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Feiertag / Archiv | Beitrag vom 20.11.2011

R.I.P. – Ruhe in Pixeln

Über neue Wege der Trauerkultur

Von Anna Barbara Hagin und Friedrich Grotjahn

Gräber auf dem Münchner Westfriedhof (dpa / picture alliance / Markus C. Hurek)
Gräber auf dem Münchner Westfriedhof (dpa / picture alliance / Markus C. Hurek)

Mit dem Internetzeitalter ist auch ein neues Zeitalter der Trauerformen angebrochen, die "virtuellen Gedenkstätten" sind nur eine davon. Angesagt sind Anonyme Bestattungen, Rasenurnengräber, Friedwälder, Baumgräber, Kolumbarien.

Hagin: "Sie hatte ihn immer dabei – den kleinen Zettel. In ihrem Portmonee, im Fach vor den Geldscheinen. Zusammengefaltet kaum größer als ein Fünf-Euro-Schein. Darauf hatte sie festgehalten, was einmal mit ihr werden sollte, wenn ihr etwas zustieße. Fein säuberlich mit Schreibmaschine getippt war da am Schluss zu lesen: Sie wünsche anonym beerdigt zu werden. Unterschrieben mit ihrem Namen in ihrer schönen klaren großen Schrift."

Grotjahn: "Sie mochte die Friedhöfe nicht – die Gräber mit ihren ordentlichen abgezirkelten Beeten und langweiliger Bepflanzung. Sie mochte nicht eingereiht sein zwischen hunderten von Toten. Da wollte sie nicht sein. Da ging sie auch nie hin. Sie hatte andere Rituale, denen nahe zu sein, die sie geliebt hatte und die nicht mehr in ihrem realen Leben sein konnten. Ihre Portraits schmückten eine Wand in ihrem Wohnzimmer, als schauten sie ihr tagtäglich zu."

Hagin: "Jahrelang hatte sie den Zettel dabei. Niemand stieß sich daran. Bis es soweit war: Sie sprach über ihren eigenen Tod und holte den Zettel hervor. Und erst da, als der Tod so nahe war – mein Entsetzen über ihren letzen Satz: Kein Grabstein, kein Ort an dem ich bei dir sein kann, wenn du mal nicht mehr hier bist? Wir ließen die Frage offen. Sie lebte ja noch."

Grotjahn: "Sterben und Tod werden in unserer Gesellschaft aus dem Alltag herausgehalten. Wir wollen lieber nichts damit zu tun haben. Sterben tun die anderen. Folglich wissen wir auch nicht, wie wir damit umgehen sollen."

Hagin: "Für die Bochumer Soziologin Hildegard Mogge-Grotjahn zeigt sich hier eine Paradoxie: Einerseits sind Sterben und Tod in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Heute wird auf allen Kanälen gestorben. Die Zeitungen berichten rund um die Uhr und in sehr unterschiedlicher Qualität von Unfällen, Katastrophen, Anschlägen, Kriegen. Der "Krimi" überschwemmt das Land, ist eine krisensichere Literaturgattung. Öffentliche Trauergottesdienste und Berichterstattungen finden ein millionenfaches Publikum. Verlage und Buchhandlungen stellen eine Riesenauswahl an Literatur zum Themenbereich Sterben, Tod und Trauer zur Verfügung, darunter vorzügliche Bücher für Kinder."

Grotjahn: "So könnte man meinen, es gäbe kaum etwas Alltäglicheres und Vertrauteres als Sterben und Tod. Von der vielgenannten "Verdrängung" des Todes aus dem Alltag, keine Spur."

Hagin: "Andererseits aber sind Sterben und Tod nicht wirklich erfahrbar. Persönlich mit dem realen Vorgang von Sterben und Tod konfrontiert, verschlägt es vielen Menschen die Sprache. Das angeblich so Vertraute erweist sich als fremd, unzugänglich. Es überfordert, ruft Abwehr hervor. Menschen, die sich mit dem Verlust – und besonders mit dem plötzlichen Verlust – einer nahestehenden Person auseinandersetzen müssen, erfahren häufig ihre eigene Sprachlosigkeit. Verwandten, Freunden, Kollegen, Nachbarn fehlen die Worte."

