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Politisches Feuilleton

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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 15.02.2011

Publizier Dein Buch selbst

Texte gehören frei verfügbar ins Netz!

Von Jörg Kantel

Das Internet macht es jungen Autoren einfacher zu publizieren, meint Jörg Hantel.
Das Internet macht es jungen Autoren einfacher zu publizieren, meint Jörg Hantel. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Erinnern Sie sich noch daran, wie Ende der 1980er-Jahre mit dem Personalcomputer und Programmen wie PageMaker oder Ventura Publisher die Desktop-Publishing-Revolution ausgerufen wurde? Dass also jeder, der wolle, auf dem Schreibtisch seine Bücher, Zeitungen und Zeitschriften in höchster Qualität publizieren könne und nicht mehr auf Verlage angewiesen sei?

Und erinnern Sie sich auch noch daran, wie grandios diese Revolution gescheitert ist? Dabei war jedem Praktiker klar, dass nicht die Herstellung eines Druckerzeugnisses, sondern der Vertrieb der kostenintensivste Faktor war. Das hat sich jedoch mit dem Internet geändert. Vertriebskosten existieren hier praktisch gar nicht mehr, da jeder eine Webseite aufsuchen oder eine Datei herunterladen kann.

Doch wann und warum soll ein Autor überhaupt im Internet publizieren? Die Antwort lautet: Wenn er gelesen werden und/oder wenn er Geld verdienen will. Ich möchte dazu ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern: Mein letztes, 2009 erschienenes Buch, ein Sachbuch über das "Mitmach-Web", hatte einen Umfang von knapp 300 Seiten und wurde vom Verlag für etwa 25 Euro verkauft. Mein Honorar betrug 5 Prozent vom Verkaufspreis, das heißt, von jedem verkauften Exemplar bekam ich etwas mehr als einen Euro.

Zusätzlich leidet ein "kleiner" Autor unter ziemlichen Knebelverträgen. Weder darf er sein Buch zum kostenlosen Download ins Netz stellen, noch darf er es als eBook veröffentlichen. All diese Rechte hat sich in der Regel der Verlag selber gesichert.

Daher habe ich mir mal eine Alternative durchgerechnet: Wer im Selbstverlag ein Buch mit etwa 300 Seiten Paperback bei einem Print-on-Demand-Anbieter veröffentlicht, käme auf einen Netto-Verkaufspreis von etwa 18 Euro - ohne Autoren-Honorar, aber unter Berücksichtigung der Amazon- und Buchhandelsmarge. Das heißt, ich müsste nur etwa ein Siebtel der Bücher verkaufen, um den gleichen Erlös wie bei einem herkömmlichen Verlag zu erzielen. Oder ich könnte eine alte Forderung Tucholskys erfüllen und meine Bücher billiger machen.

Und ich dürfte das Buch zur kostenlosen Lektüre ins Netz stellen und auch zum Download anbieten, selbst ein eBook für iPad und Co. wäre möglich. Denn die meisten Fachbuchautoren - mich eingeschlossen - schreiben nicht, um reich zu werden (das ist bei den meist geringen Auflagen, die so ein Sachbuch erreicht, sowieso nicht drin), sondern weil sie etwas zu sagen haben, weil sie gelesen werden wollen. Und kostenlose Angebote im Netz haben natürlich eine viel größere Chance, von einem breiteren Publikum wahrgenommen zu werden.

Und es tritt eine Wechselwirkung ein: Wer kompetent im Netz schreibt, wer genauso kompetent über Blogs, Facebook oder Twitter auf sich aufmerksam macht, erhöht seinen Bekanntheitsgrad und damit die Chance, dass auch sein Buch wahrgenommen und gekauft wird. Denn natürlich möchten viele ihre Lektüre immer noch lieber gedruckt nach Hause tragen, in ihr Bücherregal stellen, in U- oder S-Bahn auf dem Weg zur Arbeit, in der Mittagspause auf der Parkbank in der Sonne lesen.

Der Markt für gedruckte Bücher ist nicht tot und einige - zugegeben bekanntere - Autoren wie Paulo Coelho haben festgestellt, dass ihre Bücher, wenn sie kostenlos im Netz angeboten werden, sogar höhere Verkaufszahlen erzielen. Denn der Leser muss die Katze nicht mehr im Sack kaufen, sondern kann vorher prüfen, ob es sich für ihn lohnt. Das mindert das Risiko eines Reinfalls und steigert die Bereitschaft, für ein Buch Geld auszugeben. Und sei es nur, weil der Leser "seinen" Autor unterstützen möchte.

Doch machen Sie sich nichts vor: Ein Buch publikationsfertig zu bekommen, ist erst einmal viel Arbeit und wer den Druck eines Lektorats braucht, um diese Arbeit zu beenden oder wer sich mit Layout-Programmen wie {\LaTeX} oder InDesign nicht anfreunden kann, wird es schwer haben. Doch für den Rest von uns findet die damals versprochene Desktop-Publishing-Revolution - wenn auch mit erheblicher Verspätung - vielleicht doch noch statt.

Und für die Verlage gilt, dass sie sich - gerade auch im Hinblick auf die oben erwähnten Knebelverträge - anpassen müssen. Andernfalls werden sie bedeutungslos und überflüssig.

Jörg KantelJörg Kantel (Kantel/Rosemarie Windorf)Jörg Kantel, geboren 1953 in Duisburg, studierte Mathematik, Philosophie und Informatik im zweiten Bildungsweg. Seine Berufe waren: Speditionskaufmann, Gitarrist, Programmierer, Kabarettist, Systembetreuer, Systemanalytiker, Unternehmensberater. Seit Mai 1994 ist er EDV-Leiter am Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte und war von 2006 bis 2009 Lehrbeauftragter für Multimedia im Fachbereich "Angewandte Informatik" an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW) Berlin. Er betreibt den Blog "Der Schockwellenreiter".