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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 16.02.2016

Reha-Maßnahmen als WirtschaftsfaktorDer Preis der Gesundheit

Von Stephanie Kowalewski

Nach einer Knieoperation: Aufbautraining im ambulanten Rehabilitationszentrum in Schwerin (picture-alliance / dpa)
Nach einer Knieoperation: Aufbautraining im ambulanten Rehabilitationszentrum in Schwerin (picture-alliance / dpa)

Rehabilitation wird zunehmend wichtiger. Durch Reha-Maßnahmen bleiben pro Jahr weit mehr als 100.000 Menschen arbeitsfähig, die ohne die Behandlungen aus dem Berufsleben ausscheiden würden. Doch die Branche arbeitet mit hohem Kostendruck.

Hier und da korrigiert die Sporttherapeutin noch die Haltung des Patienten am Ruderzug, doch fast am Ende seiner Rehabilitationszeit macht Stefan Matheis das sehr gut.

Matheis: "Ich hatte einen ganz schweren Motoradunfall. Da ist oben in der Schulter alles abgerissen. Dann bin ich operiert worden, mehrfach, hab ganz viel Metall in den Körper rein bekommen und nach zehn Wochen ungefähr ist es wieder raus gekommen."

Um wieder fit für die Arbeit zu werden, trainiert der 38-Jährige jetzt täglich im Rahmen einer ambulanten Rehabilitation in der Krefelder Einrichtung Salvea. Das liebevoll eingerichtet Gebäude wirkt nicht wie eine Einrichtung für Kranke, eher wie eine Mischung aus modernem Fitnesscenter und Wellnesstempel. Salvea ist eine von 28 bundesweiten Niederlassungen der Inoges AG, einem der größten privaten Anbieter ambulanter Rehabilitation.

Fast zwei Millionen Reha-Fälle pro Jahr

Der Reha-Markt ist groß und er wird immer größer, sagt Wilfried von Eiff, Leiter des Zentrums für Krankenhausmanagement an der Universität in Münster und des Center for Health Care Management and Regulation in Leipzig. Der Gesundheitsökonom hat die Branche über Jahre in der groß angelegten REDIA-Studie untersucht und kennt die wirtschaftlichen Eckdaten.

"Wir haben im Bereich der reinen medizinischen Rehabilitation ein Marktvolumen von etwa 9 Milliarden Euro. Wir haben etwa 1180 Reha-Einrichtungen in Deutschland, die therapieren etwa 1,9 bis 2 Millionen Reha-Fälle im Jahr. Wir haben dort eine durchschnittliche Verweildauer mittlerweile von 25 Tagen und es arbeiten so ca. 120.000 Mitarbeiter in dieser Branche."

Und zwar Ärzte verschiedenster Fachrichtungen, Krankenpfleger, Physiotherapeuten, Logopäden, Sportlehrer, Ergotherapeuten, Ernährungsberater, Psychologen, Arbeitspädagogen, Köche, Büroangestellte, Reinigungskräfte, Hausmeister.

Ist die Krankheit so gravierend, dass eine Rückkehr in den Job unmöglich ist, oder ist der Patient bereits im Rentenalter, tragen die Krankenkassen die Kosten für die Rehabilitation, sagt Andrea Hilberath, Pressereferentin der Techniker Krankenkasse in Düsseldorf. Das Motto lautet "Reha vor Pflege".

Hilberath: "Wir haben eine kontinuierliche Steigerung von Jahr zu Jahr. Von 2013 zu 2014 haben wir schon 4,3 Prozent Mehrausgaben im Rehabilitationsbereich. In unserem Gesamthaushalt geben wir ungefähr 1,6 Prozent für Rehabilitations- und Vorsorgemaßnahmen aus. Das klingt im ersten Moment nicht viel, aber es ist eben so, dass hauptsächlich der Rentenversicherungsträger für diese Rehabilitationsmaßnahmen zuständig ist."

