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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 23.03.2014

ResozialisierungTraining hinter Gittern

Häftlinge, Übungsleiter und Sozialarbeiter über Sportangebote im Knast

Von Thomas Klug

Jugendliche Fußballer in der Justizvollzugsanstalt Zweibrücken (dpa / Ronald Wittek)
Jugendliche Fußballer in der Justizvollzugsanstalt Zweibrücken (dpa / Ronald Wittek)

Für viele Häftlinge stellen Sportangebote im Knast eine willkommene Abwechslung vom Gefängnisalltag dar. Aber auch Sportpädagogen und Sozialarbeiter beurteilen das Training hinter Gittern positiv.

Fußball – das sei sein Leben, sagt er. Er ist jetzt 22. Er hat aufgehört, regelmäßig Fußball zu spielen, als er vierzehn war. Es war keine der Entscheidungen, wie man sie trifft, um eine alte Hose auszusortieren. Eigentlich war es gar keine Entscheidung. Es hat sich so ergeben. Ein Messer brachte ihn dazu.

„Ich wurde angestochen“, sagt er. Drei Messerstiche. Die Folge: Zwei Monate gar kein Sport. Er konnte nicht richtig laufen, nahm Schmerzmittel. Fußball war dann nicht mehr sein Leben – ein paar Jahre lang. Viel länger, als ein Stich mit einem Messer dauert. Über die Stiche selbst hat er sich nicht gewundert:

„Es kommt drauf an, wo Sie herkommen. Also ich komme aus Kreuzberg, relativ hoher Migrantenanteil, Kriminelle, Drogendealer, was auch immer etc. Da gibt es natürlich ein paar Banden, Gangs, ja. Man wird da hinein geboren, sozusagen.“

Vielleicht war es auch ein Messer, das ihn wieder zum Fußball brachte. Er, nennen wir ihn Demirel.  Er war 19, der andere 18. Diesmal benutze Demirel das Messer. Er stach zu – vierzehn Mal. Alkohol sei im Spiel gewesen, Drogen auch. Er war mit Kumpels unterwegs.  Und da war eine andere Gruppe. Es gab Stress, so heißt es wohl, wenn Jugendgruppen aufeinandertreffen, die sich nicht mögen.

„Das ist wirklich eine Menge, es ist abscheulich, aber in dem Moment habe ich keinen Ausweg gesehen, in dem Moment wollte ich mich verteidigen...Der lag auch zwei Wochen im Krankenhaus, vier Wochen im künstlichen Koma, aber ist gut davon gekommen.“

Demerel wurde gefasst und verurteilt:

„Ich habe eine Strafe von fünf Jahren bekommen für 14 Stiche. Ich kann mich eigentlich nicht beklagen, auch wenn wir unter Alkohol standen, unter Drogen. Aber ich wusste in dem Moment, was ich da mache. Es war ja nicht so, dass ich nichts tun wollte. Ich wollte das in dem Moment so, jetzt möchte ich die Strafe auch absitzen.“

Großer Umweg, um wieder Sport zu treiben

Demirel hat noch über zwei Jahre Haft vor sich. Zeit, um zu arbeiten, nachzudenken. Und Zeit, um wieder regelmäßig Fußball zu spielen – hinter Gittern.Ein großer Umweg, um wieder Sport zu treiben.

„Vom Jugendstrafvollzugsgesetz her ist es so, dass den Inhaftierten pro Woche mindestens zwei Stunden Sport angeboten werden müssen. Da das ein Gesetz ist, können wir nicht einfach so sagen, der war jetzt unartig und da fällt das Sportangebot jetzt aus. Sondern in solchen Fällen muss dann eben eine Disziplinarmaßnahme ausgesprochen werden, es muss eine besondere Sicherungsverfügung ergehen, um letztlich dann auch die Teilnahme am Sport zu versagen. Es müssen also hinreichende Gründe sein, dass wir das rechtfertigen, dass wir da eingreifen. Und das sind natürlich nicht sehr viele, die das betreffen.“

Janina Deininger. Sie leitet die sozialpädagogische Abteilung der Jugendstrafanstalt Berlin.

„Das ist hier der gesamte Neubereich der Jugendstrafanstalt, 1987 eröffnet und belegt. Wir haben hier auf der linken Seite die Unterbringungsbereiche, die so gegliedert sind, dass es einzelne, pavillonartige Bauten sind, wo jeweils drei bis vier Wohngruppen pro Haus drin sind. Dann hier auf der Seite oben die Schulabteilung, in der eben der Schulunterricht stattfindet.  Wir haben verschiedene Angebote von Alphabetisierungskurs, Grundorientierungskurs bis hin zu dem Abschluss des erweiterten Hauptschulabschlusses.

So, gehen wir mal rein.

8,7 Quadratmeter, ein einfaches Bett mit einer Matratze, ein kleiner Tisch mit Stuhl, ein, ja, verschließbarer Schrank mit zwei Haken, wo man Sachen dranhängen kann. Dann eben eine Toilette, die mit einem Duschvorhang abtrennbar ist. Dann eben ein kleines Waschbecken. Und ja. ...Nicht sehr groß, das Fenster etwas erhöht, so dass man gar nicht ebenerdig rausgucken kann, sondern man kann nur Richtung Himmel schauen. Dann hängt hier noch ein Regel, um ein paar persönliche Sachen reinzustellen.“

Die Gefangenen können sich ihre Zellen einrichten. Janina Deininger nennt sie Haftraum und sie sagt „verschönern“. Verschönern heißt, man kann sich ein, zwei Bilder an die Wand der Zelle kleben: Familienfotos oder gedruckte Jungsphantasien. Je mehr persönliche Gegenstände, umso länger dauert die Haftzeit, wissen die Vollzugsbeamten. Wie die Zellen, ähneln sich hier die Tage. Es geht früh los, sagt der, den wir hier Markus nennen:

„Früh, sechs Uhr ist Aufstehen, aber man kann auch weiterschlafen so bis 6:30 Uhr so. Sieben Uhr ist Arbeitsaufnahme, geht man arbeiten. Gibts viele Betriebe, wo man machen kann. Man kann auch Ausbildung machen. Ich mache gerade eine als Maler und Lackierer. Dann ist man bis 15 Uhr erstmal arbeiten, man hat  zwei Pausen, eine um neun und eine um zwölf. Und dann ist man auf Haus oder man hat irgendwelche Aktivitäten wie Sport-AG oder irgendwas anderes. Wenn nicht, ist man auf Wohngruppe, kocht zusammen mit den anderen oder spielt Karten, so Zeitvertreib.“

Sport als Behandlungskonzept

Sport – das soll nicht nur Zeitvertreib sein, sondern gehört zu dem, was im Strafvollzug Behandlungskonzept genannt wird.

„Da geht es im Wesentlichen darum, soziale Kompetenzen zu vermitteln, genauer hinzugucken, auch auszuwerten, auch Noten zu verteilen und gegebenenfalls an die Gruppenleiterinnen, Gruppenleiter in der Auswertung zukommen zu lassen.“

Can Topuz ist Sportpädagoge in der Berliner Jugendstrafanstalt.

„Viele wollen ja eigentlich auch was in der Freizeit hier machen, die wollen ja nicht nur im Haftraum sitzen. Die meisten schauen sich das einmal an. Dann sehen sie, die Atmosphäre ist gut, ich stelle auch ein paar Regeln auf, gleich am Anfang für alle Teilnehmer, z.B., dass man sich tolerieren soll gegenseitig, sich nicht auslachen soll usw. Und meistens habe ich auch eine ganz gute Atmosphäre, so dass es auch den meisten Spaß macht und dann bleiben in der Gruppe.“

Neuankömmlinge in der Jugendstrafanstalt fallen auf. Oft glauben sie, etwas beweisen zu müssen, als ginge es darum, ein Revier zu erkämpfen. Vielleicht geht es tatsächlich darum. Und vielleicht hilft der Sport dabei, die Kampfeslust zu zähmen.