Grotjahn: Es gehört zum Unglück der Welt, dass sie verlernt hat, mit den Toten zu leben und zu hören auf die stillen Einflüsterungen der Liebe aus dem anderen Reich

"schrieb der Schriftsteller Reinold Schneider. Wo liegen die Gründe für diesen Erfahrungsmangel oder dieses Verlernt-Haben?"

Hagin: "Manche meinen, und das wäre ausgesprochen erfreulich, eine Ursache dafür sei, dass es uns in der Bundesrepublik aufs Große und Ganze gut geht. Wir leben seit mehr als 60 Jahren in einer Gesellschaft ohne Krieg oder Bürgerkrieg. Die politischen Konflikte, an denen unsere Republik mehr oder minder beteiligt ist, werden weit weg, in der Fremde ausgetragen und sind eher medial als real erfahrbar. Unsere Lebenserwartung ist vergleichsweise hoch; die medizinische Versorgung aufs Ganze gesehen gut."

Grotjahn: "Der Tod junger Menschen durch Krankheit, Verkehrsunfall, Suizid oder Gewaltverbrechen ist immer grausame unfassbare Tragödie – statistisch gesehen aber eine Ausnahme."

Hagin: "Eine zweite Ursache für dieses Verlernt-Haben, ist sicher die, dass der Umgang mit dem Sterben weitgehend eine Sache von Spezialisten geworden ist. Heute sterben die meisten Menschen nicht zu Hause, sondern in Krankenhäusern, Altenheimen, Hospizen."

Grotjahn: "Früher, in Zeiten, in denen Sterben und Tod zur alltäglichen häuslichen Erfahrung gehörten, wurden die Toten zu Hause aufgebahrt und verabschiedet. Was damals Angehörige, Freunde und Nachbarn ganz selbstverständlich in die Hand nahmen – wie zum Beispiel den Toten zu waschen und zu kleiden – wird heute in der Regel von professionellen Fachkräften übernommen. Viele Trauernde scheuen sich heute, den Toten noch einmal anzuschauen: "Ich will ihn so fröhlich im Gedächtnis behalten wie auf seinem letzten Geburtstag!" "

Hagin: "Die Vorbereitung der Beisetzung und alle weiteren Notwendigkeiten, legen wir in der Regel in die Hände eines Profis, des Bestatters. Und wer einmal mit einem plötzlichen Todesfall konfrontiert war und unversehens vor Fragen stand, die eigentlich mit seiner Trauer nichts zu tun hatten: Erdbestattung oder Einäscherung? Was für ein Sarg? Welcher Friedhof? Wann soll die Beerdigung sein? Wie soll die Todesanzeige aussehen und wo soll sie erscheinen? … der hat den 'Profi' schätzen gelernt, der ihm in dieser schwierigen Situation mit Rat und Tat zur Seite stand. So haben wir uns einerseits entlastet und uns andererseits dabei um die Erfahrung gebracht, Tod und Sterben als Teil unseres Lebens zu verstehen. Und noch einmal können wir mit Hildegard Mogge-Grotjahn zwei weitere widersprüchliche Phänomene im Zusammenhang mit Tod und Sterben beobachten."

Grotjahn: "Einerseits wurde noch nie so anonym gestorben. Andererseits wurde noch nie so individuell gestorben."

