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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.11.2006

Relativierte Besessenheit

Christian Oster: "Mein blindes Schicksal" Berlin Verlag, Berlin 2006, 250 Seiten

Auf der Fahrt wird plötzlich jemand krank.
Auf der Fahrt wird plötzlich jemand krank. (AP Archiv)

Zwei Romane von Christian Oster lagen bislang auf Deutsch vor: "Meine große Wohnung" (2001) und "Meine Putzfrau" (2003), denen von einigen Rezensenten mangelnder Witz und eine umständliche Diktion vorgeworfen wurden. Dies dürfte sich für "Mein blindes Schicksal" nicht wiederholen, da dieser Text einer neuen Übersetzerin, Doris Heinemann, anvertraut wurde.

Ihr nun ist es hervorragend gelungen, den ganz spezifischen Tonfall Osters, seinen lakonischen, mitunter von überraschenden Wendungen geprägten Stil zu übertragen, um die feine Ironie dieses Autors jetzt auch dem deutschen Publikum zu vermitteln.

Denn es ist eben dieser Stil, der den besonderen Reiz seiner Werke ausmacht, die keineswegs handlungsbetont sind. Wie es das Possessivpronomen zu Beginn der Titel vermuten lässt, steht jeweils ein Protagonist mit seinem Denken und Fühlen im Mittelpunkt, wobei er auf scheinbar alltägliche Situationen (Verlust der Wohnungsschlüssel, Umgang mit der Putzfrau) durchaus anders reagiert, als man es von einem Zeitgenossen mittleren Alters erwarten würde. Diese "Antihelden" sind nicht dazu geschaffen, das Geschehen voranzubringen. Vielmehr lassen sie sich treiben und reagieren weitgehend reflexiv auf ihre Umwelt.

Der Ich-Erzähler von "Mein blindes Schicksal" fährt mit seiner Lebensgefährtin Laure in die Bretagne zum Geburtstag eines Freundes, Philippe. Unterwegs wird Laure von einer heftigen Erkältung mit hohem Fieber gepackt, woraufhin sie darauf besteht, allein im Hotel zurückzubleiben und ihren Lebenspartner zur Geburtstagfeier schickt, allerdings ohne das gemeinsame Auto, das sie behalten möchte. Weit entfernt von jedem Bahnhof zum Trampen gezwungen, wird er von Gilles, einem anderen Geburtstagskind, mitgenommen, und anstatt zum Freund weiterzufahren, lässt er sich zu dessen abendlicher Feier einladen. Dort wiederum lernt er eine Frau kennen, die am folgenden Tag zu der bretonischen Insel reist, auf der Philippe lebt, und den Erzähler mitnimmt, der zunächst selbst erkrankt und sich dann noch bei einem Sturz am Knie verletzt.

Zu den besonderen Stärken von Christian Oster gehört es, die höchst eigenwillige Lebensgestaltung seines jeweiligen Protagonisten so nachdrücklich aus dessen Perspektive zu schildern, dass wir ganz in diesen Charakter mit durchaus neurotischen Zügen eintauchen. Damit gewinnen wir selbst einen neuen Blick auf eigentlich banale Abläufe, wodurch alle weiteren Gestalten im Text gewissermaßen nebensächlich werden. Dies gilt sogar, wenn sie wie die hübsche Titelheldin in "Meine Putzfrau" oder eben wie Laure, die den Erzähler überraschend abweist, zu einer Obsession werden, aber gerade dadurch fast ausschließlich in ihrer Wirkung auf den Besessenen wahrgenommen werden.

Durch die starke Konzentration auf eine Figur wiederum gelingt es dem Autor, sogar die Besessenheit zu relativieren: Gleichzeitig muss dieser Mann sich mit einer höchst ungewöhnlichen Situation auseinandersetzen, krank und außerdem noch verletzt lernt er zufällig eine Reihe von Menschen kennen, so dass sich verschiedenste innere Befindlichkeiten mit äußeren Eindrücken überlagern – eine Vielschichtigkeit, die wesentlich zum Lektürevergnügen beiträgt. So hat Christian Oster mit seinen eher leisen Tönen, fern der Sex- und Skandal-Literatur à la Angot oder Houellebecq, dank der neuen Übersetzerin eine angemessene deutsche Stimme erhalten.

Rezensiert von Carolin Fischer


Christian Oster: Mein blindes Schicksal
Deutsch von Doris Heinemann.
Berlin Verlag, Berlin 2006, . 250 Seiten, 19,90 Euro