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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 17.09.2015

Psychose-BehandlungHerausforderungen einer stigmatisierten Erkrankung

Von Pia Rauschenberger

Eine Mitarbeiterin steht in der Psychiatrischen Institutsambulanz (PIA) an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Braunschweig. (dpa / picture alliance / Julian Stratenschulte)
Eine Psychose gilt offiziell nicht als Krankheit. Sie lässt sich aber gut mit Psychotherapie behandeln. (dpa / picture alliance / Julian Stratenschulte)

Eine Psychose ist wie ein Ausstieg aus der Realität. Wer daran leidet, fühlt und sieht Dinge, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben. Neben Medikamenten können auch verschiedene Psychotherapien den betroffenen Patienten helfen.

"Und dann hat das auch angefangen, dass ich gedacht hab, dass mich Leute beobachten. Oder auch, dass ich viel machen kann, mit meinen Händen zum Beispiel. Dass da Energiefelder sind und ich Leute heilen kann mit den Händen, dann musste ich zwangsmäßig bestimmte Wege laufen, in einer Acht musste ich laufen, damit das alles abgeschlossen ist, musste ich bestimmte Wege in der Stadt laufen und so."

"Ich hab schon irgendwie gemerkt, dass was nicht stimmt und dass Dinge sich verändern. Und das kam mir auch komisch vor, aber ich fand's halt geil."

"Und dann irgendwann hat der ganze Kopf angefangen zu Bitzeln, und so Stiche zu machen. Ja des is wie so ein, wenn so ein Nieselregen auf so ein Zelt tropft, nur dass es im Gehirn so tadatadatadatadatad, so Stiche macht so Bitzeln im Kopf irgendwie ist. Ja genau so..."

"Krasse Schwankungen meiner Gefühle. Also so, wie man das so schön sagt, himmelhochjauchzend zu Tode betrübt. Ja. Also auch mal Lachen und Weinen gleichzeitig, weil Dinge unglaublich traurig aber auch lustig sind."

"(Papierrascheln) Ja, das sind die Klinikunterlagen. Da sind, glaub ich, zwei Diagnosen drin, aber es muss zwischendurch wohl immer mal wieder Veränderungen gegeben haben, von den Stationsleitern und so weiter. (Papierrascheln) Lass mich mal gucken, hier ist der Antrag auf geschlossene Unterbringung als erstes, von meinen Eltern unterschrieben. Soll ich mal vorlesen?"

Kira ist 19 Jahre alt. Sie hat kurze Haare und strahlend blaue Augen mit einem festen Blick. Letzten Sommer wurde sie nach einer psychotischen Episode von ihren Eltern in die Psychiatrie eingewiesen.

"(Papierrascheln) Psychiatrische Begründung der Unterbringung. Bei der Patientin zeigt sich das ausgeprägte Symptombild einer Schizophrenie mit ausgeprägten affektiven Anteilen. Wir beobachten deutliche und formale inhaltliche Denkstörungen mit Kontrollwahn und Beeinflussungswahn. Vor allem bezogen auf Nahrungs- und Flüssigkeitseinnahme. Teilweise auch die Vorstellung von sie beeinflussenden Strahlen, von denen sie sich gequält fühlt. Das sind die Sachen, die ich zwei, drei Tage bevor ich eingewiesen wurde, festgestellt habe."

Keine klassifizierte Krankheit

Laut der gängigen Klassifikationssysteme wie das DSM Fünf und ICD Zehn ist eine Psychose keine Krankheit, sondern ein Phänomen. Also eine Erscheinung, die sich beobachten lässt. Aber kein klar abgrenzbares Krankheitsbild. Kern dieses Phänomens ist der Wahn. Patienten mit einem Wahn halten an Überzeugungen fest oder fühlen und sehen Dinge, die nichts mit der Realität zu tun haben. Das können zum Beispiel Menschen mit Schizophrenien und bipolaren Erkrankungen sein. Die Symptome, die zu diesen Krankheiten rund um das Phänomen Psychose gehören, unterscheiden sich von Person zu Person.