Hagin: "In der Tat nimmt der Anteil derjenigen, die anonym beerdigt werden wollen, zu. Die Gründe dafür sind vielfältig. Das können Geldsorgen sein bis hin zu der Meinung, Angehörige nicht mit der Pflege eines Grabes belasten zu wollen. Dem zurückgebliebenen Partner oder der Partnerin, den Kindern, Freunden, Nachbarn wird der genaue Ort des Grabes nicht mitgeteilt. Anonym ist anonym. Was bleibt, ist die "grüne Wiese" mit ihren vielen "Gräbern", Urne an Urne, unter dem Rasen. Das Problem für viele Nachgebliebene: Es gibt keinen "Ort" für die Trauer. Kein Name erinnert an den Verstorbenen. Auch dürfen Blumen nur an einer Sammelstelle am Rande abgelegt werden. Nicht alle Trauernden halten sich an das Reglement. Sie wissen nicht, wohin mit ihrer Trauer. Die "Ortlosigkeit" macht ihnen zu schaffen. Und so kommen manche bei Nacht, legen ihre Blumen heimlich auf die Wiese, da, wo sie das "Grab" vermuten. Doch am nächsten Morgen sind die Sträuße in der Regel wieder abgeräumt und zur allgemeinen Sammelstelle gebracht."

Grotjahn: "Auf der anderen Seite erleben wir eine Vielfalt an individuell gestalteten Trauerfeiern und Bestattungsarten. Selbst bei christlichen Beerdigungen wird mehr auf Wünsche und Bedürfnisse der Trauernden eingegangen. Doch über die Bestattungen im konfessionellen Kontext hinaus haben sich vielfältige Gestaltungsformen entwickelt. Die Bestattungsunternehmen haben sich längst darauf eingerichtet. Und oft entwickeln die Trauernden selbst neue, ihnen angemessene Formen des Abschiednehmens und der Bestattung."

Hagin: "Doch die Friedhofsordnung setzt der Fantasie bei der Grabgestaltung klare Grenzen. Auf Friedhöfen, kirchlichen wie auch kommunalen, gibt es Vorgaben, die individuellen Bedürfnissen oft entgegensteht. Die Toten liegen in einer Reihe neben anderen, mit denen sie im Leben nie etwas zu tun gehabt haben.

"Jetzt liegt meine Tochter direkt neben einer Frau Zentner. Das ist ja vielleicht eine nette Person gewesen und ganz dünn. Aber in meinen Träumen wird sie immer dicker und drängt sich unterirdisch an unser Kind heran", klagte eine Mutter. Die Grabsteine zu Häuptern der Toten können zwar nach individuellen Wünschen gestaltet werden, aber natürlich nur im Rahmen der Friedhofsordnung."

Grotjahn: "Und auch die ungeschriebenen Gesetze, was zum Beispiel die Bepflanzung oder das Verhalten angeht, wollen eingehalten sein. Niemand würde es sich erlauben, wenn ihm danach ist, vor einem Grab zu tanzen oder zu singen oder beides. Für den Friedhof gelten Stichworte wie: Verantwortung übernehmen, ehren, pflegen, Zeichen setzen, Pflichten erfüllen. Sicher gibt es viele, die sich gern daran halten. Für sie ist die Pflege des Grabes eine Pflicht, die sie aus Liebe zu ihrem Verstorbenen erfüllen, und darin eine gewisse Befriedigung finden."

Hagin: "Doch kann diese Pflicht zu einer schwierigen Pflicht werden, etwa wenn die Hinterbliebenen nicht, oder nicht mehr, am Ort wohnen. Man kann eine Gärtnerei beauftragen, sich um die Grabpflege zu kümmern. Das ist natürlich nicht ganz billig. Und wenn man einfach nichts tut, das Grab sich selbst überlässt, steckt irgendwann auf der Grabstelle ein kleines Schild mit der Aufschrift: "Die Angehörigen werden gebeten im Friedhofsamt vorzusprechen. Viele Menschen möchten heute andere Gräber: Ein besonderer Ort soll es sein, mit dem Namen des Toten, ein Ort, zu dem die Angehörigen und Freunde kommen können, ein Ort, an dem sie sich erinnern, sich öffnen, fühlen können, an dem sie "etwas tun" können, beispielsweise Blumen ablegen oder einen besonderen Stein, mitgebracht aus dem Urlaub; einen Ort, den sie jederzeit auch bei Nacht aufsuchen können; ein Ort, den sie aber nicht "verpflichtet" sind, regelmäßig zu pflegen."

