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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 01.09.2015

Reihe UN-MilleniumszieleNetzwerken für Gleichberechtigung

Von Caroline Nokel

Lila Luftballons mit dem aufgedruckten Symbol für weiblich schweben am 14.02.2014 über den Köpfen von Demonstrationsteilnehmern in München (Oberbayern). Die Demonstration richtete sich gegen Gewalt an Frauen und warb für mehr Gerechtigkeit im Umgang mit Frauen.  (picture alliance / dpa / Rene Ruprecht)
Ein UN-Ziel: Förderung der Geschlechtergleichstellung und der Selbstbestimmung der Frauen (picture alliance / dpa / Rene Ruprecht)

Allen Frauen und Mädchen mehr Macht geben, das wollen die Vereinten Nationen. Wie aber organisieren sich Frauen, um Teilhabe an Wirtschaft, Geld und Macht zu erlangen? Nicht anders als die Männer: Sie bilden Netzwerke - offizielle wie auch informelle.

An einem warmen Sommerabend im Restaurant eines Viersterne-Hotels in Köln: Knapp dreißig Frauen haben sich zum monatlichen Clubtreffen von "soroptimist" versammelt.

Der Name setzt sich zusammen aus dem lateinischen "soror" für "Schwester" und "optimus", "der, die oder das Beste". "Das Beste für die Frauen", so könnte man den Clubnamen interpretieren.

Nach eigenen Angaben ist das Frauennetzwerk weltweit eine der größten Serviceorganisationen berufstätiger Frauen in verantwortungsvollen Positionen. 1921 in den USA gegründet, gehören dem Netzwerk an die 100.000 Frauen in 117 Ländern an. Allein in Deutschland gibt es zirka 200 Clubs. Sylvia Achenbach, Präsidentin von "soroptimist Köln":

"Wir sind ja hier der größte, mitgliederstärkste Club in Deutschland. Es schwankt immer zwischen 57 und 60 Mitgliedern, und wir haben eine Altersstruktur von 33 bis 96. Das ist schon ein Spagat, den man machen muss. Weil gerade die sehr älteren, sehr erfahrenen Clubschwestern, und das finden wir sehr toll, sind im Endeffekt Mentorinnen für die Jüngeren wieder. Auch beruflich, die helfen. Das heißt, man kann sich sehr gut unterstützen."

Karriere junger Frauen fördern

"Unterstützen" - das bedeutet, junge Frauen in ihrer beruflichen Karriere zu fördern. Mit Mentoring-Programmen, einem Mentoring-Preis, aber auch informell einfach durch gute Kontakte. Aus eigenem Interesse gehen die "soroptimists" strategisch vor. Sie holen sich aus verschiedenen Berufsfeldern mindestens eine Vertreterin in ihre Reihen.

"Ich denke, dass das auch eine ernsthafte Qualität unseres Netzwerkes ist. Dass wir in so vielen unterschiedlichen Professionen tätig sind."

Uta Roessink, Anwältin für Familienrecht und Vizepräsidentin von "soroptimist Köln".

"Jeder ist sonst eigentlich in beruflichen Netzwerken des eigenen Berufes engagiert. So haben wir Kontakte zu allen möglichen beruflichen Umfeldern. Was dann unseren Horizont auch erweitert. Nicht nur unsere Möglichkeiten, sondern es ist einfach spannend zu hören: Wie ist die berufliche Realität von 'ner Ingenieurin, von 'ner Managerin, von 'ner Zeitungsfrau, von 'ner Pressesprecherin, von 'ner Chefärztin."

Berufstätige Frauen organisieren sich in vielen Ländern, um ihre Interessen zu vertreten und sich ihre Hälfte der Berufswelt zu sichern. "Professionelle Netzwerke" nennen Sozialwissenschaftler diese Art von Organisation. Allein bei den Frauen in Deutschland gibt es zahlreiche davon, vom Deutschen Juristinnenbund, über den Ärztinnen- bis hin zum Journalistinnenbund und dem European Women's Management Development. Katrin Pittius von der TU Dresden hat zu Netzwerken geforscht:

"Es gibt ganz explizit Frauennetzwerke, die auch ganz primär Frauennetzwerke sind und dann speziell thematisch ausgerichtet sind. Das sind vor allem die, die erwachsen sind aus bestimmten Defiziten heraus, aus Barrieren, die die Frauen erfahren haben. Und wo sich einfach ergeben hat, dass sie sich wirklich aktiv organisieren müssen, um dort mitzumischen, wo sie mitmischen wollen."

