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Interview / Archiv | Beitrag vom 11.03.2015

Ranga Yogeshwar"Preußische Beamtendisziplin" an deutschen Schulen

Moderation: Nana Brink

Der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar; Aufnahme vom Mai 2014 (picture-alliance / dpa)
Der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar; Aufnahme vom Mai 2014 (picture-alliance / dpa)

Trotz Pisa-Schock: An deutschen Schulen wird nicht die Kreativität gefördert, sondern der Einzelne in ein Raster gepresst, kritisiert der Journalist Ranga Yogeshwar. Schuld daran seien aber nicht die Schulen.

Welche Schule und welches Lernen brauchen wir? Diese Frage beschäftigt seit der ersten PISA-Studie zahlreiche Bildungsdebatten. Auch beim diesjährigen Deutschen Schulleiterkongress, der am Donnerstag in Düsseldorf beginnt, wird es wieder darum gehen. Einer der Referenten des Kongresses ist der Physiker und Fernsehmoderator Ranga Yogeshwar, der vorab scharfe Kritik am deutschen Bildungssystem äußert.  

Kreativität statt Standardisierung

In der Haltung dem Lernen gegenüber schwinge immer noch ein Stück "preußischer Beamtendisziplin" mit, sagt er. Man sehe Schule als eine Institution, bei der es nicht darum gehe, die Kreativität des Einzelnen zu fördern, sondern darum, "uns alle sozusagen in ein Raster zusammenzusetzen". Dabei gebe es inzwischen bedingt durch neue Technologien neue Wege der Wissensvermittlung, zum Beispiel durch gut gemachte Internet-Tutorials. Dadurch würde dem Lehrer mehr Zeit für die individuelle Betreuung der Schüler bleiben, so der TV-Moderator.

Die Hauptverantwortung für die Probleme im Bildungswesen sieht Yogeshwar allerdings nicht bei den Schulen, sondern bei der Gesellschaft. Viele Lehrer stünden extrem unter Druck und dürften im Grunde nur noch Lehrpläne abarbeiten, weil man ihnen die Freiheit genommen hätte und die Schulen überdies miserabel ausgestattet seien. "Ich glaube, genau da ist es viel mehr als nur eine Schule, die sich verändern muss. Eine Gesellschaft muss der Bildung eine andere Priorität geben."


 

Das Interview im Wortlaut:

Nana Brink: Bildung ist eine der großen Herausforderungen der Zukunft. Und über jede Diskussion über Schulformen und Schulreformen steht die große Frage, welches Wissen brauchen unsere Kinder, um für die Zukunft gewappnet zu sein? Was also muss in der Schule der Zukunft alles auf dem Lehrplan stehen – Deutsch, Mathe, Englisch, Physik, Computerkurse, Geschichte, Musik, Sachkunde, Sport, vielleicht noch Religion oder Lebenskunde? Aber gehört auch Chinesisch dazu oder die Frage, wie lernt man überhaupt? Alles Thema, die den deutschen Schulleiterkongress beschäftigen, der von morgen an bis Ende der Woche in Düsseldorf stattfindet. Und einer, der sich seit Jahren mit neuen Wegen der Wissensvermittlung beschäftigt, ist der bekannte Fernsehmoderator und Referent beim Deutschen Schulleiterkongress, Ranga Yogeshwar. Sie kennen ihn von der Sendung "Quarks und Co". Guten Morgen, Herr Yogeshwar!

Ranga Yogeshwar: Hallo!

Brink: Sie werden einen Vortrag halten auf dem Kongress. Im Publikum sitzen Schulleiter aus ganz Deutschland, und wenn ich die Ankündigung richtig lese, dann werden Sie ihnen sagen, unser Bildungssystem ist ein Relikt vergangener Jahrhunderte, ihr macht da was falsch. Was denn?

Yogeshwar: Na, einiges. Man kann das, glaube ich, ganz einfach verifizieren. Jeder von uns kann das, denn wir reden über ein Thema, das wir alle kennen. Jeder von uns hat die Schulbank gedrückt, und wenn Sie Schulleiter sich anschauen, dann haben die sogar ziemlich lange die Schulbank gedrückt: die Grundschule, das Gymnasium, später die Universität. Und man kann sich fragen bei diesem enormen Zeitinvestment: Was ist wirklich hängengeblieben? Also inwieweit war das eine effektive Zeit, wenn es darum geht, zu lernen? Da geht noch mehr.

Dreiviertel der Schüler schalten im Mathematikunterricht ab

Brink: Wo brauchen wir da Veränderungen, wenn wir auf diese Stundenpläne gucken?

Yogeshwar: Ich glaube, dass der Hauptfokus nicht so sehr auf dem Inhalt ist, der in den Stundenplänen selber steckt, sondern in der Haltung, die wir haben gegenüber einem Prozess, den wir Lernen nennen. Wenn man sich das historisch anschaut, merkt man, da schwingt immer noch dieses Stück preußischer Beamtendisziplin durch, also Schule als eine Institution, bei der es nicht darum geht, die Kreativität des Einzelnen zu beflügeln und ihn vielleicht auf seinen ganz eigenen Weg zu befördern, sondern eher eine Institution, die etwas tut, was völlig abwegig ist, nämlich uns alle sozusagen in ein Raster zusammenzusetzen. Da läuft wirklich fundamental was falsch.

Brink: Aber wie kriegen wir das dann hin, die Grundrechenarten zu lernen und die deutsche Sprache – das ist ja etwas, was man auch als Handwerkszeug haben muss – wenn man es nicht fest fügt in einen Stundenplan?

