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Die Reportage / Archiv | Beitrag vom 01.03.2015

Quinoa-Schule in BerlinEine Chance für benachteiligte Kinder

Von Claudia van Laak

Ein Mädchen schreibt im Unterricht das Wort "Schule" in ihr Heft. (ure alliance / dpa)
26 Schüler besuchen die Quinoa-Schule in Berlin. Im Unterricht wird die Klasse in zwei Gruppen geteilt. (ure alliance / dpa)

Eine Privatschule der anderen Art: Statt Kindern aus gutem Haus werden an der Quinoa-Schule sozial benachteiligte Schüler aus dem Berliner Bezirk Wedding unterrichtet. Eine enorme Herausforderung für die Schulgründer, die Eltern und auch die Kinder.

Links ein türkischer Imbiss, rechts ein Billigladen mit glitzernden Vier-Euro-T-Shirts, in der Mitte eine Hofeinfahrt. Fiona Brunk begrüßt die Mütter und Väter, die sich für eine neue freie Schule im Wedding interessieren. Die promovierte Mathematikerin und der Politologe Stefan Döring sind die beiden Schulgründer.   

"Für die, die mich nicht kennen: Mein Name ist Stefan Döring."

Seine Stimme klingt belegt, der 33-Jährige schiebt abwechselnd den rechten und linken Ärmel seines Jacketts hoch, streicht über den Drei-Tage-Bart. Stefan Döring ist nervös. Es wird ernst mit dem Schulprojekt namens Quinoa – benannt nach einer aus den Anden stammenden wertvollen, aber unterschätzten Getreideart. Nach den Sommerferien soll es mit einer siebten Klasse losgehen.

"Der Abend heute ist dazu da, Euch und Ihnen einen Überblick zu geben."

Jeans, Hemd, dazu ein ausgebeultes Strickjackett, – für den ersten offiziellen Elternabend der Privatschule ist Stefan Döring recht lässig gekleidet. Und auch die anwesenden Eltern wirken auf den ersten Blick nicht wie klassische Bildungsbürger:  Einige Mütter im Saal tragen Kopftücher und bodenlange Mäntel, andere enge rosa Glitzerpullover.   An den Armen Tätowierungen, an den Händen aufgeklebte Fingernägel.

"Das System ist, jeder Schüler hat einen persönlichen Vertrauenslehrer und das bedeutet, jeder Schüler hat jede Woche 30 Minuten mit diesem Vertrauenslehrer, um Gespräche zu führen, da geht es um individuelle Zielvereinbarungen beispielsweise…."

Ein neues Fach namens Zukunft, ein gemeinsames warmes Mittagessen und – ganz wichtig – engagierte Lehrerinnen und Lehrer – Stefan Döring zählt die Vorteile der neuen Schule auf. Der Unterricht soll sich an den Stärken der Kinder orientieren und nicht an ihren Schwächen.

"Wir haben drei Lehrer gewinnen können, die fest zugesagt haben, dass sie mit uns, mit Euch, mit Ihnen diesen ersten Jahrgang starten wollen…."

An staatlichen Schulen nehmen die Lehrer die Kinder nicht ernst

Am Ende geht eine Liste herum, auf der sich Eltern anmelden können. Als Erste greift Catherine Daoud zum Kugelschreiber, trägt sich und ihren Sohn Adnan ein. Die gebürtige Libanesin ist überzeugt davon, dass diese Privatschule für ihren Sohn besser sein wird als eine staatliche Sekundarschule.

"Erstens weil es weniger Schüler sind, es wird sich mehr auf die Kinder konzentriert, es wird nicht dauernd fehlende Lehrer geben, was ich gerade habe in der Schule, das ist ein ganz großes Problem. Und die Kinder werden nicht erst genommen, das ist für mich so, als ob die Lehrer einfach gehen, es ist denen scheißegal, Entschuldigung, ob die Kinder etwas lernen oder nicht, die machen einfach irgendetwas und gehen."

Der Ärger über die öffentlichen Schulen im Berliner Wedding sprudelt nur so aus Catherine Daoud heraus. Ihr zwölfjähriger Sohn Adnan hat schon einmal die Grundschule gewechselt, erzählt sie, aber es habe nichts gebracht. Ihre rechte Hand zupft das schwarz und pinkfarbene Kopftuch zurecht, die linke bekräftigt mit großen Gesten den Wortschwall.

