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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.02.2011

Quälen, foltern, töten

Eugen Sorg: "Die Lust am Bösen", Nagel und Kimche, Zürich 2011, 128 Seiten

Bücher im Regal
Bücher im Regal (AP)

Die Gewalttaten, die Eugen Sorg in seinem Buch zusammenstellt, sind höchst unterschiedlich. Ihre jeweilige Besonderheit hätte er in seinem Buch gründlich herausarbeiten müssen. Die Lust am Bösen liegt durchaus auf der Hand. Aber sie ist nicht ganz so schlicht, wie Sorg suggeriert.

Eugen Sorg, Journalist, Psychotherapeut und Delegierter des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes, trägt Orgien der Gewalt zusammen, um zu beweisen, dass es sie gibt: die pure Lust am Bösen. Dass Menschen töten, foltern, quälen ist nicht das Resultat verkorkster Erziehung, charismatischer Herrschaft oder weltpolitischer Umstände, sondern findet ihre Ursache einzig und allein in einem Trieb, der als unkontrollierbare Kraft die moralische Grenze durchbricht. Und weil die Lust am Bösen Ursprung und Zweck in sich selbst finde, so schlussfolgert der Autor, sei Gewalt eben auch nicht heilbar.

Eugen Sorg ist Kriegsreporter. Er sieht die Gewaltexzesse im zerfallenen Jugoslawien und stellt sich die Frage, warum wir uns ständig bemühen, dem Bösen den Stachel der Schuld zu ziehen. Weshalb gibt es für jeden Amoklauf, für jeden Mord, für jedes Attentat immer eine biographische oder gesellschaftspolitische Entschuldigung? Und in der Tat: Das triumphierende Grinsen von SS-Soldaten nach einem gerade vollbrachtem Massenmord, wie es auf Fotografien aus dem Zweiten Weltkrieg zu sehen ist, gibt durchaus Grund zu der Annahme, dass das Böse im Menschen lediglich auf einen willkommenen Anlass wartet, hervorzubrechen – und also durchaus nicht einfach das Produkt einer zutiefst ungerechten Welt ist, die den Menschen erst böse macht.

Doch so einleuchtend diese These auf den ersten Blick zu sein scheint, so problematisch ist sie auf einen zweiten. Dass der Mensch einen "natürlichen Hang zum Bösen" habe – wie man bereits bei Immanuel Kant oder auch in der Bibel lesen kann: "Und erlöse uns von allem Bösen" - , bedeutet ja gerade, dass die Kultur seit jeher vor der schweren Aufgabe steht, ihn von diesem natürlichen Hang abzubringen. Indem sie ihn einbindet in die Gesellschaft und ihm Motivation gibt zu moralischem Handeln. Die Naturwüchsigkeit des Bösen entbindet die Kultur nicht von der Verantwortung – im Gegenteil.

Zweitens – und auch in dieser Hinsicht ist die Kultur zutiefst in die Schuld verstrickt – lässt Eugen Sorg die Überschreitungslogik des Bösen außer acht. Das Böse ist nämlich bei genauerem Hinsehen keineswegs einfach nur natürlich oder urwüchsig, sondern gerade der Effekt moralischer Grenzziehung. "Ohne das Gesetz wäre die Sünde tot", heißt es bei Paulus. Und der Meister aller Gewaltexzesse, der Radikalaufklärer und Pornograph de Sade, den Sorg erstaunlicherweise mit keinem Wort erwähnt, schreibt: "Sich keinen Deut um Gesetze zu scheren, sie samt und sonders zu brechen, mein Freund, dies ist die wahre Kunst, Wollust zu empfinden." Genossen wird das Verbot beziehungsweise dessen Überschreitung – und damit ist die Kultur, die Eugen Sorg rein hält von jeglicher Schuld, im Grunde der Ursprung des Bösen.

Schließlich sind die Gewalttaten, die Sorg in seinem Buch zusammenstellt, höchst unterschiedlich. Ob ein Mensch sich bei einem Selbstmordattentat tötet, um Allah zu dienen, ob Adolf Eichmann am Schreibtisch die Endlösung vorantreibt oder ob eine Gang Jugendlicher einen Passanten zu Tode prügelt, verweist auf eine jeweils anders geartete Lust. Deren jeweilige Besonderheit hätte ein Buch, das sich doch um diese Lust dreht, gründlich herausarbeiten müssen. Die Lust am Bösen liegt durchaus auf der Hand. Aber sie ist nicht ganz so schlicht, wie Eugen Sorg suggeriert.

Besprochen von Svenja Flaßpöhler

Eugen Sorg: Die Lust am Bösen. Warum Gewalt nicht heilbar ist
Nagel und Kimche, Zürich 2011
128 Seiten, 16,90 Euro