Yogeshwar: Ich glaube, man muss sehr genau gucken: wie lernt man? Wie lernt man heute, wie lernt auch eine neue Generation? Und was man merkt, ist, dass – bedingt durch Technologie, aber nicht nur – es neue Wege gibt, bei denen zum Beispiel die eigentliche Wissensvermittlung, also die Stoffvermittlung, das, was den Lehrer eigentlich doch viele, viele Stunden kostet – und diese Zeit geht ihm ab, was die Betreuung des einzelnen Schülers betrifft, dass wir vielleicht darüber nachdenken und sagen, können wir das nicht drehen? Können wir Wissensvermittlung nicht vielleicht mit modernen Techniken völlig anders gestalten? Und können wir dafür sorgen, dass die Betreuung des Einzelnen sehr viel besser läuft?

Wenn Sie sich heute zum Beispiel das Internet anschauen, merken Sie schon, dass es eine Quelle gibt an gut gemachten Tutorials, und zwar nicht nur von erwachsenen, alten Säcken, sage ich mal, so wie mir, sondern von jungen Menschen, von Schülern, die anderen Schülern etwas erklären. Und auf die Art und Weise gibt es eine Chance, auch Luft zu schaffen in diesem Korridor. Das Zweite ist, dass wir alle die Erfahrung haben, dass es sehr viel Zeit, sehr viele Stunden in der Schule gibt, bei denen Schüler "abschalten". Das ist nicht nur daher gesagt. Es gibt viele Untersuchungen, zum Beispiel vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, die feststellen, dass in einer Mathematikstunde es phasenweise so ist, dass mehr als Dreiviertel der Schüler nicht bei der Sache sind. Und das ist in gewisser Weise doch etwas, wo wir Dinge verändern können. Und ich glaube ...

Physikunterricht in der Turnhalle

Brink: Aber wie können wir das machen, wenn ich da mal einhaken kann? Ich erinnere mich ja sehr gern an Ihre Sendungen. Sie arbeiten ja sehr viel mit praktischen Beispielen. Sie versuchen mir das, zum Beispiel so etwas wie eine Atomkatastrophe, das versuchen Sie, mir nahezubringen. Wie kann man das übersetzen, was Sie machen in Ihrer Sendung, zum Beispiel in die Schule?

Yogeshwar: Warum muss Physik in einem muffigen Physikraum stattfinden? In dem konkreten Fall bin ich mit den Schülern in die Turnhalle gegangen, und wir haben Physik etwas anders vermittelt. Und, siehe da, die Schüler, die normalerweise sich innerlich verabschiedet haben, sind plötzlich dabei. Also, es hat sehr viel mit Haltung zu tun. Es hat natürlich auch damit zu tun, dass viele Lehrer heute extrem unter Druck geraten, weil sie im Grunde genommen nur noch Lehrpläne abarbeiten müssen, weil sie eigentlich, weil man den Lehrern auch ihre eigene Freiheit nimmt, weil man Schulen miserabel ausstattet. Und ich glaube, genau da ist es viel mehr als nur eine Schule, die sich verändern muss. Eine Gesellschaft muss der Bildung eine andere Priorität geben. Und das ist etwas, das machen andere Länder, und das machen wir nicht genug.

Brink: Was geben Sie dann den Schulleitern mit auf den Weg? Entmistet die Lehrpläne, traut euch was, geht ins Museum, geht in den Wald?

Yogeshwar: Ich möchte ihnen Mut machen. Wenn wir uns die letzten Jahre anschauen, spätestens seit der OECD-Studie, seit PISA 2000, wurde immer wieder auf der Schule rumgeklopft, aber – und jetzt kommt das Aber – man hat im Grunde genommen nicht wirklich die Schule aktiv unterstützt, wirklich, also substanziell: mit Stellen, mit Mitteln, auch mit Freiräumen. Und diese Art von Mängelverwaltung, die muss aufhören.

Lehrer müssen "die tollsten Leute sein, die es gibt"

Das Zweite ist, man muss den Menschen Mut machen, dass sie auch in der Gesellschaft etwas ganz Besonderes sind. Im Moment ist das Image von Lehrern ziemlich weit unten, und das ist falsch. Denn unsere Kinder sind das Wichtigste, was wir haben, und wir geben diese Kinder in das Vertrauen, in die Verantwortung von diesen Lehrern, und insofern müssen das die tollsten Leute sein, die es gibt. Man muss an einigen Stellen wirklich politisch fordern. Es ist absurd, dass wir immer noch, anno 2015, ein föderales System in Deutschland haben, bei dem Mathematik in Hamburg anders vermittelt wird als in Bayern. Das sind alles Dinge, die man verändern kann, die man positiv verändern kann. Und ich glaube, wichtig ist, wir müssen die Schule rausnehmen aus einem Ort, bei dem Schüler sich oft genug in die Rolle eines, ja – sich vorkommen, als seien sie in einem Tribunal. Schauen Sie sich an die Zahl der Schüler, die zurückgestuft werden, die ein Jahr wiederholen. Oder noch einfacher, die Frage, dass die Bildung nach wie vor in Deutschland, in einem Land, bei dem wir immer noch von Chancengleichheit sprechen, immer noch abhängig ist vom Portemonnaie der Eltern. Und das sehen Sie schon bei der Empfehlung zu weiterführenden Schulen, also bei Kindern, die gerade mal das dritte oder vierte Schuljahr besuchen, dass das Portemonnaie des Vaters darüber entscheidet. Das müssen wir ändern, denn unsere Kinder müssen uns eines Tages die Rente zahlen.

Brink: Der Physiker und Fernsehmoderator Ranga Yogeshwar. Er referiert auch auf dem Deutschen Schulleiterkongress, der morgen in Düsseldorf beginnt. Danke für die Zeit!

Yogeshwar: Danke auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

 

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