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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 27.09.2006

Rebellion im Land des Wirtschaftswunders

Der Film "Die Halbstarken" zerstörte das Bild einer heilen Welt

Von Hartmut Goege

Der Schauspieler James Dean wurde zum Idol einer Generation. (AP)
Der Schauspieler James Dean wurde zum Idol einer Generation. (AP)

Als sich Mitte der 50er Jahre männliche Jugendliche auf Rock'n-Roll-Konzerten oder nach James-Dean- und Marlon-Brando-Filmen die Stühle um die Ohren schlugen, machte schnell der Begriff von den Halbstarken die Runde. Vor allem Jugendliche aus den Arbeitervierteln rebellierten gegen ihre sozialen Benachteiligungen im deutschen Wirtschaftswunderland. Der vor 50 Jahren uraufgeführte Film "Die Halbstarken" nahm sich des Themas an.

Als am 27. September 1956 im Essener UFA-Palast Georg Tresslers Film "Die Halbstarken" Premiere feierte, fiel er schon mit seinen coolen Jazz-Klängen heraus aus dem üblichen Rahmen der von gefälligen Melodien geprägten Heile-Welt-Produktionen der Adenauer-Ära.

Begeistert wurde er von einem meist jugendlichen Publikum aufgenommen, das von Swing-Musik über Kaugummi, Coca-Cola, Jeans und Kreppsohlen bis hin zum Rock'n Roll amerikanischen Lebensstil verinnerlichte. Es war die Zeit des deutschen Wirtschaftswunders. Die Kriegsschrecken lagen ein Jahrzehnt zurück. Alles lief scheinbar wieder in geordneten Bahnen. Da fing ein Teil der Jugendlichen an zu rebellieren. Schnell machte der Begriff "Halbstarke" die Runde.

Obwohl nur eine Minderheit, avancierten die Halbstarken doch rasch zum Bürgerschreck, die sich nicht nur auf Rock'n-Roll-Konzerten von Bill Haley oder Chuck Berry gegenseitig die Stühle um die Ohren schlugen, sondern häufig auch nach Kinobesuchen von US-Kassenschlagern wie "Denn sie wissen nicht was sie tun"; Filme, in denen Jugendidole wie James Dean oder Marlon Brando sich den verklemmten Moralvorstellungen der Elterngeneration widersetzten. Tresslers "Halbstarke" schwammen erfolgreich auf dieser Welle mit

Trotz des milieukundigen Drehbuchs des Journalisten Will Tremper - die sozialen Hintergründe Berliner Jugendcliquen aus dem Arbeitermilieu werden treffend und differenziert geschildert - wurde der Film weniger eine kritische Analyse über das Halbstarken-Phänomen als vielmehr ein gutgemachtes und spannendes Krimidrama. Kritiker fanden es dennoch zu dick aufgetragen und sorgten sich um das Image der Halbstarken.

"Es wäre gegen den Film nichts zu sagen, wenn er nicht so gut gemacht wäre. Das aber ist das Verhängnis. Was die Burschen da auf der Leinwand treiben, das ist nicht halbstark, das ist im Gegenteil schon ganz kräftig. Achtbare Leute würden sagen kriminell. Und der Bäckermeister Leberecht, wenn er in der Zeitung von Raubüberfällen und Schießereien jugendlicher Banden liest, wird dann sagen: 'Aha, wieder die Halbstarken! Genau wie wir es im Film gesehen haben.'"

Im Mittelpunkt steht der großmäulige - von dem jungen Horst Buchholz gespielte - 19-jährige Freddy. Sein autoritäres Elternhaus hat er verlassen. Als Boss einer kleinkriminellen Halbstarken-Bande sucht er nach Macht und Anerkennung. Um seiner frühreifen 15-jährigen Freundin Sissy zu imponieren - Karin Baal in ihrer ersten Filmrolle als geldgieriges kleines Luder und dabei weitaus weniger anmutig als Romy Schneiders Kaiser-Sissi ein Jahr zuvor - plant Freddy das "ganz große Ding". Für den Überfall auf ein Postauto fehlt ihm noch die geeignete Waffe:

"Das ist ein Dreck Prillinger, keine 5 Mark wert."

"Aber Fräulein Sissy hat gesagt, sie ist in Ordnung!"

"Ist sie ja auch, bloß schießen kann er nicht!"

"Ha, die versteht was von Lippenstiften, aber nicht von so was!"

"Stecken sie die Wumme weg!"

"Hee nun mach´ dir mal nicht in die Hosen, Alter."

Der Überfall gelingt - doch die Beute besteht nur aus wertlosen Postanweisungen. Um nach dieser Fehlplanung seine Autorität innerhalb der Bande nicht zu verlieren, lässt Freddy sich von seiner skrupellosen Freundin zu einem weiteren Überfall überreden. Die schreckt, um ihre ehrgeizigen Ziele zu erreichen, auch nicht davor zurück, Freddy gegen seinen jüngeren Bruder auszuspielen:

""Hör zu, du bist der einzige, mit dem man vernünftig reden kann. Wenn du das machst, weiß ich, das es klappen wird. Aber du müsstest natürlich mit mir teilen, wenn wir schon gemeinsam."

"Was?"

"Sag mal, stellst du dich nur so, oder?"

"Was ist denn mit euch los?"

"Warum gibst du denn keine Antwort?"

"Frag sie doch selbst!"

"Er wollte dich aufs Kreuz legen, mit mir ein Ding drehen, halbe-halbe. Feiner Bruder."

"Du bist doch wohl verrückt.""

Als Sissy schließlich einen Mann erschießt und dabei auch Freddy verletzt, kommt der zur Besinnung und stellt sich geläutert der Polizei. Auch wenn so am Ende der erhobene Zeigefinger vor den moralischen Folgen und der Sucht nach dem schnellen Geld warnt, zeichnete der Film doch ein Bild der damaligen Jugend, das sich mit seinem Realismus deutlich von anderen deutschen Filmproduktionen abhob.

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