Die meisten Reha-Maßnahmen zahlt die Rentenversicherung

Unter dem Motto "Reha vor Rente" werden die meisten medizinischen Rehabilitationen von den Rentenversicherungen bezahlt. Nämlich immer dann, sagt Thomas Keck, erster Direktor der Deutschen Rentenversicherung Westfalen, wenn der Patient noch eine Chance hat, wieder in das Berufsleben zurückzukehren.

Keck: "Die Rehabilitation der Rentenversicherung ist ausgestattet jährlich mit sechs Milliarden Euro, die medizinische Reha ca. vier Milliarden von diesen sechs Milliarden. Und steigende Tendenz momentan."

Um möglichst schnell wieder arbeiten zu können übt der Elektrotechniker Stefan Matheis gerade die drehende Bewegung beim Schrauben anziehen, indem er möglichst schnell bunte Holklötzchen umdreht.

Wir starten mit deiner guten Hand. Und es geht los. Und jetzt gibst du Vollgas.
- Wie sah das vor vier Wochen aus?
- Gar nicht. Ging gar nicht. Also ist immer noch schwierig mit dem nicht ganz hundertprozentig gesunden Arm, diese Arbeiten durchzuführen. Man muss wirklich am Ball bleiben.

Seit nunmehr vier Wochen kommt er hierher zur ambulanten Rehabilitation.

Matheis: "Ich bin sechs Stunden vor Ort und habe einen Terminplan mit zwei bis zweieinhalb Stunden MTT-Intensivtraining."

MTT steht für Medizinische Trainingstherapie. Dabei wird an speziellen Geräten unter Anleitung die Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit und Koordination verbessert.

Matheis: "Habe da zwischendrin ein Stündchen Pause, habe dann Anwendungen in Einzeltherapie, Feinmotorik, Grobmotorik, auch Bewegungstherapie, Massagen, Elektrotherapie ist hier vor Ort, Wärme – und es hilft. Es hilft wirklich, dass man da vorwärts kommt."

Pflege wäre viel teurer als es Reha-Maßnahmen sind

Davon sind eigentlich alle überzeugt. Es ist unstrittig, dass das personalintensive und zeitaufwändige Aufpäppeln der Patienten volkswirtschaftlich betrachtet billiger ist, als Pflege zu zahlen, rechnet Andrea Hilberath vor.

Hilberath: "Das Gesundheitsministerium Nordrhein-Westfalen hat errechnet, dass die Kosten der Pflege um 45 Millionen Euro gesenkt werden könnten im Jahr, wenn ein Patient einen Monat später nur in die Pflegestufe 1 eingestuft wird. Das heißt, wenn man die gesamte Masse der Patienten nimmt, die einen Monat später in die Pflegestufe 1 kommen, dann hat man einen Gewinn von 45 Millionen Euro. Das ist eine unwahrscheinliche Menge."

Und das gilt nur für NRW! Bundesweit potenziert sich die Summe erheblich.

Hilberath:"Und daran sieht man, welchen Stellenwert Prävention und Rehabilitation in Deutschland hat und haben muss vor allen Dingen."

Reha verbessert also die Lebenssituation von kranken Menschen, so dass sie wieder arbeiten oder in ihrem gewohnten Umfeld möglichst selbständig leben können und sie schont das Budget der Sozialsysteme. Um solche positiven Effekte erreichen zu können, muss natürlich erst einmal Geld ins System fließen.

Abgerechnet wird über einen festgelegten Tagessatz 

Die Leistungen der Rehabilitationseinrichtungen werden jedoch nicht wie bei Krankenhäusern über Fallpauschalen abgerechnet, sondern über einen festgelegten Tagessatz. Die genaue Höhe handelt jeder einzelne Anbieter – ganz gleich ob stationär oder ambulant – mit den Rentenversicherungen und den Krankenkassen aus, erklärt der Wirtschaftswissenschaftler Wilfried von Eiff.

von Eiff: "Und es hat natürlich Einfluss, um welches Krankheitsbild man letztlich verhandelt. Natürlich sind neurologische Erkrankungen mit einem höheren Tagessatz versehen, als beispielsweise Erkrankungen im orthopädischen Bereich oder Reha-Maßnahmen im kardiologischen Bereich."

