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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.03.2010

Religionsmarketing statt esoterischen Geheimwissens

Christoph Markschies: "Gnosis und Christentum". Berlin University Press, Berlin 2009, 186 Seiten

Christoph Markschies versucht die Gnosis zu entzaubern. (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)
Christoph Markschies versucht die Gnosis zu entzaubern. (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)

Ihre Blüte lag in den ersten Jahrhunderten nach Christus, doch auch heute noch werden die Texte der sogenannten Gnosis viel beachtet. Verheißen sie doch zumindest der Seele tröstliche Dinge: "Von Anfang an seid ihr unsterblich und seid Kinder des ewigen Lebens", heißt es in den Valentin-Fragmenten. Esoteriker und Verschwörungstheoretiker zitieren sie und entdecken besonders gern geheime Evangelien und verborgene Weisheiten.

"Niemals habe ich irgendwie Leid erlitten noch wurde ich gequält", sagt Jesus nach einer gnostischen Schrift, ein Gott könne schließlich nicht leiden - eine Provokation für das Christentum. Aber auch christliche Mystiker, die alte Wege der Spiritualität neu beschreiten wollen, berufen sich auf die Gnosis. Dabei ist immer noch umstritten, ob die gnostischen Texte unabhängig vom Christentum entstanden sind und welchen Stellenwert sie in ihrer Zeit wirklich hatten.

Das sogenannte "Evangelium des Judas", das vor drei Jahren der Öffentlichkeit präsentiert wurde, war ein typischer Fall für den neuzeitlichen Umgang mit Schriften der Gnosis: Der Text entwerfe ein Gegenbild zur christlichen Passionsgeschichte, sei gar eine Negation der vier Evangelien. Die Geschichte des Christentums müsse neu geschrieben werden, so die Käufer des in Fachkreisen längst bekannten und nur zu Spekulationszwecken der Öffentlichkeit lange vorenthaltenen Textes.

Dabei zeige das Judasevangelium nur einen typisch antiken Umgang mit mythologischen Elementen, so Christoph Markschies. Es nehme eine Mythoskorrektur vor, wenn in ihm Judas von Jesus über Dinge belehrt werde, die "kein Mensch gesehen hat". Wie überhaupt viele der als geheime Wissenschaft interpretierten Elemente gnostischer Texte in Wirklichkeit gängige Praxis antiker Rhetorik und Philosophie seien.

Markschies will dem Umgang mit der gnostischen Literatur so den Hauch des Sensationellen nehmen. Das ist ein Ziel der Aufsatzsammlung des Berliner Kirchengeschichtlers und derzeitigen Präsidenten der Humboldt-Universität.

Markschies hält seine Fachkollegen für teilweise selbst verantwortlich für diese falsche Rezeption der Gnosis. Bei einem Kongress 1966 sei die Gnosis zu einer selbstständigen antiken Religion aufgewertet worden. Markschies will dagegen die Gnosis wieder stärker im Zusammenhang des Christentums verstehen, das ist sein zweites Ziel. Die Schriften der Gnosis seien entstanden, als Theologen im zweiten Jahrhundert nach Christus versucht hätten, das Christentum den philosophisch gebildeten Kreisen Roms verständlich zu machen. Der einfache Verweis auf biblische Verheißungen, der in jüdischen Kreisen völlig ausreichend zur Verständigung war, reichte dafür nicht mehr. Christliche Lehre von Gott und Jesus Christus wurde ergänzt durch Lehren zur Entstehung und zum Ende der Welt.

Nach der Lektüre von Markschies' Aufsätzen verschwindet viel von der Aura des geheimen Wissens für Eingeweihte, die die Gnosis umgibt. Stattdessen versteht man das Phänomen als einen Versuch, in einer pluralistischen religiösen Welt die eigene Überzeugung hörbar zu machen. Einen Versuch im Übrigen, der nach Markschies oft scheiterte und das Christentum bis zur Unkenntlichkeit an antike Philosophie anpasste.

Diese Entzauberung liest sich spannend und hat durchaus aktuelle Bezüge. Kleiner Wermutstropfen: Ein wenig über Gnosis wissen sollte man schon, Markschies erzählt mehr Forschungsgeschichte als gnostische Schriften selber.

Besprochen von Kirsten Dietrich

Christoph Markschies: Gnosis und Christentum
Berlin University Press, Berlin 2009
186 Seiten, 29,90 Euro

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