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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.05.2009

Reise in den Iran

Mahmoud Doulatabadi: "Der Colonel", Unionsverlag Zürich 2009, 223 Seiten

Der Roman spielt im Iran (hier Isfahan) (AP)
Der Roman spielt im Iran (hier Isfahan) (AP)

"Der Colonel" ist eine Reise in den Iran. Der Roman spielt in den Achtzigerjahren während des ersten Golfkrieges zwischen dem Iran und dem Irak. In und um Teheran geht es um die totale Verteidigung, bestimmt durch Kamikaze-Mythen, Hysterie und Paranoia.

"Ich bin zum Schreiben verdammt." Das sagt der persische Schriftsteller Mahmoud Doulatabadi über sich selbst. Mahmoud Doulatabadi, Jahrgang 1940, Sohn eines Schusters, ist mit 13 Jahren von zu Hause weggelaufen und hat als Obdachloser auf den Straßen Teherans gelebt, war von 1975 bis 77 politischer Häftling und Folteropfer des Schahregimes, und ist heute Professor für Literatur in Teheran.

Sein Weg in die Öffentlichkeit begann zunächst als Schauspieler. Daneben schrieb er 15 Jahre lang an dem 3000-Seiten-Roman "Kelidar", der 1982 veröffentlicht wurde und ihn über Nacht zum wichtigsten zeitgenössischen Schriftsteller seines Landes machte. 100.000 Exemplare wurden im Iran verkauft. 1997 entdeckte auch der deutsche Buchmarkt Doulatabadi, weitere Bücher erschienen, zuletzt 2005 "Die alte Erde", jetzt sein neuer Roman "Der Colonel".

Der Roman spielt in den Achtzigerjahren während des ersten Golfkrieges zwischen dem Iran und dem Irak. Saddam Hussein, zu diesem Zeitpunkt noch Hätschelkind der USA, überfällt die Erdölquellen des Iran, die seit 1979 in den Händen der islamischen Fundamentalisten Khomeinis sind.

Im Iran wird die totale Verteidigung ausgerufen, bestimmt durch Kamikaze-Mythen, Hysterie und Paranoia. Die 13-jährige Tochter des Hauptprotagonisten, des Colonels, eines ehemaligen Offiziers der Schaharmee, wird wegen Defätismus und Wehrkraftzersetzung hingerichtet.

Die 24 Stunden um deren Begräbnis herum stecken die Rahmenhandlung ab, im Prinzip aber gibt "Der Colonel" einen historischen Abriss der Geschichte des Iran der letzten 150 Jahre und damit einer Kette von immer wieder aufkeimendem Optimismus und bitterer politischer Enttäuschung.

Im Zentrum des Romans stehen der Colonel und seine Kinder. Die meisten sind tot oder verschollen. Das Haus des Colonels ist verwaist, bis auf ihn selbst und seinen ältesten Sohn, ein durch Folter gebrochener Linksintellektueller, der im Keller des Hauses wie in einer Gefängniszelle lebt.

Der Leser hat das Gefühl, ein surreales Irrenhaus zu betreten. Retrospektiven verstorbener Kinder und die multiplen Charaktere von Vater und Sohn schaffen beim Leser Verwirrung; der permanente Wechsel von Erzählzeiten, Sprechern und Perspektiven löst Hilflosigkeit aus, und erst ganz langsam setzt sich ein Mosaik des Schreckens zusammen und die Rätsel werden aufgelöst.

15 Jahre lang hat Doulatabadi an "Der Colonel" geschrieben, unzählige Fassungen entstanden, herausgekommen ist ein hermetisch verschlossener Horror-Tripp, dessen Zugang sich der Leser selbst erarbeiten muss. Belohnt wird er mit expressionistischer, morgenländisch-poetischer Sprache, -"Blut in der Farbe des Berghonigs"-, wie auch mit existentialistischer Literatur, die in ihrer Gewaltigkeit an Beckett, Sartre, Camus und Kafka erinnert. Mit "Der Colonel" hat Doulatabdi ein Mahnmal für die Opfer der Tragödie Iran der letzten 60 Jahre geschaffen, ein literarisches Gegenstück zu Picassos "Guernica".

Als Tipp: Wer den Roman nicht als Überdosis pur genießen möchte, dem sei angeraten, die historischen Erläuterungen des Nachworts zuerst zu lesen. Auf jeden Fall ein Buch, das man nie wieder vergisst, - zu brutal der Inhalt, zu genial die Sprache.

Rezensiert von Lutz Bunk

Mahmoud Doulatabadi: Der Colonel
Aus dem Persischen übersetzt von Bahman Nirumand
Unionsverlag Zürich 2009
223 Seiten, 19,90 Euro

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