Simone ist 33. Für ihr Alter wirkt sie manchmal noch etwas kindlich. Vor sechs Jahren hatte sie zum ersten Mal Anzeichen einer Psychose. Damals stand Simone mitten im Arbeitsleben, von einer psychischen Erkrankung hat sie nichts geahnt:

"Auf jeden Fall hab ich dann auf der Arbeit plötzlich das Bedürfnis gehabt mich dringend zurückziehen zu müssen und alleine sein zu müssen und bin auf die Toilette gegangen und hab also ne Viertelstunde auf dem Klo gesessen und wollte nichts hören, nichts sehen. Und so und bin dann wieder ins Büro gegangen, weil ich dachte, ich will ja muss ja irgendwie weiterarbeiten. Das hat Mittwoch angefangen und am Donnerstag, Freitag war's dann so schlimm, dass ich gesagt hab, ich muss heute früher nach Hause gehen. Und ich bin eigentlich nie krank gewesen. Hab nie wegen Krankheit mir freigenommen oder so. Genau und dann bin ich eben an dem Freitag früher gegangen und bin dann neun Monate nicht mehr zur Arbeit gekommen."

In Deutschland leiden aktuell 800.000 Menschen an einer schizophrenen Erkrankung. Jedes Jahr erkranken circa 8000 Menschen neu.Diese psychotischen Erkrankungen werden als besonders schwer bezeichnet. Die Ursachen sind nicht eindeutig.

"Das eine ist, dass es eine Empfindlichkeit - also eine Vulnerabilität, sagt man als Arzt, - gibt, und die hat eine genetische Komponente."

Sagt Andreas Heinz. Er ist Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité in Berlin. Neben den genetischen Ursachen kann das Umfeld oder die Familie eine Rolle spielen. Die verschiedenen Ursachen bilden zusammen eine Eigendynamik. Das heißt, dass die familiären, sozialen und genetischen Ursachen sich auch gegenseitig beeinflussen:

"Teile der Eigendynamik verstehen wir aber nach wie vor nicht, also warum treten dann Stimmen oder Gedanken plötzlich als Stimmen von außen auf? Also es gibt Dinge, die sind rätselhaft und die machen das Erleben der Leute ja auch spannend, aber die versteht man nicht alle im Detail."

Auch aufregende und angenehme Empfindungen

"Also ich bin in der Stadt gelaufen und da war so eine Häuserwand und ein Haus war plötzlich viel größer, als die anderen Häuser und ich denk mir so, huch, das ist mir noch nie aufgefallen hier, dieses Haus. Dass das so groß ist. Und das war ja Realität für mich, das das so groß ist. Die Wahrnehmung hat eine andere Qualität gehabt, des war alles ein bisschen so, wie wenn's verschwommener gewesen wäre. Ich konnte keine Beziehung mehr aufbauen zu den Leuten und zu den Dingen."

Wenn Simone erzählt, wirkt sie vollkommen ruhig und entspannt. Sie hat sich mit ihrer Krankheit auseinandergesetzt und weiß: Menschen mit einer Psychose erleben die Symptome nicht immer nur negativ. Viele von ihnen beschreiben, dass sie ihre Psychose erstmal als aufregend und angenehm empfinden.

"Das, was wir als Dysfunktion bezeichnen, hat eine Funktion und das müssen wir als gute Psychose-Therapeuten wissen. Das ist ein Teil der Modifikation in der Therapie. Es geht nicht darum, irgendwas wegzubekommen. Es geht erstmal darum, zu verstehen, warum jemand in eine Psychose geht. Dafür gibt es einen Grund."

Dorothea von Haebler ist Ärztin und Psychotherapeutin. Sie arbeitet seit vielen Jahren mit Menschen mit Psychosen und ist Vorsitzende des Dachverbands deutscher Psychosenpsychotherapie. Den Grund für eine Psychose sieht Haebler in einem Dilemma, das der Patient nicht lösen kann. Eine Art Hin- und Her-Gerissensein zwischen zwei Intentionen oder Kräften. Sie kann der Ausweg aus einem unlösbaren Dilemma sein. Eine Psychose zu erleben, bedeutet für viele Menschen eine Erleichterung von schwierigen familiären oder sozialen Beziehungen. Sie geben einen Teil ihres Selbst auf, oder spalten einen Teil ihres Selbst ab, indem sie zum Beispiel dauerhaft eine Rolle spielen. Das bewahrt die Menschen mit Psychose davor, an ihrer Umgebung und deren Anforderungen zu zerbrechen. Dafür bezahlen sie mit dem Verlust von Realität:

"Wenn man dem jetzt die Psychose, den Wahn wegnehmen würde, dann wär er wieder in dem Dilemma. Was für ihn unlösbar ist. Das heißt, das ist nicht die Hilfe, das ist das, was die Medikamente können. Die können den Wahn wegnehmen, aber die können dann dieses Dilemma nicht lösen. Und der Therapeut muss im Prinzip ein Dilemma-Therapeut sein, also ein Psychotherapeut, der das Dilemma löst."

Die meisten Psychosen werden immer noch mit Psychopharmaka behandelt. Für Dorothea von Haebler sind Medikamente bei Psychosen kein Allheilmittel, aber sie können eine Therapie unterstützen:

"Und die Medikation kann begleitet extrem hilfreich sein, um den Wahn nicht überhandnehmen zu lassen, nicht handlungsleitend sein zu lassen, also den Wahn schon da sein zu lassen, denn er ist schon ein Werkzeug und auch eine Hilfe für den Menschen, der in dem Dilemma steckt."

Medikamente sind kein Allheilmittel

"Dann hatte ich aber eine so eine Halluzination am Körper, wo ich dachte, mein Fuß ist nicht mehr da. Und das war mir irgendwie dann doch ganz schön spooky. Und dann hab ich den Arzt gebeten, ob ich nicht doch Tabletten haben kann, also weil das war so eine furchtbare Situation irgendwie, das war so schlimm. Dass ich gesagt habe, das möchte ich nicht, das möchte ich nicht mehr erleben. Und der Rest war relativ (..) ja irgendwie so ok für mich, auch teilweise schönes Erleben, viel enthusiastischer und schöner die Sachen zu erleben, so intensiv und auch alles hatte eine Bedeutung und so. Es war alles so sehr aufregend so."

Zahlreiche Pillen und Tabletten liegen auf einem Tisch und auf einem Löffel. (dpa / Daniel Reinhardt)Medikamente sind sind für Psychosepatienten kein Allheilmittel. (dpa / Daniel Reinhardt)

Simone erhöht ihre Dosis immer mehr, bis sie die Höchstdosis Risperdal nimmt - ein Neuroleptikum, das zu den Antipsychotika gehört, also den Medikamenten gegen Psychosen.

"Ja und dann hat das so langsam aufgehört, also ich hab auch so zwangsrechnen müssen, immer so die Quersumme gebildet von allem und so dann hatten die Zahlen eben eine Bedeutung, drei war die Stabilität und sieben die Verrücktheit und acht die Unendlichkeit und neun die Familie. Und dann hab ich einmal so einen Einkauf gemacht und der hat 7,77 Euro gekostet und ich dachte so: Oh Gott nein, alles verrückt. Dann mit den Tabletten hat das abgenommen, diese Informationsflut in meinem Kopf. Und diese vielen Gedanken und Ideen. Ja, dass der heilige Gral in meiner Familie ist, und so weiter und so fort."

Kira und Simone machen beide eine Psychotherapie. Die hilft ihnen, mit ihren Erfahrungen umzugehen. Doch ihre Behandlungsgeschichte unterscheidet sich auch. Anders als Simone war Kira in der Psychiatrie. Medikamente hat sie dort nicht genommen:

"Ich habe zu jedem Zeitpunkt Medikamente verweigert, weil ich das Gefühl hatte, dass sie mich nur ruhig stellen wollen und vor allem hatte ich total Angst, was sie mit mir tun würden, wenn ich schlafe. Was nicht heißt, dass ich Medikamente grundsätzlich ablehne bei Psychosen. Aber das hat sich für mich die ganze Zeit so angefühlt, als ob ich das selbst bewältigen könnte."