Die gläserne Decke

Barrieren für Frauen  - ja, aber nicht bei uns, so die landläufige Meinung in vielen westlichen Ländern. Die Wissenschaftlerin Katrin Pittius widerspricht:

"Wenn wir den Klassiker hernehmen. Wenn wir in Führungspositionen in gesellschaftlichen Bereichen schauen: Warum gibt es da vergleichsweise wenige Frauen? Das ist die gläserne Decke. Wir schauen von unten und sehen die Decke. Wir können auch durchschauen, sehen, wo man hinkommen könnte, kommen aber nicht durch. Diese Barrieren sind aber heute sehr viel subtiler. Das ist einerseits schön zu wissen, dass es viele Barrieren nicht mehr gibt, oder sie sind enttabuisiert. Andererseits ist die Schwierigkeit, dass viele Schwellen erst erkannt werden, wenn man sie nehmen will. Diesem Irrglauben sitzen vor allem viele junge Frauen auf. Das Konzept der Meritokratie 'Ich muss mich nur anstrengen, dann geht alles', greift eben dann doch nicht so sehr."

Netzwerke können dann helfen, Barrieren zu überwinden. Sie sind ganz unterschiedlich ausgeprägt und organisiert.

"Wenn wir uns jetzt meinetwegen eine Firma hernehmen. Dann existieren dort auch jenseits der professionellen organisationalen Ebene immer auch Netzwerke. Schon allein der Kolleginnenkreis ist ein Netzwerk, das Sie haben. Vor allem die informellen Netzwerke, die nicht über straffe Organisation funktionieren, sind oft die, über die Sie Einfluss gewinnen. Einfluss heißt zum Beispiel, an Informationen ranzukommen."

Viele Frauennetzwerke haben Mechanismen aus anderen Netzwerken übernommen, weil sie wissen, wie einflussreich sie sein können.

Katrin Pittius: "Was immer wieder gern in Studien rangenommen wird, sind die so genannten 'old boys networks'. Was schlichtweg besagt, dass ältere Herren in Netzwerken agieren. Das klassische 'after work beer'. Um dann am Ende die Geschäfte zu machen, die nicht über den Schreibtisch verhandelt werden. Das sind Netzwerke, in die Sie sich nicht hineinbegeben können. Sie werden integriert oder auch nicht. Über viele Jahre waren Frauen ausgeschlossen, weil sie sehr viel stärker die Fürsorgearbeit in der Familie übernommen haben, abends nicht verfügbar waren. Oder ihnen unterstellt wurde, dass sie an solch einem Termin nicht teilnehmen könnten. Da zeigt sich schon seit einigen Jahren eine weibliche Gegenbewegung."

Auch die "soroptimists" sind ein Netzwerk, in das man sich nicht einfach hineinbegeben kann.

Katrin Pittius: "Die sind aus meiner Sicht hochgradig professionell. Das ist wirklich ein sehr, sehr großes, professionelles Frauennetzwerk, das nicht nur in Deutschland verortet ist, sondern international. Ganz grob gesagt, setzen sie sich ein für die Wahrnehmung von Menschenrechten, dass sie quasi Männern wie Frauen zugänglich sind und realisiert werden können."

Mächtige Clubschwestern

Die "Soroptimistinnen" sind stolz darauf, dass so prominente Frauen wie die Prinzessin Beatrix der Niederlande und mächtige Frauen wie Maggie Thatcher zu ihren Clubschwestern zählen und zählten. Auf internationaler Ebene hat "soroptimist" ein eigenes Antragsrecht bei den Vereinten Nationen, Konsultativstatus beim Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen, und ist in mehreren UN-Unterorganisationen vertreten.

