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Reise durch den Dschungel der Theaterpostmoderne

Das Impulse-Festival bietet viel Selbstbeschau und einige Höhepunkte

Von Stefan Keim

Performance der Gruppe Gob Squad in der Kölner Innenstadt
Performance der Gruppe Gob Squad in der Kölner Innenstadt (© David Balzer/Impulse Festival)

Das Impulse-Festival sieht sich als das Bestentreffen der Off-Bühnen. Viele herausragende Theatermacher an den großen Bühnen haben hier erstmals überregional Aufmerksamkeit erregt. In diesem Jahr geht es mit mehreren fremdsprachigen Produktionen international zu.

Ein roter Stern leuchtet über der Bühne. Mit eiförmigen Masken auf den Köpfen rufen die Performancekünstler der Gruppe andcompany und co. Namen großer Revolutionäre, als wollten sie wieder die Zeiten herauf beschwören, als noch Menschen an den Sozialismus glaubten. "Mausoleum buffo" heißt der Abend, eine Show über den Glauben an Utopien, keinesfalls nur ironisch, auch wenn in diesem Mausoleum neben Lenin und Karl Marx auch Micky Maus ihren Platz hat.

Revuen, Performances und Diskurstheater zeigt das Bestentreffen der Off-Bühnen in Bochum, Düsseldorf, Köln und Mülheim an der Ruhr. Dass ein großer Teil der freien Bühnen auch Klassiker und Yasmina Reza inszeniert, um den Zuschauer anzulocken, spielt auf diesem Festival keine Rolle, denn das trägt den Titel "Impulse", was die Macher Matthias von Hartz und Tom Stromberg zusammen mit der Auswahljury als Aufforderung sehen, ungewöhnliche ästhetische Formen zu präsentieren, die sich ja, das zeigt die Erfahrung, schnell an den Stadttheatern durchsetzen.

Wie das Duo Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen, die zuletzt am Deutschen Theater Berlin und am Theater Aachen inszenierten. Stets arbeiten sie mit Tänzern von der Elfenbeinküste und deutschen Schauspielern. Zweisprachig umkreisen sie die Themen ihrer Stücke, reflektieren zum Beispiel in "Othello, c´est qui" was Eifersucht in Deutschland und in Afrika bedeutet.

"Une personne que tu connais!
"Eine Person die du kennst"
"Tu mange avec lui"
"Du isst mit der"
"Du lebst mit ihr."
"Du denkst, du kennst sie gut, aber der Tag, an dem du seine Ehre triffst, kennst du ihn nicht mehr, weil er sich verändern wird."

Gintersdorfer und Klaßen zeigen gleich zwei Arbeiten beim "Impulse-Festival". Ebenso wie Boris Nikitin, ein Shooting Star der Szene, der wie viele heraus ragende Off-Theatermacher Angewandte Theaterwissenschaften in Gießen studiert hat. Nikitin macht radikales Diskurstheater. Der Schauspieler Malte Scholz steht auf der Bühne und reflektiert mehr über Büchners "Woyzeck", als dass er ihn spielt. Denn an die Möglichkeit, glaubwürdig andere Menschen zu verkörpern, glaubt er längst nicht mehr. Er kann nur sich selbst spielen, nämlich Malte Scholz. Und selbst das ist noch eine Fiktion, wie in Nikitins zweitem Abend deutlich wird. Der heißt "F wie Fälschung", sehr frei nach dem Film von Orson Welles.

"Also warum gehe ich eigentlich ins Theater? Warum gibt es so etwas wie Dinge, die ich gern immer wieder mache? Also, vielleicht fragt man sich natürlich, ist Theater vielleicht selber oder wirkt Theater so ähnlich wie eine Art Begehren?"

Es gibt auch bei den Impulsen Theater, das verzaubert. Zum Beispiel "La Mélancholie des Dragons" – die Schwermut der Drachen – von Philipp Quesne und seinem Vivarium Studio. Da stranden sechs langhaarige junge Männer und ein Hund irgendwo im Schnee. Eine Frau kommt vorbei, kann ihr kaputtes Auto aber nicht reparieren. Und sie beginnen, ihr Attraktionen vorzuführen, mit denen sie einen Freizeitpark eröffnen wollen. Sie blasen riesige Plastiksäcke auf, blasen Nebel über die Bühne, während der Hund anfängt, den Kunststoffboden zu fressen. Eine überraschend zarte, ruhige, wunderschöne Aufführung aus Frankreich, die im Festival als Special Guest zu sehen ist.

Denn wenn am Sonntag die Preise vergeben werden, geht es nur um Produktionen aus dem deutschen Sprachraum. Und da findet sich inhaltsschweres Dokutheater über die Lage in Ruanda, eine dreieinhalbstündige Nacherzählung der Paten-Trilogie und ein choreographischer Abend über den Spitzentanz, eine unglaubliche Vielfalt.

"Das ist bewusst ein sehr breites Programm."

Matthias von Hartz ist einer der beiden künstlerischen Leiter.

"Was zum einen damit zu tun hat, dass es ja ein Bestenfestival ist und nicht einer kuratorischen Linie folgt. Und zum anderen, dass es für uns wichtig war, noch stärker als letztes Mal das Spektrum zu zeigen dessen, was im freien Theater im Moment an interessanten Positionen zu finden ist."

Ein der spannendsten Positionen vertritt das britisch-deutsche Performancekollektiv Gob Squad. Die vier haben sich – als Zauberer und Superhelden verkleidet – einen Tag lang in die Kölner Innenstadt gestellt und versucht, das Leben auf diesem Platz für die Nachwelt festzuhalten.

"Ich wollte nie etwas verpassen, kam aber regelmäßig zu spät. Auch konnte ich mich ganz schlecht von Dingen trennen und hob deswegen alles auf. Ich hatte panische Angst, zu jung zu sterben. Aber dafür war es jetzt eigentlich schon ein bisschen zu spät."

Sie reden mit Passanten über die Seele und den Kaffee, das Geld und den Tod. "Saving the world" heißt der Film, an dessen Ende die echten Schauspieler auftreten und mit ihren Videoabbildern diskutieren. Diese spontane, bei aller Skurrilität immer wieder Abgründe aufreißende und stets ehrliche Weltrettung und –bewahrung ist ein Höhepunkt des Festivals, weil sie zentrale Fragen stellt ohne auch nur ansatzweise in Kitsch oder Bedeutungsschwere abzugleiten. Gob Squad feiert die Menschlichkeit. Mit allen Macken, Versprechern und Peinlichkeiten. Äh, ja, das war´s dann eigentlich.

Service:
Das Festival Impulse läuft noch bis 6. Dezember in Bochum, Düsseldorf, Köln und Mülheim.

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