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Interview | Beitrag vom 28.01.2016

ReligionWie finanzieren sich Moscheen?

Riem Spielhaus im Gespräch mit Korbinian Frenzel

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Der Tag der offenen Moschee am 3. 10. 2014 in Berlin in der Sehitlik-Moschee am Columbiadamm. (Imago/Jens Jeske)
Öffnung in die Gesellschaft: Am "Tag der offenen Moschee" beteiligen sich mittlerweile viele islamische Gotteshäuser. (Imago/Jens Jeske)

Wie sich Moscheen in Deutschland finanzieren - darüber wird viel spekuliert. Die Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus schließt Gelder aus dem Ausland nicht aus. Doch sie tritt dem Eindruck entgegen, Moscheen seien vor allem Orte der Radikalisierung.

"Wir können nicht ausschließen, dass die eine oder andere Moschee auch Spenden aus dem Ausland erhält", sagt Riem Spielhaus. Sicher sei dies beim Dachverband DITIB der Fall: Dessen Imame würden vom türkischen Staat nach Deutschland geschickt, um die Gemeinden zu betreuen. Meist würden Moscheen angeben, sich über Spenden der Gläubigen anlässlich des Freitagsgebets zu finanzieren.

Die Islamwissenschaftlerin geht davon aus, dass der Staat im Zusammenhang mit der Terrorgesetzgebung etwaige Finanzflüsse unter Kontrolle hätte: "Das sollte man zumindest momentan hoffen". Ihrer Meinung nach könnte auch eine Art muslimischer Kirchensteuer für mehr Transparenz bei der Finanzierung sorgen.

Moscheen haben sich nach Spielhaus' Darstellung in den vergangenen Jahren stärker in die deutsche Gesellschaft hinein geöffnet: Es gebe viel interreligiösen Dialog und es werde mehr Deutsch gesprochen. "Über viele Moscheen wissen wir sehr viel, über wenige wissen wir fast gar nichts. Das sind die Problemmoscheen", sagte Spielhaus. Dazu gehörten beispielsweise in Berlin vier Gemeinden von insgesamt rund 100. Muslime radikalisierten sich jedoch weiterhin vor allem über das Internet.


 

 

Das vollständige Interview im Wortlaut:

Korbinian Frenzel: Ich hatte Sie ja gerade schätzen lassen, wie viele Moscheen es wohl gibt in Deutschland. Die Antwort: Knapp 150. Das ist die Zahl der Moscheen, die Sie auch ohne Weiteres so erkennen können im Straßenbild, im Zweifel am Minarett. Es gibt aber eine andere Zahl, nämlich wenn man islamische Gebetshäuser insgesamt zählt, also auch die berühmt-berüchtigte Hinterhofmoschee, und da kommen wir auf über 2.600.

Nun ist nicht jeder Gebetsraum, der klein und weniger öffentlich ist, gleich verdächtig. Aber wenn man die aktuelle Warnung des Verfassungsschutzes über eine immer größer werdende Salafistenszene dazudenkt, dann gibt es genug Grund, einmal genauer hinzuschauen. Wir tun das mit Riem Spielhaus, Islamwissenschaftlerin am Zentrum für Islam und Recht in Erlangen. Guten Morgen!

Riem Spielhaus: Guten Morgen!

Frenzel: Das Bundesamt für Verfassungsschutz spricht von knapp 8.400 Salafisten in Deutschland zurzeit, noch mal 500 mehr als vor einem Jahr. Verfassungsschützer neigen ja zum Alarmismus in dieser Frage. Frau Spielhaus, wie ernst nehmen Sie diese Zahlen?

Spielhaus: Also, ich muss ein ganz klein wenig korrigieren, und zwar spricht der Verfassungsschutz ganz bewusst sehr sensibel über diese Zahlen. Und er sagt, es sind nicht Salafisten, sondern das ist das Mobilisierungspotenzial von salafistischen Gruppierungen. Das heißt, wir können nicht genau sicher sein, ob die alle Salafisten sind oder bereits radikalisiert sind, aber sie befinden sich sozusagen im Umfeld und interessieren sich für dieses Thema. Und trotzdem ist das natürlich genau der Punkt, wo man hinschauen muss und was der Verfassungsschutz ja auch genau tut.

