraum, womit "ökonomische und ökologische Kollateralschäden" verbunden sind, sagt der Sozialwissenschaftler Claus Leggewie. Bei den EU-Hilfen müsse auch auf Energiewende, sanften Tourismus und fairen Handel geachtet werden.

Als "Problem- und Gefahrenzone" werde der Mittelmeerraum heute vor allem gesehen, das aber, so der französische Kulturphilosoph Rémi Brague, sei falsch - um neue Wege zu finden, müssten allerdings grundlegende Irrtümer aus dem Weg geräumt werden. Jahrhundertelang hätten die Nordeuropäer den Süden als einen Sehnsuchtsort aufgesucht, herbeigesehnt, verklärt: die Nordeuropäer des Mittelalters hätten in Italien das "Konservatorium des römischen Erbes" gesehen, für das "klassische Deutschland" sei Griechenland das "Konservatorium des Heidentums" gewesen; noch heute sei der "affektive Wert" des Mittelmeers "mächtig", ein "Ort der Legenden", denen man den dringend "den Garaus" machen müsse.

Jenseits aller Idealisierung müsse endlich klar gesehen werden, dass alle multikulturellen Experimente im Mittelmeerraum gescheitert seien, über Jahrhunderte hinweg bis zuletzt - dramatisch - in Bosnien. Koexistenz, so Rémi Brague, hätte nie Gleichheit bedeutet, nicht einmal immer gegenseitige Kenntnis und nur selten: gegenseitige Achtung. Ja, Kulturen hätten sich gegenseitig bereichert, aber:

"Anleihen kultureller Elemente zwischen Kulturwelten sind Tatsachen im Mittelmeerraum wie auch überall sonst. Jedoch heißt entleihen nicht notwendig: sich in ein Gespräch einlassen. Anleihe und Austausch sind zweierlei."

Einige wenige "Dispute", meist zu religiösen Fragen, seien geführt worden, doch den viel zitierten und herbeibeschworenen "Dialog der Kulturen", ein "Hin und Her von Fragen und Antworten", so Rémi Brague, habe es auch zwischen den nördlichen und den südlichen Mittelmeer-Anrainern nie gegeben – nicht einmal im Mittelalter:

"Der jüdische und christliche Norden entleiht viel aus dem jüdischen und islamischen Süden. Dahingegen weiß der Süden so gut wie nichts vom Norden und interessiert sich für ihn kaum. Die Bewohner der südlichen Gebiete des Mittelmeerraums betrachten diejenigen, die wir heute Europäer nennen würden, mit Verachtung! Oft ist die Sichtweise der damaligen Südländer durch genau dieselben vorurteilsbeladenen Klischees gefärbt wie denjenigen, die heutzutage bei uns Europäern ihr Unwesen treiben."

Ein wirklicher "Dialog der Kulturen", zwischen Nord- und Südeuropa, aber eben auch zwischen den Mittelmeerländern, sei überfällig, so Rémi Brague – und möglich.

"Es ist keine Sache der Erinnerung, sondern des Willens! Wir haben keine Vorbilder, wir haben keine echte Ahnengalerie. Es ehrlich anzuerkennen, könnte uns helfen, die heutigen Probleme anzugreifen, wo sie sind. Das wäre ein unumgänglicher erster Schritt, um zu versuchen, sie zu lösen. Die erste Bedingung, seine Träume in die Tat umzusetzen, ist, dass man wach wird."

Der Kultur- und Sozialwissenschaftler Claus Leggewie widersprach in seinem Vortrag Rémi Brague nicht, sondern führte dessen Ansatz weiter mit Vorschlägen, die er schon in seinem Buch "Zukunft im Süden" entwickelt hatte. Zum Beispiel entfalle ein Drittel des globalen Tourismus immer noch auf die Mittelmeerregion, wodurch "Infrastruktur und Mentalität zutiefst geprägt" worden seien, mit enormen "ökonomischen und ökologischen Kollateralschäden durch den Massentourismus". Hier sei auch der Norden gefragt, sich Gedanken über eine "respektvolle und kreative Begegnung mit den Kulturen des Südens" zu machen. Die "Peripherie des Südens" verdiene "mehr Achtsamkeit, Respekt und Solidarität" als wir bisher "im kurzfristigen Krisenmanagement" geboten hätten.

"Nur wenn man sie auf Energiewende, sanften Tourismus, fairen Handel, maritime Entwicklung bezieht, machen die Rettungsschirme und Strukturhilfen der EU mittelfristig und langfristig Sinn. Nur dann kann eine ungenaue Adhoc-Sanierung, die wir jetzt betreiben, in nachhaltige Entwicklung münden und aus der politischen Vormundschaft des Nordens, die uns schwer schaden wird, eine politische Kooperation auf Augenhöhe werden."

Zwei Vorträge ohne jeden PowerPointilismus – eine Wohltat. Im Publikum etliche, die beim Herausgehen kopfschüttelnd darüber sprachen, dass das Thema "Europa" im Wahlkampf praktisch keine Rolle gespielt hat.

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