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Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsÜber das Verschwinden
Ein Helikopter landet auf dem Deck eines chinesischen Marineschiffes, das mit der Suche nach der verschollenen Boeing 777-200 im südchinesischen Meer beauftragt ist.

Die "Neue Zürcher Zeitung" und die "FAZ" widmen sich der US-amerikanischen Serie "The Leftovers", die vom Umgang mit dem Unerklärlichen handelt, etwa wenn Menschen einfach so verschwinden. In Wien verschwindet laut "NZZ" der Dialekt.Mehr

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Fazit

AusstellungEin Minimalist schaut auf sich selbst
Der Künstler Imi Knoebel 2014 vor seinen Werken "Aliaaa" (l, 2002) und "Ich Nicht X" (2006) in der Ausstellung "Imi Knoebel. Werke 1966-2014" im Kunstmuseum in Wolfsburg.

Der Beuys-Schüler Imi Knoebel gehört zu den wichtigsten Vertretern der Minimal Art in Deutschland. Zum 75. Geburtstag des Künstlers zeigt das Kunstmuseum Wolfsburg eine umfassende Werkschau, inszeniert von Imi Knoebel selbst. Mehr

TheaterDas ist der Mensch!
Die "Woyzeck"-Inszenierung am Münchner Volkstheater ist ein Wagnis.

Schon unzählige Male kam Büchners Woyzeck auf die Bühne. Am Münchner Volkstheater hat der Regisseur Abdullah Kenan Karaca den Stoff völlig neu zusammengesetzt. Die kühne Inszenierung folgt der Frage: Was ist der Mensch?Mehr

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Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.02.2013

Rasierklingen im Mund

Das Karlsruher ZKM zeigt aktuelle Videokunst aus Asien

Von Johannes Halder

Ma Qiusha, Videostill aus dem Werk "From No 4 Pingyuanli to No 4 Tianqiaobeili"
Ma Qiusha, Videostill aus dem Werk "From No 4 Pingyuanli to No 4 Tianqiaobeili" (ZKM Karlsruhe)

Die Ausstellung "Move on Asia" zeigt Videokunst aus 13 asiatischen Ländern. Eine faszinierende Schau - doch die schiere Masse des Materials macht es schwer, sich einen Überblick zu verschaffen. Und es ist nahezu unmöglich, Tendenzen auszumachen.

Man sollte ein Feuerzeug mitnehmen in diese Schau, denn der chinesische Künstler Du Zhenjun verführt uns zum Zündeln. In einer riesigen Kuppel von zwölf Metern Durchmesser kann man damit an Wärmesensoren ein flammendes Inferno entfachen, das zunächst die Nationalflaggen von 200 Ländern in Brand setzt und sich dann als virtuelle Feuersbrunst minutenlang die Wände hochfrisst. Ringsum nichts als Feuer, Rauch und Ascheregen und schließlich eine gewaltige Explosion.

Was als kleine, scheinbar harmlose Zündelei beginnt, endet im Inferno. Das kann, das soll man natürlich politisch verstehen: Wer mithilft, die Lunte zu legen, der trägt auch Schuld, wenn’s brennt.

Nun waren Chinesen schon immer große Feuerwerker, doch man darf sich wundern, welch aufwendige Mittel der in Shanghai geborene und in Paris lebende Künstler bemüht, um eine relativ einfache Botschaft zu vermitteln. Aber so ist das mit der Videokunst, die sich längst vom Bildschirm gelöst hat und auf spektakuläre Projektionstechniken und Action-Effekte setzt: Da darf’s schon mal knallen und brennen, damit überhaupt jemand hinschaut.

Asien hat Nachholbedarf und da die Computer- und Videotechnik gerade auch dort verfügbar ist, haben Länder wie China, Indien oder Südkorea (Japan sowieso) längst kein Problem mehr, künstlerisch weltweit in der ersten Liga mitzuspielen, sagt der Kurator Fabian Offert:

"In China ist es zum Beispiel so, dass durch den kapitalistischen Aufbruch sehr viel Kunst produziert wird und sehr stark daran gearbeitet wird, China auch auf dem Kunstmarkt zu etablieren. Und das ist wiederum in anderen Ländern nicht der Fall. Und diese Kontraste wollen wir auch darstellen."

Interessant ist dabei auch, wie sich in vielen Werken fernöstliche Tradition mit modernen Einflüssen vermischt.

"Es gibt zum Beispiel eine sehr schöne japanische Arbeit, die sich ganz stark auf japanische Malerei bezieht und diese aber sozusagen hinüberrettet in das Zeitalter der 3-D-Animation, wo also japanische Zeichentechniken übertragen werden auf Computertechniken und daraus eine sehr schöne 3-D-Animation entsteht."

Überwältigend ist auch eine zwölf Meter lange Videoprojektion des Chinesen Miao Xiaochun, der den berühmten "Garten der Lüste" des Malers Hieronymus Bosch zu einer eigenen, komplett computergenerierten Schöpfungsgeschichte uminterpretiert. Insbesondere die Unterteilung in Gut und Böse oder Himmel und Hölle ist ein dem asiatischen religiösen Selbstverständnis fremdes Phänomen und so vermischt sich in den alptraumhaften Kreationen des Chinesen beides auf atemberaubende Weise.

Kunst aus Asien, das heißt oft Kampf gegen Zwang und Zensur und viele Werke bedienen natürlich unsere Erwartungshaltung. Die Chinesin Ma Qiusha etwa erzählt in einem Video, wie sie als Einzelkind aufwuchs und von ihren ehrgeizigen Eltern schikaniert wurde – ein in China typisches Schicksal zwischen liebevoller Erziehung und sozialem Erfolgsdruck.

Erst am Ende offenbart sich der gequälte Gesichtsausdruck der jungen Frau und warum sie so seltsam spricht: Sie hat eine Rasierklinge im Mund und muss aufpassen, was sie sagt.

Theoretisch könnte man Tage in der faszinierenden Schau verbringen, für Videos braucht man viel Zeit. Asien ist groß und es ist praktisch unmöglich, in dem heterogenen Material irgendwelche Tendenzen auszumachen. Aber oft geht es um Anonymität, Entfremdung, um Vereinsamung und Verlorenheit in der globalen Massengesellschaft.

Der Japaner Meiro Koizumi ruft telefonische Hotlines an und spricht mit deren Personal, als ob er sich privat mit seiner Mutter unterhalte. Ihre verstörende Komik gewinnen diese Dialoge aus dem Umstand, dass Japaner selbst auf solch absurde Zumutungen stets mit ausgesuchter Höflichkeit reagieren. Und so erzählen auch viele andere Videos von der Suche nach Selbstvergewisserung in einer von persönlichen Nöten, Turbokapitalismus und Globalisierung geprägten Welt.

Als eindrucksvolle Schau in der Schau zeigt Du Zhenjun, der eingangs erwähnte Brandstifter, eine Serie riesiger Schwarzweißfotos mit aberwitzig entfesselten Architekturen. Es ist eine düstere Prophezeiung aus babylonischen Türmen, unendlichen Häusermeeren und chaotischen Menschenmassen als ein Panorama der sozialen und zivilisatorischen Apokalypse.

Und ja, so ist es: Vor der hier gezeigten Videokunst aus Asien darf das Abendland erblassen, aber vor diesen Horrorvisionen muss sich die ganze Welt in Acht nehmen.

Service:
Die Ausstellungen "Move on Asia – Videokunst in Asien 2002–2012 und "Babel World" von Du Zhenjun sind im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie bis zum 4. August 2013 zu sehen.

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Verloren im Übergang
"Das Stück hört nie auf"