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Interview / Archiv | Beitrag vom 01.08.2011

Recht auf Unbelehrbarkeit

Nie mit Duden: Autor Peter Schneider lehnt Rechtschreibreform teilweise ab

Peter Schneider im Gespräch mit Marcus Pindur

Peter Schneider (privat)
Peter Schneider (privat)

Der Schriftsteller Peter Schneider meint, dass die Deutschen gut ohne eine verbindliche Rechtschreibung leben könnten. Deren "Ordnungsfunktion" verbindlicher Rechtschreibung sei weder dringlich noch wünschenswert.

Marcus Pindur: Rechtschreibung ist ein Thema, das viele Deutsche auf die Palme bringt. Ein Kulturgut dürfe nicht einfach mir nichts dir nichts von einem ideologiegetriebenen Expertengremium zur Disposition gestellt werden, hieß es. Vor 15 Jahren wurde die neue umstrittene Rechtschreibung eingeführt, vor fünf Jahren wurden zum letzten Mal Teile von ihr wieder zurückgenommen. Einige Verlage orientieren sich zwar daran, haben aber ein eigenes Regelwerk.

Keiner denkt mehr an Konrad Duden – dessen Todestag jährt sich heute zum 100. Mal. Konrad Duden wollte es allen einfacher machen. In einer Zeit, in der die Tat noch mit TH geschrieben werden konnte, aber eben auch nur mit T, machte er sich tatkräftig daran, ein Regelwerk für die deutsche Rechtschreibung aufzustellen. Wir wollen die Haltung Konrad Dudens mal ins Moderne übertragen und die deutsche Rechtschreibreform ein wenig daran messen. Ich begrüße jetzt den Schriftsteller Peter Schneider am Telefon. Guten Morgen, Herr Schneider!

Peter Schneider: Guten Morgen!

Pindur: Wie oft greifen Sie noch zum Duden?

Schneider: Nie. Ich nehme dann lieber in Kauf, dass mir mein Lektor was ankreidet, als dass ich da jedes Mal im Duden nachschlage. Und zumal jetzt, da es jetzt zwei Rechtschreibungen gibt. Jedenfalls, für die älteren Menschen, die es noch anders gelernt haben, beharre ich auf meinem Recht zur Unbelehrbarkeit.

Pindur: Die geplagten Eltern vieler Schüler werden das jetzt anders sehen, denn die haben ja noch keinen Lektor zur Seite, der sie da unterstützt. Es gab viel Streit um diese Rechtschreibreform. Wenn Sie sie bewerten jetzt mal, hat sie sich doch bewährt oder einfach nur für neue Unsicherheit gesorgt?

Schneider: Nein, ich finde, es hat sich vieles bewährt und anderes überhaupt nicht. Ich glaube, jeder hat auch einfach, um die Sache für sich zu vereinfachen, hat sich das herausgenommen, dass er seine eigene Lieblingsrechtschreibung kreiert hat. Um mal von mir zu sprechen: Ich zum Beispiel finde es absolut nachvollziehbar, dass man das S in dass und Soße unterscheidet, dass man das dann eben in Zukunft mit zwei S schreibt, was ich auch, wenn ich es nicht gerade vergesse, sehr gern mache. Das erscheint mir sinnvoll. Es widerspricht meinem Schönheitssinn, dass, wenn drei Konsonanten aufeinandertreffen, ich die auch alle ausschreiben muss, zum Beispiel Schifffahrt und so weiter. Es gefällt mir gar nicht, dass Fremdwörter jetzt alle in deutscher Rechtschreibung geschrieben werden sollen – Jetzt weiß ich gar nicht –, müssen oder sollen. Portmonee wird am Ende jetzt wie Nee geschrieben. Ich finde es eigentlich schön, wenn man einem Fremdwort ansieht, dass es eines ist, weil eine Sprache immer eine multikulturelle Veranstaltung ist. Und warum soll man diesen Aspekt ausmerzen?

Pindur: Jetzt ist Schönheit – Sie haben das eben angesprochen –, Schönheit ist auch im Auge oder eben im Ohr des Betrachters. Hat aber Rechtschreibung nicht auch eine soziale, dann unter Umständen auch eine Ausgrenzungsfunktion, oder sehen Sie korrekte Rechtschreibung einfach als Teil klarer Sprache und somit eben auch Teil klaren Denkens?