„Wenn die neu reinkommen, scheint es, als ob sie relativ laut und wild sind, da müssen sie sich erstmal orientieren, wer ist hier der Stärkste, wer hat hier das Sagen. Aber mit der Zeit...Zumindest sind sie nach außen angepasst, also angepasster. Und was dann innen abgeht, da können wir auch nicht reinschauen. Aber eine Veränderung können wir schon beobachten, ja.“

Michael Siebert: „Oft ist es ja so, dass wir von ihnen Sachen verlangen, die sie nicht gewöhnt sind. Als Beispiel ist, dass wir immer eine Erwärmung machen, immer eine Erwärmung. Das ist unser Job als Sportübungsleiter darauf zu achten, dass die sich vorm Sport erwärmen, dass die sich dehnen. Da denken viele, das brauch ich nicht, ja, das kann er alleine machen. Dann kriegen sie schon mit, dass sie das machen müssen, ansonsten dürfen sie keinen Sport machen. Das ist dann auch für die Insassen eine Erfahrung. Die sind die ersten Wochen hier und versuchen natürlich, das auszuloten.“

Die Sportabteilung der Berliner Jugendstrafanstalt. Sie wird von Michael Siebert geleitet. Er ist Vollzugsbeamter und Übungsleiter.Er ist davon überzeugt, dass mindestens eine Sache gut ist für die Inhaftierten: Die Regelmäßigkeit.

„Hier, innerhalb des Knastes, können wir eine Regelmäßigkeit natürlich bieten. Und aufgrund der wenigen Möglichkeiten für die Freizeitgestaltung ist Sport natürlich eines der beliebtesten Dinge, die die Insassen dabei auch machen. Aber in dem Moment, wo sie rauskommen, kommt ja die ganze andere Welt von draußen stürzt ja wieder auf sie ein, dann hat das Leben wieder einen ganz anderen Takt, ja. Letztendlich ist es so: Wir öffnen halt Türen auch beim Sport, aber durchgehen müssen sie schon selber. Wir können ihnen ein stückweit Grundlagenwissen, natürlich auch einen Bewegungsablauf, Regeln können wir ihnen beibringen. Aber anwenden müssen sie das letztlich alle selber.“

Hohe Erwartungen an den Sport hinter Gittern

Gefängniszelle (picture alliance / dpa Foto: Arne Dedert)Gefängniszelle (picture alliance / dpa Foto: Arne Dedert)

Es gibt beliebte Sportarten hier. Eine davon ist  Fußball. Gespielt wird in der Halle – oder draußen. Janina Deininger führt durch die Jugendstrafanstalt:

Dann haben wir hier einen Sportplatz, einen Tartanplatz, das Minifußballfeld. Hier kommen die gerade von der Arbeit, gehen gerade nach Hause. Guten Tag.

Hier unser Rasenplatz, den wir auch für Turniere, für Fußballturniere nutzen. Einmal im Jahr kommt die U17 von Hertha BFC in die Anstalt und trainiert gemeinsam mit unseren Jugendlichen. Wir haben einmal im Jahr ein Wohltätigkeitsfußballturnier, wo dann verschiedene Gastmannschaften hier reinkommen und ein Startgeld zahlen. Von diesem Geld wird dann hier in den Anstaltsbetrieben Holzspielzeug gebaut und an eine Kita verschenkt.“

Ein Fußballturnier pro Jahr – das könnte Motivation für regelmäßiges Training sein.

„Wir machen das jetzt seit vier oder fünf Jahren. Hertha BSC ist an uns herangetreten mit dem Wunsch, das zu machen, um für ihre Fußballer, sag ich mal, auch noch so ein bisschen Perspektivwechsel zu machen, denen auch mal zu zeigen, wie die andere Seite aussieht des Lebens, und die halt auch eine gewissen Verantwortung da haben. Da gibt es auch den Austausch mit unseren Fußballern aus der Fußball-AG, für die ist das natürlich interessant, sich da mit den Jugendlichen von Hertha auch zu unterhalten. Das ist natürlich auch eine Begegnung.“

Es sind hohe Erwartungen, die an den Sport hinter Gittern gestellt werden.  Michael Siebert:

„Sport als solches ist immer eine gute Sache – weil man auch etwas für den Körper tut, weil man etwas für die Gesundheit tut, für die innere Selbstzufriedenheit. Sicherlich, Vereinsleben kann auch dazu führen, dass man andere Leute kennenlernt, andere Leute, die mir ein anderes Umfeld bieten. Oftmals ist es ja so, dass Insassen in ihr altes Umfeld zurückkommen und letztendlich auch in ihre alten Verhaltensweisen wieder umschwenken. Wenn man natürlich draußen in einen Verein kommt, wo man andere Menschen kennenlernt, wo andere Möglichkeiten geboten werden, dann kann es durchaus dazu führen, dass die Insassen halt nicht mehr Straftaten ausüben und in einer sozialen Verantwortung leben, ja.“

Sport als Hoffnung. So sieht es der Sportpädagoge Can Topuz:

„Die Tugenden, die durch den Sport eingeübt werden oder erlernt oder wieder erlernt werden, können dann hoffentlich auch in andere Lebensbereiche übergreifen. Also der Sport zielt auf ein Transfer in andere Lebensbereiche ab, ganz klar. Wir können natürlich auch nicht alles überprüfen. Wir sehen dann nicht, was dann später passiert, ob die Erfahrung, die sie hier gemacht haben, ihnen wirklich geholfen haben, später in anderen Lebensbereichen. Aber darauf zielt der Sport ab und das, was wir hier tun, ganz klar.“

Es lässt sich viel sagen über den Sinn von Sport. Gesundheit. Einüben von Regeln. Vermittlung sozialer Kompetenzen. Das klingt wissenschaftlich, das klingt erhaben. Eines fehlt dabei: Sport darf Spaß machen – auch hinter Gittern.

„Oft ist es tatsächlich so, wenn sie sich darauf einlassen, dann macht es auch Spaß. Wir versuchen sie zu motivieren, dass sie sich erstmal darauf einlassen. Ich sage dann manchmal: He Leute, macht doch mal mit den ganzen Herzen mit, mit dem Herzen oder so. Oft gelingt das eigentlich. Klar hat man ein, zwei dabei, die stehen dann mehr rum, ja. Vorhin war es auch so, dass die meisten, die dabei waren, und das war sehr spannend. Es war ein ausgeglichenes Spiel. Man sieht ja auch, sie klatschen sich ab, die feiern, wenn sie dann gewonnen haben und so. Aber man muss natürlich auch lernen, zu verlieren. Das ist natürlich auch, was der Sport einen beibringt irgendwo. Dass man hat nicht nur mit dem Erfolg gut um geht, sondern auch mit dem Misserfolg.“

Markus ist erst seit wenigen Monaten bei der Fußball-AG. Verurteilt wurde er wegen Körperverletzung.

„Einmal ich war weg mit einem Freund, er hat provoziert andere Leute. Ich habe mich da mit eingemischt, habe dann auch einige geschlagen. Es ist zu einer Verhandlung gekommen in Bayern, habe ich ein Jahr und neun Monate gekommen. Und dann war noch eine Sache hier in Berlin, weil ich da in der S-Bahn einen geschlagen habe. Zwei Jahre und sechs Monate und jetzt noch ein Fall offen.“

Markus will die Zeit im Knast nutzen. Er will fit werden, sagt er.

„Draußen, ich war nicht so sportlich. Ich habe ab und zu mal auf den Bolzplatz Fußball gespielt oder so. Aber jetzt, ich mache hier Fußball-AG, bin Basketball-AG, Fitness-AG, Sport, alles, was hier im Programm ist, mache  ich mit.“

Biografien wie ein Blättern im Strafgesetzbuch

Es könnte normaler Sportunterricht sein. Es könnte ganz normales Fußballtraining sein. Keiner der Jungs hier wirkt irgendwie  gefährlich. Und doch sind ihre Biographien wie ein Blättern im Strafgesetzbuch: schwere Körperverletzung, Geiselnahme und Entführung, Totschlag.

„Meine Aufgabe ist ja nicht, die nochmal zu bestrafen. Die haben eine Jugendstrafe gekriegt, eine Freiheitsstrafe gekriegt und meine Aufgabe ist es ja nicht, sie dann vom Sport auszuschließen oder so.“

Michael Siebert, der Leiter der Sportabteilung.