Denn die Therapie nach einem Schlaganfall ist zum Beispiel durch Logopädie und Ergotherapie wesentlich umfangreicher, als die Reha-Behandlung eines Kreuzbandrisses im Knie. Ein transparenter Markt ist das allerdings nicht, denn die genauen Tagessätze bleiben geheim. Aber Thomas Keck von der Rentenversicherung Westfalen nennt Durchschnittswerte für eine dreiwöchige stationäre Rehabilitation.

Keck: "Bei orthopädischen Rehabilitationen beispielsweise - im Schnitt so 120 Euro pro Tag. Wenn sie die kardiologischen nehmen oder die psychosomatischen, die sind ein bisschen teurer als die orthopädischen. Die liegen bei 125, 128 bis 130."

Nimmt man den höchsten Tagessatz, so zahlt der Rentenversicherer für einen dreiwöchigen stationären Reha-Aufenthalt in einer Klinik 2730 Euro. Da reibt sich der Laie verwundert die Augen, denn ein dreiwöchiger Urlaub ist schnell teurer.

Keck: "Da ist alles drin. Sie können davon ausgehen, das ist ein mindestens drei-Sterne Aufenthalt im Einzelzimmer mit Vollpension und Therapieleistungen sechs Stunden am Tag von Montag bis Freitag."

Rund 85 Prozent aller Reha-Patienten werden in solch speziellen Kliniken stationär behandelt. Der ambulante Anteil liegt also nur bei rund 15 Prozent, Tendenz steigend. Seit dem Jahr 2000 haben sich die ambulanten Leistungen in der medizinischen Rehabilitation verfünffacht. Auch weil es billiger ist, räumt Andrea Hilberath, Sprecherin der größten gesetzlichen Krankenkasse Deutschlands, der TK, ein.

Hilberath: "Es gilt natürlich auch die Wirtschaftlichkeit. Also ist eine ambulante Vorsorgemaßnahme oder eine Behandlung am Wohnort medizinisch ausreichend, dann werden natürlich die Kosten nur dafür übernommen."

100 Euro pro Tag und Patient für Therapie plus Teilverpflegung

Denn die Tagessätze bei einer ambulanten Rehabilitation liegen bei durchschnittlich rund 100 Euro pro Tag und Patient – samt Therapie, Teil-Verpflegung und oft sogar inklusive Hol- und Bringservice. Mit dem fixen Tagessatz müssen die Rehaeinrichtungen ihre gesamten Kosten decken: von den Gehältern über die Investitionen in medizinische Geräte, die Instandhaltung der Gebäude bis hin zu Strom, Müllgebühren und Versicherungen. Das geht, sagt Wilfried von Eiff, aber es geht nur schwer.

von Eiff: "Insgesamt muss man feststellen, dass all diese Vergütungen deutlich am untersten Bereich kalkulieret sind."

Thomas Keck von der Deutschen Rentenversicherung Westfalen protestiert.

Keck: "So ganz teile ich die Einschätzung von Herrn von Eiff nicht. Sicherlich ist in den letzten Jahren die Leistungssteigerung in den Rehabilitationskliniken nicht so gewesen, dass alle damit unbedingt zufrieden waren. Aber unterm Strich denken wir, dass die Leistung der Rentenversicherung in den letzten Jahren sehr auskömmlich finanziert waren und auch Steigerungen beinhaltet haben. Bislang hat die Rentenversicherung jährlich entsprechende Anpassungen vorgenommen im Rahmen der Inflationsrate und auch der Lohnentwicklung."

Der Gesundheitsökonom Wilfried von Eiff hat mit seiner Studie andere Ergebnisse zu Tage gefördert.

von Eiff: "Wir sehen, dass eben doch ein sehr großer Kostendruck auf allen Beteiligten in diesem System lastet, der auch mal dazu führt, dass man vielleicht die etwas weniger angemessene medizinische Maßnahme dem Patienten angedeihen lässt, dies aus Kostengründen."

