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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.11.2006

Reise in unbekannte Dimensionen

Lisa Randall: "Verborgene Universen". S. Fischer 2006; 544 Seiten

Sternenhimmel (AP Archiv)
Sternenhimmel (AP Archiv)

Unsere Welt ist nur ein Teil eines vieldimensionalen Raums. Vielleicht nur Bruchteile eines Millimeters davon entfernt können andere, für uns unerreichbare Universen existieren. Was die Physik über diese unbekannten Welten in Erfahrung gebracht hat, darüber informiert Lisa Randall in ihrem spannenden Buch "Verborgene Universen".

Lisa Randall wagt einen gewaltigen Spagat: Ihr Buch spare nicht mit den fortgeschrittensten und fesselndsten Ideen der Physik, aber sie habe ihr Möglichstes getan, dass man es aus sich selbst heraus verstehen könne, so betont sie im Vorwort. Zugleich wolle sie die theoretische Physik offen legen, ohne das Thema irreführend zu vereinfachen oder dass die wissenschaftliche Darstellung darunter leide. So hat die Physikerin in der Tat ein sehr dickes und sehr wissenschaftliches Buch geschrieben.

Es ist eine Reise in den extradimensionalen Raum, so der Untertitel. Wer sich auf die 544 Seiten einlässt, taucht ein in die verborgenen Dimensionen unseres Kosmos. Die beobachtbare Welt, so erklärt die Autorin, sei nur eine von zahlreichen Inseln inmitten eines vieldimensionalen Raumes. Ein anderes Universum könne immer ganz in unserer Nähe sein - vielleicht nur Bruchteile eines Millimeters von uns entfernt und dennoch unerreichbar, weil wir unserem dreidimensionalen Raum nicht entfliehen können und die Dimensionen der anderen Universen gleichsam aufgerollt sind. Erst wenn Quantenmechanik und Relativitätstheorie sich in der Stringtheorie vereinen, lassen sich die vielen Universen fassen und detailliert beschreiben. Lisa Randall ist zwar Theoretikerin, aber sie macht sich mit den Leserinnen und Lesern auf die Suche nach beobachtbaren Effekten dieser zunächst reichlich bizarr anmutenden Theorien.

Nach einer Einführung in zusätzliche Dimensionen und einer Darstellung der Fortschritte in der Physik am Anfang des 20. Jahrhunderts behandelt die Autorin die Physik der Elementarteilchen. Wie erklären sich Physiker den Aufbau unserer Welt? Welche Teilchen sind bekannt? Welche müssten noch zu entdecken sein, wenn die theoretischen Vorstellungen von heute stimmen? Lassen sich die großen Probleme der Stringtheorie und zusätzlicher Dimensionen jemals lösen? Lisa Randall berichtet an diesen Stellen gerne auch von ihrer persönlichen Arbeit, von ihren - teils durchaus umstrittenen - Ideen, die Welt zu erklären. Doch die Autorin kommt dabei nie im Brustton der Überzeugung daher, dass es nur so sein könne und nicht anders. Sie nimmt sich angenehm zurück und betont, welche Probleme noch ungelöst sind, welche Fragen noch immer offen.

Über die Arbeitsgebiete der modernen Physik kann kaum jemand so kompetent schreiben wie Lisa Randall. Denn die Autorin gehört zu den besten theoretischen Physikern der Welt - ihre Spezialgebiete sind Teilchenphysik, Stringtheorie und Kosmologie. Sie ist die erste theoretische Physikerin am renommierten Massachusetts Institute of Technology. Ihre Fachartikel gehören zu den am meisten zitierten Arbeiten in der wissenschaftlichen Welt. Auch ihr neues Buch ist schon ein Bestseller - allerdings sicher nicht unbedingt für Otto Normalverbraucher oder sein amerikanisches Pendant Joe Sixpack. Wer noch nie Begriffe wie Eichboson, Strings oder Wirkungsquantum gehört hat, für den ist dieses Buch nicht leicht zu lesen.

Jedes der 25 Kapitel beginnt mit einer kurios zum Thema passenden Liedzeile populärer Songs, etwa von Elvis Presley, Aretha Franklin oder REM. Dann führt eine szenische Geschichte in das Thema ein, um so die Brücke aus dem vertrauten Alltag zur abstrus erscheinenden Welt der Physik zu schlagen. Doch trotz dieser immer sehr kurzweiligen und lebensnahen Einstiege wird der Text dann sehr schnell unübersichtlich, jedenfalls für den Wissenschaftslaien. Lisa Randall bemüht sich nach Kräften, die Zusammenhänge mit einfachen Worten zu schildern. Doch angesichts des sehr komplexen Stoffes kann das gar nicht immer gelingen. Wer zwischendurch völlig den Faden verliert, dem hilft am Kapitelende eine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte, die für den folgenden Text unerlässlich sind. Man spürt, dass die Autorin für uns alle ein dickes Lehrbuch der modernen Physik geschrieben hat.

Das Glossar am Ende des Buches ruft die zahlreichen im Text vorkommenden Fachbegriffe in Erinnerung. Das ausführliche Register ermöglicht das gezielte Aufsuchen bestimmter Passagen im Text. Leider ist die Übersetzung stellenweise etwas unglücklich. Es müsste nicht immer der sehr amerikanische Superlativ sein. Zudem hat der Verlag den Originaltitel "Warped Passages", wörtlich "verbogene Überfahrten", in "Verborgene Universen" geändert - nicht aber manche Kapitelüberschrift angepasst, so dass im Englischen pfiffige Wortspiele im Deutschen reichlich unpassend wirken. Lisa Randall erklärt die moderne Physik allein mit ihren Worten, nur selten unterstützt ein Bild oder eine Grafik die Erläuterungen - wer im Text die Gleichungen vermisst, findet sie im mathematischen Anhang.

Fazit: Ein Buch, das man nicht durchlesen kann, sondern durcharbeiten muss. Dann aber ermöglicht es einen wirklich tiefgründigen Blick in die Welt der Physik und offenbart höchst elegant die großen Zusammenhänge. Es ist ein Buch von einer großen Physikerin für die vielen kleinen Physiker.

Rezensiert von Dirk Lorenzen

Lisa Randall: Verborgene Universen. Eine Reise in den extradimensionalen Raum
Aus dem Amerikanischen von Hartmut Schickert
S. Fischer 2006
544 Seiten, Preis: 19,90 Euro

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