„Unterschiede mache ich natürlich bei speziellen Sportgruppen. Das heißt also, wir haben hier ein paar AGs, wir haben eine Fußball-AG, wir haben eine Basketball-AG, wir haben eine Fitness-AG. Das ist ein zusätzlicher Anreiz für die, in so eine AG zu kommen – da kommt es aber ganz klar darauf an, wie sie sich verhalten, wie ihr Gesamtverhalten bei den Kollegen, auf Arbeit und in den Häusern ist. Da machen wir schon Unterschiede undda müssen sie natürlich auch eine Geeignetheitvorweisen.“

„Mein Name ist Bonny, ich komme aus dem Libanon. Ich habe 18 Monate Erwachsenenstrafe bekommen. Und zur Zeit sitze ich hier meine Strafe ab.“

Heidering in Großbeeren bei Berlin. Eine neue Justizvollzugsanstalt, eröffnet 2013. Hier sitzt ein, wer zu alt für die Jugendstrafanstalt ist. Und wer höchstens noch fünf Jahre in Haft vor sich hat. Bonny – das ist sein Spitzname, wie er sagt, hat noch acht Monate vor sich. Dann wird er anderthalb Jahre abgesessen haben.

„Wegen Fahren ohne Führerschein, aber in drei Fällen, also dreimal erwischt worden.“

Teilanstalten, Wohneinheiten, Haftplätze. Das sind die Begriffe, die hier fallen. Christian Reschke ist der fachliche Leiter des Sozialdienstes, verantwortlich unter anderem für das Freizeitangebot:

„Eine Wohneinheit ist immer, man kann sich das so vorstellen, also 18 Hafträume, aneinander liegend in einem Flur, natürlich ist da auch ein Gruppenraum in diesem Wohnbereich, eine Gemeinschaftsdusche, eine Küche, ein Fernsehraum, wie eine kleine Wohngemeinschaft. Das kann man sich so ähnlich vorstellen, wie in einem Studentenwohnheim.“

Jedes Bild an der Wand, jede Tür, jedes Sportgerät hier ist neu. Andere Gefängnisse – das sind dicke Mauern, viel Beton und wenig Licht. Hier ist es anders. Die Gänge sind lang, die Flure sind hell. Sie täuschen Unendlichkeit vor. Es gibt viel Glas. Die Weite endet abrupt an der nächsten Tür. Die Freiheit ist nur Illusion. Transparenz gilt nur für die Überwachungskameras. Auch ein modernes Gefängnis ist ein endlicher Ort. Begrenzt, verschlossen. Und immer zu eng, egal wie groß es auch sein mag, egal wie neu. Und egal, welche Ablenkungen geboten werden.

Wir bieten hier neun verschiedene Sportgruppen an: Fußball, Volleyball, Basketball, Handball, Badminton, Tischtennis und die Gymnastikgruppe und zusätzlich noch eine Fitness-Gruppe in unserem Bereich. Und wir versuchen jede Sportgruppe wöchentlich wenigstens einmal für 90 Minuten durchzuführen – mit einem begrenzten Sportgruppenangebot. Also jeder Teilanstalt stehen für das gesamte Sportgruppenangebot insgesamt 72 Plätze zur Verfügung. Das ist in den Sportgruppen aufgeteilt, dass die einzelnen Sportgruppen jeweils mit – in den Fußballgruppen mit 18 Plätzen und die anderen Gruppen jeweils mit acht Plätzen pro Teilanstalt belegt sind.“

Man versucht, ein Miteinander zu finden

Marko Dominiczak ist Sportbeamter, 36 Jahre alt. Früher war er mal Fußballtrainer im Freizeitbereich.

„Wir versuchen jeden Gefangenen zu vermitteln, was es mit der Sportart auf sich hat– in Bezug auf Regelkunde, Fairness und auch Teamfähigkeit. Das man eben versucht, ein Miteinander zu finden.“

Das Angebot scheint groß und vielseitig. Im Hof gibt es noch mehr Möglichkeiten – für die wärmeren Monate.

