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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 04.09.2011

Psychosen durch Kaffee?

Über eine australische Studie zur Gefahr des "Schadstoffs" Kaffee

Von Udo Pollmer

Sogar Schizophrenie könnte der braune Wachmacher laut der Studie begünstigen. (picture alliance / dpa / Federico Gambarini)
Sogar Schizophrenie könnte der braune Wachmacher laut der Studie begünstigen. (picture alliance / dpa / Federico Gambarini)

Kaffee verursacht Halluzinationen. Aufgeregt meldete Focus-Online: "Ab fünf Tassen wird es kritisch". Anlass ist eine Studie einer australischen Universität. Auch die staatliche Verbraucheraufklärung warnt Jugendliche auf ihrer Webseite vor der "scheinbar harmlosen Droge."

Australische Psychologen haben unser Wissen in Sachen ernährungsbedingter Halluzinationen erweitert. Im Rahmen einer Studie mussten arg gestresste Zeitgenossen sich einen Geräuschteppich anhören, genauer gesagt weißes Rauschen. Dabei sollten sie herausfinden, wie oft darin der Song "White Christmas" von Bing Crosby anklang. Einmal war das Lied auch dabei. Versuchspersonen, die viel Kaffee trinken, glaubten jedoch die Melodie mehrfach herausgehört zu haben. Weißes Rauschen entfaltet aufs Gehör eine leicht betäubende Wirkung. Da hört einer unter Stress schon mal das Gras wachsen. Ich würde daraus bestenfalls schließen, dass Kaffee die Phantasie anregt und womöglich sogar die Kreativität beflügelt. Wer weiß?

Würden Kaffeetanten tatsächlich unter Hallus leiden, bräuchten wir dafür keine Psychologen - das wäre doch längst aufgefallen. Ich will nicht verhehlen, dass die Hauptleistung der Psychoforscher vor allem in der statistischen Aufbereitung besteht; erst damit gelang es, aus dünnen Daten, um nicht zu sagen aus dünnstem Muckefuck den Lesern einen vermeintlich echten Mokka einzuschenken. Dabei war auch die Erkenntnis selbst nicht mal neu. Bereits vor zwei Jahren haben unsere Qualitätsmedien mit Berufung auf eine britische Studie die gleiche Story verbreitet. Damals waren für die Hallus allerdings noch stolze sieben Tassen erforderlich. Die Gefahren der Kaffeekanne wachsen von Studie zu Studie. Warten wir es ab, in ein paar Jahren genügt vermutlich ein Spot mit dümmlicher Kaffeewerbung im Nachmittagsprogramm und Schulkinder könnten hyperaktiv werden.

Die staatliche Verbraucheraufklärung, der AID, wendet sich im Internet schon jetzt an die deutsche Jugend und warnt sie vor den ernsten Gefahren, die diese Studie sichtbar gemacht hätte. Auf der AID-Webseite "talking food" findet sich der Kaffee unter der Rubrik "Schadstoffe". Und da heißt es doch glatt: "Dieses Ergebnis macht deutlich, dass man beim Genuss dieser scheinbar harmlosen Droge Vorsicht walten lassen sollte". Ja, die Studie würde sogar erklären, wie Kaffee die Entwicklung von Psychosen, ja sogar von Schizophrenie begünstigen könne. Dagegen verblasst natürlich das Risiko, sich beim Kaffeetrinken den Mund zu verbrennen. Wenn Kaffee zur "scheinbar harmlosen Droge" mutiert, dann werden die Kids - um ihre Stimmung anzuheben - nach dem Besuch dieser Homepage zum Verbrennen von Steuergeldern halt zum Energydrink greifen.

Dabei gäbe es durchaus Lebensmittel, die gelegentlich zu Halluzinationen führen - auch ganz ohne weißes Rauschen. Man denke nur an Pilzvergiftungen. Eine Ursache war früher Getreide, das mit Mutterkorn verunreinigt war. Mutterkorn enthält Pilzgifte, die mit LSD verwandt sind. Aus der Vollwertkostszene gibt es anekdotische Berichte von Personen, die ungereinigtes Getreide eingeweicht hatten, und die nach dem Verzehr über Bewusstseinsstörungen und Halluzinationen klagten. Bei Mutterkorngiften wirkt eine Tasse Kaffee zum Müsli tatsächlich als Verstärker.

Auch andere Lebensmittelvergiftungen können Halluzinationen hervorrufen, beispielsweise durch Konsum von Fischen und Meeresfrüchten. Die Gifte werden von Algen erzeugt und können in verschiedensten Meerestieren enthalten sein, namentlich in Muscheln. Meist klingen auch schwere Halluzinationen nach ein paar Tagen wieder ab. Hier, liebe Kollegen von der Verbraucheraufklärung, hier wäre der Begriff "Schadstoff" so falsch nicht. Kaffee hingegen ist ein harmloses Genussmittel.

Oder etwa nicht? Vielleicht ist ja doch ein Körnchen Wahrheit an der Sache mit den Kaffeehalluzinationen. Denn nirgendwo wird mehr Kaffee konsumiert als in unseren Redaktionen. Dort sind die natürlichen Biotope der Koffeinvergiftung. Halluzinationen würden einen erheblichen Teil der Meldungen und Ratschläge zur gesunden Ernährung zufriedenstellend erklären. Mahlzeit!

Literatur
Crowe SF et al: The effect of caffeine and stress on autitory hallucinations in a non-clinical sample. Personality and Individual Differences 2011; 50: 626-630
Jones SR, Fernyhough: Caffeine, stress, and proneness to psychosis-like experiences. A preliminary investigation. Personality and Individual Differences 2009: 46: 562-564
De Haro L, Pommier P: Hallucinatory fish poisoning (Ichthyoallyeinotoxism). Clinical Toxicology 2006; 44: 185-188
www.talkingfood.de
Jeffery B et al: Amnesic shellfish poison. Food and Chemical Toxicology 2004; 42: 545-557
Quod JP, Turquet J: Ciguatera in Reunion Island (SW Indian Ocean): epidemiology and clinical patterns. Toxicon 1996; 34: 779-785
Grant KS et al: Domoic acid: neurobehavioral consequences of exposure to a prevalent marine biotoxin. Neurotoxicology and Teratology 2010; 32: 132-141
Müller C: Analytik und Vorkommen von Mutterkornalkaloiden in ausgewählten Lebensmitteln. Dissertation, Berlin 2010

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