Im Bereich der Akutversorgung käme es durchaus vor, dass Ärzte aus Kostengründen eine bestimmte Therapie bevorzugten – einfach weil sie billiger sei, sagt er. Und auch im Rehabilitationsbereich gebe es solche monetär gelenkten Entscheidungen.

von Eiff:"Ein Problem ist beispielsweise, dass man aus Kostengründenverstärkt inGruppentherapie übergeht, anstatt eine einzeltherapeutische Maßnahmenserie durchzuführen. Das hat natürlich letztlich auch Konsequenzen für das medizinische Ergebnis. Es kann auch sein, dass bestimmte Maßnahmen nicht im notwendigen Umfang durchgeführt werden. Das betrifft zum Beispiel die Anzahl von Verbandswechseln. Und es kann auch sein, dass vielleicht die eine oder andere medikamentöse Maßnahme nicht in dem Umfang erfolgt, wie sie erforderlich wäre, weil eben die Medikationskosten zum großen Teil von den Rehakliniken selbst zu tragen sind."

Das bundesweite Reha-Budget liegt bei 6 Milliarden Euro

Reha-Einrichtungen haben ein gedeckeltes Budget. Die Höhe wird von der Bundesregierung jährlich neu festgesetzt und orientierte sich bis zum Jahr 2014 nur an der voraussichtlichen Lohnentwicklung. Aber die Patienten werden immer älter, brauchen mehr und aufwändigere Therapien, um wieder fit zu werden. Das wurde jedoch nicht berücksichtigt. Ein Unding, fanden nicht nur die Berufsverbände, Klinikbetreiber und Kostenträger, sondern letztlich auch die Mitglieder der großen Koalition. So beschlossen sie, das jährliche Reha-Budget zu erhöhen. Im Moment liegt es bei rund sechs Milliarden Euro bundesweit für alle Rentenversicherungsträger, sagt Thomas Keck.

Keck: "Und wenn sie dann ihr Budget in der Region überschreiten, dann müssten sie im übernächsten Jahr das Budget entsprechend unterschreiten, um das wieder zu kompensieren. Das ist ein Phänomen, was dazu führt, dass man versucht, das einigermaßen einzuhalten."

Schlimmstenfalls durch noch straffer kalkulierte Verträge mit den Anbietern medizinischer Rehas sowie verzögerter oder abgelehnter Rehabilitationsanträge. Immerhin wird im Schnitt jeder fünfte Reha-Antrag von den Rentenversicherungen abgewiesen. Besonders schwierig wird es zum Beispiel für Schlaganfallpatienten, die häufig ein Leben lang begleitende Therapien benötigen. Wenn sie eine zweite oder auch dritte Rehabilitation beantragen, muss die medizinische Notwendigkeit vom behandelnden Arzt schon besonders gut begründet werden.

Bei der Festlegung des Reha-Budgets bleiben auch jetzt noch wesentliche Einflussfaktoren, die den Bedarf an Reha-Maßnahmen bestimmen, außen vor. Etwa die Tatsache, dass die Menschen mit immer mehr Krankheiten in die Reha kommen - also zusätzlich zum neuen Hüftgelenk auch noch Diabetes und Adipositas mitbringen. Unberücksichtigt bleiben auch die Zunahme psychischer Störungen, die Verlängerung der Lebensarbeitszeit und die Baby-Boomer-Generation, die in den kommenden Jahren wohl zur Hauptzielgruppe in den Reha-Einrichtungen werden wird. Und überhaupt sei das von der Bundesregierung festgelegte gedeckelte Reha-Budget, dass sich nicht am tatsächlichen Bedarf orientiert, überholt, meinen viele, und fordern - wie Thomas Keck - dass es abgeschafft wird.