„Hier haben wir die 400-Meter-Bahn, hier beginnt sie. Und die führt jetzt hier herum um den Platz, immer hier an der Außenzaunanlage. Da sind noch ein paar Stationen eingerichtet, Fitness-Parcour-Stationen, da kann man unterwegs noch ein paar Übungen machen, wenn man nicht durchlaufen möchte.“

Christian Reschke kennt die Diskussion um den angeblichen Luxus-Knast Heidering, die die Boulevardpresse angefeuert hatte.

„Man vergleicht immer und denkt, den Gefangenen muss es im Gefängnis schlecht gehen Das ist ja, wenn man Menschen verändern will, in ihrer Haltung, in ihrer Persönlichkeit, dann muss man natürlich auch die Mittel dazu haben und die haben wir natürlich mit den Sportangeboten. Man macht ja nicht Menschen besser, indem man sie schlecht behandelt, sondern man muss sie genau akzeptieren und mit Würde behandeln. Das ist ja die Handreichung vom Gefängnis, das man jemanden nicht verachtet und noch kleinmacht im Strafvollzug, sondern dass man probiert, ihn in seiner Persönlichkeit zu entwickeln.“

Bonny hatte gerade Tischtennis gespielt. Für ihn eine ungewöhnliche Uhrzeit, um Sport zu treiben:

„Das ist jetzt das erste Mal, dass wir hier mitten, also 13 Uhr Sport haben. Das ist mir jetzt zum ersten Mal passiert. Wir haben immer nur einmal die Woche bei uns im Haus für die Nichtarbeiter Sport, nur einmal die Woche ist das, wa? Ja, Donnerstag vormittags um 09:30 Uhr. Und mehr auch nicht.“

Die Gefangenen, die neben Bonny sitzen, sind auch nicht zufrieden.

„Das Angebot reicht uns nicht hier drinnen. Das ist jetzt daher, weil diese Anstalt noch neu ist hier drinnen. So, die kommen hier selber noch nicht einmal richtig klar mit dem System, die Beamten, wie das alles so abläuft. Das dauert halt noch. Die haben vor zwei Tagen, habe ich mitbekommen, dass erst im August neue Arbeitsplätze geben wird. Also so gesagt müssen wir bis August in unseren Zellen verschlossen bleiben.“

Zu wenige  Arbeitsmöglichkeiten. Und zu wenige Zeiten, um das Sportangebot nutzen zu können. Das Interesse jedenfalls scheint größer zu sein. Marko Dominiczak zeigt die Sporteinrichtungen in der JVA Heidering.

„Ausgestatteter Fitnessraum, der mit jeweils drei Stationen an Ergonomiegeräten und an Kraftsportgeräten ausgestattet ist. Zu den Ergonomiegeräten gehören ein Fahrradergometer, ein Laufband und ein Ruderergometer. Und die Kraftsportstationen sind mit einer Flachdrückbank, einer Schräghantelbank und einer Bizepsstation ausgestattet.“

Hier können die Gefangenen trainieren – allerdings nur  zu bestimmten Zeiten.

„Dieser Fitnessbereich an sich, der ist für ausgewählte Gefangene. Die sind auch während dieser Sportgruppe auch für sich. Es wird sporadisch und unvermittelt zwischendurch mal kontrolliert, aber im Grunde genommen soll die Gruppe, die hier zusammengestellt wurde, ihr Training für sich durchführen können, größtenteils ungestört.

Die Fitnessbereiche in den Teilanstalten, die sind ja so strukturiert, dass die unter ständiger Beobachtung des jeweiligen Gruppenbetreuers stehen, weil dieser Raum an sich auch verglast ist. Aber hier wurde explizit die Möglichkeit geschaffen, dass die Gefangenen das Privileg bekommen, hier auch mal unter sich zu sein.“

Die Deutsche Polizeigewerkschaft macht sich Sorgen. Draußen die Polizisten, die Überstunden anhäufen, älter werden und wenig Zeit haben, um sich fit zu halten. Und drinnen die harten Jungs, die sich jeden Tag auf die Hantelbank legen und ihre Muskeln pflegen. Manche sehen es kritisch, wenn Gefangene allzu exzessiv trainieren können, z.B. Rainer Wendt, der Chef der Polizeigewerkschaft.