Grotjahn: "Dieser "therapeutischen Wirkung von Grab und Friedhof", so ein Bestatter, "muss Rechnung getragen werden". Um den vielfältigen Bedürfnissen der Trauernden gerecht werden, hat sich in den vergangenen Jahren eine Grabstättenkultur entwickelt, und zwar zu einem großen Teil außerhalb der traditionellen Friedhöfe mit ihrer als Zwang empfundenen Ordnung."

Hagin: "Eine Möglichkeit ist neben der anonymen "Seebestattung", die "Naturbestattung", die Beisetzung der Urne in einer dafür ausgewiesenen Landschaft, in einem "Friedwald"."

Grotjahn: "Vor nicht einmal 20 Jahren entwickelte ein Schweizer Ingenieur die Idee einer Bestattung im Wald auf einem bestimmten dafür ausgewiesenen Gelände. Er nannte sein Konzept "Friedwald"."

Hagin: "Die Urne, die aus einem "zersetzlichen" Material besteht, wird zwischen den Wurzeln eines Baums eingegraben. Die Asche des Verstorbenen gelangt so möglichst schnell in den Naturkreislauf. Und wenn Spötter hier von einem Glauben an die "Auferstehung als biologischer Stoffwechselzyklus" sprechen, braucht das niemanden zu erschüttern. Darüber hinaus ist so ein Baum ein Grabmal von Dauerhaftigkeit und Standfestigkeit."

Grotjahn: "In der Regel sind an diesem Baum oder daneben Schilder mit Namen und Daten des Verstorbenen angebracht und markieren ihn so als persönliche Grabstelle. Die Ruhe im Wald und die Besinnung in dieser Landschaft können den Hinterbliebenen bei ihrer Trauerarbeit helfen. Sie brauchen das Grab nicht zu "pflegen", können aber jederzeit "etwas tun". Sie können etwas zur Erinnerung an den Toten an den Baum legen, sie können sich selbst dort hinlegen, in den Himmel schauen, mit dem Toten sprechen oder auch nicht. Die Kinder können herumtollen und den Ort, wo Opa oder Oma ist, positiv besetzen. Friedwälder sind hierzulande immer mehr gefragt. Der erste wurde vor 11 Jahren im Reinhardswald bei Kassel eröffnet. Jetzt gibt es bereits 41 in Deutschland."

Am Hang die Heidekräuter blühn,
Der Ginster starrt in braunen Besen.
Wer weiß heut noch, wie flaumiggrün
Der Wald im Mai gewesen?

Wer weiß heut noch, wie Amselsang
Und Kuckucksruf einmal geklungen?
Schon ist, was so verzaubernd klang,
Vergessen und versungen.

Im Wald das Sommerabendfest,
Der Vollmond überm Berge droben,
Wer schrieb sie auf, wer hielt sie fest?
Ist alles schon zerstoben.

Und bald wird auch von dir und mir
Kein Mensch mehr wissen und erzählen,
Es wohnen andre Leute hier,
Wir werden keinem fehlen.

Wir wollen auf den Abendstern
Und auf die Nebel warten.
Wir blühen und verblühen gern
In Gottes großem Garten.
(Hermann Hesse, Rückgedenken)


Hagin: "Requiescat in Pixeln. Nun endlich sind wir beim Titel dieser Sendung angekommen. "R.I.P" heißt ja eigentlich "Requiescat in Pace" - auf Deutsch: "Er/sie ruhe in Frieden". Doch vor einigen Jahren machte eine Illustrierte daraus: "Requiescat in Pixeln", "Ruhe im Internet". Dass Menschen dort für einen Verstorbenen einen Platz des Gedenkens einrichten, das begann in den 90er Jahren und hat sich seither zu einem riesigen "virtuellen Friedhof" entwickelt."