Bei Kira kann man einen festen Willen spüren, mit dem sie hinter ihren Überzeugungen steht. Wie Kira kritisieren viele Patienten und Ärzte den Einsatz von Medikamenten. Vor allem wegen der starken Nebenwirkungen. Auch bei Simone haben die Medikamente Spuren hinterlassen. Sie nimmt 40 Kilo zu, bekommt Hautausschläge und fühlt sich sediert:

"Die Medikamente haben mich total abgekapselt von der Welt, also ich habe gemerkt, dass ich in meiner Reaktion so verlangsamt bin, von meiner Gestik her, von meiner Mimik her, von meinem Antworten her. Wenn mir jemand was gesagt hat. Es hat ewig gedauert, bis ich geschaltet habe, was ich sagen will und das dann auch gesagt habe."

Plädoyer für eine kombinierte Therapie

"Viele fragen, ist Psychotherapie besser als Psychopharmakotherapie? Und da kann man dann ein ganz klares Nein dahinter schreiben. Psychopharmakotherapie ist nicht besser als Psychotherapie und andersrum genauso wenig. Sie haben verschiedene Angriffspunkte und verschiedene Ziele. Am besten ist die Kombination."

50 Prozent der Schizophrenie-Patienten wollen oder können keine Medikamente nehmen. Müssen sie auch nicht. Das zeigt eine britische Pilotstudie aus dem Jahr 2014. Es gibt Alternativen. In der Studie bekamen junge Patienten, die Medikamente ablehnen, stattdessen eine Psychotherapie. Eine andere Gruppe machte eine reine Psychopharmakotherapie. Die Ergebnisse legen nahe. Beide Therapieformen  sind gleich wirksam:

"Und das ist ein absolutes Novum und ein Paradigmenwechsel an der Stelle, der uns hervorragende Grundlage bietet für weitere Psychotherapieforschung. Er kann also ganz klar sagen, die Psychotherapie ohne Psychopharmakotherapie ist genauso wirkungsvoll wie die Psychopharmakoherapie ohne Psychotherapie. Und gewinnen werden beide zusammen, das ist klar."

Drei Monate nach der psychotischen Phase gerät Simone in eine tiefe Depression und weist sich schließlich selbst in eine Tagesklinik ein. Die feste Struktur tut ihr gut und sie lernt Töpfern. Seitdem töpfert sie einmal pro Woche in einer Kirche in Berlin-Neukölln.

"(Klopfgeräusch) Dann überleg ich mir, was ich daraus mache. Ob eine Schale oder Tasse, Blumentöpfe hab ich jetzt auch schon gemacht. Und manchmal überlegt man sich was und dann wird's doch was ganz anderes."

Simone fühlt sich inzwischen stabil. Seit ein paar Monaten setzt sie die Medikamente schrittweise ab. Eigentlich klappt alles gut. Doch vor Kurzem hatte sie wieder Frühwarnzeichen:

"Hab dann wieder so gedacht, dass mich hier irgendwer beobachtet. Und dann auch, dass ich so überwacht werde und so. Das ging dann soweit, dass ich dann schon überlegt hab, wer jetzt in meinen Wohnumfeldern irgendwo eingeschleust wurde, um mich zu beschatten, oder so."

"Also es war schon n ganz schöner Schock so, dass ich nach sechs Jahren irgendwie wieder ein psychotisches Erleben hatte. Weil ich dachte, ich bin eigentlich stabil und die ganze Zeit über war nichts, die ganzen sechs Jahre nicht. Und ja hab eben gemerkt, dass ich mich doch auf einer Gratwanderung befinde so. Und dass ich ganz gut und präzise auf mich aufpassen muss, auch so, wieviel mute ich mir zu, wie voll mache ich mir den Tag."

Trotz der Frühwarnzeichen vor ein paar Wochen beschließt sie, erstmal auf kleiner Dosis zu bleiben und zu gucken, wie es weitergeht. Seit fünf Jahren macht Simone außerdem eine tiefenpsychologische Psychotherapie. Die ist für Simone eine wichtige Stütze in ihrem Leben geworden:

"Ich lerne eben mit diesen vielen Dingen, die ich so in meinem Leben mit mir rumschleppe oder rumgeschleppt habe, teilweise. Diese inneren Konflikte. Die langsam aufzuarbeiten. Also ich mach seit fünf Jahren jetzt Therapie. Und das hat mir total geholfen, überhaupt ein Selbstwertgefühl aufzubauen. Und es war halt nicht konfliktbezogene Therapie, sagt der Therapeut, sondern erstmal stabilisierend. Ja und das hat mir so ein Ich verschafft irgendwie, so ein Gefühl für mich selbst und so ein, dass ich auch sein darf und dass ich auch Wünsche und Bedürfnisse habe und die auch äußern darf. Das war für mich vorher nicht so selbstverständlich."

