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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.06.2010

Reise zu sich selbst

Ilka Piepgras: "Meine Freundin, die Nonne", Droemer Knaur Verlag, München 2010, 296 Seiten

Charlotte Stapenhorst entscheidet sich, Nonne zu werden. (AP)
Charlotte Stapenhorst entscheidet sich, Nonne zu werden. (AP)

Dass sich eine Mädchenfreundschaft aus Kindertagen, innig wie die der Zwillinge Hanni und Nanni, irgendwann doch auseinanderlebt, ist nichts Besonderes. Manchmal ist die Berufswahl, meist ist ein Mann dran schuld.

Im Fall von Charlotte Stapenhorst und Ilka Piepgras ist es ein griechischer Mönch. Kunststudentin Charlotte will nicht ihn zum Mann, aber seinen Glauben und seine Weisheit zur Lebensgrundlage haben. Sie bricht mit ihren Eltern, lässt sich orthodox taufen, nennt sich fortan "Diodora", wird erst Nonne, dann Äbtissin. Ist sie einem Guru verfallen? Wird dies ein Trostbuch für alle, die einen geliebten Menschen mehr als nur "aus den Augen verloren" haben?

"Anfangs war ich wütend, dass sie so abrupt aus meinem Leben verschwand und es nicht für nötig hielt, ihren Schritt zu erklären. Meistens wirken gläubige Menschen auf mich respektabel, aber auch irgendwie humorlos und verklemmt. Charlotte war aber doch weder ein schlichtes Gemüt noch ein graues Mäuschen."

Die Journalistin Ilka Piepgras, in zweiter Ehe Mutter von zwei Kindern, wartet nicht aufs 25-jährige Abitur-Klassentreffen, sondern fährt nach Griechenland. Dieses Buch ist der Bericht ihrer Reise. Einer Reise zu Charlotte (die sie sucht und nur als Diodora findet), zu Geronda, dem Seelenführer (den sie fürchtet und der sie verblüfft), zur orthodoxen Theologie und Frömmigkeit (deren Mystik sie fasziniert, deren Rigorismus sie erschreckt) und – zu sich selbst.

Denn alle "Warum"-Fragen von Ilka, die vorwurfsvollen und die staunenden, spiegelt Diodora ihrer Freundin zurück. Und löst damit eine Sichtung und Neubewertung ihres intellektuell säkularisierten Herkunftsmilieus aus. Beide wollen sich verstehen, aber: Begriffenhaben und Ergriffensein sind zweierlei. Diodora wird nicht zur Heiligen und Ilka nicht zur Büßerin. Beide Frauen drängen zueinander und halten dennoch Distanz. Ilka Piepgras hat Sprache, hat den unbestechlichen Blick, hat die fast atemberaubende Fähigkeit, theologische Abstrakta konkret und schwer fassbare Atmosphären dingfest zu machen – darin liegen der Nutzwert und der Lesegenuss dieses Buches.

"Diodoras bedingungsloses Gottvertrauen kennt keine existentiellen Sorgen. Sie strahlt das Urvertrauen eines behüteten Kindes aus. Ihre Spiritualität ist identisch mit der Gewissheit, dass einem letztlich nichts Schlimmes passieren kann. In meinem Leben gilt es fortlaufend, irgendwas zu beschließen. Jeden Tag, jede Woche sind neue Meinungen gefragt. Hier dagegen wird das Leben so weit eingedampft, dass eine hochkonzentrierte Essenz übrig bleibt. Wäre das also etwas für mich? Nein. Ich würde jämmerlich zugrunde gehen. Die Kontrolliertheit der Nonnen würde bei mir in Erstarrung umschlagen, ihre Anspruchslosigkeit in Langeweile, die Selbstvergessenheit in Depression."

Kein Wunder, dass ein Vorabdruck dieses exzellent geschriebenen Buches im "ZEIT"-Magazin den katholischen Medienpreis 2008 gewann.

Besprochen von Andreas Malessa

Ilka Piepgras: Meine Freundin, die Nonne
Droemer Knaur Verlag, München 2010
296 Seiten, 19,95 Euro

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