"In Berlin ist es katastrophal. Und es sind mehr Ausländer leider in der Schule als ... (stockt). Es ist nicht mehr gemischt. Früher zu meiner Zeit war es nicht so. Da wurde darauf geachtet, dass in einer Klasse verschiedene Kinder sind, nicht nur Türken und Araber. "

Die 32-Jährige zieht die tiefschwarz nachgemalten Brauen in die Höhe. Sie ärgert sich darüber, dass ihr Deutsch besser ist als das ihres in Deutschland geborenen Sohnes.

"Wenn ich jetzt höre, wie mein Sohn spricht, dann krieg ich einen Schock. Das ist so ein ausländisches Deutsch, ne. Und das ist das Problem, den Lehrern ist es egal, und die machen irgendwas und fertig is."

Catherine Daoud wirft einen Blick hinüber zu ihrer Freundin, die ebenfalls ihr Kind anmelden will, beide nicken.

"Ich bin wirklich begeistert, dass es überhaupt klappt, wir haben die ganze Zeit, also meine Freundin und ich, wir haben die ganze Zeit darum gebetet, dass es funktioniert, weil ich so für meinen Sohn eine bessere Zukunft sehe, dass wir normale Standardmenschen auch diese Chance mal kriegen."

Vier Wochen später. Ein karges Hinterhofbüro im Wedding. Teamsitzung bei Quinoa. Ein wichtiges Thema: Wie soll die neue Schule genau heißen?

"Ich finde Quinoa-Schule Wedding auch schön, weil der Ortsbezug da ist, und wir auch immer kommunizieren, wir machen eine Schule für den Wedding."

Stefan Döring sitzt mit am Tisch. Auch Felix Scharr, der sich um die Immobilie kümmert.

"Wir haben jetzt diese Woche zum zweiten Mal eine Fläche besichtigt in der Osloer Straße direkt über der Post. Die ist groß genug für uns, im Moment nicht so super in Schuss, aber der Vermieter kann sie so, wie sie im Moment ist, sowieso nicht vermieten."

Die Initiative lebt von ehrenamtlichen Helfern

Felix Scharr ist von Haus aus Betriebswirt. Sein eigentlicher Arbeitgeber – eine namhafte Unternehmensberatung – hat ihn für ein halbes Jahr freigestellt, damit der 30-Jährige das Schulprojekt unterstützen kann. Keine Seltenheit, die Initiative lebt von ehrenamtlichen Helfern, Geldgebern, Förderern. Trotzdem sind noch nicht alle Hürden bis zum Schulstart beiseite geräumt. Da Arbeitslose und Geringverdiener kein Schulgeld zahlen sollen, fehlen noch mindestens 40.000 Euro für das laufende Jahr. Die Genehmigung von der Berliner Senatsbildungsverwaltung lässt ebenfalls auf sich warten, berichtet Initiator Stefan Döring.  

"Senatsverwaltungsmäßig haben wir jetzt vier Monate lang gewartet, bis wir die Rückmeldung bekommen haben. Vier Monate, das sind anscheinend normale Zeithorizonte, aber die haben es für uns relativ schwierig gemacht, abzusehen, was kommt denn da an zusätzlicher Arbeit noch auf uns zu." 

In diesen Wochen müssen die beiden Gründer Stefan Döring und Fiona Brunk immer wieder erklären, welche Idee hinter ihrer geplanten Schule steckt. Beide haben als Assistenzlehrer im Berliner Stadtteil Wedding gearbeitet. An einer Brennpunktschule, an der acht von neun Schülern zuhause nicht deutsch sprechen, ein Großteil der Eltern von Hartz IV oder Arbeitslosengeld lebt und überdurchschnittlich viele Kinder die Schule ohne Abschluss verlassen. Döring und Brunk organisierten spezielle Nachmittagskurse zur Prüfungsvorbereitung. Viele Schüler haben so in letzter Minute noch die Kurve gekriegt und den Mittleren Schulabschluss geschafft, erzählt der Politologe mit Stolz in der Stimme.

"Diese verlässlichen Strukturen durch die Zeittaktung auf der einen Seite, der Glaube daran, dass jeder es schaffen kann. Und auch dieser Vertrauensaufbau, der mit einhergeht, und die hohen Erwartungen, das waren so die wesentlichen Punkte, von denen ich sagen würde, die haben uns gezeigt, okay, es funktioniert. Die Idee war dann, das, was wir hier geschafft haben, in diesem kleinen Setting, das müsste man eigentlich an einer gesamten Schule umsetzen. Und das war die Initialzündung."