Katrin Pittius: "Solche großen Netzwerke wie die soroptimist, die eine ganze Reihe an Subgruppierungen haben, sind aus meiner persönlichen Sicht sehr wichtig, weil sie richtig Einfluss haben. Die haben Kontakte aufbauen können, wo es um Teilhabe an Macht, an Einfluss und Geld geht. Wenn wir das pragmatisch betrachten, ist das ja auch nötig. Wenn man was verändern will, braucht man auch Geld. Und Kontakte zu den Personen in den obersten Ebenen, die Entscheidungen treffen."

Die "Soroptimistinnen" machen erfolgreiche Lobby-Arbeit: Sie verfolgen ihre Ziele und vertreten ihre Interessen nach außen, Frauen in Führungspositionen profitieren gegenseitig voneinander. Zudem pflegen sie eine gewisse Nähe zur Macht und geben sich durch ihre Zugangsbeschränkung elitär.

Doch die "soroptimists" verstehen sich als Stimme aller Frauen und setzen sich auf UN-Ebene gegen Menschenhandel, für eine adäquate Gesundheitsversorgung für Frauen, für gleiche Bildungschancen oder für das Recht aller Frauen auf Geburtenkontrolle ein. Auf Club-Ebene unterstützen sie Frauen und Mädchen, die nicht die Möglichkeit haben oder hatten, Karriere zu machen.

An diesem Sommerabend in Köln stellen "Soroptimistinnen" fünf Projekte vor, die sie gemeinsam unterstützen: einen Verein, der gegen sexuelle Ausbeutung kämpft, den Sozialdienst katholischer Frauen, ein Kinderdorf, "Sack e.V.: Helfen durch Geben" und "go ahead", die Förderung von Bildungsprojekten in Südafrika. Mit einer Benefiz-Kinovorführung will "soroptimist" die Patenschaft einer Lehrerin in Südafrika finanzieren.

Uta Roessink: "Dieses 'go-ahead'-Projekt, wo jetzt die erste Aktivität zu geplant werden soll, ist ein Projekt, was Lehrerinnen speziell ausbildet. Und die bilden für einen Preis von 3600 Euro eine Lehrerin mehrere Jahre aus. Die muss sich dann verpflichten, an einer Grundschule mehrere Jahre zu unterrichten, um dann sich zu bedanken, dass sie die Ausbildung bezahlt bekommen hat. Und auf die Art und Weise fördern wir a) Frauen und b) Kinder in Südafrika, die es bitter, bitter nötig haben."

Netzwerke für Hausfrauen

Die professionellen Frauen-Netzwerke sind etwas für Frauen, die erwerbstätig sind. Die weiterkommen wollen und Lust und Zeit haben, sich über ihren Beruf hinaus zu engagieren. Doch was ist mit denen, die Erziehungs-, Pflege- und Hausarbeit leisten - "care", wie es heute heißt? Zirka zwei Drittel der unbezahlten Arbeit weltweit wird von Frauen geleistet!

Katrin Pittius: "Vernetzt sind die auf ihre Art auch, aber in der Regel nicht in solchen hochgradig professionellen und einflussreichen Netzwerken. Ohne persönliche Netzwerke kommt man in der Regel nicht aus. Wir sitzen alle irgendwo dann im gleichen Boot, haben unsere familiären Netzwerke, unsere nachbarschaftlichen Netzwerke, was auch immer."

Neben den persönlichen Netzwerken gibt es zwar vereinzelt professionelle wie in Deutschland das "Netzwerk Haushalt", den Nachfolger des "Deutschen Hausfrauen Bundes", der sich als Berufsverband der Haushaltsführenden versteht. Dennoch organisieren sich "Care"-Arbeiterinnen nicht so stark wie andere berufstätige Frauen. Warum das so ist? Katharina Mader, Volkswirtin an der Wirtschaftsuniversität in Wien:

"Ich denke, dass in dem Bereich vor allem deshalb keine Netzwerke sind, zum einen, weil es unbezahlt ist. Eben Netzwerke auf Erwerbsarbeitsebene ganz gut funktionieren, auch unter Frauen mittlerweile. Aber eben nur auf dieser Ebene. Auch dort, wo die care-Arbeit bezahlt geleistet wird, sind es schlecht bezahlte Arbeitsplätze, es sind zum Teil Schwarzarbeitsplätze. Das heißt, gerade diese Frauen werden sich kaum vernetzen. Dort, wo es schlecht bezahlte, schlecht abgesicherte Arbeitsplätze sind, ist auch die Tendenz eher, dass es keine Vernetzung gibt. Sondern dass frau versucht zu überleben."