"Grundsätzlich hielten wir es für richtig, dass die Selbstverwaltung der Rentenversicherung das Budget festlegt anhand des Bedarfs."

Die Rehabilitationsträger sollten also selbst jährlich neu und flexibel ihre Budgets gestalten können. Die Kompetenz dazu hätten sie, urteilt auch die Deutsche Gesellschaft für Medizinische Rehabilitation. Eine grundlegende Veränderung in diese Richtung ist aber nicht in Sicht.

Kosten für Rehabilitation unter drei Prozent der Gesundheitsausgaben

Trotz leichter Erhöhung des Reha-Budgets gehen eigentlich alle Experten davon aus, dass es in Zukunft nicht mehr ausreichen wird. Und auch die Krankenkassen müssen seit einigen Jahren tiefer in die Tasche greifen, um den wachsenden Bedarf zu bezahlen. Umso erstaunlicher ist es, dass der Anteil der medizinischen Rehabilitation an den gesamten Gesundheitsausgaben in Deutschland seit Jahren sinkt: sind 1995 noch gut vier Prozent der Gesundheitsausgaben in die medizinische Reha geflossen, so waren es 2012 nur noch knapp drei Prozent. Und das, obwohl sich die medizinische Rehabilitation nicht nur für die Patienten lohnt.

Sie lohnt sich auch für die Volkswirtschaft, denn sie ist deutlich billiger als Rente und Pflege rechnet Thomas Keck von westfälischen Rentenversicherung vor.

"Wenn Sie fünf Monate nach der Reha wieder arbeiten, haben sie die Kosten ihrer Rehabilitation wieder selbst erwirtschaftet. Das heißt, einen Euro in die Reha investiert und ich bekomme fünf Euro volkswirtschaftlich über Steuern und Beiträge wieder zurück in die Volkswirtschaft gespielt. Das ist hervorragend."

Und der Wirtschaftswissenschaftler Wilfried von Eiff ergänzt:

"Wenn man zusätzlich noch davon ausgeht, dass innerhalb der ersten 24 Monate nach einer Rehabilitation etwa 85 Prozent der Personen weiterhin erwerbsfähig sind, dann muss man ganz klar festhalten: Rehabilitation rechnet sich."

Unterm Strich profitieren also alle von einer erfolgreichen Rehabilitation? Nein, nicht alle, wendet Bastian Klüther ein. Der Diplomsportlehrer ist der therapeutische Leiter bei Salvea Krefeld. Er und seine Kollegen spüren eine große Diskrepanz zwischen der allseits geäußerten großen Bedeutung der Reha im deutschen Gesundheitssystem und der realen Wertschätzung ihrer Arbeit.

Klüther: "Also das ist eine gewisse Missgunst. Da sind wir nicht wirklich als wichtiger Posten beachtet.Wir sehen die Situation auch schon kritisch, denn wir haben eine Mitarbeiterschaft, die einen sehr intensiven Job hat, auch eine hohe Verantwortlichkeit gegenüber unseren Patienten und Kunden, die in die Volkswirtschaft wieder zu integrieren. Dafür ist allerdings der finanzielle Background sehr verhalten – mal gelinde ausgedrückt."Reha-Zentrum für Schlaganfall-Patienten, Berlin (picture-alliance / Berliner_Zeitung)Reha-Zentrum für Schlaganfall-Patienten, Berlin (picture-alliance / Berliner_Zeitung)

Physiotherapeuten: Einstiegsgehälter liegen bei 1750 Euro brutto

Klar ausgedrückt heißt das, dass die Physiotherapeuten trotz langwieriger Ausbildung, die in den meisten Fällen auch noch selbst finanziert werden muss, eher schlecht bezahlt werden.

Klüther:"Naja, Einstiegsgehälter heutzutage liegen bei ca. 1750 Euro brutto. Mit Sicherheit ist es notwendig, dass da eine leistungsorientierte Vergütung möglich wird. Da verschließen sicherlich viele Politiker auch ihre Augen vor."