Die Initiative zu einer neuen Schule für benachteiligte Kinder unterscheidet sich fundamental von anderen Privatschulgründungen. Normalerweise steht ein bestimmtes pädagogisches Konzept im Vordergrund – wie bei der Waldorfschule – oder auch eine Elterninitiative. Beim Konzept von Quinoa spielen die Lehrer eine wichtige Rolle.

"Nur wenn die Lehrer langfristig und gesund an der Schule sind, sich entsprechend wohlfühlen und entsprechende Beziehungen aufbauen zu den Schülern, dann wird die gesamte Schule ein Erfolg sein."

Den Begriff "Privatschule" mag Mitgründer Stefan Döring nicht  sonderlich. Wir sind eine gesellschaftliche Initiative, sagt er gerne. Die Vision: eine Schule aufbauen, deren Lehrer an die Kinder glauben, deren Schüler jeden Tag gerne in den Unterricht kommen und die Eltern miteinbezogen werden.

"Also nicht erst anzurufen, wenn´s Probleme gibt, sondern auch dieses Stärkenorientierte. Eltern frühzeitig mit ins Boot holen, weil man ja weiß, dass das persönliche Umfeld der Schüler auch prägend ist für den Lernerfolg."

Tag der Schulanmeldung

Anfang Juni, Tag der Schulanmeldung für Adnan. Seine Mutter  Catherine Daoud hat an diesem Nachmittag alle drei Söhne mitgebracht: Adnan, 12, Hassan, 8 und Mohammed, ein halbes Jahr alt.

Catherine Daoud beugt sich über den Kinderwagen ihres Jüngsten, ihr bodenlanger Mantel und das Kopftuch sind Ton in Ton aufeinander abgestimmt – dunkelblau, türkis, blau geblümt. Adnan hat die dunkelblonden Haare mit Gel aufgestellt. Seine Mutter wirkt erschöpft an diesem Tag, weniger munter als sonst, spricht leise. "Verheiratet, aber getrennt lebend" wird sie später in das Anmeldeformular schreiben.

"Ich bin die Neue sozusagen (lacht), und ich habe verpasst, wie Sie heißen. Katrin. Catarina? Mit Familiennamen? Daoud. Okay, alles klar. Und Dein Name? Adnan. Und ich heiße Tara Hawk. Ich bin und werde die Englisch-Lehrerin an der Schule sein. Ich würde Dich bitten, da ich Dich nicht kenne, Dich vorzustellen."

"Ich spiele gern Fußball. Mein Lieblingsthema in der Schule ist Sport. Mathe, Erdkunde, ja die Fächer mag ich am liebsten. Ich habe gespielt in Corso Veneta und ich würde gerne zu die Mannschaft Füchse gehen. Welche Position spielst Du? Rechts Mittelfeld."

Vor der gebürtigen US-Amerikanerin Tara Hawk liegt ein Stoß Papiere. Informationen über das Schulgebäude – der Mietvertrag ist mittlerweile unterschrieben -, eine Einzugsermächtigung, die Schulgeldtabelle, der Anmeldebogen. Das Problem: Drei Monate vor Beginn des Schuljahrs fehlt immer noch die Genehmigung vom Land Berlin.

"Da steht “Vorbehalt”. Der Schulvertrag ist vorbehaltlich der Genehmigung durch den Senat gültig. Wir haben alles an Formularen und Anträgen eingereicht beim Senat, aber die arbeiten ziemlich langsam und es ist noch in Bearbeitung offiziell. Das ist das. Haben Sie erstmal Fragen?"

Adnan bei Theaterproben an der Quinoa-Schule. (Quinoa Schule / Martin Arning )Adnan bei Theaterproben an der Quinoa-Schule. (Quinoa Schule / Martin Arning )

Catherine Daoud schüttelt den Kopf. Sie ist fest entschlossen, ihren Sohn Adnan anzumelden, auch wenn die Schulgenehmigung noch fehlt. Da die Familie von Arbeitslosengeld II lebt, braucht sie kein Schulgeld zu zahlen, nur 30 Euro monatlich für das Mittagessen. Die alleinerziehende Mutter  greift zum Stift, füllt gemeinsam mit Tara Hawk die Formulare aus.

