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Reportage / Archiv | Beitrag vom 01.04.2014

RassismusKurz und schmutzig

Bei Hate-Poetry lesen Journalisten mit Migrationshintergrund Hass-E-Mails

Von Kemal Hür

E-Mail Eingang Smartphone (dpa / Jan-Philipp Strobel)
E-Mail Eingang Smartphone (dpa / Jan-Philipp Strobel)

Beschimpfungen und Bedrohungen: Für manche Journalisten mit Migrationshintergrund gehören sie zum Alltag. Bei Hate-Poetry lesen sie vor, was sie sich so anhören müssen. Das ist schlimm und komisch zugleich.

"Hey, Daniel. Also wegen BKA, ich krieg die Meldung nicht hart."

Redaktionsalltag im Berliner Büro der Wochenzeitung "Die Zeit". Yassin Musharbash ist Extremismus- und Terrorismusexperte der Zeitung. In journalistischen Kreisen zählt er auch zu den renommiertesten Islamismusexperten. Doch von seinen Lesern bekommt er oft hasserfüllte E-Mails – nicht unbedingt wegen seiner Artikel, sagt Yassin Musharbash.

"Ich hab einen eindeutig nicht-bio-deutschen Namen, den die Leute auch richtig im Nahen Osten verorten. Was die meisten Leute vermuten, ist, dass ich deswegen Moslem sein muss. Und dann werde ich in meiner Eigenschaft – oder angenommenen Eigenschaft – als Moslem beschimpft, was in meinem Fall die besondere Ironie hat, dass ich nicht mal Moslem bin. Ich komme aus einer christlich-arabischen Familie. Aber das ist denen ja egal."

"Moin."

"Hast du schon angerufen?"

"Bei dem Gärtner oder bei den Jungs aus der Politik?"

"Ich nehme den Scheiß nie mit nach Hause"

Musharbash spricht über die Beschimpfungen und Beleidigungen, die er von seinen Lesern bekommt, nicht mit seinen Kollegen in der Redaktion. Nur ein paar Mal, sagt er, habe er einige Briefe dem Justiziar vorgelegt, weil er sich bedroht gefühlt habe.

"Ich nehme den Scheiß nie mit nach Hause. Ich lasse das schön im Büro. Das ist meine Arbeit, bis man dann vielleicht bei der nächsten Hate-Poetry die Gelegenheit hat, sich davon quasi zu reinigen und zu befreien, indem man ihn vorliest."

Moderatorin: "Wir beginnen jetzt den Abend. Das Ganze ist ja ein Poetry Slam sozusagen. Wir haben fünf Kategorien."

Die Zuschauer entscheiden per Applaus über die schlimmsten Briefe

Ein Café in Berlin-Kreuzberg. Der Raum ist bestuhlt. In den Zwischenräumen stehen Männer und Frauen mittleren Alters dicht an dicht. Auf einer Podestbühne sitzen Yassin Musharbash sowie die Journalisten Mely Kiyak und Deniz Yücel. Der Tisch, an dem sie sitzen, ist bunt geschmückt: deutsche und türkische Fähnchen, eingerahmte Fotos von Claudia Roth, Thilo Sarrazin und dem Gründer der Türkischen Republik, Atatürk, Blumen, Alditüten und Luftballons in Herzform. Die Journalisten tragen Briefe und E-Mails vor, die sie von ihren Lesern bekommen haben. In verschiedenen Kategorien treten sie damit gegeneinander an. Die Zuschauer entscheiden per Applaus über den schlimmsten Brief in der jeweiligen Kategorie.

Moderatorin: "Die Kategorie lautet: Hot Shit."

Mely Kiyak: "Hot Shit, ach so, ja."

Kiyak: "Du darfst deine Töchter und Schwester umbringen, weil es kein Rassismus gegen Frauen ist, sondern der Ehre der Familie dient. Wird Zeit, dass dein Kopf rollt, Rassist mit Migrationshintergrund!"  

Musharbash, Yücel, Kiyak: "Kurz und schmutzig, hä? Arschloch!" "Soll der Herr Yüceldoch bei Pro Deutschland oder der NPD den Alibi-Ali machen. In der 'taz' hat der Kerl nichts verloren." "Kurz und schmutzig, hä? Votzer!" "Für Mely und andere Konsorten – und ich glaube, mit Konsorten seid ihr beiden auch gemeint – kommt ein genereller Rat, den finde ich ganz schön, weil er geht so: 'Strengt euch mehr an, als uns nur mit eurem Intellekt zu beschäftigen.'"