Grotjahn: "Gibt man bei "Google" das Stichwort "virtueller Friedhof" ein, bekommt man heute (15. Oktober 2011) den Hinweis, dass dieses Stichwort "ungefähr 214.000 Ergebnisse" erbracht habe, bei dem Stichwort "virtuelle Gedenkstätten" sind es sogar 723.000.
Wie aber funktioniert das Gedenken im virtuellen Raum?
Unter dem Stichwort: "Die Gedenkstätte" ist zu erfahren:"

Hagin: " "Die Gedenkstätte gibt Ihnen die Möglichkeit, Ihre Traueranzeige selbst und ganz individuell zu gestalten. Anbei schließt sich das Kondolenzbuch an. Das bietet Platz für Beileidsbekundungen, schöne Erinnerungen. Ein Ort für Angehörige, Freunde und all jene, die ihre Anteilnahme zum Ausdruck bringen wollen.
Die Gedenkstätte selbst ist ein Ort der bleibenden Erinnerungen an den Verstorbenen. … Setzen Sie Fotos ein, gestalten Sie einen Lebenslauf oder erzählen Sie eine Geschichte zum Beispiel von einer schönen Begebenheit." "

Grotjahn: "Anbieter solcher Gedenkseiten gibt es inzwischen viele. Sie heißen – hier nur eine Auswahl – trauerherberge, ruhe-in-frieden, ewigesleben, todtrauerritual, alles-ist-anders, memoriam, regenbogenreich."

Hagin: "Ihre Angebote sind in der Regel so ähnlich wie das eben genannte. Doch setzen sie bisweilen andere Akzente:"

Grotjahn: " "Leben Sie weiter in der virtuellen Realität des Internet", verspricht zum Beispiel die Seite von "Ewigesleben"."

Hagin: "Hier kann man sich schon zu Lebzeiten eine virtuelle Gedenkstätte einrichten, die dann nach dem Tode veröffentlicht wird."

Grotjahn: " "Trost, Trauerrituale und Trauerbegleitungen im Internet", bietet die Seite der "Trauerherberge"."

Hagin: " "Tritt ein", heißt es da, "hier bist Du willkommen mit all Deinen geweinten und ungeweinten Tränen, mit Deinen Sorgen und Ängsten, mit Deiner Wut und Deinem Zorn…" "

Grotjahn: "Das Angebot umfasst neben "Hilfen", "Interaktiven" Möglichkeiten, Seminaren, auch "Trauerrituale" wie Gedenksteine, Briefe an Verstorbene, Nachrufe, eine Klagemauer, das virtuelle Pflanzen von Blumen oder eines Baums, das virtuelle Anzünden einer Kerze:"

Hagin: " "Zünde eine Kerze an für Deinen geliebten Menschen, teile ihm Deine Sorgen und Wünsche mit, damit er sie stellvertretend für Dich Gott vorträgt." "

Grotjahn: "Die Vorteile einer solchen Gedenkseite liegen auf der Hand: Sie ist weltweit zu erreichen und jederzeit abrufbar. Und sie bietet ein Forum, auf dem man sich mit Menschen in ähnlicher Lage austauschen kann. Die Möglichkeit, damit einen Ort für die Trauer zu haben, ließe sie sich beispielsweise mit einer anonymen Bestattung kombinieren. Der Tote liegt dann zwar anonym "unter der grünen Wiese", und doch gibt es einen virtuellen "Ort", an dem er "präsent" ist."