Nur wenige Patienten erhalten eine Psychotherapie

Bei Simone hat die Therapie geholfen. Eine Psychotherapie bekommen allerdings nur sehr wenige Menschen mit einer Psychose. Von den Menschen, die zum ersten Mal einen Antrag auf eine Psychotherapie stellen, hat nur ein Prozent eine schizophrene Erkrankung. Warum?

"Also das Erste ist, dass es wirklich bislang galt, und in den Textbooks stand es wirklich bis vor Kurzem noch drin, dass Psychotherapie bei Menschen mit Schizophrenie kontraindiziert sei, also es sei nicht angesagt. Medikation sei das Richtige und dann noch Soziotherapie, also die Menschen irgendwo zu verwahren, wie die das früher so beschrieben haben. Das hat sich gottseidank geändert, sowohl die Soziotherapie ist besser geworden, als auch der Wunsch nach Psychotherapie ist größer geworden, aber das ist ein relativ neues Geschehen, das ist noch nicht so lange so. Und dieses Wissen, dass Psychotherapie gar nicht angesagt ist, bei dieser Patientengruppe, das ist in den Köpfen der Bevölkerung und vieler Ärzte. Das heißt, wenn jetzt ein psychotischer Patient zum Psychiater kommt, dann verschreibt der Medikamente, aber denkt nicht daran, ihm eine Psychotherapie zu verschreiben."

Psychotherapie wird Menschen mit Psychose selten verschrieben. Ein weiteres Problem ist, dass immer noch wenige Psychotherapeuten Patienten mit einer Psychose aufnehmen. Psychotherapeutische Praxen sind ohnehin überlaufen und Psychotiker keine beliebte Patientengruppe.

Ein langer Atem ist nötig

"Es gibt ja so eine Sehnsucht, dass man alle psychischen Krankheiten, alle Psychosen durch das Finden der Ursache lösen könnte. Es gibt auch so wunderschöne amerikanische Filme aus der 50er Jahren, man erinnert ja eine traumatische Szene und alles ist weg. Das ist aber Kino. Die Verletzungen sind ja nicht weg, nur weil man sie durchsprechen kann. Man kann vielleicht anders damit umgehen und sie auch anders erzählen. Und die Dinge die einfach entstehen, weil man vielleicht sensibler als andere ist oder sich empfindlicher fühlt, da kann man auch helfen, damit anders umzugehen, aber es gibt keine Wunderheilung in aller Regel."

Trotzdem: Auch Andreas Heinz findet die Therapie in manchen Fällen sehr sinnvoll. Leider scheitert das oft am Zugang. Für Menschen mit Psychosen ist der Weg zu einem Therapieplatz eine Herausforderung. Bei der Suche nach einem Therapeuten braucht man einen langen Atem, viele Anrufe und Toleranz bei Absagen. Diesen Schritt schaffen Menschen mit einer Psychose meistens nicht:

"Das ist ein völliger Fehler im System. Wir erwarten, dass diese Menschen auf uns zukommen und unser System annehmen, und ich glaube genau bei diesen Patienten, den Menschen mit Psychosen, müssen wir darauf achten, dass wir eine Therapie anbieten, die diese Patienten erreicht. Und nicht erwarten, dass sie etwas tun, was sie nicht können, aufgrund ihrer Erkrankung."

"Gegebenenfalls wird eine Fixierung unvermeidlich wegen: Eigengefährdung und Fremdgefährdung im Rahmen der Erkrankung, mangelnder Krankheitseinsicht und Verweigerung entlastender Medikation. Die ärztlichen Zwangsmaßnahmen sind erforderlich, da der Betreute aufgrund einer psychischen Krankheit oder einer geistigen und seelischen Behinderung die Notwendigkeit der ärztlichen Maßnahme nicht erkennen oder nicht nach dieser Einsicht handeln kann."