Sie amüsieren sich und das Publikum lacht lauthals mit

Yassin Musharbash, Deniz Yücel und Mely Kiyak – sie arbeiten für "Die Zeit", die "taz", die "Frankfurter Rundschau", den "Spiegel" und andere Medien. Während der eine liest, prosten die anderen einander mit Wein oder Prosecco zu. Sie lesen Briefe und E-Mails vor, in denen sie beschimpft, beleidigt, ja teilweise bedroht werden. Aber sie amüsieren sich. Und das Publikum lacht lauthals mit.

Zuschauer: "Ich brauchte ne ganze Weile, bis ich mich dran gewöhnt hab, solche Hasssalven mir anzuhören, willentlich. Und mit der Stimmung geht man dann auch mit, und irgendwann hat man die Hemmschwelle überwunden und kann dann auch den Lacher rauslassen."

Zuschauer: "Das ist ein hochprofessioneller Umgang, mit diesen Briefen so umzugehen. Also habe ich großen Respekt, große Achtung davor. Das ist eigentlich die beste Art, Derartiges zu verarbeiten."

Den Hass, die Kränkung, Beleidigung verarbeiten durch das öffentliche Vortragen, durch das Teilen mit Menschen, die die Vortragenden verstehen – darum geht es, sagt Yassin Musharbash, während er sich eine Pausenzigarette ansteckt.

Betroffener: Man will damit nicht alleine gelassen werden

"Natürlich trifft einen das. Natürlich will man darüber reden. Und natürlich ist das Beste, was einem passieren kann, wenn man einen Rahmen findet, in dem Leute das verstehen, was man da durchmacht in dem Moment. Das ist nicht schön, solche Mails zu bekommen, egal, wie lächerlich die wirken mögen. Also ich will diese Sachen teilen, weil ich damit nicht alleine gelassen werden will."

Die heute freie Publizistin Mely Kiyak hat jahrelang eine wöchentliche Kolumne in der "Frankfurter Rundschau" und der "Berliner Zeitung" gehabt. Die Drohungen und Beschimpfungen, die sie bekommt, schüchtern sie nicht ein, sagt Kiyak, die sich hinter der Bühne mit Deniz Yücel und der Moderatorin unterhält.

"Ich bin in meinem Fall gewöhnt, dass im Internet meine Privatadresse kursiert, Gewaltaufrufe, Gewalt auch in der Sprache. Am Anfang ist man etwas besorgt, dann denkt man, habe ich vielleicht etwas Falsches aufgeschrieben oder so. Aber ich bin mittlerweile ganz schön abgehärtet, und mich kann einfach gar nichts stoppen, weil ich kann nur eine gute Journalistin sein, wenn ich das mache, was ich mache."

Deniz Yücel – in Anzug und Krawatte, mit Zigarre und Wein in der Hand – sagt, er will mit seiner Kolumne in der "taz" provozieren.

"Nazis als Nazis zu outen ist langweilig. Aber auch bestimmte Reaktionen aus dem 'taz'-Milieu, wo du schon vom Duktus von Zuschriften merkst, ok, das sind jetzt 'taz'-Leser. Ich wollte diesen Dreck an die Oberfläche spülen. Ich weiß nicht, ob das ein erfreuliches oder erschreckendes Gefühl ist."

Ein Plüsch-Döner als Preis

Für die "taz"-Finanzen sicher nicht besonders erfreulich, denn in der Kategorie "Abo-Kündigungen", die Yücel klar gewinnt, erfahren wir:

Yücel: "Schade, dass ich kein 'taz-'Abo habe, würde es gerne abbestellen."

Yassin: "Fahren Sie von mir aus zur Hölle oder zurück nach Palästina. In Deutschland brauchen wir jedenfalls keinen, der Musharbash heißt. Wir wurden schon genug ausgedünnt und 'eingehegt'. Es reicht inzwischen, danke."

Am Ende stehen alle als Gewinner auf der Bühne. Seifenblasen und Konfetti fallen auf die Journalisten herab. Und jeder von ihnen bekommt einen Preis: einen Plüsch-Döner.

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