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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.06.2013

Raserei in Buenos Aires

María Sonia Cristoff: "Unter Einfluss", Berenberg Verlag, Berlin 2013, 168 Seiten

Buenos Aires: "Von Flanieren kann keine Rede sein." (picture alliance / dpa Foto: Horst Brix)
Buenos Aires: "Von Flanieren kann keine Rede sein." (picture alliance / dpa Foto: Horst Brix)

Zwei vom Leben getriebene und von ihren dominanten Müttern verfolgte Künstler finden in der südamerikanischen Metropole zueinander. Ihre Beziehung endet jedoch in der Herzlosigkeit. María Sonia Cristoffs "Unter Einfluss" ist eine boshaften Satire auf das Making-of erfolgreicher Kunst und der zugehörigen Szene.

Francis Alÿs ist ein belgischer Künstler, der in Mexiko City lebt. María Sonia Cristoff ist eine argentinische Autorin bulgarischer Herkunft, die die Performances Alÿs’ nach Buenos Aires verlegt und in geschriebene Worte transformiert hat. Aber sie hat noch mehr getan: Ihr neuestes Buch betrachtet die Entstehung, die Bedingungen und die Rezeption von Gegenwartskunst auf ähnlich verblüffende Weise, wie sie in früheren Büchern bereits die Vergessenheit und die Bevölkerung der patagonischen Landschaft oder die sehnsüchtige Verwandtschaft des Menschen mit dem Tier in Worte gefasst hat. Essay, Reportage, Journal, Satire, Erzählung fließen in María Sonia Cristoffs Texten ineinander und verbinden sich zu einer ganz eigenen changierenden Stofflichkeit.

In diesem Buch haben wir es mit einer Ich-Erzählerin zu tun, die eine eigentliche Hauptperson namens Tonia zitiert; man kennt dieses literarische Verfahren, Borges, der Altmeister, lässt grüßen. Beide Frauen haben ein Problem mit Tonias Mutter, einer erfolgreichen Galeristin, die man ebenso als kommerzielles Über-Ich der Kunstszene wie als einfach grässliche Mama betrachten kann. Tonia ist einst auf der Straße mit einem gewissen Cecilio zusammengestoßen, der ebenfalls ein Problem mit seiner dominanten Mutter hat, weshalb er stundenlange Spaziergänge quer durch Buenos Aires unternimmt. Doch was heißt Spaziergänge: Von Flanieren kann keine Rede sein. Es sind Rasereien, in atemlosem Tempo immer mitten durch das größte Gewühl der Avendias von Buenos Aires, Walter Benjamin bleibt mit heraushängender Zunge in der Ersten Welt zurück.

Tonia, die superintellektuelle Benjamin-Leserin und latente Menschenfeindin, beginnt neben Cecilio her zu rasen, wann immer er sie herbeizitiert. Es ist so wahnsinnig wie metaphorisch: eine Liebe. Aber eines Tages beschließt Cecilio, dass es Kunst sei – allein schon, um Mutters Klagen über den müßiggängerischen Sohn das Maul zu stopfen. Tonia, die die Kunstwelt von Kindheit an kennt, wird seine Assistentin und die beiden kopieren fortan eins zu eins die Straßenaktionen und Video-Performances von Francis Alÿs.

Cristoff tut klugerweise nicht so, als sei sie selbst der kreative Kopf einer schriftlichen Konzeptkunst. Sie betätigt sich offen als Kopistin und setzt ihr großes Talent da ein, wo ihre Sensibilität für Zwischentöne und Untergründiges sich wunderbar entfalten kann: in einer ebenso dezenten wie boshaften Satire auf das Making-of erfolgreicher Kunst und der zugehörigen Szene.

Das Verhältnis der beiden Protagonisten verkommt mit dem Erfolg zur Arbeitsbeziehung und verödet in Herzlosigkeit. Am Ende ist Tonia, die eigentliche, wenn auch nicht ganz freiwillige Drahtzieherin, verschwunden.

Das Buch, das nicht ganz zu Recht behauptet, ein Roman zu sein, ist das Protokoll einer Suche nach seiner Hauptperson: Ich-Erzählerin Nummer zwei wühlt im Auftrag der Mutter in Erinnerungen, Fragmenten und Aufzeichnungen. Und im spöttischen Gelächter, den Originaltönen von der Straße und der gepflegten Konversation bei Tisch hört man leise, aber unüberhörbar, das Klirren des mit Anmut gehandhabten kulturtheoretischen Bestecks.


Besprochen von Katharina Döbler

María Sonia Cristoff: Unter Einfluss
Aus dem Spanischen von Peter Kultzen

Berenberg Verlag, Berlin, 2013

168 Seiten 20,00 Euro

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