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Lesart / Archiv | Beitrag vom 11.08.2013

Radikaler Islam in Deutschland

Guido W. Steinberg: "German Jihad: On the Internationalization of Islamist Terrorism"

Rezensiert von Jan Kuhlmann

Dschihad-Kämpfer im Irak, 2013 (picture alliance / AP Photo)
Dschihad-Kämpfer im Irak, 2013 (picture alliance / AP Photo)

Der Islamwissenschaftler Guido Steinberg beschreibt, wie der Dschihad - der heilige Krieg - hierzulande geführt wird und sich in der Welt verbreitet. Er bezweifelt, dass die deutschen Sicherheitsbehörden die Gotteskrieger unter Kontrolle haben. Eine ausgezeichnete Analyse.

Ein junger Mann mit verhülltem Gesicht kniet auf der Erde – vor ihm ein Maschinengewehr. Verwackelte Aufnahmen aus dem Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan. Im Hintergrund sind Bilder aus Deutschland zu sehen.

Der junge Mann heißt Yusuf O. und kommt eigentlich aus Berlin. Er gehörte zu einer Organisation mit dem skurrilen Namen Deutsche Taliban Mudschahidin, eine kleine, aber radikale Gruppe.

Yusuf O.: "Deshalb merkt Euch! Merkt Euch: Eure Grenzen werden am Hindukusch nicht verteidigt. Erst durch euren Einsatz hier, gegen den Islam, wird der Angriff auf Deutschland für uns Mudschahidin verlockend. Damit auch ihr etwas, etwas von dem Leid kostet, welches das unschuldige afghanische Volk Tag für Tag ertragen muss. Daher ist euer Sicherheitsgefühl nur eine Illusion. Und es nur eine Frage der Zeit, bis der Dschihad die deutschen Mauern einreißt."

Dieses Drohvideo tauchte 2009 kurz vor der Bundestagswahl auf – und löste sofort Sorge vor einem Anschlag aus, sagt Guido Steinberg, Terrorismus-Experte der Berliner Denkfabrik Stiftung Wissenschaft und Politik.

"Das zeigt, was diese dschihadistischen Organisationen, selbst wenn sie klein sind, im Zeitalter des Internets erreichen können, indem sie professionell Öffentlichkeitsarbeit betreiben, Videos in guter Qualität produzieren."

Sehr detailliert und akribisch dröselt der Islamwissenschaftler Steinberg auf, wie sich der deutsche Dschihadismus entwickelt hat. Dessen Wurzeln findet er bei der ersten Hamburger Terrorzelle, die die Anschläge vom 11. September verübte. Dort hatten sich Araber verschworen. Mittlerweile haben sich deutsche Dschihad-Zellen jedoch in Multi-Kulti-Gruppen verwandelt.

"Und das spiegelt die Entwicklung der gesamten dschihadistischen Bewegung wider. Die hat sich nämlich über diesen arabischen Kern, repräsentiert durch Al Kaida, enorm ausgeweitet. Da haben wir es heute mit einer ganz großen Zahl verschiedener Gruppierungen zu tun, die aus Pakistan stammen, aus Usbekistan, aus der arabischen Welt, aber immer häufiger auch mit kleineren Gruppierungen in der westlichen Welt, hier in Europa, den USA. Das kann man eben am deutschen Beispiel sehr, sehr gut darstellen, dass es diese Entwicklung, also einen Internationalisierungsprozess gegeben hat."

Verbindungen nach Usbekistan

Die Stärke des Buches liegt vor allem darin, dass es den deutschen Dschihad in das internationale Terrornetzwerk einordnet. Die Spuren führen von Deutschland in die Türkei, nach Tschetschenien, nach Usbekistan, nach Afghanistan und Pakistan. Vor allem türkischstämmige Mitglieder sind ein wichtiges Verbindungsglied zwischen Deutschland und dem Hindukusch.