Hohe Arbeitsbelastung und geringes Gehalt - das wird mehr und mehr zum Problem für Bastian Klüther.

Klüther:"Das bedeutet im Grunde für mich als Therapieleitung, dass immer weniger Physiotherapeuten auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen.Die Mitarbeitersuche, die wird von Jahr zu Jahr schwieriger. Und wenn wir den Prognosen Glauben schenken dürfen für die nächsten Jahre, dann wird es von düster fast bis undurchsichtig."

Um für die Mitarbeiter attraktiv zu sein und doch etwas höhere Gehälter zahlen zu können, versucht man bei Salvea auch lukrativere Bereiche als die Rehabilitation zu bedienen. So gibt es hier eine Vielzahl an Sport-, Gesundheits- und Wellnessangeboten für Selbstzahler.

Wenn sich Unternehmen wie Salvea ausschließlich auf die ambulante Rehabilitation konzentrierten, wären sie kaum überlebensfähig, meint Bastian Klüther. Denn die

Rehabilitation muss bei fast gleichen Tagessätzen immer mehr leisten.

Klüther:"Die Patienten werden nicht weniger, die Patienten werden älter, die brauchen dann durchaus die entsprechende Versorgung. Dadurch wird es auch noch einmal schwieriger in den nächsten Jahren, die entsprechende Qualität aufrecht zu erhalten."

"Blutige Entlassung" - Patienten oft nicht fit genug für die Reha

Und die Patienten sind auch kränker als noch vor ein paar Jahren und kommen oft viel früher nach einer Operation in die Reha-Einrichtung. Kritiker sprechen hier von "blutiger Entlassung" beziehungsweise von "blutiger Rehabilitation".

"Wir merken, dass die Verweildauer kontinuierlich zurückgeht."

Erzählt Andrea Hilberath von der Techniker Krankenkasse.

"Bei Hüftoperationen in den letzten zwei Jahren um 16 Prozent und bei Kniegelenksersatz um elf Prozent. Das ist einmal dem medizinischen Fortschritt zu schulden. Früher war die Hüftprothese viel größer, der Schnitt, der gemacht werden musste durch Haut und Muskeln war 20 cm. Heute sind die Prothesen kleiner und der Schnitt nur noch fünf Zentimeter. Dadurch haben sie natürlich auch eine schnellere Wundheilung."

Der Patient kann das Krankenhaus also tatsächlich schneller verlassen, da er dort keine entscheidende Behandlung mehr erfährt, die seine Genesung beschleunigt. Doch damit ist er nicht gleichzeitig fit genug für die Rehabilitation. Und das ist ein Problem, hat der Gesundheitsökonom Wilfried von Eiff in der REDIA-Studie gezeigt.

von Eiff: "Zum Beispiel haben wir festgestellt, dass die Übergangszeiten zwischen der Entlassung aus dem Akuthaus und der Aufnahme in die Rehakliniken sich verlängerten. Das ist insofern problematisch, als diese Übergangszeiten in aller Regel ärztlich unkontrolliert zu Hause stattfinden. Es erfolgt keine Kontrolle der Medikationseinnahme, möglicherweise verhält sich der Patient nach einer Hüftoperation nicht unbedingt so, wie er sollte. Also eine Übergangszeit ist immer mit Risiken verbunden."

Reha-Experten wie Wilfried von Eiff plädieren zum Beispiel für eine Art Transferstation, die solche Patienten aufnimmt, die zwar akutmedizinisch austherapiert sind aber eben noch nicht rehafähig.

von Eiff: "Auf diesem Weg sind wir noch nicht sehr weit gediehen."

Doch es gibt erste Ansätze. Und sie sind vielversprechend, meint Andrea Hilberath:

"Es gibt durch das Krankenhausstrukturgesetz eine neue Möglichkeit. Und zwar die Kurzzeitpflege zu Lasten der Krankenversicherung. Wenn sie da einen Patienten haben, der aus der Akutbehandlung entlassen wird aber noch nicht rehafähig ist, dann war es bisher so, es passierte wirklich nichts mit dem Patienten. Aber so kann er in bestimmte Einrichtungen gehen, wo er dann rehafähig gemacht wird um dann in die eigentliche Reha zu gehen."

