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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.02.2009

Reise ans Ende der Nacht

Karl Schlögel: "Terror und Traum. Moskau 1937", Hanser Verlag, 811 Seiten

Josef Stalin - Moskau im Jahre 1937 symbolisiert den Höhepunkt seiner Schreckensherrschaft. (AP)
Josef Stalin - Moskau im Jahre 1937 symbolisiert den Höhepunkt seiner Schreckensherrschaft. (AP)

Das Moskau des Jahres 1937, Symbol für den Höhepunkt des Stalinschen Terrors ist Schauplatz von Karl Schlögels Buch "Terror und Traum". Der Historiker schafft es, Dokumentenfülle und die Ergebnisse minutiöser Recherche über eine fürchterliche Diktatur zu liefern und mit hoher literarischer Qualität zu verknüpfen.

Karl Schlögels Buch beginnt literarisch. Mit der Schlussszene aus "Der Meister und Margarita", die er aufnimmt und - umdreht. Nicht in die Freiheit, wie in Michail Bulgakows Roman geht Margaritas Flug, sondern zurück nach Moskau 1937, in eine Stadt auf dem Höhepunkt des Stalinschen Terrors. Eine Reise ans Ende der Nacht, deren knapp vierzig Kapitel sich wie Novellen lesen. Und Schlögels Buch bleibt literarisch, trotz Dokumentenfülle und minutiöser Recherche.

Am Ende des Erzählrahmens wird eine Baugrube besichtigt, wo einst die Christi-Erlöser-Kirche stand, die für einen "Palast der Sowjets" gesprengt wurde. Doch aus dem geplanten Palast soll nichts werden. Baustoffe und Stahl werden gebraucht, um die Hauptstadt gegen die deutsche Wehrmacht zu verteidigen.

Zwischen dem Flug der Margarita und dem Traum vom Palast zeichnet der Historiker Karl Schlögel das Bild einer Stadt, in der Vernichtung neben Utopie, Terror neben Traum steht. Im Moskau des Jahres 1937 scheint alles möglich, und alles geschieht zur gleichen Zeit.

Da versammeln sich die Chefs des Massenmordes im Bolschoi-Theater, um das Jubiläum der Tscheka zu feiern, an einem Ort, wo sonst Musik von Bizet oder Mussorgski erklingt. Da verhaftet man die Verantwortlichen für den Bau des Moskwa-Wolga-Kanals genau in dem Moment, als er feierlich eröffnet wird. Da werden "allgemeine, freie, direkte und geheime Wahlen" zum Obersten Sowjet im Dezember vorbereitet und zugleich Massenaktionen in Gang gesetzt, um bis dahin Hunderttausende zu verhaften und zu töten.

Diese Geschichte "von oben" verwebt Schlögel mit dem Alltag, mit Tagebuchausschnitten, Erinnerungen, Fotos, Filmausschnitten, Massenliedern. Er erzählt von hungernden Bauern nach einer Missernte, von Warteschlangen und Schwarzmärkten, von Luxus und Traumstränden. Er erinnert daran, dass Künstler nach Amerika reisten und sich Werktätige in Stalins Lunapark erholten, an die sowjetische Arktisexpedition und den Geologenkongress. Das Radio wird zum Hintergrundgeräusch der neuen Zeit.

All das relativiert nichts, sondern wächst zu einer großen Erzählung aus den Zeiten des Terrors. Sie hätte wohl so nicht zustande kommen können ohne die Hilfe der Aktivisten von "Memorial", die Kontakte hergestellt, Überlebende befragt und Spuren gesichert haben. Durch sie wurden - Jahrzehnte nach 1937 - die Todesplätze des Terrors gefunden.

Auf dem Schießplatz von Butowo, beispielsweise gruben Archäologen in anderthalb Metern Tiefe dicke Schichten mit Resten von Kleidern, Leder- und Filzstiefeln und "im Laufe der Jahrzehnte ineinander verschmolzenen Leibern" aus. Gläubige und Atheisten, Bauern, Arbeiter, Akademiker und Parteifunktionäre waren mit Kopfschuss getötet oder sogar bei lebendigem Leibe zugeschüttet worden.

Wie es dazu kam, dass Hunderttausende Menschen sich absurdester Verbrechen beschuldigten, andere denunzierten, dann verhaftet und verurteilt wurden, in Lager verbracht, ermordet und verscharrt wurden, dafür hat Schlögel keine These. Die Rolle der Angst muss noch erforscht werden.

Aber wie er die verschiedenen Fäden des Geschehens zusammenknotet, damit hält er dessen Rätselhaftigkeit fest: Als einen "naturprozesshaften Kampf", der wie ein Strudel ist, in den auch jene gerieten, die scheinbar an führender Stelle agierten und dirigierten. Dieser Sog überträgt sich beim Lesen.

"Keine Menschen, keine Probleme." Aus dem Satz Stalins wurde ein brutales Programm. Und wie die Menschen sollte auch das Alte verschwinden und ein neues, sowjetisches Moskau erstehen. Andererseits wurde die Historie beschworen, wie das Puschkin-Jubiläum am 10. Februar 1937. Nicht als Verbeugung vor der Vergangenheit, sondern als gemeinsamer Nenner.

Denn wer sich an etwas erinnerte, was nicht sowjetischer Kanon war und diese Erinnerung auch kundtat, der lebte gefährlich im Jahr 1937. Auch wer nichts tat und bloß zur falschen Zeit am falschen Ort war, konnte ins Räderwerk des Terrors gelangen. Niemand und nichts war sicher in jener Zeit, in der Terror und Utopie unfassbar nahe beieinander lagen. Das beschreibt Schlögel in seinem Buch "Terror und Traum. Moskau 1937" meisterhaft. Es ist ein Geschichtsbuch von literarischer Qualität.

Rezensiert von Liane von Billerbeck

Karl Schlögel: Terror und Traum. Moskau 1937
Hanser Verlag
811 Seiten, 29,90 Euro

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