Klinikaufenthalt als extremer Einschnitt

Für Kira war der Beginn ihrer Behandlung schwierig. Die Zeit in der Klinik war für sie ein extremer Einschnitt in ihr Leben. Ihr Widerstand gegen die Klinik hat ihre Situation dort verschärft:

"Ja, so am fünften sechsten Tag ist es dann nochmal total eskaliert, und dann wurde ich da auf der Kinderstation fixiert, weil ich versucht habe, rauszukommen."

"Wahrscheinlich hat mich schon allein das Nichtbewegen beruhigt, aber auch wahnsinnig gemacht, total, weil das Fixiertsein das ist das Unangenehmste, was ich in meinem ganzen Leben je erlebt habe. Erst recht in dem ganzen Umfeld."

Wenn Kira von ihren Erfahrungen spricht, zeigt sich, wie verletzlich die sonst so selbstbewusste junge Frau ist.

"Ich verstehe, warum meine Eltern mich eingewiesen haben, was nicht bedeutet, dass ich es ihnen irgendwann verzeihen werde, weil ich eigentlich gar nicht mehr wusste, wer ich bin, nach dieser Erfahrung."

80 Prozent der Menschen mit Psychose-Erfahrungen gelten als traumatisiert, zwischen 13 und 18 Prozent leiden sogar an einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Bei Kira war es die Klinikerfahrung selbst, die ihr Leben noch ein Jahr später prägt. Seitdem macht sie eine Verhaltenstherapie, um mit ihren Ängsten umzugehen. Kira engagiert sich in verschiedenen politischen Gruppen. Seit dem Klinikaufenthalt fühlt sie sich bei politischen Aktionen viel unsicherer:

"Ich hab vor allem Angst davor, dass ich auf irgendwelchen Demos bin, die eskalieren. Und dann: Ich weiß, dass das immer noch passiert, dass Menschen einfach festgenommen werden und dann für zwei Wochen in die Klinik gesteckt werden. Also das passiert nicht oft, aber davor hab ich Angst, dass mir sowas passiert. Wenn man mich in so einen Raum steckt, dann drehe ich sofort durch, garantiert, aufgrund von dem Trauma. Und dann kann das passieren, und dass ich festgenommen werde, ist nicht so unwahrscheinlich."

Kira hat bislang keine Diagnose über eine Posttraumatische Belastungsstörung. Die Diagnose könnte ihr helfen. Mit ihr hätte sie das Recht, auf eine Therapie, die auch ihr Trauma behandelt. Dafür gibt es spezielle traumatherapeutische Verfahren.

Traumatherapie kann entlasten

Eine Studie des holländischen Wissenschaftlers Mark van der Gaag zeigt, dass traumatherapeutische Verfahren auch bei Menschen mit Psychose sinnvoll sind. Die Psychose wird dadurch nicht geheilt. Aber die Belastung durch das Trauma kann vermindert werden. Für die meisten Patienten ist das ein enormer Gewinn. Trotzdem werden sie bei Menschen mit einer Psychose und einem Trauma selten angewandt:

"Und das war ein Punkt, zu dem sich bisher keiner hat durchringen können. Die Trauma-Therapeuten haben gesagt, das ist uns viel zu gefährlich bei den Menschen mit Psychosen, was dann passiert da sie dachten dann geht so eine Pandorabox auf, dann kriegen wir das nicht mehr eingefangen."

Ein Mädchen sitzt am 12.02.2014 in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Asklepios-Klinik in Hamburg bei einem Beratungsgespräch.  (picture alliance / dpa / Axel Heimken)Eine junge Frau sitzt in der Psychiatrie bei einem Beratungsgespräch. (picture alliance / dpa / Axel Heimken)

Bis vor Kurzem hatte man in Deutschland mit einer Psychose kein Recht auf eine psychotherapeutische Behandlung. Bisher konnten nur Patienten eine Therapie beantragen, die durch die Psychose zum Beispiel eine Depression bekamen. Erst Anfang dieses Jahres wurden die Richtlinien geändert. Seit Januar ist auch bei Menschen mit psychotischen Erkrankungen eine Psychotherapie empfohlen.  Andreas Heinz kennt die Gründe für die bisher so starren Richtlinien. Für ihn gilt: Wer eine Therapie macht, muss aufpassen, wie man es angeht. Therapien seien nicht in jedem Fall eine Hilfe.