"Adnan, es ein Vertrag, und es geht alles um Dich. Wir möchten bitten, dass Du Deine Unterschrift… Hast Du schon mal unterschrieben? Vor- und Familienname. - Scheiße, ich hab falsch. - Egal. "

Jetzt noch die Passfotos und das letzte Zeugnis zu den Unterlagen – die Anmeldung ist perfekt. Eine Frage noch, sagt die künftige Englischlehrerin von Adnan.

"Wieso möchtest Du auf die Quinoa-Schule? - Weil wir da die Größten sind, als erstes, und als zweites, dass da keine Probleme kommen so viele. - Cool, dann habe ich keine Fragen mehr."

"Wenn was ist, einfach melden. - Super, danke. Tschüss."

Klinkenputzen bei den Geldgebern

Vom rauen Wedding in die herausgeputzte Mitte Berlins. Der Pariser Platz direkt am Brandenburger Tor.

Die US-Botschaft, die Akademie der Künste, die Vodafone-Stiftung. Wer hier seinen Sitz hat, legt Wert auf eine repräsentative Adresse. Fiona Brunk hat vor ihrem Termin bei der Vodafone-Stiftung extra eine weiße Bluse und ihren schwarzen Nadelstreifenanzug aus dem Schrank geholt.

"Ja, den zieh ich mir an, wenn ich hierherkomme, dann ziehe ich mir einen Anzug an."

Klinkenputzen bei Mark Speich, promovierter Historiker und Geschäftsführer der Stiftung. Viel Marmor, viel Glas, dicke Teppiche, an den Wänden moderne Kunst. Das Kontrastprogramm zur Weddinger Prinzenallee.

"Hallo Frau Brunk - Hallo Herr Speich, schön Sie zu sehen. - Schön, dass wir noch einmal sprechen, ich lese viel über Sie…."

Die auf Bildungsthemen spezialisierte Vodafone-Stiftung ist ein wichtiger Sponsor, hat das Projekt bislang mit 150.000 Euro unterstützt. Außerdem berät die Stiftung Quinoa in Organisations- und Finanzfragen.

"Wie können wir denn noch helfen oder unterstützen? - Mit Nachdenken, wie wir einen anderen Schritt machen können im Finanziellen tatsächlich."

Die Finanzierung durch das Land Berlin deckt nur einen Teil der laufenden Kosten ab. Dazu kommen die Investitionen in die Immobilie. Neue Möbel, Computer, Schulbücher. Wie kann man Stiftungen, Unternehmen, Einzelpersonen davon überzeugen, für eine Schule zu spenden? Und das am besten nicht nur einmal, sondern dauerhaft?

Sponsoren brauchen eine Perspektive, sagt der Geschäftsführer der Vodafone-Stiftung bestimmt. Sie müssen mit Ihrer Schule beweisen, dass Sie erfolgreich sind.

"Wenn wir über das Ziel von Bildung reden, reden wir nicht über Abschlussnoten, wir reden über mehr. Ich glaube, die letztlich entscheidende Frage ist für Sie: Schaffen Sie es, diese Kinder aus dem Kiez in Ausbildungsplätze zu bringen? Das ist vielleicht sehr kurz und bündig formuliert, aber ich glaube, das ist, wenn man über gesellschaftliche Teilhabe und Perspektive spricht, zumindest ein ganz wesentliches Ziel und das ist auch nicht so schwer zu erfassen."

Fiona Brunk greift zum Notizbuch, schreibt eifrig mit, der kleine schwarz-silberne Stecker in ihrem rechten Nasenflügel blitzt.

"Dankeschön, das hat mir auf jeden Fall noch einmal sehr geholfen."

Die Idee und die Personen müssen stimmen, sagt der Geschäftsführer der Vodafone-Stiftung, dann geben wir Geld. Fiona Brunk ist die Richtige für diese außergewöhnliche Schule – davon ist Mark Speich überzeugt.

"Weil sie im Grunde den Ansatz einer neuen, vielversprechenden Schulkultur, eines Schulgeistes verkörpert und sie einfach, das ist eine abgegriffene Formulierung, dafür brennt. - Damit geht´s mir total gut. Das kann auf jeden Fall nochmal bestärken."

Stärkung kann das Quinoa-Team gerade jetzt gut gebrauchen.

Sieben Wochen vor Schulbeginn kommt die Genehmigung

Schulstandort und Umbaumaßnahmen sind geklärt, 26 Schüler angemeldet, doch immer noch warten sie auf den alles erlösenden Brief aus der Senatsverwaltung für Bildung. Erst am 28. Juni, sieben Wochen vor Schulstart, ist es soweit.

Dann gucken wir mal rein."