Entlassmanagement soll Übergang in die Reha regeln

Außerdem hat der Gesetzgeber inzwischen die Krankenhäuser verpflichtet, ein Entlassmanagement einzuführen, um die so genannte integrierte Versorgung - also das Hand-in-Hand-Arbeiten von Krankenhäusern und Reha-Einrichtungen - voranzutreiben. Das soll Probleme und Verzögerungen beim Wechsel von der Klinik in die Reha minimieren, betont Thomas Keck von der Rentenversicherung Westfalen.

Keck: "Das heißt, die Klinik sollte möglichst drei Tage vor Entlassung die Rehaklinik informieren und auch den Träger. Und dann läuft das meist passgenau zu dem Zeitpunkt, wo er entlassen wird, möglichst in die Klinik, die er sich auch wünscht. Also da haben wir eigentlich schon keine Schnittstellen mehr. Das kann man fast integrierte Versorgung nennen. Also so wie ich das momentan wahrnehme, fluppt das schon."

Um die Integrierte Versorgung tatsächlich spürbar voranzutreiben, müssten sie aber besser bezahlt werden, als es jetzt der Fall ist, fordert Wilfried von Eiff.

von Eiff: "Man müsste diese Art von Verträgen intensivieren, indem man sie außerhalb des Budgets verhandelt, um damit den beteiligten einen Anreiz zu geben, diese Leistungen zu erbringen."

Eine erfolgreiche Rehabilitation kann jedoch durch Fehlanreize im Gesundheitssystem behindert werden, sagt Andrea Hilberath von der Techniker Krankenkasse.

"Während früher die Krankenhäuser die Kosten über die Verweildauer deckten, das heißt, je länger der Patient im Krankenhaus war, desto mehr verdiente das Krankenhaus – geht es heute über die Fälle. Sie müssen viele Fälle in kurzer Zeit abhandeln, um wieder die Kosten zu decken. Und das macht sich später auch in der Reha bemerkbar. Das heißt, wenn jemand zu früh entlassen wird, Fäden noch nicht gezogen sind, dann kann er in der Reha viele Therapien gar nicht machen. Dann verzögert sich das Ganze. Die eigentliche Reha, die ja nur drei Wochen ist, fängt erst nach einer Woche an."

Das alles führt dazu, dass sich der therapeutische Aufwand in der Reha intensiviert hat. So mussten dort zum Teil Abteilungen zum Wundmanagement und zur Medikamentenversorgung der Patienten aufgebaut werden. Und Wilfried von Eiff hat mit seiner REDIA-Studie auch nachgewiesen, dass sogar die Rückverlegung aus der Rehabilitation zurück ins Akutkrankenhaus als Folge mangelnder Therapiefähigkeit oder auf Grund von gesundheitlichen Komplikationen zugenommen hat. Unterm Strich sind die Bedingungen für die Reha-Einrichtungen in den vergangenen Jahren also erheblich schwieriger geworden:

von Eiff: "Während dieser ganzen Zeit ist die Vergütung für die Reha, also der Preis, der pro Patient pro Rehatag von den Kassen beziehungsweise der Rente bezahlt worden ist, dieser Preis ist zurückgegangen. Das heißt, man hat also einen erhöhten Aufwand im medizinischen Sinne gehabt, man musste mit komplizierteren Patienten umgehen und gleichzeitig ist dieser erhöhte Aufwand schlechter vergütet worden."

Trotz Kostendruck neue innovative Therapieansätze

Dennoch: Der Kostendruck hat nicht zu weniger Qualität in der medizinischen Rehabilitation geführt. Im Gegenteil: Es sind sogar neue, innovative Therapieansätze etabliert worden. MBOR zum Beispiel. Das Kürzel steht für Medizinisch-Beruflich-Orientierte-Rehabilitation, erklärt Rehapatient Stefan Matheis.