Radikalisierung vor allem über das Internet

Frenzel: Wo wird man denn zum Salafisten oder vielmehr dann auch zum gewaltbereiten Salafisten? Ich frage das natürlich vor dem Hintergrund dieser Zahlen über islamische Gebetsräume in Deutschland.

Spielhaus: Der stärkste Ort offensichtlich, an dem mich sich radikalisieren kann oder das auch einige tun, das scheint nicht unbedingt die Moschee zu sein, sondern vor allem das Internet. Auf jeden Fall nicht die Mehrheit der Moscheen in Deutschland. Unter den Moscheen sind es dann auch einzelne kleinere Gemeinden, die auch zum Großteil jünger sind, also erst in den letzten Jahren entstanden sind. Und dann auch noch außerhalb von Gemeinden gibt es dann Trefforte, wo sich Salafisten treffen, zum Teil auch mal zu Hause, aber auch in Vereinen. Und manchmal tun sie das ja auch an öffentlichen Plätzen, um eben auch zu agitieren und zu polemisieren.

Frenzel: Wenn wir das mal lösen von der Salafistenfrage, was wissen wir denn, was wissen Sie als Expertin darüber, was in Moscheen und Gebetsräumen passiert? Wer trifft dort wen?

Spielhaus: Ich forsche seit etwa 20 Jahren zu Moscheen in Deutschland. Die Moscheen haben sich in den letzten Jahren sehr, sehr verändert, sie haben sich vor allem in der Mehrheit – also die nicht-salafistischen –, haben sich sehr geöffnet in den vergangenen zehn, 15 Jahren. Sie sind sehr viel deutscher geworden, also, es wird sehr viel mehr Deutsch in den Moscheen gesprochen, zum Teil wird sogar die Freitagspredigt in deutscher Sprache gehalten oder teilweise in Deutsch gehalten oder übersetzt.

Sie sind auch professioneller geworden und sie haben sich sehr viel stärker in die Nachbarschaft, in die deutsche Gesellschaft hinein geöffnet, gehen Kooperationen ein, es findet sehr viel interreligiöser Dialog statt. Das heißt, wir wissen über viele Moscheen in Deutschland sehr, sehr viel, über wenige wissen wir fast gar nichts. Und das sind sozusagen die Problemmoscheen, wo wir weiterhin hinschauen müssen. Und gleichzeitig müssen wir sozusagen schauen, dass wir die Mehrheit der Moscheen nicht abschreiben und abstempeln als Plätze für Terrorismus oder Ähnliches, sondern sie können eben auch, wenn man sich ihnen gegenüber öffnet, Plätze für Integration und für gesellschaftliches Engagement sein.

Frenzel: Wie groß würden Sie denn die Zahl dieser Problemmoscheen, so wie Sie es gerade genannt haben, beziffern?

Spielhaus: Es ist ganz unklar, in so einer Stadt wie Berlin scheint es sich um vier Gemeinden zu handeln, und wir haben in Berlin nahezu 100 islamische Gemeinden, also davon vier. Sie sehen, es ist ein ganz kleiner Prozentsatz. Und bundesweit scheint es sich um unter 100 Gemeinden zu handeln.

Nach dem Freitagsgebet wird gesammelt

Frenzel: Eine spannende Frage ist ja dabei: Wer steckt dahinter, also auch vor allem finanziell? Bei den christlichen Kirchen ist das in Deutschland relativ einfach, das haben ganz viele auf ihrer Lohnabrechnung, die Kirchensteuer. Wie ist das bei den Moscheen in Deutschland?