„Die Gegenseite ist jung, gut trainiert. Manchmal beobachten wir das mit großen Argwohn. Wenn in Jugendstrafanstalten ausgerechnet Boxtrainings angeboten werden, frage ich mich manchmal, ob das wirklich sinnvoll ist und ob wir da nicht junge Strafgegangene und Untersuchungshäftlinge zu perfekten Totschlägern ausbilden. Aber das müssen diejenigen verantworten, die da in der Justiz Verantwortung tragen. Ich mache da mal ein großes Fragezeichen dahinter, wenn die  so perfekt aus dem Jugendknast dann wieder rauskommen und dann perfekt boxen können, dann muss ich sagen, dann treffen die auf Polizisten, die leider nicht perfekt boxen können.“

Boxtraining gibt es weder in der Berliner Jugendstrafanstalt noch in der JVA Heidering. Gelegenheit, die Muskeln zu trainieren gibt es tatsächlich. Aber ist das wirklich schlimm?  Marko Dominiczak:

„Die Befürchtungen sind nicht unbegründet, aber die Gefangenen, ja, sollen eben auch ihren Interessen nachgehen können. Das Interesse vieler Gefangener liegt eben im Bereich der Fitness. Es wird auch schon darauf geachtet, dass explizite Kampfsportarten nicht angeboten werden. Aber für die körperliche Fitness und dementsprechend auch für den Muskelaufbau sollten die Gefangenen schon etwas tun können.“

Can Topuz von der Berliner Jugendstrafanstalt:

„Von meiner Beobachtung her ist es eher so, dass die wenigstens sich wirklich diszipliniert Muckis antrainieren. Man muss ja motiviert sein, um das zu machen. Dann ist es auch so, dann kommen die raus und draußen wartet das reale Leben mit allen Herausforderungen. Und dann kommen sie auch gar nicht dazu, so regelmäßig zu trainieren, wie sie sich das vorgenommen haben. Ich denke mal, dass was schnell kommt, geht auch schnell wieder weg. Vielleicht bauen wirklich einige schnell hier was auf, aber das verlieren die auch schnell wieder. Ich habe schon den einen oder anderen draußen getroffen zufällig. Und dann sah er nicht mehr so aus, wie er hier drin aussah. Das geht dann schnell wieder weg.“

Über den Sport lernen Gefangene, sich "sozial adäquat zu verhalten"

Kommen aus den Gefängnissen bessere Menschen heraus als hinein? Das wäre eine sehr naive Hoffnung. Hilft aber der Sport in den Gefängnissen verurteilte Straftäter vor Rückfällen zu bewahren? Kann Sport die Menschen besser machen?

„Die Jungs haben draußen nicht funktioniert, zu Hause nicht funktioniert, in der Schule nicht funktioniert, in verschiedenen Hilfeeinrichtungen nicht funktioniert. Jetzt kommen die hier rein und sollen plötzlich funktionieren. So einfach funktioniert das leider nicht. Auch das, was wir hier anbieten, also die Sportangebote, sollten auch nicht idealistisch überbewertet werden und sind auch nur komplementär zu anderen Fach- und Methodikangeboten zu sehen.“

Regelmäßig Sport – und der Mensch wird besser. Diese einfache Formel geht eben nicht auf.

„Aber dennoch denke ich, bildet der Sport besondere Zugangschancen zu den Jugendlichen, da er Ausdruck der Jugendkultur ist wie auch Musik, wie Mode. Und diese Zugangschancen, die wir hier haben, die sich uns bieten, die gilt es zu nutzen, die wollen wir nutzen. Da sind wir auch voll dran und geben auch unser Herz. Hin und wieder klappt das schon, dass wir es sogar schaffen, den einen oder anderen zu vermitteln – in einen Sportverein, auch im Rahmen der Kooperation, die wir hier mit dem Berliner Fußballverband haben. Die machen auch tolle Sachen, die machen Turniere, wo sie auch die Möglichkeit haben, sich zu zeigen, auch Erfolg zu haben und sich auch zu verändern und auch draußen Anschluss zu finden. So kann der Sport eine Brücke bilden von innen nach außen – wenn man so will.

