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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 15.06.2012

RAF-Terroristin Ulrike Meinhof verhaftet

Vor 40 Jahren gab der Lehrer Fritz Rodewald der Polizei den entscheidenden Hinweis

Von Oliver Tolmein

Ulrike Meinhof bei ihrer Festnahme am m 15. Juni 1972 in Hannover (AP Archiv)
Ulrike Meinhof bei ihrer Festnahme am m 15. Juni 1972 in Hannover (AP Archiv)

Die Terroristin Ulrike Meinhof und ihr Begleiter Gerhard Müller wurden am 15. Juni 1972 von der Polizei in Hannover verhaftet. Damit waren wenige Wochen nach der blutigen Mai-Offensive der RAF die bekanntesten Mitglieder der Roten Armee Fraktion eingesperrt.

"Die festgenommenen Personen führten Pistolen des Kalibers neun Millimeter, eine Maschinenpistole, zwei selbst gefertigte Handgranaten, eine etwa viereinhalb Kilogramm schwere Bombe und zahlreiche gefüllte Magazine und diverse Munition mit sich."

Die Festnahme von Ulrike Meinhof und Gerhard Müller in Hannover-Langenhagen war für die Polizei ein großer Erfolg. Allerdings nicht in erster Linie wegen der gefundenen Waffen. Für die Sicherheitskräfte war von besonderer Bedeutung, dass Ulrike Meinhof durch einen Hinweis aus der Bevölkerung verhaftet werden konnte. Denn noch gab es den Mythos, dass die RAF über erhebliche Unterstützung in der Bevölkerung oder wenigstens in der Linken verfügte: die viel und heftig attackierten Sympathisanten. Öffentlich besonders scharf angegriffen worden war der Schriftsteller Heinrich Böll, der noch Anfang 1972 im "Spiegel" - besorgt darum, dass sie bei einer Festnahme erschossen werden könnte - Gnade für Ulrike Meinhof gefordert hatte:

"Will Ulrike Meinhof, dass es so kommt? Will sie Gnade oder wenigstens freies Geleit? Selbst wenn sie keines von beiden will: Einer muss es ihr anbieten. Dieser Prozess muss stattfinden, er muss der lebenden Meinhof gemacht werden. In Gegenwart der Weltöffentlichkeit."

Seitdem hatte sich viel ereignet. Beim Anschlag auf das Hamburger Springerhochhaus waren Angestellte und Arbeiter verletzt worden. Bei Attentaten auf Standorte der US-Armee hatte es Tote gegeben. Ihre blutige sogenannte Mai-Offensive hatte die RAF zusehends isoliert. Der Hannoveraner Soziologe Oskar Negt hob keine zwei Wochen vor der Verhaftung Ulrike Meinhofs auf einem großen Kongress in Frankfurt am Main hervor, dass er angesichts der Anschläge der RAF auch die Zusammenarbeit mit der Polizei für legitim halte.

"Es gab und gibt mit den unpolitischen Aktionen, für die die Gruppe um Andreas Baader und Ulrike Meinhof die Verantwortung übernommen hat, nicht die geringste Gemeinsamkeit, die die politische Linke der Bundesrepublik zur Solidarität veranlassen könnte. Ohne die Möglichkeit der Beteiligung an der Diskussion über geplante Aktionen verliert Solidarität ihren materiellen Boden, sie wird zu erpresserischer Solidarität. Durch sie wird jeder, der keine aktive Hilfe leistet, wenn sie ungebeten und oft auch anonym vor der Tür stehen, mit dem Verratsstigma belastet."

Bald darauf war es ausgerechnet ein linker Lehrer und aktiver Gewerkschafter in Hannover, der der Polizei mitteilte, zwei unbekannte Personen wollten für einige Tage Quartier in seiner Wohnung beziehen. Fritz Rodewald, zudem ein Bekannter von Oskar Negt, wusste damals nicht, wessen Festnahme er mit seinem Hinweis ermöglichte. In seiner posthum erschienen Autobiografie, in der er über sich in der dritten Person schreibt, erinnert er sich:

"Der Kommissar fragte: 'Wie sind die hier reingekommen? Hatten Sie denen einen Schlüssel gegeben?' Da schwangen schon die Verdächtigungen mit. Die sollten Jahre später in nächtelangen Verhören seitens des BKA immer massiver werden. Man unterstellte ihm, dass er zur RAF gehöre. Aber davon ahnte er noch nichts, wie er überhaupt noch nicht ahnen konnte, wie radikal und furchtbar sich sein Leben verändern würde. Noch ahnte er nicht, dass die Stigmatisierung als Verräter ihn fast verrückt machen würde, verrückt im wahrsten Sinn des Wortes."

Für Ulrike Meinhof begann mit ihrer Festnahme eine Odyssee durch die Gefängnisse. Sie wurde wegen vierfachen Mordes angeklagt. Eines der letzten Tondokumente mit ihr ist eine Aufnahme aus dem Prozess und artikuliert ihre Zweifel an sich und an ihrem politischen Weg:

"Die Frage ist: Wie kann ein isolierter Gefangener den Justizbehörden zu erkennen geben, angenommen, dass er es wollte, dass er sein Verhalten geändert hat? Wie? Wie kann er das in einer Situation, in der bereits jede, absolut jede Lebensäußerung unterbunden ist? Ihm bleibt, das heißt, dem Gefangenen in der Isolation bleibt, um zu signalisieren, dass sich sein Verhalten geändert hat, überhaupt nur eine Möglichkeit, und das ist der Verrat. Eine andere Möglichkeit, sein Verhalten zu ändern, hat der isolierte Gefangene nicht. Das heißt, es gibt in der Isolation exakt zwei Möglichkeiten: Entweder Sie bringen einen Gefangenen zum Schweigen, das heißt, man stirbt daran, oder Sie bringen einen zum Reden. Und das ist das Geständnis und der Verrat. Das ist Folter, exakt Folter."

Zu einer Verurteilung Ulrike Meinhofs kam es nicht, weil sie ein Jahr nach Prozessbeginn am 9. Mai 1976 in ihrer Zelle tot aufgefunden wurde.

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