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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.09.2012

Regungslos im Frost

Thomas Rosenlöcher: "Hirngefunkel", Gedichte, Insel Verlag, Berlin 2012, 125 Seiten

Thomas Rosenlöcher
Thomas Rosenlöcher (dpa / picture alliance / Frank Rumpenhorst)

Er dreht an den Worten und schraubt Bedeutungen in Sprachhöhen: Dadurch gelingt es Thomas Rosenlöcher, dass sein Wortzauber zu den Naturwundern passt, von denen die Gedichte in dem Band "Hirngefunkel" erzählen.

In Thomas Rosenlöchers Gedicht "Engelsbalance" aus dem Lyrikband "Die Dresdner Kunstausübung" (1996) heißt es in leicht resigniertem Ton: "Engel hab ich mir abgewöhnt." Das könnte ein nachgereichter Kommentar des Dichters zu der doch stattlichen Anzahl von Engelgedichten sein, die sich noch in dem Gedichtband "Schneebier" (1988) finden. Dass sich die glanzvolle Zeit der Engel wohl ihrem Ende zuneigt, klingt bereits in dem Gedicht "Der Engel mit der Eisenbahnermütze" an. Dieser Engel, ratlos angesichts der vielen Toten, vermag nicht mehr ordnend in den Lauf der Geschichte einzugreifen. Während er noch die Toten des letzten Krieges zählt, kündigen sich weitere Tote, Opfer neuer Kriege, bereits an.

Nun taucht in dem neuen Gedichtband von Thomas Rosenlöcher erneut ein Engel auf. Das Gedicht "Der Kirschbaumengel", eins von insgesamt 20 neuen Gedichten, die der Band "Hirngefunkel" versammelt, wartet mit einem in weiß gekleideten Engel auf, der das Paradies bewacht. Im Paradies treffen wir auf einen "Alten" mit "vorsintflutlichem Barte", der den Glauben an die Menschheit verloren hat, was eine Amsel zu dem abschließenden Kommentar veranlasst: "Gott sei Dank".

Engel kann man sich nicht wie eine Sucht abgewöhnen. Wenn sie Lust verspüren, sich zu zeigen, tun sie es, und das um Fassung bemühte Gehirn wird von einem Funkeln durchleuchtet. Das Gehirn erweist sich in Thomas Rosenlöchers Gedichten als ein äußerst lebendiger Schauplatz, weil es den Erinnerungen, die zu unterschiedlichen Zeiten gehören, als Begegnungsstätte dient.

Thomas Rosenlöcher ist ein Dichter, der einen – ohne belehrend zu sein – im Staunen unterrichtet. Seit Jahrzehnten sind sein Gedichtbände Fibeln für jene, die in diesem Fach noch etwas lernen möchten. Ganz auf der Höhe dieser "Kunstausübung" zeigt sich Thomas Rosenlöcher in dem Gedicht "Das Wegperpendikel". Darin bremst der Dichter die immer schneller werdende Zeit aus, wenn er sich Zeit nimmt, um einen Weg zu beschreiben, auf dem eine alte Frau entlang geht. Wie Rosenlöcher den Weg und die Frau aus der Landschaft "schöpft", sodass mit dem Gedicht Einspruch gegen das Vergehen erhoben wird, ist ganz große Sprachkunst. Er legt Zeugnis ab und erklärt mit der Zeugenschaft dem Weltgezeter eine radikale Abfuhr. Auch in dem Zweizeiler "Die Wirtschaftskrise" wird der Blick für das Wesentliche geschärft: "Das Zeitungsblatt sagt: ‚Es wird schlimmer’. / Das Lindenblatt: ‚Es bleibt wie immer’."

Thomas Rosenlöcher "dreht" an den Worten, wenn er deren Bedeutungen durch Wortkombinationen in Sprachhöhen schraubt. Dadurch gelingt es, dass sein Wortzauber zu den Naturwundern passt, von denen die Gedichte erzählen. Wenn Bäume als "regungslos im Frost / gegeneinander anknarrende Stangen" beschrieben werden, dann sieht man nicht nur einen vor Eiseskälte erstarrten Wald, sondern hört zugleich sein frierendes Klagen.

Die neuen Gedichte in diesem Band "fremdeln" nicht inmitten der Verse, die schon einige Jahre älter sind. Denn alt sind Rosenlöchers Verse ja nicht wirklich. Sie erweisen sich vielmehr gerade deshalb als äußerst vergehensresistent, weil sie nie mit dem Anspruch daherkamen, besonders aktuell sein zu wollen.

Besprochen von Michael Opitz

Thomas Rosenlöcher: Hirngefunkel. Gedichte
Insel Verlag (Insel Bücherei Nr. 1369), Berlin 2012
125 Seiten, 13,95 Euro

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