"Also das ist ein großer Fortschritt, dass man Psychotherapie bei Psychosen einfach ganz reguläre einsetzen kann, nicht mit irgendwelchen sekundären Begründungen. Dass das nicht so war, liegt natürlich daran, dass man vor 60 Jahren in der ersten Euphorie gedacht hat, man kriegt das alles mit zum Beispiel einer tiefenpsychologischen Therapie hin und nach so und so viel Stunden hat man dann gemerkt, dass die Leute sich in ihre Psychose einspinnen und man gar nicht ran kommt. Deshalb ist es auch wichtig, dass die Leute, die dort arbeiten, einigermaßen undogmatisch und offen sind und auch merken, wenn sie helfen und auch merken, wenn sie nicht mehr helfen. Aber dass man überhaupt ein Recht darauf hat, wie jeder andere auch, ist extrem wichtig."

Zur richtigen Behandlung gehört eine passende Ausbildung, findet auch Dorothea von Haebler. Den Grund für die mangelnde Sicherheit von Psychotherapeuten im Umgang mit Psychotikern sieht sie in der Ausbildung. An den Instituten wird wenig zur Psychotherapie von Psychosen gelehrt:

"Keiner hat es so auf dem Plan, dass die Psychotherapeuten da rausgehen und sagen, ich fühle mich fit, Menschen mit Psychosen psychotherapeutisch zu behandeln. Das heißt, da ist ne große Angst da von vielen. Die sagen, da kommen Patienten, die sind unberechenbar, die kann ich nicht erreichen im Gespräch, vielleicht kommen die unregelmäßig, dann habe ich hier Leerstunden und so weiter. Da ist meine Erfahrung, dass das nicht stimmt. Sie sind sehr wohl berechenbar, man kann sehr wohl mit ihnen reden und das Einhalten der Stunden, das ist bis auf den ganz akuten Bereich relativ sicher, also nicht unsicherer als bei anderen Patienten."

Psychotherapie darf nun offiziell bei psychotischen Patienten durchgeführt werden. Und internationale Leitlinien empfehlen dafür nicht mehr nur die Verhaltenstherapien - sie unterstützen auch die Psychoanalyse und Tiefenpsychologie. Die Effekte der verschiedenen Therapieverfahren scheinen ähnlich zu sein.

"Die Psychotherapeuten, die sich mit Menschen mit Psychosen beschäftigen, sagen eigentlich einhellig, es ist der eine Patient und der eine Therapeut, die aufeinander passen, und es gibt bestimmte Verfahren, die bestimmte Targets also bestimmte Ziele besser erreichen. Und da gibt es bei der Verhaltenstherapie bestimmte Symptome, die sie besser erreichen als die Tiefenpsychologie. Und es gibt bei der Tiefenpsychologie oder Psychodynamik oder Psychoanalyse gibt es eben andere Ziele, die besser erreicht werden können, als mit der Verhaltenstherapie."

Welche Therapie in Frage kommt, hängt vom Patienten ab. Neben der Psycho- und Pharmakotherapie, gibt es auch die Möglichkeit, von anderen Menschen mit Psychose-Erfahrung begleitet zu werden. Diese Peerberatung nennt sich "ExIn" und gilt als sehr erfolgreich.

Für Simone war ihre Therapie wie eine neue Beziehungserfahrung. Sie bewegt sich jetzt sicherer in der Welt:

"Wenn ich keine Beziehung zu mir selbst habe, kann ich auch nirgendwo oder zu anderen eine Beziehung aufbauen und das hab ich glaub ich in der Therapie ganz gut gelernt, erstmal auch eine Beziehung zu mir selbst aufzubauen, weil mir da der Raum gegeben wurde, zu sein, wer ich bin, und mich auch zu erforschen. Und dass eben nicht alles so stark bewertet wird, was ich mache. Und dass das, was ich spüre auch ok ist und sein darf und irgendwo einen Sinn hat oder n Hintergrund hat."