Hagin: " "Er habe seinen Vater nach seinem Tod von einer ganz anderen Seite kennen lernen können", erzählte uns ein junger Mann bei dessen Beerdigung. Da hatten Freunde des Vaters im Internet spontan eine Seite zu dem Verstorbenen eingerichtet. Über dreißig Einträge aus aller Welt waren da zu lesen. Viele hatten spontan ihre Trauer über den Tod des beliebten Mannes zum Ausdruck gebracht, andere darüber hinaus von Begegnungen mit ihm erzählt, von gemeinsamen Erlebnissen, Fotos eingestellt. Alles Ausdruck sehr persönlicher Anteilnahme, die einen klassischen Kondolenzbrief sprengen würde."

Grotjahn: "Und noch etwas erscheint positiv. Die Einrichtung einer virtuellen Gedenkseite erlaubt und erfordert Zeit: Schon die Überlegung, wie die Seite eingerichtet werden soll, kann zu einer Klärung des Verhältnisses zu dem Verstorbenen beitragen. Das unterscheidet die Einrichtung einer solchen Seite erheblich von der Notwendigkeit innerhalb von kürzester Zeit eine Todesanzeige zu formulieren. Darüber hinaus kann diese Seite, einem Tagebuch ähnlich, die im Verlauf der Zeit geänderten Gefühle für den Verstorbenen aufnehmen. Und es besteht immer die Möglichkeit, darüber mit anderen zu kommunizieren.
Schließlich kommt es nicht selten über dem virtuellen Gedenken zu sehr realen Kontakten mit Menschen am selben Ort, die sich in einer ähnlichen Lage befinden. Das Stichwort "verwaiste Eltern", Eltern, denen ein Kind gestorben ist, zeigt auf, dass es hierzulande nahezu in jedem Ort eine entsprechende Selbsthilfegruppe oder wenigstens Ansprechpartner gibt, die reale Kontakte ermöglichen."

Hagin: "Alles in allem: Für Menschen, die gewohnt sind mit dem Internet umzugehen, und das werden immer mehr, kann das Medium durchaus ein Mittel zur Trauerarbeit sein. Und – und das scheint uns besonders wichtig – kann das Internet ein Medium sein, in dem der Verstorbene nicht einfach nur "in Pixeln ruht", sondern in dem sich durch das virtuelle Gedenken höchst reale Begegnungen ergeben."

Grotjahn: "Nur Vorsicht ist geboten, wenn von "Ewigkeit" geredet wird. Natürlich werden die virtuellen Gedenkseiten nicht wie reale Gräber nach 15 oder 30 Jahren "eingeebnet". Doch ist das Internet mit seinen Gedenkseiten anfällig für Störungen und Pannen, wie andere Technik auch. Ewigkeit kann technisch eben nicht hergestellt werden."

Annette von Droste-Hülshoff, Letzte Worte

Geliebte, wenn mein Geist geschieden,
So weint mir keine Träne nach;
Denn wo ich weile, dort ist Frieden,
Dort leuchtet mir ein ew’ger Tag!

Wo aller Erdengram verschwunden,
Soll euer Bild mir nicht vergehn,
Und Linderung für eure Wunden,
Für euern Schmerz will ich erflehn.

Weht nächtlich seine Seraphsflügel
Der Friede übers Weltenreich,
So denkt nicht mehr an meinen Hügel,
Denn von den Sternen grüß ich euch!
(Annette von Droste-Hülshoff, Letzte Worte)

Quellenangaben:
Annette von Droste Hülshoff, Letzte Worte in: Annette Freiin von Droste Hülshoff, Gedichte,
Lichtenstein Verlag, Vaduz o.J. (1948).

Hermann Hesse, Rückgedanken in: Hermann Hesse, Die Gedichte, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M., 1992.

Musikangaben:
Sämtliche Musikstücke aus der CD: Johannes Brahms, Paganini-Variationen o.P. 35, 3 Intermezzi o.p. 117, 6 Klavierstücke o.P. 118, Lilya Zilberstein, Piano, Deutsche Grammophon GmbH, Hamburg, 1990.
Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt beim Senderbeauftragten für Deutschlandradio und Deutsche Welle für den Medienbeauftragten der Evangelischen Kirche in Deutschland.

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