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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 18.09.2015

Punchlines - SchlagzeilenPoesie als Medium politischer Berichterstattung

Von Almut Schnerring und Sascha Verlan

Blumio, der deutsche Rapper japanischer Abstammung, posiert am 12.06.2014 vor einem Plakat mit dem Titel «Hey Mr. Nazi» in der Tonhalle in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen). Der Rapper, der mit bürgerlichem Namen Fumio Kuniyoshi heißt, wird am 17. Juni 2014 gemeinsam mit den Düsseldorfer Symphonikernlive in der Tonhalle auftreten. (picture alliance / dpa / Horst Ossinger)
Kommentiert er die wichtigsten Ereignisse der vergangenen Woche in Reimen und Versen, in Rap-Form - der Rapper Blumio. (picture alliance / dpa / Horst Ossinger)

Was vermag Poesie, was sich im nüchternen Stil der journalistischen Berichterstattung nicht beschreiben lässt? Dass Nachrichten nicht immer in objektiv-nüchterner Prosa verfasst sein müssen, beweist jede Woche der Rapper Blumio.

Der Düsseldorfer Rapper Blumio beschäftigt sich seit gut zwei Jahren auch professionell mit den weltweiten politischen Entwicklungen in einem Wochenrückblick auf yahoo.de. Dort kommentiert er die wichtigsten Ereignisse der vergangenen Woche in Reimen und Versen, in Rap-Form. 

"Guten Tag Deutschland, guten Tag Yahoo.
Mein Name ist Blumio, und das ist mein gerappter Wochenrückblick:
Wer die Wahrheit nicht verträgt, der muss mit der Lüge leben
Wer die Wahrheit nicht versteht, der muss einfach drüber reden
Ich werd Euch ab jetzt berichten, was in der Woche so abgeht
Fakten über Fakten, lasst Euch überraschen ..."

Blumio ist in Deutschland geboren, seine Eltern stammen aus Japan. Mit seinen Rap-Kolumnen gehört er in den deutschen Medien zu den ganz wenigen politischen Kommentatoren mit Migrationshintergrund. Das wird in der Auswahl seiner Themen deutlich, vor allem aber in seiner Herangehensweise: Konsequent stellt er die Betroffenen ins Zentrum seiner Kommentare, nicht die Mächtigen, nicht Politik und Wirtschaft, sondern die direkten Auswirkungen politischer Ereignisse und Entscheidungen auf das Leben der Menschen.

Politische Poesie mit Tradition

Poesie und Nachricht, Lyrik und Politik, das mag uns heute eher widersprüchlich erscheinen. In den vergangenen, mündlich geprägten Jahrhunderten des Bänkelsangs, der Zeitungslieder und Rhapsoden wurden wichtige Ereignisse und geschichtliche Zusammenhänge dagegen ganz selbstverständlich in Gedichten bewahrt und übermittelt. Längst haben wir uns daran gewöhnt, Nachrichten in objektiv-nüchterner Prosa zu rezipieren, doch gerade in Überschriften und prägnanten Zusammenfassungen blitzen die poetischen Ursprünge des Nachrichtenwesens durch.

Der Lyriker, Übersetzer und ehemalige Intendant der Berliner Festspiele Joachim Sartorius, aufgenommen am 3.9.2009 (imago / David Heerde)Joachim Sartorius hat ein Handbuch der politischen Poesie herausgegeben. (imago / David Heerde)

Der Lyriker und Übersetzer Joachim Sartorius hat 2014 ein "Handbuch der politischen Poesie im 20. Jahrhundert" herausgegeben. Viele der Gedichte, die er in seinen Band aufgenommen hat, waren zu ihrer Zeit tagesaktuell politisch. Die Dichter und Dichterinnen haben Stellung bezogen, sich positioniert und eingemischt, sie waren Teil des politischen Diskurses.

Einige der aufgeführten Autoren mussten für ihr lyrisch-politisches Engagement ins Exil, wurden inhaftiert, in Arbeitslager verbannt oder gar ermordet. Mit ihrer Lyrik setzten sie sich gegen totalitäre Systeme zur Wehr, das Wort war ihre Waffe. Und so stehen sie bis heute für den Kampf der Gerechten um Freiheit und Demokratie.

Wegen politischer Lyrik ermordet

Bis heute kennen viele Menschen in Guatemala seine Gedichte auswendig: Otto René Castillo, geboren 1934 und gestorben 1967 in Guatemala.

"Eines Tages
Werden die apolitischen
Intellektuellen
Meines Landes
Von den Einfachsten
Unseres Volkes
Verhört werden.

Man wird sie fragen
Was sie taten
Als ihr Land
Langsam dahinsiechte
Wie ein kleines, nettes,
Verlassenes Lagerfeuer"

Nach dem Sturz der demokratisch gewählten Regierung Arbenz ging Castillo 1954 ins Exil nach El Salvador. 1966 kehrte er illegal nach Guatemala zurück und schloss sich der Guerilla an. 1967 wurde er festgenommen, gefoltert und bei lebendigem Leibe verbrannt.

Was vermag Poesie, was sich im nüchternen Stil der journalistischen Berichterstattung nicht beschreiben lässt? Und wo liegen die Grenzen des Sagbaren in der Lyrik? Eine Sendung über das vielfältige Verhältnis von Poesie und Journalismus.

Vollständiges Manuskript zur Sendung als PDF-Dokument oder im barrierefreien Textformat

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