Spielhaus: Bei den Moscheen in Deutschland ist es so, dass da nicht so eine Kirchensteuer eingezogen wird, sondern in der Regel ist es so, dass am Freitag bei dem Gebet, wo die meisten Muslime dann auch in der Moschee erscheinen, gesammelt wird. Auch an anderen Tagen gibt es also immer wieder die Spendenkasse, die herumgeht. Aber das heißt, dass wir im Prinzip über die Finanzierung von Moscheen nicht so viel wissen.

Wir fragen immer wieder die Moscheegemeinden und das ist eigentlich die einzige Form, darüber Wissen zu erlangen. Und die sagen uns in der Regel, dass es eben solche Formen von Spenden sind, die sie am Leben erhalten. Wir können nicht ausschließen, dass die eine oder andere Moschee eben auch Spenden aus dem Ausland erhält.

Die einzige Quelle, wo wir das ganz genau wissen, dass so auch Moscheen unterstützt sind, das ist der türkische Staat, der die Imame für die DITIB-Moscheen ... Das ist ein großer Dachverband türkeistämmiger Muslime in Deutschland, die etwa 800 Moscheen in Deutschland betreiben und eben auch um die 800 Imame und auch weibliche Hodschas nach Deutschland schicken, um die Gemeinden zu betreuen.

Frenzel: Wo man es gerüchteweise weiß oder zu wissen meint, ist bei den Saudis, die offenbar 200 Moscheen in Deutschland bauen wollen oder zum Teil bereits gebaut haben. Welche Rolle spielen die?

Spielhaus: Mir ist so eine Zahl nicht bekannt. Ich habe auch noch nicht von einer Moschee gehört, die jetzt von den Saudis gebaut worden wäre. Es ist wohl bekannt, dass in München ein Saudi angeboten hat zu spenden, da ist die Gemeinde sich wohl noch ein bisschen uneinig, ob das gut wäre, das anzunehmen. Also, was dann sozusagen die Reaktion der Bevölkerung wäre, der umliegenden, da gibt es ja dann auch wieder Vorbehalte. Also, es gibt auch in den Gemeinden sozusagen ein bisschen Zurückhaltung, solche Spenden dann anzunehmen, vor allem wenn sie sehr hoch sind.

Der Staat hat Finanzflüsse unter Kontrolle - hoffentlich

Frenzel: Das heißt, wir brauchen hier nicht mehr Kontrolle durch den Staat?

Spielhaus: Nun, ich denke, der Staat hat ja im Zusammenhang mit der Terrorgesetzgebung gerade auch solche Finanzflüsse unter Kontrolle, das sollte man zumindest momentan hoffen. Und ich würde hoffen, dass wir dann auch davon erfahren würden, wenn so etwas in verschiedene Gemeinden fließen würde.

Man könnte diesem Problem ein Stück weit begegnen, indem man mehr für die rechtliche Anerkennung des Islams in Deutschland tut und indem man Moscheegemeinden verschiedene Finanzierungsmöglichkeiten auch innerhalb des deutschen Kontextes ermöglicht. Also so ähnlich wie das Kirchen und jüdischen Gemeinden in Deutschland auch gelingt, beispielsweise durch die Finanzierung von Kitas, Krankenhäusern und Ähnlichem, in denen dann auch Teile der Gemeindearbeit eben mit finanziert werden, zum Beispiel auch die Jugendarbeit oder Ähnliches. Und da sind einige Bundesländer ja momentan auch im Gespräch mit islamischen Gemeinschaften vor Ort.

Frenzel: Oder auch durch die Einführung einer, ich nenne es mal: muslimischen Kirchensteuer in Deutschland?

Spielhaus: Also, das wäre sicherlich auch eine Möglichkeit. Das wird von muslimischer Seite interessanterweise nicht nur sozusagen positiv gesehen, so eine Idee, aber letzten Endes wäre das sicherlich auch eine Möglichkeit. Da muss man mal ein bisschen sehen, wie die Diskussion innermuslimisch weiter verläuft.

Frenzel: Die Erlanger Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Spielhaus: Ja, vielen Dank Ihnen auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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