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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.10.2013

Raus aus der Komfortzone der Wissenschaft

Thomas Nagel: "Geist und Kosmos. Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist", Suhrkamp Verlag, Berlin 2013, 187 Seiten

Die Hirnforschung kann das Phänomen Bewusstsein nicht verstehbar machen, schreibt Thomas Nagel. (Science/MGH-UCLA Human Connectome Project])
Die Hirnforschung kann das Phänomen Bewusstsein nicht verstehbar machen, schreibt Thomas Nagel. (Science/MGH-UCLA Human Connectome Project])

Ist die Naturwissenschaft wirklich der Königsweg zur Erklärung der Welt? In seinem Buch hebt der amerikanische Philosoph Thomas Nagel das gesamte wissenschaftlich fundierte Weltbild aus den Angeln. In den USA löste er damit einen Sturm der Entrüstung aus.

Die moderne Wissenschaft ist eine gut geölte Maschine, die vorhersehbar neue Erkenntnisse liefert. Die Produktion des Elementarteilchens Higgs-Boson war aufregend, überraschend war sie nicht. Entdeckungen, wie die der nachwachsenden Nervenzellen im Gehirn, mögen etablierten Theorien zunächst widersprechen. Schnell sind sie aber integriert und wenige Zeit später Lehrbuchwissen. Raum für grundsätzliche Zweifel gibt es kaum. Da tut ein Buch wie "Geist und Kosmos" richtig gut. Es stößt den Leser aus seiner Komfortzone und zwingt ihn nachzudenken, ob die Naturwissenschaft wirklich der Königsweg zur Erklärung der Welt ist.

"Nein", meint Thomas Nagel, und um das wissenschaftliche Weltbild in Frage zu stellen, braucht er keinen Teilchenbeschleuniger und keine Genomdatenbanken, dem Philosophen von der New York University reicht sein eigener Kopf, sein Geist. Die Hirnforschung erklärt zwar genau, wie Nerven funktionieren. Aber Thomas Nagel sieht keine Brücke, wie diese Fakten das subjektiv erlebte Phänomen Bewusstsein verstehbar machen sollten. Plastisch nachgezeichnet hat er diesen Zweifel schon 1974 seinem Aufsatz "Wie es ist, eine Fledermaus zu sein": Alles objektive Wissen über die Echo-Ortung reicht nicht, um sich in den Geist einer Fledermaus einzufühlen.

In seinem neuen Buch nutzt Thomas Nagel diesen scheinbar kleinen Ansatzpunkt, um das gesamte wissenschaftlich fundierte Weltbild aus den Angeln zu heben. Mit seinen Argumenten bohrt er tief, zeigt, dass sich die Arbeitsweise des Bewusstsein ebenso wenig aus materiellen Gesetzen ableiten lässt wie seine Entstehung aus der Evolutionstheorie. Am Ende kommt er zu dem Schluss, die ganze moderne Naturwissenschaft sei "der Triumpf einer Ideologie über den Wirklichkeitssinn".

Gut begründete Gegenpositionen

Alternative Starker Tobak. Kein Wunder, dass das schmale Buch in den USA einen Sturm der Entrüstung ausgelöste. Zumal Thomas Nagel zwar Probleme aufzeigt, selbst aber keine Lösung anbietet. Als Atheist hält er Gott so wenig für eine gute Erklärung, wie den reinen Materialismus. Eine Alternative sieht er nur in teleologischen Ansätzen: "Die Dinge werden nicht nur von wertfreier Chemie oder Physik bestimmt, sondern gleichzeitig noch von etwas anderem. Einer kosmischen Neigung zur Entwicklung des Lebens, des Bewusstseins und der Werte, die mit ihnen verbunden sind." Klingt vielleicht gut, bleibt aber reichlich vage.

Das Fehlen einer überzeugenden Alternative ändert freilich nichts daran, dass Nagels Zweifel einen empfindlichen Punkt der Naturwissenschaft treffen. Die Argumente in "Geist und Kosmos" werden am Ende sicher nicht jeden überzeugen, es gibt auch gut begründete Gegenpositionen. Aber wer einen offenen Geist hat, wird hier gezwungen, auf ganz neue Art nachzudenken über den Kosmos, die Wissenschaft und welche Art von Antworten man auf die Frage nach dem Bewusstsein eigentlich erwartet. Mehr kann man von einem so kurzen Buch nicht verlangen, zumal Thomas Nagel seine Argumente in einer recht verständlichen Sprache ausdrückt und weder große Vorkenntnisse in der Philosophie noch der Naturwissenschaft voraussetzt.

Besprochen von Volkart Wildermuth

Thomas Nagel: Geist und Kosmos. Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist
Suhrkamp Verlag, Berlin 2013
187 Seiten, 24,95 Euro

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