Matheis: "Ja, man sagt den Therapeuten hier, in welchem Bereich man arbeitet, in welche Richtung es geht, und von da aus geht es dann los mit Anwendungen. Und wenn man dann sagt, ja, das ist nicht die Arbeit, die man wirklich macht, dann korrigieren die direkt nach."

Um seine verletzte Schulter passgenau für seinen Berufsalltag zu trainieren, hat Bastian Klüther für den auf dem Bau arbeitenden Elektrotechniker einen individuellen Trainingsplan erstellt

"Also ich stelle dir jetzt mal das Gewicht in Kopfhöhe ein. Du arbeitest ja sehr sehr viel über Kopfniveau. Dementsprechend nehmen wir jetzt mal Gewichte von vier bis fünf Kilo, die du jetzt bitte kontinuierlich bis zur Ermüdung von diesem Brett in Taillenhöhe auf das hohe Brett in Kopfhöhe ablegen musst. Wenn du das oben hast, dann nimmst du dir ein nächstes und dann legst du es wieder nach oben."

"Es knirscht zwar noch in den Knochen, aber es funktioniert auf jeden Fall. Also es ist wirklich arbeitstechnisch für mich besonders fördernd gewesen, weil man sieht auch wirklich welche verkehrten Bewegungen man noch macht. Bevor ich hierhin gekommen bin konnte ich den Arm auf Schulterhöhe anheben, mittlerweile kann ich 180 Grad, komme bis oben hoch und kann auch wieder belasten.

Der Dachdecker muss über den Balken balancieren können 

Im Rahmen einer MBOR wird beispielsweise bei einem Dachdecker mit Kreuzbandriss besonders die Beinkraft, die Stabilität im Knie und das Gleichgewicht trainiert. Am Ende der Reha muss er völlig sicher über einen am Boden liegenden Balken balancieren können. Kann er das nicht, ist er noch nicht arbeitsfähig, denn ein Sturz vom Dach wäre lebensgefährlich. Genau so sollte moderne Rehabilitation sein, bestätigt Thomas Keck.

"Individuell, passgenau den Einzelnen dahin bringen, wo er vorher war und ihn da zu befähigen, seinen ursprünglichen Arbeitsplatz - wenn möglich – wieder in Anspruch nehmen zu können. Und Rehabilitation kann da nicht stehen bleiben, sondern sie muss sich anpassen, an die Bedürfnisse des Arbeitnehmers und an die Bedürfnisse des Arbeitgebers."

Der Fachkräftemangel macht die Rehabilitation noch wichtiger, als sie ohnehin schon ist. Letztlich, da sind sich alle einig, sichert diese Säule des deutschen Gesundheitssystems Wachstum und Beschäftigung. Die medizinische Rehabilitation ist - trotz allem Kostendruck – eine Erfolgsgeschichte. Und zwar eine einzigartige, resümiert der Gesundheitsökonom Wilfried von Eiff.

von Eiff: "Unsere medizinische Rehabilitation hat im internationalen Vergleich einen besonderen Stellenwert. Sie werden diese Art der Rehabilitation in kaum einem anderen Land der Welt finden. Und nicht umsonst sind auch mittlerweile bei den europäischen Nachbarländern die eine oder andere Krankenkasse bereit, ihre Patienten auch nach Deutschland zu schicken, um eben eine medizinische Rehabilitation für die Patienten zu bekommen, die weitaus qualifizierter ist, als im eigenen Land."

Dank der guten Qualität der ambulanten Rehabilitation, kann auch Stefan Matheis jetzt endlich wieder freudig in die Zukunft schauen.

"Ja, jetzt bin ich soweit, dass ich nächste Woche wieder einsteigen kann in meinen Beruf. Zu 98 Prozent. Und das ist schon gut so. Also ich freu' mich schon wieder drauf. Einfach super."

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