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Lesart / Archiv | Beitrag vom 21.01.2016

Renate Zöller: "Was ist eigentlich Heimat?Interessante Materialsammlung, aber am Thema vorbei

Von Katharina Döbler

Ein gerade angekommener Asylbewerber steht mit seinem Koffer am Eingang zu Mecklenburg-Vorpommerns zentraler Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Horst bei Boizenburg (Mecklenburg-Vorpommern). (dpa / Jens Büttner)
Heimat als Verlust: Flüchtlinge in der Erstaufnahmeeinrichtung Horst bei Boizenburg in Mecklenburg-Vorpommern (dpa / Jens Büttner)

Renate Zöller hat für ihr Buch "Was ist eigentlich Heimat?" mit Flüchtlingen, Exilanten und Auswanderern gesprochen. Sie zeichnet bewegende Lebensgeschichten auf. Doch diese handeln - anders als der Titel verspricht - meist von Flucht und Integration, nicht aber von Heimat.

Heimat ist ein schwieriger Begriff: politisch und emotional höchst aufgeladen und soziologisch schwer zu definieren. Alle Menschen sind irgendwo geboren und leben irgendwo, aber nicht jeder hat eine Heimat. Die Journalistin Renate Zöller hat dem Thema Heimat ein Buch gewidmet, das die "Annäherung an ein Gefühl" verspricht. Zu diesem Zweck hat sie mit Menschen gesprochen, die ihre Heimat freiwillig oder unfreiwillig verlassen haben; manche sind auch in sie zurückgekehrt.

Ihre Gesprächspartner sind Flüchtlinge, Vertriebene, Exilanten oder Auswanderer. Ihnen gemeinsam ist, dass sie sich in Deutschland aufhalten oder aufhielten. Heimat wird hier also ex negativo verhandelt – aus der Erfahrung des Verlustes und der Distanz.

Es sind sehr bewegende Lebensgeschichten darunter: Die eines schwulen Lateinamerikaners, den seine Familie verstoßen hat, einer Frau aus einem Eifeldorf, das von den Alliierten zum Übungsplatz gemacht wurde, eines Wirtschaftsflüchtlings aus Ghana, einer Tochter iranischer Exilanten, einer Bosnierin, die in Deutschland christlich erzogen wurde und als Muslimin zurückkehrte nach Bosnien, eines Kroaten, der verbirgt, dass er Sinto ist, und viele, viele andere.

Beschreibungen, Beobachtungen, Zahlenmaterial

Die Autorin erläutert diese Biografien mit kurzen politisch-historischen Einlassungen, die in ihrer Kürze meist recht schlicht ausfallen. Vergleichbare Lebensläufe setzt sie manchmal auch in Beziehung zu Aussagen von einschlägigen Forschern.

Sehr strukturiert ist das Ganze nicht. Zöllers Ansatz ist anfangs essayistisch, als sie eine historische Begriffsklärung versucht, die jedoch nicht weit über Stichworte wie "Heimatschutz" etc. hinausgeht. Dann bedient sie sich journalistischer Formen – Interviews, Beschreibungen, Beobachtungen, Zahlenmaterial - und akademischen Setzungen, etwa wenn sie "sich beheimaten" als Schlüsselbegriff für eine erfolgreiche Integrationsstrategie benutzt.

Der Begriff Heimat wird so von allen möglichen Seiten umkreist, aber meist geht es mehr um Flucht und Integration als um das, was Heimat bedeutet: Sehnsuchtsort und Vergangenheit. Dass Heimat aber auch Beständigkeit bedeuten kann oder eine Enge, die den Rest der Welt ausschließt - das kommt in diesem Buch nicht vor. Renate Zöllners Buch ist eine Materialsammlung, in der man immer wieder interessante Aussagen finden kann. Aber einer Antwort auf die Frage, die der Titel stellt, kommt es nicht einmal nahe.

Renate Zöller: "Was ist eigentlich Heimat? Annäherung an ein Gefühl"
Christoph Links Verlag, Berlin 2015
232 Seiten, 18 Euro

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