"Man kann beobachten, dass erst in dem Moment, in dem die ersten Türken sich stärker für dieses Thema Dschihadismus interessieren, auch Deutschland verstärkt betroffen ist. Und zwar wird das im Jahr 2006 deutlich. Die ersten Personen, die nach Pakistan gegangen sind, sich dort haben ausbilden lassen, waren entweder Konvertiten oder türkischstämmige Deutsche, und die haben in gewisser Weise den Weg freigemacht."

Nukleus der deutsch-türkischen Szene war die Sauerlandgruppe – vier junge Männer, die ein Bombenattentat in Deutschland planten, das vereitelt werden konnte. Den entscheidenden Hinweis erhielten die deutschen Sicherheitsbehörden damals übrigens vom US-Militärgeheimdienst NSA – ein pikantes Detail.

Es ist die Sprache, die die selbst ernannten Gotteskrieger miteinander verbindet: Türkische Muttersprachler können sich gut mit Usbeken, einem Turkvolk, austauschen. Usbekische Dschihadisten wiederum kämpfen seit langem in Afghanistan. Sie nehmen besonders gerne deutsche Ziele ins Visier, weil die Bundesregierung mit dem usbekischen Diktator Islom Karimov kooperiert.

So landen die Deutschen vor allem bei der usbekischen Gruppe Islamische Dschihad Union, kurz IJU. Aus ihr sind auch die Deutschen Taliban Mudschahidin hervorgegangen. Die kleine Gruppe existierte zwar nur wenige Monate – markierte aber einen Höhepunkt:

"Die besondere Bedeutung dieser Gruppierung liegt meines Erachtens vor allem darin, das hier erstmals eine europäische terroristische Organisation entstehen sollte, jenseits von Al-Qaida, jenseits von IJU oder der größeren Islamischen Bewegung Usbekistans. Und das zeigt, welches Potential der deutsche Dschihadismus damals hatte und wahrscheinlich auch heute noch hat."

Cover: G. Steinberg "German Jihad" (Lesart) (Promo)Cover: G. Steinberg "German Jihad" (Lesart) (Promo)Viele der Deutschen Taliban Muschahidin sind mittlerweile tot. Oder sie wurden zu hohen Haftstrafen verurteilt – so auch der Berliner Yusuf O. Die Polizei schnappte ihn, als er nach Europa zurückkehrte, um im Namen von Al Kaida eine Terrorzelle aufzubauen.

Steinberg bezweifelt, dass deutsche Sicherheitsbehörden dem Phänomen gewachsen sind. Schon die erste Hamburger Terrorzelle hatten sie übersehen. Bis heute fehle es an qualifiziertem Personal, um die dynamische Szene gewaltbereiter Salafisten zu überwachen.

"Das ist eine Beobachtung, die man in den letzten zwölf Jahren immer wieder machen kann: Diese Radikalisierungsprozesse werden von unseren Sicherheitsbehörden ganz einfach nicht wahrgenommen. Alle Maßnahmen, die da in den letzten Jahren getroffen wurden, gehen nicht so ganz ins Ziel. Die Bekämpfung des islamistischen Terrorismus funktioniert in Deutschland nicht sehr gut."

Die Szene ist so dynamisch, dass Guido Steinberg die neueste Entwicklung gar nicht mehr in sein Buch aufnehmen konnte: die Reise vieler junger deutscher Extremisten in den Bürgerkrieg nach Syrien.

Dennoch: Sein Buch ist das fundierteste, was bislang zu diesem Thema erschienen ist. Eine ausgezeichnete und quellenreiche Analyse – und damit eine Pflichtlektüre für alle, die sich mit dem Dschihadismus deutscher Prägung beschäftigen. Bleibt nur zu hoffen, dass das Buch bald auch auf Deutsch erscheint.

Guido W. Steinberg: German Jihad: On the Internationalization of Islamist Terrorism
Columbia University Press, West Sussex, 2013
288 Seiten, 27,95 Euro

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