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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.04.2014

ReproduktionsmedizinEinfühlsame Einblicke

Andreas Bernhard: "Kinder machen"

Von Michael Lange

Vater, Mutter, Kind sitzen in einem Laufstall (dpa / Oliver Berg)
Das Idealbild der Kleinfamilie entstand erst Ende des 18. Jahrhunderts - und ist genauso ein Kulturprodukt wie die Patchwork-Familie, schreibt Bernhard. (dpa / Oliver Berg)

Beim Thema Reproduktionsmedizin gibt es schnell hitzige Gemüter. Der Kulturwissenschaftler Andreas Bernhard stellt sein Urteil zurück. Er lässt Leihmütter, Samenspender und vaterlose Kinder zu Wort kommen. Das Ergebnis ist eines der besten Sachbücher dieses Frühjahrs.

Wer Kinder haben möchte, kann auch Kinder bekommen: Mit  Samenspende, künstlicher Befruchtung oder Leihmutterschaft hilft die moderne Reproduktionsmedizin, wenn es auf natürlichem Weg nicht klappt. Schon heute leben 18.000 Kinder in Deutschland, die durch einen dieser Wege entstanden sind.

Statt zu kommentieren und schnell zu urteilen, wählt der Journalist und Kulturwissenschaftler Andreas Bernard den Weg der Recherche. Er ist dabei, wenn im Labor neues Leben entsteht, trifft Leihmütter und Samenspender; und er lernt Kinder kennen auf der verzweifelten Suche nach ihrem biologischen Vater, einem Samenspender oder nach ihren unbekannten Geschwistern, die vom gleichen Samenspender abstammen. Herausgekommen ist so ein informatives, unterhaltsames und verständliches Buch, das seine Leserinnen und Leser von der ersten Seite an fesselt.

Kinder sind – so scheint es – im 21. Jahrhundert ein Wunsch geworden, den man sich mit Geld und Ausdauer erfüllen kann. Viele sehen dadurch die Familie, so wie wir sie kennen, in Gefahr oder warnen wie die Autorin Sibylle Lewitscharow gar vor einem Ende der Menschlichkeit. Der Autor Andreas Bernard geht anders an das Thema heran. Er bleibt in der Position des unbeteiligten Beobachters und lenkt den Blick immer wieder auf Missstände im Geschäft mit der Reproduktion. Er trifft Leihmütter und Eizellenspenderinnen, lässt sie zu Wort kommen, schildert ausführlich und nachvollziehbar seine persönlichen Eindrücke. Nie wird er einseitig, stets werden die verschiedene Meinungen beschrieben und – ein großer Verdienst – er stellt die aktuellen Diskussionen in einen historischen Zusammenhang.

Abwechslungsreich und informativ

Schnell wird so klar: Durch die Techniken der Reproduktionsmedizin ändert sich unser Familienbild nicht zum ersten Mal. Die biologisch miteinander verwandte Kleinfamilie ist ebenso ein Kulturprodukt wie die moderne Patchwork-Familie. Erst zum Ende des 18. Jahrhunderts entsteht in Europa das Idealbild von Vater, Mutter und Kind als gesellschaftliche und biologische Säule der Gesellschaft. Vorher waren Mägde, die die Kinder für ihre unfruchtbare Herrin bekamen oder Ammen, die sie aufzogen, keine Seltenheit. Kinder, die ihren Vater, ihre Mutter oder sogar beide Eltern nicht kannten und ohne sie aufwuchsen, gab es zu vielen Zeiten.

Vor diesem Hintergrund sieht Andreas Bernard in der Herausforderung der Familie durch die Reproduktionsmedizin eine Möglichkeit zur Weiterentwicklung des Familienbildes. Statt die Entstehungsgeschichte der Kinder zu verheimlichen, wünscht er sich mehr Offenheit im Umgang mit der Reproduktionsmedizin und dem "Kinder machen". Das könnte die Familie sogar stärken, auch wenn in Zukunft die biologische Kleinfamilie nur noch eine mögliche Form des Zusammenlebens darstellt.

Andreas Bernard gelingt in seinem abwechslungsreichen Buch ein informativer und zugleich emotionaler Einblick in eine Welt, die vielen Menschen sonst verborgen bliebe. Deshalb ist es unbedingt  empfehlenswert für alle, die sich nicht mit Allgemeinplätzen und Polemik zufrieden geben wollen. Und damit hat Bernard eins der besten Sachbücher dieses Frühjahrs geschrieben. 

 

Andreas Bernhard: "Kinder machen - Neue Reproduktionstechnologie und die Ordnung der Familie"
S. Fischer, Frankfurt am Main 2014
544 Seiten, 24,99 Euro

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