Die Situation dieser Frauen zu verändern, werde eine große sozialpolitische Aufgabe der nächsten Jahre sein, so Katrin Pittius. Es gebe zwar Alleinerziehenden-Netzwerke oder Leih-Omas und Opas, die stundenweise auf die Kinder aufpassen, das aber löse nicht die Probleme.

"Das sind durchaus Dinge, die aus sozialen Lagen heraus sich entwickeln. Die aber am Ende, das ist zumindest meine Sicht, die eigentliche Problemlage nicht ändern können. Einerseits fehlt oft genug das Wissen, dass es da Netzwerke geben könnte, professioneller Art, die unterstützen. Und andererseits muss man auch ganz klar sagen, diese Frauen haben einfach keine Zeit!"

Denn der Gender-Wandel hat sich vor allem in der Erwerbsarbeit vollzogen.

"Dadurch, dass Frauen erwerbstätig sind, haben sie ihre finanzielle Situation und die ihrer Kinder verbessert und müssen nicht mehr in abhängigen Beziehungen bleiben. Was sich tatsächlich kaum verändert hat, ist die Aufteilung der Familienarbeit, bzw. der unbezahlten Arbeit zwischen Frauen und Männern. Da haben die Männer auch aufgeholt, aber im Wesentlichen ist es die Arbeit der Frauen."

Netzwerken in Entwicklungsländern

Der Zeithaushalt vieler Frauen dieser Welt ist sehr knapp. In armen Ländern sind die Frauen allein damit beschäftigt, Wasser für ihre Familie zu beschaffen und sie mit Nahrung zu versorgen. Sie kämpfen ums nackte Überleben. Dennoch gibt es immer wieder Frauen, die zeigen, dass Netzwerken auch hier möglich ist.

Die weltweite Organisation "FIAN", FoodFirst Informations- und Aktions-Netzwerk, zum Beispiel ist offen für alle. Es tritt für Geschlechtergerechtigkeit und das Recht auf angemessene Nahrung ein. 70 Prozent aller Hungernden sind Frauen und Mädchen. Vor allem ein Mangel an Rechten führe zu Hunger, so die Organisation. "FIAN" ist auch in Deutschland vertreten. Britta Schweighöfer aus dem Arbeitskreis Geschlechtergerechtigkeit:

"Wir arbeiten als Menschenrechtsorganisation in nem Netzwerk weltweit, wo wir eben Kontakte haben zu Organisationen in vielen Ländern, die zu vergleichbaren Themen arbeiten. Eben zu Ernährungsfragen, Recht auf Nahrung."

FIAN legt Wert darauf, keine klassische "Hilfsorganisation" zu sein:

"Die Netzwerke schaffen erstmal eine Situation, in der wir alle uns auf Augenhöhe begeben. In der es nicht so'n Bild gibt wie: Der eine ist Nehmer, der andere ist Geber. Wir haben nicht so eine Helfersituation, wo der Norden den Süden unterstützt. Wir haben ein gemeinsames Ziel, dass wir alle unsere Menschenrechte umsetzen wollen. Die Netzwerke brauchen wir ganz stark überall, wo es um Lobbyarbeit bei den Regierungen geht, bei der UN. Bei der UN braucht man alleine nicht auftreten, da wird man nicht gehört, da ist die Stimme viel zu schwach."

Konkret ist "FIAN" zum Beispiel zusammen mit einer Frauenrechtsorganisation aus Togo vor das Frauenrechtskomitee der Vereinten Nationen gezogen. Staaten, die die Frauenrechtskonvention ratifiziert haben, sind verpflichtet, dort alle vier Jahre über ihre Fortschritte Bericht zu erstatten. Um dem schöngefärbten Bericht der Regierung etwas entgegenzusetzen, hat "FIAN" die Situation der kleinen togoischen Gemeinde Gnita in der so genannten Parallelberichterstattung eingebracht.