Wirksame Beziehung zum Therapeuten

Für Simone war die Therapie nicht wegen bestimmter Ratschläge erfolgreich. Sie hat eine Beziehung zu ihrem Therapeuten aufgebaut. Eine Beziehung, die auch Simones Stimmungsschwankungen ausgehalten hat. Das beruhigt. Empirisch ist die Wirkung so einer therapeutischen Beziehung gut belegt. Für die Therapeuten ist der Aufbau so einer Beziehung oft ein Balanceakt:

"Man darf nichts erwarten, also diese Erwartung, die man hat häufig als Arzt mit wenig Zeit oder als Psychotherapeut mit hehren Zielen, dann denkt man, wenn der heute kommt, dann würde ich gerne das Medikament raufdrehen oder ich würde schauen, dass er der Soziotherapie zustimmt. Oder dass er zu dem Treff geht, oder so. Genau das funktioniert nicht. Man muss alle Erwartungen weglassen und muss offen sein für das was kommt und für neue Entwicklungen. Und das ist eine Haltung, die muss man sich antrainieren, weil die ist nicht drin und die haben wir nicht gelernt, aber die ist so hilfreich. Und da können Beziehungen entstehen und da taucht dann der Mensch mit Psychose so auf, dass er auf Augenhöhe kommt, weil er plötzlich Ideen einbringen kann, Gedanken oder Fragen, die er an uns stellt. Was uns wichtig erscheint, ist für den Menschen mit Psychose häufig völlig unwichtig."

Trotz der therapeutischen Erfahrung aus der Praxis und erster Studien gibt es zur Psychotherapie bei Menschen mit Psychosen noch viele offene Fragen.

"Also Forschungsbedarf besteht sicherlich einerseits bei der Frage, wie man so eine Psychotherapie gestaltet, also welche Elemente helfen, welche Elemente helfen nicht. Das ist bei anderen Krankheitsbildern viel besser untersucht. Also wir wissen, bei einer Panikattacke da hilft die Exposition. Sie müssen an den Platz, wo sie die hatten. Das ist bei Psychosen unklarer. Das ist stützende Arbeit, aber was da am besten ist und wie oft und in welcher Dosis ist nicht gut erforscht. Der andere Punkt ist natürlich die Frage, wie kombiniert man das mit Medikamenten oder nicht, wie sind die Langzeitverläufe? Das sollte man wirklich untersuchen und dann schauen, dass man den Leuten verschiedene Alternativen anbietet."

Die Erfahrungen haben Spuren hinterlassen

Obwohl Kira inzwischen wieder festen Boden unter den Füßen hat, merkt sie die Spuren, die die Erfahrungen im letzten Jahr hinterlassen haben. Normalität sieht für sie inzwischen anders aus:

"Ich glaube, dass es unmöglich ist, jegliche Schwankung auszugleichen, die man so hat, was Stimmung und auch sonstiges Verhalten angeht. Und nach so einer Erfahrung machen einem die Schwankungen auch immer ein bisschen Angst, egal wie leicht sie sind. Und ich hoffe, dass ich damit noch ein bisschen entspannter umgehen kann, in Zukunft."

"Es ist natürlich schon eine Gratwanderung sehe ich, aber ich hab da auch inzwischen recht gutes Vertrauen, dass ich da irgendwie so Wege finde, damit umzugehen. Also auch wenn ich jetzt nochmal ein psychotisches Erleben hatte, wie halt vor zwei Monaten. Das hat mir eben so ein bisschen gezeigt, dass ich mich auf einer Gratwanderung befinde, aber dass ich auch schon ganz schön viele Werkzeuge angeeignet habe, damit dann auch umzugehen, in dem Moment."

Werkzeuge, die Simone und Kira brauchen, um nicht wieder die Kontrolle zu verlieren. Beide scheinen an ihren Erfahrungen gewachsen zu sein. Überwunden haben sie sie noch nicht. Ein paar Therapiestunden reichen dazu nicht. Aber Simones und Kiras Geschichte zeigen, dass es ein Leben nach und ein Leben mit einer Psychose gibt. Ein Leben, für das man an sich glauben muss. Und bei dem man lernen muss, immer wieder aufzustehen.

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