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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.08.2013

Reise ans Ende der Nacht

Clemens Meyer: "Im Stein", S. Fischer Verlag, Frankfurt 2013, 560 Seiten

Meyers Roman handelt von den Abgründen des ältesten Gewerbes der Welt. (picture alliance / dpa / Boris Roessler)
Meyers Roman handelt von den Abgründen des ältesten Gewerbes der Welt. (picture alliance / dpa / Boris Roessler)

Mit "Im Stein" hat Clemens Meyer einen wuchernden Roman über das Bezahlsexgewerbe abgeliefert. Bordellkönige, Prostituierte, Immobilienhaie, Rocker monologisieren ohne durchgehende Handlung - als Helden einer literarisch aufgebrezelten Sozialstudie.

Jüngst alarmierte der "Spiegel", Deutschland verkomme zum Bordell Europas. Hunderttausende Huren bieten hierzulande ihre Dienste an, in Clubs, Wohnungen, auf der Straße. Clemens Meyers Roman "Im Stein" ist das Buch zum Thema: ein wuchernder Report über die Prostitution in einer ungenannten ostdeutschen Stadt, die an Leipzig erinnert. In "Eden City" ist Sexarbeit ein Standortfaktor. Sie hat sich zu einer Lustindustrie ausgewachsen, in der man wenig Spaß versteht.

Es gibt keine durchgehende Handlung. Kapitel für Kapitel monologisieren Protagonisten des Bezahlsexgewerbes vor sich hin: Immobilienhaie, die im Osten blühende Saunalandschaften errichten. Männer wie Arnold Kraushaar, der flächendeckend Wohnungen anmietet, in denen die Frauen freischaffend anschaffen. Menschliche Wracks wie der "Reiter", ein ehemaliger Jockey, der die Bordelle auf der Suche nach seiner verlorenen Tochter durchstreift.

Wir lernen das Innenleben von Zuhältern kennen, die sich selbst nicht so bezeichnen möchten, wir begegnen Bordellkönigen wie dem "Grafen". Es gibt ein Gespräch mit einem Heidegger lesenden "Engel"-Rocker und den inneren Monolog eines alten Kommissars, der sich gerne bei einer Prostituierten mit monströs ausladenden Formen vom Dienst erholt. In Bewusstseinsströmen geht es um die Abgründe und Untiefen des Gewerbes, die Geschäftsmodelle und Rivalitäten mit den "Jugos" und Russen, die Änderungen in der Stadt nach 1989, die mehr oder weniger förderlichen Auswirkungen des Prostitutionsgesetzes, die drückenden Nebenkosten und die Steuersparmodelle.

Prostituierte im Selbstgespräch

Dazwischen immer wieder die Selbstgespräche von Huren, in denen kein Spezialangebot, das für Geld zu haben ist, ausgelassen wird. Die sich auf Dauer aber kaum aufregender lesen, als wären es Dienstberichte von Friseusen oder Drogerieverkäuferinnen. Sie nennen es eben auch nur Arbeit, haben ihre Strategien, sich mit der Nähe unliebsamer Männerkörper zu arrangieren. Zwar gibt es den einen oder anderen Toten, aber Krimispannung will darüber nicht aufkommen. In den besten Passagen erinnert der Roman mit seinen Überblendungen, Assoziationen, Perspektivwechseln und einströmenden Erinnerungen an die fiebrige Großstadtdichtung der 20er-Jahre.

Clemens Meyer wird gern mit "verruchten" Autoren wie Genet oder Céline in Verbindung gebracht. Aber seine Reise ans Ende der Nacht hat wenig dunklen literarischen Furor. Sie kommt im Sackbahnhof einer literarisch aufgebrezelten Sozialstudie an – ein deutliches Vorbild sind die St.-Pauli-Interviews von Hubert Fichte ("Wolli Indienfahrer"). "Im Stein" hat zwischen öden, redundanten Strecken aber auch große Passagen. Dazu gehört der aufgekratzt-obszöne Radio-Monolog eines "Hurentesters", in dem die Sprache einschlägiger Internet-Foren karikierend auf die Spitze getrieben wird, immer wieder unterbrochen von lakonischen Biografien zumeist osteuropäischer Sexarbeiterinnen.

Dazu gehört die Darstellung einer 14-Jährigen, die in einer Wohnung mit anderen Minderjährigen feilgeboten wird und in deren Kopf sich die Welten von Disneys lustigen Taschenbüchern und der bezahlten Lust beklemmend mischen. Meyer hat das kenntnisreichste, krasseste und dabei unpornografischste Buch über die Prostitution in Deutschland geschrieben. Nur macht die Wahrheit noch keinen großen Roman.

Besprochen von Wolfgang Schneider

Clemens Meyer: Im Stein
S. Fischer Verlag, Frankfurt 2013
560 Seiten, 22,99 Euro

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