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Vollbild | Beitrag vom 05.03.2016

Regisseur Visar Morina über "Babai"Fluchtgeschichte ohne Betroffenheitskitsch

Visar Morina im Gespräch mit Susanne Burg

Der Regisseur Visar Morina (l.) und sein Hauptdarsteller Val Maloku, aufgenommen während eines Photocalls für den Film "Babai" auf dem 15. internationalen Filmfestivals 2015 in Marrakesch (picture alliance / dpa / Abdelhak Senna)
Der Regisseur Visar Morina (l.) und sein Hauptdarsteller Val Maloku (picture alliance / dpa / Abdelhak Senna)

Im Vorkriegskosovo der 90er-Jahre lässt Visar Morina seinen Film "Babai" über die Flucht eines Zehnjährigen spielen. Der reist seinem Vater nach Deutschland hinterher. Eine pathosfreie Geschichte über zwischenmenschliches Vertrauen in schwierigen Zeiten wollte er erzählen, so der Regisseur.

Susanne Burg: Kosovo in den 90ern: Der zehnjährige Nori und sein Vater Gesim halten sich über Wasser, indem sie Zigaretten verkaufen. Die Mutter ist abgehauen. Auch der Vater will weg, er reist nach Deutschland und lässt seinen Sohn einfach zurück. Der nimmt das nicht hin, klaut Geld vom Onkel und fährt dem Vater hinterher. Das ist ganz grob die Geschichte in "Babai" – ein Debüt-Langfilm, der beim Filmfest in München im letzten Jahr gleich vier Preise gewonnen hat und nun in der Vorauswahl zum Deutschen Filmpreis ist. Am Donnerstag kommt "Babai" bei uns in die Kinos, und ich begrüße den Regisseur des Films in einem Studio in Wien. Visar Morina, guten Tag!

Visar Morina: Guten Tag!

Burg: Ja, "Babai" ist die Geschichte einer Flucht aus der Sicht eines zehnjährigen Jungen – ich hab eben gesagt, dass sie im Vorkriegskosovo der 90er-Jahre spielt, aber das ist natürlich schon Interpretation. Sie selbst erklären die politische Lage nicht, sie ist eine Art Hintergrundrauschen im Film. Man sieht Panzer durch die Straßen patrouillieren oder Polizisten, die einen am Boden liegenden Mann demütigen, aber es sind wirklich immer nur so kleine Details. Wie sehr wollten Sie oder wollten Sie nicht den Film in einer bestimmten Zeit verankern?

Morina: Für mich persönlich ist der Film sehr in dieser Zeit verankert, beziehungsweise ich könnte die Geschichte, die im Film erzählt wird, könnte ich mir in keiner anderen Zeit vorstellen. Was mir wichtig war, dadurch, dass diese Milosevic-Ära so komplex für mich ist und war, sodass ich dafür … wenn ich mich nur auf diese Zeit beschränken würde, würde ich komplett scheitern. Es war mir aber sehr wichtig, dass ich diese Atmosphäre und diesen Druck auf die Figuren quasi übertrage. Und es war auch noch sehr wichtig, dass es 95 ist und nicht früher und nicht später, also dass Milosevic so normal geworden ist quasi – er war schon fünf Jahre am wüten –, dass es so normal geworden ist, dass es zum Alltag gehört hat.

Burg: Ja, und man sieht ja da sehr deutlich, wie sich diese Atmosphäre in die Beziehung zwischen den Menschen überträgt. Man sieht Nori, dass er eigentlich nie lächelt, er redet auch nicht viel, und man hat nie das Gefühl, dass er irgendwie von Hoffnung beseelt ist. Er macht einfach, hat man das Gefühl, er funktioniert in dieser Welt, die einfach keine Rücksicht auf ihn nimmt, dann auch bei der Flucht. Warum haben Sie sich für diese sehr zurückgenommene Erzählweise entschieden?

Die Widersprüchlichkeit einer Vater-Sohn-Beziehung

Morina: Also mein Ziel war eigentlich, so ehrlich und so humanistisch wie möglich an die Figuren ranzugehen und so ernst wie möglich diese Figuren zu nehmen. Und mir war sehr wichtig, dass ich da keinen Betroffenheitskitsch erzähle. Mir war sehr wichtig, dass ich wirklich die Figuren in dem, wie ich sie mir vorstelle, und in dem, wie ich denke, dass es war, und in dem auch, wie ich es selber bis Ende 94 erlebt habe, zeige. Und dann kommt noch hinzu, dass die Figuren einfach zu beschäftigt mit dem sind, was sie zu bekämpfen haben, als dass sie, keine Ahnung, zu irgendwelchen Gesten wie Pathos oder was auch immer Zeit haben.

Burg: Es ist ja auch sehr wirkungsvoll dadurch. Nori lebt ständig mit dieser Angst, verlassen zu werden von seinem Vater, und er wird ja auch verlassen, und jedes Zusammentreffen, auch in Deutschland, ist auf Zeit, hat man das Gefühl. Und wenn man Vater und Sohn dann zusammen sieht, da wirken sie auf der einen Seite vertraut, aber auch sich ständig umkreisend. Also wie viel Widersprüchlichkeit liegt in dieser Vater-Sohn-Beziehung?

Morina: Ich habe keine Beziehung, bis vielleicht auf meine Cousine, die nicht von einer gewissen Widersprüchlichkeit geprägt ist. Und was mir hier wichtig war … Also zum einen beschreibt der Film eine Situation, in der der Vater eigentlich das, was das Kind von ihm erwartet, nicht erfüllen kann. Er ist in einem politischen Kontext dermaßen verankert und dermaßen festgelegt, dass er einfach die Vaterrolle, wie wir sie uns wünschen, nicht erfüllen kann. Für mich war eigentlich der ganze Film eine Frage des Vertrauens. Ich hab mich wirklich sehr viele Jahre mit diesem Thema auseinandergesetzt, ich hab mit dem Projekt 2007 – da war ich noch Student – begonnen, und für mich war irgendwann sehr wichtig zu sehen, dass sich eigentlich das ganze Drehbuch um die Frage des Vertrauens gedreht hat.

Und in dem Augenblick, wenn der Vater den Sohn so hintergeht, egal wie sehr man den Vater versteht, aber im Grunde genommen verrät sich der Vater, indem er abhaut. Mit anderen Worten, er bringt sich um als Vaterfigur, fürs Kind, dann dreht sich alles nur um diese Frage. Für mich kämpft Nori eigentlich viel weniger um das Wiedersehen seines Vaters, sondern um das Wiederherstellen eines Urvertrauens, was er dadurch verliert. Und insofern war mir sehr wichtig, dass ich alle Beziehungen, die danach passieren, aber auch davor, auf die Frage des Vertrauens und weniger auf die Frage der politischen Situation, die natürlich eine ganz große Rolle spielt oder was auch immer. Also wie Sie sehen, es war für mich ein höchst menschlicher Zugang zum Stoff und weniger politisch, wenn man das so will.

Burg: Und gleichzeitig kann man ja jetzt derzeit nicht umhin, diesen Film natürlich auch durch die Brille der aktuellen Geschehnisse, dieser unglaublichen Migrationsbewegungen zu sehen. Man sieht eben in Ihrem Film auch Nori, wie er mit Schleppern in einem Schlauchboot von Mazedonien nach Italien flieht, man wohnt dieser Brutalität der Schleuser bei, die zum Beispiel eines der Kinder einfach über Bord werfen, als die Küstenwache kommt. Also wie ich sagte, dieses Thema Schlepper ist ja in den Medien seit Monaten aus traurigem Anlass präsent. Wie verändern sich Bilder vielleicht auch, inwieweit sieht man den Film oder inwieweit sehen Sie den Film heute auch anders als zu der Zeit, als Sie vielleicht angefangen haben mit dem Film?

"In erster Linie bin ich selbst Flüchtling"

Morina: In erster Linie bin ich selbst Flüchtling. Ich bin zwar nicht so gekommen wie Nori, also ich hab eine Mutter und ich hab Geschwister und dergleichen, aber insofern ist für mich das Thema Flucht eigentlich sehr präsent, also unabhängig davon, ob das in den Medien verhandelt wird oder nicht verhandelt wird. Ich muss aber selber sagen, dass ich irgendwie diese Wucht, die jetzt vor allem … Wir hatten in München Premiere, und ab da ging's, jedenfalls in Deutschland, sehr los.

Einerseits muss ich wirklich sagen, dass es mich rein persönlich und rein auf den filmischen Aspekt hin gesehen, dass ich das manchmal schade finde, dass der Film aufgrund dieses Themas erdrückt wird. Andererseits gab es sehr viele Reaktionen von Zuschauern, wo ich irgendwie das Gefühl hatte, dass es in ihnen tatsächlich was macht. Aber für mich, würde ich einen Film über Flucht machen, dann würde ich den mit Sicherheit völlig anders sehen, und ich war extremst bemüht, dass ich diese Sequenz der Flucht so klein wie möglich halte, und extremst bemüht, dass ich die Menschen am Anfang so normal wie möglich zeige, natürlich den Umständen, unter denen sie leben, entsprechend.

Burg: Ja, die Motivation ist immer, Nori will zu seinem Vater, und da ist eben die Flucht das einzig mögliche Mittel, zu seinem Vater zu kommen.

Morina: Genau.

Burg: Sie haben selbst gesagt, Sie sind auch Flüchtling, Sie sind 1979 in Pristina geboren worden, haben Ihre Kindheit und Jugend im Kosovo verbraucht. Nun liegt die Zeit, die Sie im Film beschreiben, ja auch für Sie schon mehr als 20 Jahre her. Wie stark waren für Sie die Bilder aus der Zeit in Ihrem Kopf und wie hilfreich, aber auch wie schwierig war es dann, bei der Arbeit an dem Film Bilder auf eine Leinwand zu bringen?

Morina: Was für mich – muss ich ehrlich sagen – das Schwierigste war, war, dass das Team hauptsächlich deutsch war, also jedenfalls die sogenannten Heads, also die Abteilungsleiter der jeweiligen … also Kostüm, Maske, Ausstattung vor allem und Kamera aus Deutschland kamen und ich sehr lange gebraucht habe, um ihnen bestimmte Situationen zu erklären oder zum Beispiel einen Mehlkasten, weil man sich das nicht so richtig vorstellen konnte. Das war natürlich ein Problem, aber gleichzeitig hat es mich vielmehr in die Situation gebracht, dass ich noch tiefer quasi eingedrungen bin.

Und das andere war, dass Kosovo sich nach dem Krieg massivst verändert hat und dass wir natürlich viel länger Motive suchen mussten und die Ausstattung dann natürlich häufig teurer wurde und so weiter. Aber es war ja auch so, dass wir sehr viele Leute aus dem Kosovo hatten, die da mitgewirkt haben, und ich festgestellt habe, dass es beispielsweise massive regionale Unterschiede gab – von der Präsenz der Polizei oder von dem, was die Leute in dieser Zeit erlebt haben. Und bin wirklich sehr glücklich, als wir den Film im Kosovo gezeigt haben und die Leute natürlich ganz anders reagiert haben und sich sehr zurückversetzt gefühlt haben.

Burg: Und dann hat der Film auch noch vier Preise gleich in München beim Filmfest gewonnen, ist jetzt in der Vorauswahl für den Deutschen Filmpreis, ab Donnerstag dann bei uns in den Kinos zu sehen. Visar Morina ist der Regisseur des Films "Babai". Ich danke Ihnen vielmals!

Morina: Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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