Stefan Döring öffnet den Umschlag, faltet den Brief auseinander,

strahlt über das ganze Gesicht.

"Das ist natürlich gigantisch und super, das ist genau das, was wir brauchen."

"So, wir haben das Streifendiagramm abgeschrieben und geübt, ich habe den Eindruck, dass die meisten es verstanden haben, worum es da geht…"

Drei Monate später. Mathe-Unterricht in der Quinoa-Schule. Der Unterschied zur staatlichen Schule fällt sofort ins Auge – nur 13 Schülerinnen und Schüler befinden sich im Klassenzimmer, die andere Hälfte ist nebenan im Englischunterricht. Gleich zwei Mathelehrer kümmern sich um Adnan, Rana, Ayse, Max, Samira und die anderen: Christian Schwenke und Fiona Brunk. Statt einer herkömmlichen Tafel und Kreide nutzen die Lehrer ein Smart-Board – eine interaktive digitale Tafel, die mit einem Computer verbunden ist.

"Vier Minuten Quiz, alle haben ihre Sachen umgedreht, keiner guckt mehr. So, wir fangen an mit der Formel für W. Was ist die Formel für W?... "

Das Klassenzimmer: farbenfroh. Auf einem Wandregal stehen zu Skulpturen verwandelte Getränkepackungen. Auf einem Schuhkarton mit Schlitz klebt die Aufschrift "Lobzettel". Hier können alle Briefe einwerfen und jeden loben – die Zettel werden alle zwei Wochen auf der Schul-Vollversammlung laut vorgelesen.

Besucher und Gäste werden mit einem "Willkommen" in sieben Sprachen begrüßt: Deutsch, Türkisch, Arabisch, Bosnisch, Serbisch, Bulgarisch, Mazedonisch. Zwei Drittel der Eltern leben von Arbeitslosengeld oder Hartz IV, Deutsch als Muttersprache spricht nur eines von drei Kindern – das ist die typische Mischung im Wedding.

"Wer zuhause noch üben will. Leute, das geht alles von Eurer Belohnung ab, wenn ihr quasselt, wenn ich etwas sagen möchte. Dass ist jetzt überhaupt nicht relevant. Wer zuhause üben möchte, wer lesen kann, das hilft immer weiter…"

Jede Unterrichtsstunde ist in Fünf- oder Zehn-Minuten-Schritte unterteilt, die Fiona Brunk alle an die Tafel schreibt. "Streifendiagramme üben" steht da, oder "Quiz, 5 Minuten". Ist ein Teil erledigt, wird er abgehakt – das bedeutet jedes Mal ein kleines Erfolgserlebnis. Ist alles erledigt, gibt es für die Kinder eine Belohnung – eine längere Pause zum Beispiel oder ein YouTube-Video.

"Ohne klare Regeln funktioniert eine Schule nicht. Meine Freiheit hört da auf, wo ich die Freiheit der anderen einschränke. Und dazu gehört auch die Freiheit der anderen, zu lernen. Und bei solchen Regeln ist es einfach auch wichtig, dass die Konsequenzen klar sind. "

Am Ende der Mathe-Stunde holen alle ihr Logbuch heraus, eine Art Lerntagebuch. Fiona Brunk trägt ein, wer anwesend war, ob die Schüler ihre Hefter und Bücher dabei hatten, wie die Lernhaltung war. Und die Schüler können sich selber einschätzen: Sie tragen ihr persönliches Wochenziel ein - zum Beispiel: konzentriert mitarbeiten -, die Vereinbarungen mit dem Tutor und worauf sie in dieser Woche stolz waren.

Anfang Oktober – Theaterprojekt

"Macht mal schön Platz, dass alle Platz haben, Kevin und Adnan, Ihr müsst noch einmal zu mir kommen, vielleicht auf die andere Seite…"

Die Theaterpädagogin Maike Plath hat mit den Zwölf- bis 14-Jährigen in den letzten zwei Wochen eine Collage erarbeitet. Texte zur ihrer Grundschulzeit, Angst- und Liebessätze. Sie haben Szenen entwickelt, tanzen gemeinsam und singen ein Lied. Jetzt rückt die Aufführung näher. Alle sitzen im Kreis auf dem Boden. Einstimmung in den Tag.

"Schschsch, wir brauchen absolute Ruhe. Und das ist  das Allererste, sssscht, ich hoffe, ihr seid gut ausgeschlafen und habt viel Kraft, heute ist der Tag, an dem wir das Theaterstück zu Ende bauen."

