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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 15.10.2014

ReligionWenn Glaube aufdringlich wird

Warum es gut ist, nicht alles hundertprozentig zu wissen

Von Gesine Palmer

Ein Mann blickt auf einen Computer-Bildschirm, auf dem selbsternannte "Scharia-Polizisten" zu sehen sind. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
Eine selbsternannte "Scharia-Polizei" sorgte zuletzt in Wuppertal für Aufregung. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Was ist so verlockend daran, anderen vorzuschreiben, wie sie die Welt zu glauben haben? Die evangelische Theologin Gesine Palmer wehrt sich gegen missionarischen Eifer und aggressive Intoleranz.

Manchmal reicht es wirklich. Das Wort "Religion" will ich dann nicht mehr hören. Weder positiv noch negativ. Ich will nicht mehr hören, dass ohne Religion das menschliche Leben keinen Sinn habe. Und ich will nicht mehr hören, dass die entfesselten Raubmörderbanden, die den mittleren Osten terrorisieren, halt noch keine Aufklärung hinter sich hätten.

Weder will ich mich zu Keuschheit, Armut und Gehorsam nötigen lassen, um mir das Himmelreich zu sichern. Noch will ich mir erzählen lassen, es sei ganz in Ordnung, zu entscheiden, was lebenswert ist und was nicht. Weder will ich mich im Namen eines Gottes unter die Burka zwingen lassen, noch im Namen der Aufklärung das Menschenmachen neu erfinden.

Doch besonders wenn Kriegsgeheul anschwillt, wird jedwede liberale Position übertönt. Dabei wäre sie dann besonders nötig. Wie prekär es ist, ernsthaft liberal zu sein und das auch anderen zu empfehlen, habe ich schon relativ früh bemerkt, als ich erstmals zwischen die Stühle geriet.

Da war ich die Tochter eines Pastors. Mein Vater nahm die Religionsmündigkeit ernst und hielt es aus, dass ich nach der Konfirmation viele Jahre die Kirche mied. Und da war meine Erfahrung unter Freunden, die nicht verstanden, dass ich lachen musste, wenn sie mal wieder einer politischen Meinung das Etikett "objektiv richtig" angeklebt hatten.

Anderen vorschreiben, wie sie die Welt sehen

Wissenschaftlicher Sozialismus hieß das damals. Es war nicht so brutal wie wissenschaftlicher Rassismus zuvor, aber die Grundhaltung war dieselbe. Vermeintlich objektives Wissen rechtfertigte die Macht, die die einen über die anderen ausüben.

Hirnströme, eine falsche Haltung zur Gemeinschaft oder eben der falsche Glaube beweisen den einen, dass die anderen an einer Störung leiden. Dass man also berechtigt sei, sie deswegen auszusondern, um sie zum richtigeren Glauben, zur Wahrheit zu führen oder sie zu reparieren oder zu töten.

Wir hören von einer Scharia-Polizei, die am helllichten Tage mitten in Europa den Leuten sagt, wie sie sich zu benehmen oder zu kleiden hätten, weil Gott es angeblich so wolle.

Ich frage mich dann immer wieder, was ist eigentlich so verlockend daran, anderen vorzuschreiben, wie sie die Welt zu sehen und was sie wie zu glauben haben? Warum faszinieren uns Leute, die uns das Immerselbe vorbeten: Nur was du hundertprozentig tust, nur wofür du sterben würdest, nur worin du völlig aufgehst, das ist etwas wert, das bist du wirklich.

Na hallo! Ich gehe selten hundertprozentig auf, weiß nie hundertprozentig, wo es lang geht, habe selten ein letztes Urteil – und das ist gut so.

Die gute Nachricht ist: Ich bin nicht Gott

Meine Entscheidungen werden besser, wenn ich sie treffe mit dem Wissen, dass sie falsch sein können. Meine Urteile werden präziser, wenn mir bewusst bleibt, dass ich mich fürchterlich irren kann. Übrigens ist dann auch mein Vertrauen gesünder.

Ein Vertrauen, das mich nicht völlig zerstört zurück lässt, wenn das, woran ich geglaubt habe, gescheitert ist, würde ich Gottvertrauen nennen. Es überlässt nämlich alles, was wirklich zu groß für uns ist, einer Instanz, die gläubige Menschen Gott nennen. Und nimmt sich das, was wir gerade noch bewältigen und verantworten können, in aller Freiheit heraus.

Wer sich selbst im Namen eines Gottes oder gegen diesen zum absoluten Herren über Leben und Tod aufspielt, dem muss ich nicht sagen: Du lern erstmal Aufklärung. Deinen Gott gibt es objektiv gar nicht. Ich kann ihm sagen: Wenn das, was du da treibst, Theologie oder Wissenschaft oder Objektivität ist, dann bin ich Gott. Aber hundertprozentig!

Die gute Nachricht des monotheistischen Gottesglaubens ist: Ich bin nicht Gott. Und Du auch nicht. Ob wir in seinem Namen oder im Namen der objektiven Wahrheit handeln, wissen wir beide nicht. Aber dass die Welt ärmer ist, wenn einer von uns beiden dran glauben muss – das ist nach menschlichem Ermessen ziemlich wahrscheinlich.

Gesine Palmer (privat)Die Religionsphilosophin Gesine Palmer (privat)Dr. Gesine Palmer, geb. 1960 in Schleswig-Holstein, studierte Pädagogik, evangelische Theologie, Judaistik und allgemeine Religionsgeschichte in Lüneburg, Hamburg, Jerusalem und Berlin. Nach mehrjähriger wissenschaftlicher Lehr- und Forschungstätigkeit gründete die Religionsphilosophin 2007 das "Büro für besondere Texte" und arbeitet seither als Autorin, aber auch als Redenschreiberin, Trauerrednerin und Beraterin. Ihr wiederkehrendes Thema sind "Religion, Psychologie und Ethik" – im Kleinklein der menschlichen Beziehungen wie im Großgroß der Politik.

 

Mehr zum Thema:

Scharia-Polizei - "Wir empfinden das als große Schmach"
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 09.09.2014)

Islamisten - Selbsternannte Sittenpolizei
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