"Dort ist die Situation, dass aufgrund einer Phosphatmine das Land immer knapper wird. Da, wo früher Landwirtschaft  war, ist jetzt Minenbetrieb, Industrialisierung. Viele Menschen haben ihr Land verloren. Es findet ne Landverknappung statt und die geht gerade zu Lasten von Frauen. Es gibt so ein traditionelles Verständnis, dass Landrechte nach wie vor von Männern gehalten werden. Formales Recht ist gleichgestellt. In dem Moment, wo eine Verknappung stattfindet, ist der Druck auf Frauen ganz groß, da zurückzustecken."

Die togoische Frauenrechtlerin Claire Quenum führte vor dem UN-Komitee in Genf aus, dass Mädchen und Frauen in Togo auf landwirtschaftliche Tätigkeiten angewiesen seien, weil ihnen bisher weniger Bildung zuteil würde als Jungen und Männern.

"Es gibt ne Verdrängung in Hausmädchenjobs, Weiterwanderung in Städte. Wo meist schlecht ausgebildete Mädchen Ausbeutungssituationen sehr oft ausgesetzt sind. Da greift eine Diskriminierung in die andere."

Die Vertreter der Regierungen müssen sich die so genannten "Parallelberichte" der Zivilgesellschaft anhören. Im Fall Togo verfasste das Frauenrechtskomitee der UN Empfehlungen, wie die Situation der Frauen verbessert werden kann: Landverpachtungen an ausländische Unternehmen dürften nicht zu Zwangsvertreibungen führen. Wenn es zu Landverlust gekommen ist, müssen die Betroffenen entschädigt werden, sie müssen eine Alternativfläche zur Verfügung gestellt bekommen. Der Zugang zu Land muss insbesondere für Frauen sichergestellt werden.

Auch wenn die Umsetzung der Empfehlungen oft  Zeit in Anspruch nimmt – der Auftritt der Frauen bei den Vereinten Nationen hat darüber hinaus einen wichtigen Effekt:

"Die berichten für sich, dass sie sich sehr gestärkt fühlen. Dass dieser ganze Prozess, sich darauf vorzubereiten, dort gehört zu werden, bei der UN eine Stimme zu haben, gleichberechtigt auftreten zu können mit Vertretern ihrer Regierung, sie in ihrer Haltung, als Person stärkt, als Organisation stärkt und wenn sie wieder nach Hause gehen, sie in ihrer Position stärkt, weiter für ihre Forderungen einzutreten."

Die UN schaffen eine Öffentlichkeit, die es Regierungen schwer macht, Missstände zu ignorieren und zu vertuschen. Menschenrechtsorganisationen sind so in der Lage, konkrete Anliegen systematisch zu begleiten und wieder zur Sprache zu bringen.

Gleichberechtigung in muslimischen Ländern

1981 ist die "Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau" in Kraft getreten, 188 Staaten haben sie bisher unterzeichnet, 99 ratifiziert, darunter Deutschland. Iran, Sudan, Somalia und der Vatikan beispielsweise haben sie nicht unterzeichnet, die USA haben sie noch immer nicht ratifiziert. Nicht alle Staaten verpflichten sich zu allen Artikeln der Konvention. Viele islamische Staaten etwa behaupten, die Frauenrechtskonvention basiere auf der westlichen Kultur.

"Musawah bedeutet wörtlich 'Gleichberechtigung'", so Ziba Mir-Hosseini, Rechtsanthropologin und in England lebende Exil-Iranerin. Ihre eigene Erfahrung, jahrelang für die Scheidung von ihrem iranischen Mann kämpfen zu müssen, gibt ihr den Antrieb für ihre Arbeit. 2009 gründete sie mit anderen muslimischen Frauen das internationale Netzwerk "Musawah".

"Das kam, weil wir – eine Gruppe aus Wissenschaftlerinnen und Aktivistinnen - das Gefühl hatten, in zwei verschiedene Lager gespalten zu werden: entweder Gleichheit und Gerechtigkeit ODER die muslimische Rechtstradition. Wir merkten, dass auf der internationalen Ebene, besonders in den Vereinten Nationen und im Frauenrechtskomitee, die muslimischen Regierungen sich jeglicher Reform verweigerten mit dem Argument: Das ist Scharia, das ist Islam, das kann nicht verändert werden. Die Aktivistinnen kritisierten ihrerseits die muslimische Rechtstradition, indem sie sich auf die Menschenrechte und den Feminismus beriefen. Diejenigen, die dabei verloren, waren die ganz normalen Musliminnen."

