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Studio 9 | Beitrag vom 26.07.2014

ReportageMit einem Oldtimer um die Welt!

Die Berliner Seniorin Heidi Hetzer kurz vor dem Start

Von Anette Selg

Heidi Hetzer zeigt sich gern im Oldtimer (picture alliance / dpa)
Heidi Hetzer zeigt sich gern im Oldtimer (picture alliance / dpa)

Die Berliner Rallyefahrerin Heidi Hetzer geht im Oldtimer auf Weltreise. Jede Menge Ersatzteile und Werkzeug und einen Beifahrer im Enkel-Alter nimmt sie mit. Sie will ein Vorbild für andere Seniorinnen und Senioren sein. Und endlich mal frei!

Heidi Hetzer: "Ja, natürlich!"
Schuhvertreter: "Am besten nur Schleppen. Wir machen Schuhe."
Heidi Hetzer: "Stiefel. Aber denken Sie mal an Aufkleber, so dass ich zwei."
Schuhvertreter: "Na klar."
Heidi Hetzer: "Einen rechts einen links, wäre schön."

Heidi Hetzer ist eine schlanke energische Frau mit kurzen blonden Haaren. Ihr großes Opel-Autohaus an der Berliner Stadtautobahn hat sie vor einiger Zeit weiterverkauft. Ihr Büro im zweiten Stock durfte die 77jährige behalten.

Schuhvertreter: "Die Stiefel, das ist der sogenannte Packer Boot, in einem dunkelbraunen Leder unten und einem hellbraunen Schaft, passend zum Rennoverall."
Schneiderin: "Ich würde so ne ähnlich Farbe ..."
Heidi Hetzer: "Ja ..."

Die Vorbereitungen für Heidi Hetzers zweijährige Weltumfahrung laufen auf Hochtouren. Noch trägt sie keinen Reiseoverall, sondern ein auf Taille geschnittenes Sommerkleid. In ihrem Büro steht neben dem Schuhvertreter die Schneiderin und präsentiert Stoffproben in unterschiedlichen Brauntönen.

Heidi Hetzer: "Wir wollten doch den dünnen nehmen."
Schneiderin: "Wir nehmen den hier für Sie. Und für Ihren jungen Mann – ja – vielleicht den hier."
Heidi Hetzer: "So was, ja. Nee, nee. Dass wir die nich verwechseln ..."
Schneiderin: "Mit der Größe (lacht), werden Sie nich schaffen, die zu verwechseln."
Heidi Hetzer: "Ja, gut"

Ganz besondere Auswahlkriterien für Mitfahrer

Ihren Mitfahrer für die zwei Jahre: 1,91 Meter groß, Mitte zwanzig, hat Heidi Hetzer erst vor wenigen Wochen gefunden.

"Dann war jemand bei den Bewerbern dabei, der unbedingt das Ganze dokumentieren wollte, fotografieren und filmen. Unglücklicherweise war's der Jüngste, ohne Führerschein. Aber er hatte die Qualifikationen dafür, Qualitäten, Sprachen zu sprechen, die letzten fünf Jahre mit'm Rucksack unterwegs. Das heißt, der kann keine großen Ansprüche stellen. Ich such ja keinen Ersatzfahrer für mich, und dann muss ich womöglich kämpfen um mein Lenkrad."

An der Bürowand hängt ein Foto von einer strahlenden Heidi Hetzer mit Rennkappe und mit einem Pokal in den Händen. Auf dem Schreibtisch steht ihre berühmte Handtasche in Autoform. Mit dem Fahren hat die Berlinerin früh angefangen.

"Ich hab immer auf'm Parkplatz gestanden in Gatow und hab gehört, wenn Vati mit'm Motorrad, nach dem Krieg, nach Hause kam, brmmm brmm. Dann bin ich schon losgerannt auf'n Parkplatz, damit ich vor ihm auf'm Tank sitzen durfte und den Gashahn rechts drehen rumm rumm."

Nach der Schule macht Heidi Hetzer eine Ausbildung zur Mechanikerin in der Motorrad-Werkstatt des väterlichen Autohauses. Bereits mit 16 fährt sie ihr erstes Rennen, mit dem Motorrad rund um die Müggelberge.

"Überall war ich das einzige, erste Mädchen und musste immer so Vorarbeit leisten, und eben auch im Autogeschäft die einzige Händlerin war. Ich hab's eben von meinem Vati übernommen, weil da kein Sohn war. Das war mein Glück, dass ich keinen Bruder hatte. Ich wär ja nie so geworden, wenn ich einen Bruder gehabt hätte."

Für die Weltumrundung im Automobil hat Heidi Hetzer allerdings ein großes Vorbild: Clärenore Stinnes, Großindustriellentochter aus Mühlheim an der Ruhr.

"Na ja, das war der erste Mensch, der um die Welt gefahren ist. 1927 wollte sie in den Riesenbetrieb ihres Vaters eintreten, als der Vater gestorben war. Haben ihre Brüder gesagt, da hat eine Frau nichts zu suchen, 1927! Hat sie gesagt, na gut, fahr ich um die Welt."

Auf dem roten Teppich in Heidi Hetzers Büro liegt eine zwei Meter lange Weltkarte. Heidi Hetzers Route über Asien, Australien, Nord- und Südamerika, Afrika und dann zurück nach Europa ist mit Rot markiert. Wie Clärenore Stinnes fährt auch sie in Richtung Osten los.

"Also, ich vergleich mich mit der Clärenore, weil ich das eben auch allein in Angriff nehme und der Chef bin. Und das Auto ist von 1930, leider kein Adler wie sie, aber ein Baujahr 1930, der genauso aussieht wie ihrer, das heißt, so ein Gangsterwagen, so sieht der aus. Und das ist ja die Herausforderung."

Um die geplante Route in zwei Jahren zu schaffen, muss Heidi Hetzer genau nach Plan fahren.

"Und ich hab auch ausgerechnet, die Kilometer geteilt durch die Zeit, die ich mir vorgenommen habe, muss ich jeden Tag 150 Kilometer fahren, jeden Tag. Und ich muss mindestens 10, 15 Inspektionen unterwegs machen, Ölwechsel, dauert ja nen halben Tach, alles nachziehen. Ich muss zweimal in der Woche Schmiernippel schmieren. Ich hab richtig zu tun unterwegs."

Während Heidi Hetzer repariert, kann Mitfahrer Jordaan den Blog schreiben, kochen oder auch ab und zu eine Skype-Verbindung zu Hetzers Tochter, Sohn und Enkelkindern aufbauen. Geplantes Ende der Fahrt: Mitte 2016.

"Paris muss ich natürlich wieder, Clärenore treffen, Paris – Berlin. Das wäre und das peile ich an, im Juni. Aber ich befürchte, der südliche Teil wird so spannend und ich will mich da nicht hetzen lassen. Warum soll ich am 23. Juni ankommen wie Clärenore Stinnes. Es ist eben die Heidi-Hetzer-Tour und wann ich dann zurückkomme, das interessiert auch in Berlin keinen Menschen."

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