Schneider: Ich muss Ihnen sagen, ich finde diese Ordnungsfunktion – wahrscheinlich ist das Wort Ausgrenzungsfunktion genauer –, die finde ich gar nicht so dringlich und auch gar nicht so wünschenswert. Die Leute sollten sich doch dann bitte ansehen, wie unsere großen Geister – Goethe, Schiller und die klassischen deutschen Autoren, die nun wirklich Weltliteratur geschaffen haben –, wie die geschrieben haben! Ich habe in den frühen Briefen von Schiller zum Beispiel an seine Frau, habe ich entdeckt, dass der manchmal im selben Satz das selbe Wort in zwei verschiedenen Rechtschreibungen benutzt. Dasselbe gilt für Goethes "Urfaust", und wohin Sie blicken, diese großen Männer, auch Frauen – kennen wir weniger aus der Zeit, aber sie hat es zweifellos gegeben –, die sind doch nicht geistesverwirrt gewesen oder haben an zu wenig Ordnung gelitten. Die wussten ganz genau: Was sie da schreiben, das wird verstanden. Und ich finde, diese Oberlehrerattitüde, die leider mit der Rechtschreibreform einher geht – es muss sozusagen für alle eine verbindliche Rechtschreibung geben … wozu? Muss es überhaupt nicht! Es ist sowieso eine Sache, die sehr kurze Zeit in der Geschichte der deutschen Sprache bestanden hat, diese verbindliche Rechtschreibung.

Pindur: Hätte man dann nicht aber auch bei der alten Rechtschreibung bleiben können?

Schneider: Nein, das finde ich auch wieder albern. Ich finde überhaupt sehr viele Argumente, die da gefallen sind, auch von Kollegen, schwer nachvollziehbar. Die Rechtschreibung ist, genau wie die Sprache selbst natürlich, ein historisches Wesen. Die ändert sich mit der Zeit, und sie hat ein Recht, sich zu verändern. Warum müssen wir an der Rechtschreibung eben festhalten, wo noch Tat, ohne dass man das heute einsieht, mit TH geschrieben wird? Oder Thron mit TH – das hat ja sogar Kaiser Wilhelm II. durchgesetzt, wahrscheinlich, weil er festhalten wollte, dass das Wort aus dem Römischen kommt und eine entsprechende Würde besitzt; wie auch immer. Hitler, Wilhelm II., alle haben in diese Rechtschreibung eingegriffen. Ich meine, wir sollten festhalten: Es ist eine geschichtliche Sache, und wir sollten mit Gelassenheit, aber auch mit Entschlossenheit Veränderungen – wenn sie Sinn haben – akzeptieren.

Pindur: Dann gibt es noch die Frage auch von Anglismen zum Beispiel. Wie weit sollte da umgangssprachlicher Gebrauch einfließen Ihrer Ansicht nach? Beispiel ist der Plural von Finale, gerne von Sportreportern als Finals bezeichnet. Und wenn man jetzt heute im Duden nachguckt, findet man dort auch: Der Plural von Finale wird einmal möglich als Finale angegeben und einmal Finals; da hat der Amerikanismus Eingang gefunden. Halten Sie das für richtig, hinnehmbar, und einfach für den Sprachgebrauch legitimiert?

Schneider: Ja, meine Grenze ist dort, wo etwa ein Wort wie downloaden jetzt auch noch konjugiert wird, also: Ich habe downgeloadet und so weiter. Das finde ich schrecklich, dafür suche ich mir dann lieber ein deutsches Wort. Und ebenso würde ich beim Plural von Fremdwörtern immer den Plural vorziehen, der in der jeweiligen Sprache benutzt wird. Das zeigt, dass man eine gewisse Kenntnis hat von anderen Sprachen. Sie den deutschen Regeln zu unterwerfen, finde ich eher eine Barbarei.

Pindur: Wenn ich Ihr Verhältnis zur Rechtschreibung mal zusammenfassen darf, dann ist das relativ entspannt. Sie sagen, es muss auch eine gewisse Vielfalt geben, …

Schneider: So ist es!

Pindur: … nur das kann ja für die Schüler zum Beispiel keine Lösung sein!

Schneider: Warum eigentlich nicht? Schauen Sie, es hat sogar früher in den deutschen Ländern verschiedene Rechtschreibungen gegeben. Das war ja die große Leistung von Herrn Duden, der ja das versuchte zu überbrücken. Er hat ja nicht orthodox gesagt: So muss es geschrieben werden! Sondern er hat gesagt: ich mache einen Vorschlag, wie wir das alle schreiben können. Und trotzdem haben diese verschiedenen Rechtschreibungen lange nebeneinander her existiert, und es muss ein Unterschied gemacht werden zwischen einer völlig absurden Rechtschreibung, die ganz einfach falsch ist, und einer Rechtschreibung, die sich an durchaus unterschiedlichen Regeln orientiert. Das muss möglich sein! Und ich finde, es ist überhaupt kein Schaden, wenn wir hier offener werden und nicht die Intelligenz unserer Kinder an der Rechtschreibnote messen.

Pindur: Herr Schneider, Haben Sie vielen Dank für das Gespräch!

Schneider: Bitte schön!

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