Sport als Brücke auf den Weg in ein Leben ohne Straftaten. Sport in den Strafvollzugsanstalten hat noch eine andere Funktion. Christian Reschke, der Leiter des Sozialdienstes der JVA Heidering:

„Dann hat der Sport immer eine Ventilfunktion, dann hat der Frust, den man sich auch hier im Alltag mal einfängt, den kann man da auch mal rauslassen, ohne dass es andere beeinträchtigt. Also das ist eine schöne Sache, die der Sport da bietet. Dann lernen Gefangene im Sport, sich sozial adäquat zu verhalten, sie sind ja in so einer Mannschaft, da muss man auf seine Mitspieler achten, man muss sehen, dass man sich fair verhält im Sport auch dem Gegner gegenüber. Man muss sich an die Regeln halten.“

Wer im Gefängnis sitzt hat zumindest eines bewiesen: Er hat gegen Regeln verstoßen. Die Verstöße waren so groß, dass eine Freiheitsstrafe die Folge ist. Der Zusammenhang zwischen Regelverstoß und Sanktionierung ist im Sport wohl genauso wie im richtigen Leben:

„Wir sollten es nicht überbewerten. Sicherlich ist es ganz gut, wenn man sich körperlich betätigt, wenn man seinen Körper aufbaut, wenn man auch hier und da sich an Regeln hält. Das ist sicherlich auch ein sozialer Aspekt, sich an Regeln zu halten, Die Teamfähigkeit fördert. Das sind alles Sachen, die durchaus durch den Sport erreicht werden können. Ob es jetzt letztendlich die Jungs von Straftaten abhält, das weiß ich nicht wirklich.“

Michael Siebert, Leiter der Sportabteilung der Berliner Jugendstrafanstalt

„Wir haben Insassen, die sind zum vierten oder fünften Mal hier – und da sind auch Sportler mit bei.“

Eines haben neue und alte Gefängnisse, Gefängnisse für Jugendliche und für erwachsene Straftäter gemeinsam: Irgendwo ist immer eine Tür abgeschlossen. Die Wege sind schnell zu Ende, die meisten Schritte dort sind kontrolliert. Die Freiheit ist eingeschränkt. Darum geht es beim Strafvollzug und nicht darum, ob die Insassen Fernseher haben oder telefonieren können und wie viele Sportgeräte sie zur Verfügung haben. Sport – ist ein Angebot. Sport könnte helfen, die schiefe Bahn zu verlassen. Manchmal erfolgreich. Und doch:

„Man wird regelmäßig enttäuscht, weil man denkt, der könnte es packen. Und dann kommt er doch wieder her.“

Und Can Topuz, Sportpädagoge in der Berliner Jugendstrafanstalt:

„Es scheint so, als ob es nicht so gut gelingt, wie wir es erhoffen und doch der eine oder andere wieder kommt. Aber bei dem einen oder anderen fruchtet schon, dass sie sich auch selbst mal reflektieren können. Das haben sie nie gelernt. Oder dass sie sich einfach mal mit ihrer Tat auseinandersetzen, Verantwortung annehmen. Und auch Sport ist ja ein Übungsfeld, um bestimmte Tugenden noch einzuüben, sich zu verändern, sich zu verbessern, sowohl körperlich als auch geistig auf einer rationalen und emotionalen Ebene. Und wir versuchen natürlich, immer anzusprechen. Ein bisschen zu kitzeln, zu pieksen. Aber immer mit den Hintergedanken, dass wir sie motivieren wollen, also positiv auf sie einzuwirken.“

Markus, verurteilt wegen Körperverletzung, sitztin der Jugendstrafanstalt eine Freiheitsstrafe ab. Unsportlich sei er gewesen. Jetzt nutzt er jedes mögliche Training:

„Es ist besser für die Gesundheit. Davor, ich habe Drogen genommen und Alkohol getrunken. Und da, ich habe gemerkt anfangs, keine Kondition gehabt, nichts. Dann habe ich angefangen, dann ich habe Spaß gefunden daran. Mache jetzt jeden Tag meinen Sport, ist auch Zeitvertreib, auch draußen, statt irgendwelche Straftaten zu machen, lieber irgendwo Sport machen. Fußball-AG ist beendet, jetzt gehen alle.“

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