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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 21.10.2014

ReligionGott als Supergötze

Die IS-Terrorgruppe spielt Gott auf Erden - und hat sich völlig entfremdet vom Islam

Von Milad Karimi

Angebliche Kämpfer der Terrorgruppe IS in der syrischen Stadt ar-Raqqa sitzen bewaffnet in und auf einem Auto. (afp / WELAYAT RAQA)
Angebliche Kämpfer der Terrorgruppe IS in der syrischen Stadt ar-Raqqa. (afp / WELAYAT RAQA)

Die IS interpretieren nicht etwa ihre Religion terroristisch, sondern ihren Terror religiös, so Milad Karimi. Der afghanisch-deutsche Religionsphilosoph fächert auf, warum diese Radikalen letztendlich Gott selbst verleugnen.

Vom göttlichen Platon, wie ihn der islamische Philosoph al-Fārābī zu nennen pflegte, ist überliefert, dass "diejenigen, die zu klug sind, sich in der Politik zu engagieren", dadurch bestraft werden, "dass sie von Leuten regiert werden, die dümmer sind als sie selbst." Wer nach Öffentlichkeit trachtet, der will nicht Wahrheit, sondern Macht.

Die schwarze Fahne der IS hat Symbolcharakter, aber das verborgene Gesicht ist ebenso sehr ein symbolhafter Gestus. Die Abwesenheit des menschlichen Antlitzes leugnet im gleichen Atemzug das Antlitz Gottes. Sie interpretieren nicht etwa ihre Religion terroristisch, sondern ihren Terror religiös.

Die Religion des Islam ist zwar vielfältig und von Ambiguität geprägt, aber sie ist keine Plattform der Beliebigkeit und Willkür; sodass ein jeder Mörder und Sadist den legitimen Anspruch erheben könnte im Namen des Islam oder – noch dezidierter – im Namen Gottes zu handeln, mit dem Ziel: durch die Umkehrung des Ganzen, die totale Umwertung der Werte einen utopischen Staat zu schaffen.

Der Terror soll nicht die guten, frommen Gläubigen schützen; er soll Gott schützen. Wenn nichts in der Welt es wert ist, bewahrt zu werden und für diesen Kampf unantastbar zu sein, dann bedeutet dies unweigerlich, dass eine menschenleere Welt besser ist als die reale Welt. Es ist also besser, dass alles zugrunde geht; es ist besser, dass es nichts gibt anstelle, dass überhaupt etwas wäre. Jeder Mensch, wer er auch sein mag, erscheint so jederzeit wert, vernichtet zu werden.

Diesem Terror ist nichts heilig

Sie inszenieren den Akt der Zerstörung und Verachtung im Namen eines Ideals, das sie damit aber leugnen. Das am häufigsten Erwähnte ist dabei das eigentlich Verdrängte: Gott. Mit der Verneinung der Welt verneinen sie das, wofür sie alles verneinen. Darin bestehen ihre pubertäre Attraktivität und ihre Verblendung, ja ihre Tragik. Sie verkörpern ihre eigene Verneinung.

Diesem Terror ist nichts heilig. Sich auf die Autorität Gottes zu berufen, um brutale Gewalt auszuüben, ist weder neu noch spezifisch islamistisch. So vergehen sie sich nicht nur an jeder Menschenrechtskonvention, sondern sie wenden sich auch und gerade gegen die Bedingungen der Religion des Islam. Mit der Leugnung der Schöpfung und mithin des Menschen leugnen sie den Schöpfer – in seinem Namen.

Damit schlägt der vermeintlich religiöse Kampf in sein Gegenteil um: Sie leugnen Gott, weil sie ihn bestenfalls als eine Art Supergötze verstehen. Die wahre Einheit Gottes verbietet sich aber, als Supergötze zu gelten, weil Gott inkommensurabel ist und mitnichten ikonisierbar.

Weder Demut noch Sorge oder Zweifel

Das radikale Anhaften an dem Supergötzen hat sie von all dem entfremdet, was auch nur am Rande mit dem Islam zu tun haben könnte. Sie identifizieren sich mit dem Willen Gottes. Die Identifikation verblendet sie aber zugleich; sie kennt keine Demut, keine Sorge, keinen Zweifel. Ja, dieser verengte Blick widerspricht dem offenen koranischen Charakter.

Diese Entschlossenheit, bedingungslos und gewiss, widerspricht also jeglichem Inhalt des Islam als einer Religion der Hingabe. Der Islam begreift Gott in seiner unverfügbaren Transzendenz als unergründlich, aber dennoch nahe. Dieser lässt sich niemals instrumentalisieren. Wer sich im Islam beheimatet sieht, der beschützt nicht Gott; vielmehr sieht er sich in der Ewigen Hand getragen und beschützt.

Sein Wissen als absolutes Wissen neben das Wissen Gottes zu stellen, heißt eben, neben Gott selbst Gott zu spielen. Sie spielen Gott auf Erden; sie bleiben aber Götzen, die sich selbst anbeten – und gerade darin zugrunde gehen.

Der Religionsphilosoph Milad Karimi. (Peter Grewer)Der Religionsphilosoph Milad Karimi. (Peter Grewer)Dr. Ahmad Milad Karimi, geboren 1979 in Kabul; Studium der Philosophie und Islamwissenschaft an der Universität Freiburg; seit dem Wintersemester 2012/2013 Vertretungsprofessor für Kalām, islamische Philosophie und Mystik an der Universität Münster. Zuletzt erschienen von ihm "Osama bin Laden schläft bei den Fischen. Warum ich gern Muslim bin und wieso Marlon Brando damit viel zu tun hat".

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