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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.08.2015

Rafik Schami: "Sophia"Auch Propheten können sich verrechnen

Von Edelgard Abenstein

Der Schriftsteller Rafik Schami im Oktober 2012 (dpa / picture alliance / Erwin Elsner)
Der Schriftsteller Rafik Schami im Oktober 2012 (dpa / picture alliance / Erwin Elsner)

In einem höchst unterhaltsamen Roman erzählt Rafik Schami von seiner Heimatstadt Damaskus in den Zeiten des Arabischen Frühlings. "Sophia oder der Anfang aller Geschichten" ist ein erstklassiger Spionagethriller, aber vor allem ein Buch über die Kraft der Gefühle.

Seit 45 Jahren lebt Rafik Schami in Deutschland. Der "erfolgreichste syrische Autor der Welt", der seine Heimat als junger Mann verlassen musste, schreibt seine in 28 Sprachen übersetzten Romane auf Deutsch. Im christlichen Viertel von Damaskus aufgewachsen, wagte er es unter der Diktatur des Assad-Clans nie mehr, nach Syrien zurückzukehren. Seither ist Damaskus sein literarischer Sehnsuchtsort. Erzählend beschwört Rafik Schami eine verlorene Welt herauf, aber er schildert auch ein von Korruption, Gewalt und religiösem Fanatismus zerrissenes Land.

Auch Salman, der Held des neuen Romans, wird von der Sehnsucht nach der alten Heimat umgetrieben – mit katastrophalen Folgen. Einst geflohen wie sein Autor kehrt er zu Beginn des Arabischen Frühlings nach Damaskus zurück: In Italien als Geschäftsmann reich geworden, vertraut er auf eine lauthals verkündete Generalamnestie, um endlich wieder Weihnachten mit den hochbetagten Eltern zu feiern; er genießt heiße Wiedersehen mit verflossenen Geliebten und mit alten Freunden, Kampfgenossen aus den Jahren des Untergrunds.

Eine Falle des Geheimdienstes

Erinnerungsselig durch die Quartiere seiner Kindheit schlendernd, durch Souks und Kaffeehäuser, ahnt er nicht, dass er von einem Cousin, einem hohen Offizier des Geheimdienstes, in eine Falle gelockt wurde – um Lösegeld zu erpressen und ihn anschließend in den Folterkellern verschwinden zu lassen. Rettung in der höchsten Not naht durch einen ehemaligen Liebhaber seiner Mutter. Sophia hatte Karim zwar als Ehemann verschmäht, ihn aber einst aus den Klauen seiner grausamen Familie gerettet.

Wie sich das Netz der Verfolger um den fliehenden Salman zusammenzieht, welche generalstabsmäßig geplante Raffinesse ihn daraus befreit, das erzählt Schami im rasanten Tempo eines erstklassigen Spionagethrillers. Davor verzweigt sich die Handlung in gemächlichen Schritten zwischen Syrien, Heidelberg und Rom.

In den Straßen von Damaskus

Mal in die 50er-Jahre zurückgreifend, dann wieder voranspringend, schildert Schami in farbigen Porträts das Zusammenleben von Juden, Christen, Muslimen in den Straßen von Damaskus. Er zeigt das wachsende Misstrauen gegenüber den "Ungläubigen", die patriarchalische Gewalt innerhalb der Familien, den Zwang, mit dem die Sippe jeden ihrem Gesetz unterwirft, den fundamentalistischen Terror. So wird Karim von seinem Clan bis auf den Tod verfolgt, weil er sich weigerte, die Schwester umzubringen, die einen Christen liebte.

Vor allem aber ist "Sophia" ein Roman über Frauen, über die Kraft der Gefühle, über Liebe im Alter. Frauen legt er die klügsten Sätze in den Mund, darüber, dass selbst Propheten sich verrechnen können: "Auch Moses, Jesus und Mohammed haben sich geirrt, vor allem in ihren Anhängern".

Humorvoll fragt Schami, weshalb es keine arabischen Krimis gibt und Utopien nichts sind als Rauschmittel für Bedürftige. Sein Roman umfasst einfach alles, was gute Geschichten zu bieten haben: Liebe, Drama, Spannung, Poesie, Tragödie – und das auf knapp 500 Seiten! Aufklärerisch im besten Sinne und hochunterhaltsam.

Rafik Schami: Sophia oder der Anfang aller Geschichten
Hanser Verlag, München 2015
478 Seiten, 24,90 Euro

Mehr zum Thema:

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