Ziba Mir-Hosseini und ihre Mitstreiterinnen bringen beides zusammen: Islam und Frauenrechte. Die Grundlage für sie ist die Würde des Menschen.

Das Netzwerk kämpft für Gleichheit und Gerechtigkeit in der muslimischen Familie und ist in Malaysia, Ägypten, Indonesien, im Sudan, in Nigeria und Bahrain vertreten. Ziba Mir-Hosseini und ihre Kolleginnen sammelten die Rechtfertigungen der islamischen Staaten, warum sie Reformen im Familienrecht nicht umsetzten. Die Aktivistinnen antworteten auf die Rechtfertigungen und empfahlen dem Frauenrechtskomitee der UN, noch stärker die Verbindungen zwischen muslimischem Familienrecht und Menschenrechtsstandards zu thematisieren. Dabei beziehen sie sich immer auf den Islam als Religion der Gerechtigkeit.

"Wir fangen an mit der Entstehung des Islam und den Rechten, die Frauen dann bekamen: 'Ich bin gleichberechtigt vor Gottes Augen'. 'Ich habe das Recht, Eigentum zu besitzen'. 'Ich habe das Recht, Eigentum zu erben'. 'Ich kann meine eigenen Verträge unterschreiben'. 'Ich kann meinen Ehemann wählen'. 'Ich kann nicht gezwungen werden, gegen meinen Willen zu heiraten'. 'Ich kann einen Ehevertrag aufsetzen und Bedingungen festlegen'."

Es gibt viele verschiedene Netzwerke in muslimischen Ländern. Traditionelle Familienstrukturen und Rollenverteilungen lassen sich jedoch nur sehr langsam verändern.

Klempnerinnen in Jordanien

Eine andere Möglichkeit ist, sie zu umgehen. In Jordanien ist die "water wise women initiative" so ein Beispiel. Das Land gilt als eines der wasserärmsten Länder der Welt. Die deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit hat im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung 150 Klempnerinnen und Klempner ausgebildet. Sie sollen Wasserleitungen instand setzen und so Wasserverluste eindämmen.

Der Leiter des Projekts, Thomas Schneider, sitzt in seinem Büro in Amman und berichtet via Internettelefon:

"Die Hälfte der Auszubildenden sind Frauen. Denn eine gute Sache ist es, dass die Frau… im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen haben die Zugang zu Häusern, auch wenn keine männlichen Familienmitglieder dort sind. Sie müssen sich das so vorstellen, ne Frau ist zuhause, vielleicht auch mit ihren Kindern. Es passiert ein Rohrbruch oder die Klospülung, der Wassertank läuft durch, es gibt kein Wasser mehr. Sie muss einen Klempner anrufen oder warten, bis der Mann kommt. Ein Klempner, der nicht zur Familie gehört, im kulturellen Kontext ist es nicht gestattet, dass er das Haus betritt. Bei den Klempnerinnen ist das kein Problem."

Die Frauen haben sich als Klempnerinnen beworben, weil die Ausbildung gratis ist und sie darin eine gute Möglichkeit sehen, Geld zu verdienen. Viele von ihnen üben zum ersten Mal eine Tätigkeit aus, die bezahlt wird. Dass die Ausbildung auch einen Effekt auf ihre Persönlichkeit haben würde, stand für die Frauen nicht im Vordergrund.

Einige der Klempnerinnen haben sich zu einer Kooperative zusammengeschlossen. Von jeder Einnahme zahlen die Frauen 20 Prozent in die Gemeinschaftskasse. Gemeinsam haben sie nun ein neues Gerät angeschafft: einen Sauger für die Tanks, die Wasser auf den Hausdächern speichern, und die regelmäßig gereinigt werden müssen.

Auch wenn ihr Netzwerk noch am Anfang ist – es wächst: Nach und nach bieten die Klempnerinnen ihre Dienstleistung in der Nachbarschaft an. Sie bekommen ein Gefühl von Selbstbewusstsein und Unabhängigkeit. Sie tauschen sich aus und helfen sich gegenseitig weiter – wie Frauen in anderen Netzwerken auch. Was sie eint: Das gemeinsame Geschlecht. 

 

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