Seit 12:07 Uhr Studio 9
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 12:07 Uhr Studio 9
 
 

Interview / Archiv | Beitrag vom 03.09.2013

"Reiner Aktionismus"

Historiker Wolffsohn lehnt juristische Verfolgung von hochbetagten NS-Tätern ab

Der Historiker Michael Wolffsohn (picture alliance / dpa - Karlheinz Schindler)
Der Historiker Michael Wolffsohn (picture alliance / dpa - Karlheinz Schindler)

Sollten ehemalige KZ-Aufseher vor Gericht gestellt werden? Der Historiker Michael Wolffsohn ist strikt dagegen. "90-Jährige vor Gericht zu stellen, bringt überhaupt nichts."

Die Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen will 30 Verfahren an die Staatsanwaltschaften übergeben. In den Fällen geht es um ehemalige Aufseher im Konzentrationslager Auschwitz. Die Staatsanwaltschaften müssen nun entscheiden, ob sie Anklage wegen Beihilfe zum Mord erheben.

Der Historiker Michael Wolffsohn lehnt weitere Gerichtsverfahren gegen ehemalige KZ-Aufseher strikt ab. Er meint: Durch einen Prozess werde man weder "Recht noch Gerechtigkeit erreichen". Im Gegenteil: Die Täter würden "quasi als Märtyrer" dastehen.

Wolffsohn nannte als warnendes Beispiel den Prozess gegen den NS-Kriegsverbrecher John Demjanjuk. Die Reaktionen seien von Mitleid und nicht von Genugtuung geprägt gewesen. Das Urteil gegen Demjanjuk habe "nur" fünf Jahre betragen. Das habe zwar den Rechtsvorschriften entsprochen, mit Gerechtigkeit habe das aber nicht zu tun.

In den aktuellen Fällen sprach Wolffsohn von "reinem Aktionismus". Warum komme diese "Erfolgsmeldung" erst jetzt - fast 70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz? Es gehe offenbar auch um die Existenzberechtigung einer Behörde, kritisierte der emeritierte Geschichtsprofessor an der Münchner Universität der Bundeswehr.

Anstatt 90-Jährige vor Gericht zu stellen, erreiche man mit der Ächtung der Täter viel mehr. Diese hätten durch die Tatsache, dass sie versteckt gelebt hätten, gemerkt, "eigentlich tragen sie ein Kainszeichen". Zentral sei auch die kontinuierliche Aufarbeitung der NS-Verbrechen. Diese Aufarbeitung müsse weitergehen, selbst wenn alle Opfer und Täter gestorben seien.


Mehr zum Thema:
Mutmaßliche KZ-Aufseher müssen mit Anklage rechnen - <br> Vorermittlungen zu NS-Verbrechen abgeschlossen

Interview

FriedensmissionenNicht nur zahlen, auch hingehen
Ein Mann mit einem Stock bewaffnet, steht vor einem brennenden Fahrzeug in Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo. (PASCAL MULEGWA / ANADOLU AGENCY /afp)

Deutschland sollte sich stärker an UN-Friedensmissionen beteiligen, meint Daniel Maier, Mitarbeiter der UN-Mission Monusco in der Demokratischen Republik Kongo. Nötig sei unter anderem mehr Personal. Maier sieht noch mehr Kapazitäten.Mehr

Shimon Peres"Wir glaubten, er sei unsterblich"
Shimon Peres starb im Alter von 93 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls. (dpa  /Picture alliance EPA  Abir Sultan)

Shimon Peres wollte Frieden zwischen Israelis und Palästinensern. Doch wie steht es heute um dieses Ziel? "Es mangelt am politischen Willen", meint Anita Haviv-Horiner, die in Israel für den deutsch-israelischen Austausch arbeitet. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur