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Interview / Archiv | Beitrag vom 22.12.2011

Redakteur: Wulff-Affäre ist "ein Kommunikationsdesaster"

Michael Berger von der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" zum Image des Bundespräsidenten

Das Gespräch führte Nana Brink

Bundespräsident Christian Wulff  (AP)
Bundespräsident Christian Wulff (AP)

"Wie Wulff das Thema weg bekommt, das ist noch wirklich die große Frage", sagt Michael Berger, Leiter der Niedersachsenredaktion der "HAZ". Selbstbild und öffentliches Bild des Bundespräsidenten stimmten nicht mehr überein, sagt Berger - bei den Lesern sei das Thema jedoch nicht der große Aufreger.

Nana Brink: Die Spekulationen um Bundespräsident Christian Wulff gehen weiter, und natürlich schadet dies seiner Amtsführung. Der Bundespräsident hat durch den Wirbel um seinen Hauskredit und um Urlaube bei befreundeten Unternehmern in der Bevölkerung an Autorität eingebüßt. Laut einer Forsa-Umfrage sagten 31 Prozent der Bürger, Wulff habe für sie an Ansehen verloren. Für die große Mehrheit allerdings hat sich aber nicht so viel geändert.
In Niedersachsen hingegen, wo er lange Ministerpräsident war, mag das wohl anders aussehen. Die Causa Wulff, das beherrschende Thema natürlich auch für die "Hannoversche Allgemeine Zeitung", und jetzt bin ich verbunden mit dem Leiter der Niedersachsen-Redaktion Michael Berger. Schönen guten Morgen, Herr Berger.

Michael Berger: Guten Morgen, Frau Brink.

Brink: Welchen Raum nimmt denn die Causa Wulff bei Ihnen ein?

Berger: Wir haben es heute etwas runtergefahren. Es ist eine längere Meldung auf der ersten Seite, ein größeres Stück auf der zweiten Seite, betitelt Schöne Bescherung, über die Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten, die nun mit hohen, meines Erachtens viel zu hohen Erwartungen befrachtet wird, sowie einem nachrichtlichen Teil, wo vermeldet wird, dass die SPD ihm jetzt eine Salami-Taktik vorwirft.

Brink: Sie behandeln es auf der ersten Seite: "Wulff schweigt in Ansprache über Vorwürfe".

Berger: Ja. Ich kann mir allerdings auch schlecht vorstellen, wie sich der Bundespräsident in einer Weihnachtsansprache vor das Volk stellt und sagt, seht her, auch ich bin nun ein kleiner Sünder, wie es ihm der Kölner Kardinal Meisner empfiehlt, ich habe sozusagen private Kredite aufgenommen und dem Landtag nur die halbe Wahrheit erzählt. Das ist nicht die Funktion der Weihnachtsansprache. Die soll ja doch eigentlich bestätigen, einstimmen auf das Fest. Ich kann es mir schlechterdings vorstellen. Allerdings muss Wulff sich in irgendeiner Form mal umfassend erklären. Einfach das Thema so wegdrücken – denn es ist im Wesentlichen auch ein Kommunikationsdesaster meines Erachtens, was sich hier abzeichnet – kann er das Thema nicht.

Brink: Also es ist für Sie auch in der Einschätzung weniger eine moralische Empörung als eher sozusagen ein Fehler in der Kommunikation?

Berger: Es ist auch eine Frage des eigenen Anspruchs. Ich persönlich tue mich schwer, immer den Moralapostel anzusprechen, und mir sind Politiker auch manchmal unsympathisch, wenn die das Moralische, wie auch immer das geartet ist, so sehr betonen. Nun gehört aber Wulff ausgerechnet zu dieser Sorge von Politikern, der immer sehr moralin-sauer aufgetreten ist, und das fällt ihm jetzt in gewisser Weise vor die Füße, weil er sich doch meines Erachtens nicht schwerer Verfehlungen schuldig gemacht hat, aber wie ein Winkeladvokat verhalten hat. Da stimmen sozusagen Selbstbild und öffentliches Bild nicht mehr überein, und das kriegt er jetzt nicht so schnell weg.

Brink: Wir haben ja schon über die Weihnachtsansprache gesprochen. Das passt auch ein bisschen zu Ihrer Seite drei: "Schöne Bescherung". Die ist ja nun schon aufgenommen. Deshalb reden wir über etwas, was eigentlich quasi auch nicht mehr zu retten oder nicht mehr zu ändern ist. Haben Sie sich eigentlich in der Redaktion mal Gedanken darüber gemacht, was soll eine Weihnachtsansprache? Sie müssen ja auch einen Artikel, wahrscheinlich einen Weihnachts-Leitartikel schreiben.

Berger: Eine Weihnachtsansprache wird nie eine revolutionäre sein, denn Weihnachten lebt ja eigentlich davon, dass die Erwartungen, die man in das Fest hat, auch erfüllt werden. Man will Ruhe, man will Friede. Im Bundespräsidialamt herrscht ja im Augenblick eher Unfrieden. Also ich denke, das ist einfach der falsche Ort.
Wie Wulff das Thema weg bekommt, das ist noch wirklich die große Frage. Ein Kollege schrieb, er sei immer so ein bisschen wie die verfolgte Unschuld vom Lande aufgetreten, und dieses Bild ist jetzt ein bisschen korrigiert.

Brink: Wie groß ist das Thema für Sie in Niedersachsen? Immerhin war er Ihr Ministerpräsident.

Berger: Es war jetzt die vergangenen Tage recht groß: mehrere Aufmacher, mehrere Seite-Drei-Stücke. Aber ich habe den Eindruck, dass es jetzt ein bisschen abflaut, weil auch keine neuen Vorwürfe dazukommen. Ich sagte bereits anfangs: Ich halte es in erster Linie auch wirklich für ein Kommunikationsproblem. Es steht auch viel über Hannover übrigens geschrieben, sehr viel Unsinn auch in den anderen Blättern, als sei das hier der Hort der Verstrickung und so weiter. Wir haben einen etwas zwielichtigen Unternehmer, Maschmeyer heißt der, der sich an alle möglichen Politiker herangewanzt hat. Da war ja Herr Schröder, dann Herr Wulff. Das ist also mehr das Problem Maschmeyer, aber nicht ein Problem jetzt irgendwie der Stadt Hannover.

Brink: Bekommen Sie denn Reaktionen von Lesern und in welche Richtung gehen die?

Berger: Es gibt Leserbriefe, die schreiben "mehr, mehr, mehr". Es gibt welche, "lasst uns damit in Ruhe, der arme Wulff, was macht ihr mit dem". Aber es sind nicht große Ausschläge.

Brink: Also es ist nicht der große Aufreger, wie man eigentlich denken würde?

Berger: Nein, nein, ist nicht so der große Aufreger.

Brink: Michael Berger, Leiter der Niedersachsen-Redaktion der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. Schönen Dank, Herr Berger, für das Gespräch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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