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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.07.2012

Reise in die Depression

Georges Perec: "Ein Mann der schläft", diaphanes Verlag

Georges Perec während einer Signierstunde für sein 1965 erschienenes Debüt "Les choses" (Die Dinge) (picture alliance / dpa)
Georges Perec während einer Signierstunde für sein 1965 erschienenes Debüt "Les choses" (Die Dinge) (picture alliance / dpa)

In einer Art hellwachem Stumpfsinn wandert ein Student durch Paris, wenn er nicht gerade apathisch im Bett liegt. Georges Perecs großartiger Roman von 1967 ist ein Versuch über die Unvereinbarkeit von philosophischer Radikalität und bürgerlichem Leben.

Überdruss und Mattigkeit, ein arglistig dumpfes Unbehagen bemächtigen sich eines jungen Mannes in seiner winzigen und brutheißen Pariser Dachmansarde. Er sollte lernen und schafft es nicht. Als der Tag seiner Prüfungen an der Universität herankommt, hört er den Wecker klingeln, weiß, dass er aufstehen müsste, und bleibt liegen. Nicht aus Protest. Nicht weil er sich den Anforderungen mit Bedacht entziehen will. Sondern weil ... – nun ja, der Gründe gibt es viele und keine. Er kann sich halt nicht aufraffen. Er trinkt eine Schale Nescafé und weicht drei Paar Socken in einer rosa Plastikschüssel ein.

So beginnt ein existentielles Abenteuer. Eine Reise in die Depression. Mal schläft der 25-Jährige am Tag und durchwandert die Nacht, mal sitzt er Stunden vor einem Baum, einem Bild – und will diese Dinge begreifen, ohne wirklich etwas begreifen zu wollen. Denn längst ist diese unentrinnbare Apathie auch zur intellektuellen Herausforderung geworden. Wird es ihm gelingen, die vollkommene Gleichgültigkeit zu leben? Kann er jenseits allen Wollens sein?

Er durchstreift die Stadt, die Museen, seinen Körper, seine Erinnerungen, seine Gedanken, überquert alle Pariser Brücken. Er geht in Bars und Bistros, isst und trinkt, zählt sein Geld und teilt es ein. Er funktioniert und ist doch nicht Teil dieser Welt, die er nicht einmal zu entlarven sucht. Sich nur bewegt in ihr – in einer Art hellwachem Stumpfsinn.

Georges Perec, 1936 in Paris geboren und nur knapp dem nationalsozialistischen Morden entkommen, ist mit nur 46 Jahren gestorben. Er wurde berühmt als einer der Mitbegründer der Autorengruppe Oulipo, die sich Werkstatt für potentielle Literatur nannte und mit Sprache, mit Tonmelodien und Worten experimentierte.

Der Roman "Ein Mann der schläft" ist zwar Ende der 80er-Jahre schon einmal auf deutsch erschienen – ist jedoch noch immer viel zu unbekannt bei uns. Dabei ist der schmale Band ein großartiges Leseerlebnis. Denn Perec beschreibt den Weg in die Leere nicht als Erinnerung eines Ich-Erzählers, sondern bleibt im Präsens und im Du: "Du zählst und ordnest die Risse in der Decke."

Dadurch bekommt der Text eine so suggestive Unmittelbarkeit, dass man bedrängend nah ans Geschehen oder eben Nicht-Geschehen heranrückt. Das Du kriecht uns unter die Haut, während es Perec erlaubt, sich von seinem Helden zu entfernen und eine so grimmige Einsamkeitserkundung zu wagen, wie sie ein Ich vielleicht kaum ausgehalten hätte.

Perec hat hier wohl auch von sich erzählt. Und sich zugleich an manch großen Helden der Literatur orientiert, die sich für eine Weile oder grundsätzlich dem Leben verweigerten. Melvilles Bartleby – indirekt wird er erwähnt – gehört ganz gewiss dazu.

Perecs Roman ist auch ein Versuch über die Unvereinbarkeit von philosophischer Radikalität und bürgerlichem Leben. Doch auch die Verweigerung ergibt keinen Sinn. Die Gleichgültigkeit hat den Mann, der schläft, nicht umgebracht und verändert hat sie ihn auch nicht. Welch niederträchtige Erkenntnis. Und auf einmal kommt das Wollen zurück. Er will, dass es aufhört zu regnen.

Besprochen von Gabriele von Arnim

Georges Perec: Ein Mann der schläft. Roman
Aus dem Französischen von Eugen Helmlé
diaphanes Verlag, Zürich 2012
112 Seiten, 10 Euro

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