Branko dreht sich weg und quatscht mit Anisa, Milena steht auf, isst eine Banane. Maike Plath hat es schwer, die Klasse zusammenzuhalten.

"Guckt mich alle mal kurz an, jedes Mal, wenn jetzt jemand rausgeht, wir müssen dann immer warten, versucht jetzt in der Gruppe zu bleiben, nicht immer jeder eine Extrawurst."

Maike Plath steht auf, wirft energisch die blonden Zöpfe nach hinten. Eine Stunde ist bereits vergangen, mit dem Theaterstück geht es nicht voran. Der eine vergisst seinen Text, die andere verpasst ihren Auftritt, der dritte verlässt einfach den Raum. Dann die Angstgeschichte aus dem Kindergarten.

"Ich erzähle Euch eine Geschichte aus meinem Leben, als ich mal Angst vor etwas hatte. Als ich auf die Rutsche geklettert bin, hat jemand mich gezogen."

Das Drehbuch sieht vor, dass Darko die Augen schließt und sich nach hinten sinken lässt, seine Mitschüler sollen ihn auffangen. Doch die lassen ihn erst fallen, ziehen dann an seinen Haaren, kneifen ihn. Darko heult, rennt weg.

"Entschuldigung, Darko. Darko braucht jetzt erst einmal eine Auszeit."

Maike Plath ruft die Kinder zusammen, doch ihre Stimme dringt kaum durch das Chaos. Die Aufführung droht zu platzen.

"Das was eben passiert ist, ist das Schlimmste, was uns passieren kann. Alles andere kann man verzeihen, aber das nicht. Er steht vorn, er muss sich fallen lassen, er muss das größte Vertrauen haben und ihr lasst ihn im Stich. (Aber wir haben doch geholfen) Nicht alle, einige haben ihn gekniffen."

Pause. Frische Luft. Durchatmen. Neuer Versuch.

"Das ist das Entscheidende, ihnen zu signalisieren: Wir können eine Krise durchstehen und eine Krise kann auch etwas ganz Positives bewirken, denn das sollen sie meiner Meinung nach auch für´s Leben mitnehmen, dass man nicht wegrennt, wenn der Druck zu groß wird, wenn die Angst zu groß wird, sondern wenn man durch dieses Nadelöhr durchgeht, dann hat man´s geschafft."

Zwei Tage später. Eltern, Lehrer, Freunde jubeln den 26 Kindern zu. Die Aufführung ist überraschenderweise grandios gelaufen, stolz stehen Adnan, Milena, Anisa und die anderen auf der Bühne, genießen den Applaus.

Mütter und Väter zücken ihre Handys, einige wischen sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel. Auch Catherine Daoud.

"Das hat mich berührt, ich musste irgendwie weinen, ja. Er hat halt gezeigt, dass er doch irgendwie anders kann, auch mal ein bisschen erwachsen, obwohl er noch zwölf Jahre alt ist, das hat mich im Herz so getroffen."

"Also vorgestern waren wir schlecht, und gestern auch, dann haben wir heute probiert, und heute ging´s besser."

Februar 2015: Das erste Halbjahr ist um, Zeugnisausgabe. Die Stimmung an diesem Tag vor den Winterferien: Naja. Eigentlich war geplant, dass alle nach der Zeugnisausgabe zusammen Döner essen gehen, erzählt Fiona Brunk. Doch viele waren die Woche über undiszipliniert, haben den Unterricht gestört.

"Das hat leider nicht geklappt, deshalb können nur die Schülerinnen und Schüler, die sich auch wirklich positiv verhalten haben diese Woche, jetzt mit der Klassenlehrerin Döner essen gehen."

Adnan gehört nicht dazu. Reden will er nicht. Mit dem Zeugnis zufrieden?

"Ja."

Will er es zeigen?

"Nein." 

Mehr zum Thema:

Schule - Privat oder Staat
(Deutschlandfunk, Campus & Karriere, 06.02.2014)

Mit Bildung zur Versöhnung
(Deutschlandradio Kultur, Religionen, 02.07.2011)

Die Privatschule boomt
(Deutschlandfunk, Campus & Karriere, 09.02.2011)

Staatsschule? - Nein Danke!
(Deutschlandfunk, Marktplatz, 22.07.2010)

"Die Staatsschule muss sich auf den Weg machen"
(Deutschlandradio Kultur, Thema, 05.08.2008)

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