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Psychologisch raffinierter Realismus

Buch der Woche - Stephan Thome: "Fliehkräfte", Suhrkamp Verlag, Berlin, 474 Seiten

Stephan Thome ist schon zum zweiten Mal für den Buchpreis nominiert.
Stephan Thome ist schon zum zweiten Mal für den Buchpreis nominiert. (picture alliance / dpa / Ole Spata)

Stephan Thome hat 2009 sein literarisches Debüt gegeben mit dem Roman "Grenzgang", der die Kritiker durchweg beeindruckt hat. Und auch "Fliehkräfte" hat es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft.

Dies ist ein großer Zeitroman, ein Familienpanorama, ein Blick über mehrere Jahrzehnte. Er knüpft an eine anspruchsvolle realistische Erzähltradition an und stellt sich, als Ausschnitt aus der deutschen Weltprovinz, offensiv dem Vergleich mit den hegemonialen, handwerklich perfekt durchgearbeiteten, lückenlos konstruierten Konvoluten aus den USA, etwa von Jonathan Franzen.

Und dennoch merkt man Stephan Thomes "Fliehkräften" mit jeder Zeile an, dass da zwischen den Zeilen noch etwas Anderes anwesend ist. Es ist eine spezifische Brüchigkeit, eine Melancholie, eine uneingelöste Sehnsucht. Und die gesamte Tonlage lässt es von vornherein nicht zu, dass zum Schluss doch noch so etwas wie ein versöhntes Hollywood-Happy-End mit Familienzusammenführung und Glück mit Kindern aufscheinen könnte. Nein, dieser Roman hört so auf, wie er anfängt. Es ist ein psychologisch raffinierter Realismus, der die unvermeidlichen Leerstellen nicht zukleistert, sondern im Gegenteil langsam bloßlegt.

Die Hauptfigur Hartmut Hainbach ist Ende 50, Philosophieprofessor in Bonn und nicht besonders sympathisch. Wie der Autor Stephan Thome es schafft, über fast 500 Seiten aus der Perspektive dieses relativ durchschnittlichen, arrivierten, wohlhabenden und selbstbezogenen Bundesbürgers spannend und suggestiv zu erzählen, ist eine der erstaunlichen Leistungen dieses Buches. Der Konfliktkern, den es umkreist, sieht so aus: Hainbach hat in Berlin während des Studiums in den achtziger Jahren seine attraktive portugiesische Frau Maria kennengelernt, die sich in der Theaterszene umtut. Sie zieht mit ihm nach Bonn, wo er eine Professur bekommt, und beschließt nach etlichen Jahren, wieder nach Berlin zurück zu kehren und künftig eine Wochenendbeziehung zu führen: das Leben der bloßen Ehefrau, die außer Volkshochschulkursen in Bonn kein eigenständiges Leben mehr führt, ist ihr zu öde geworden.

Für Hainbach, den liberalen, aufgeklärten Bildungsbürger, ist dieser Schritt seiner Frau eine große Herausforderung. Auf der Gegenwartsebene des Romans unternimmt er eine lange Autofahrt von Bonn über Paris, wo er eine frühere Geliebte trifft, und Südfrankreich, wo er einen ehemaligen Kollegen besucht, nach Portugal, wo die Familie seiner Frau lebt. Eingeschoben sind verschiedene Rückblicke in die Vergangenheit: die erste große Liebe bei einem Studienaufenthalt in den USA in den siebziger Jahren, Westberliner Erfahrungen in den 80ern, eigentlich unbeschwerte regelmäßige Ferien in Portugal.

Aus diesen äußeren, zeitlich genau verorteten Konstellationen macht Stephan Thome einen Gegenwartsroman, der mit vielen kleinen atmosphärischen Details bestechend genau das Leben in der Wohlstandsgesellschaft umkreist. Die Gefühle können dem nicht standhalten, was an Möglichkeiten geboten wird. Und noch nie wurde das Elend der zu Tode reformierten Universität so exakt auf den Punkt gebracht wie hier. Feine, differenzierte Charakterstudien, glänzende Dialoge, eine Sprache, die sich ohne äußere Effekte scheinbar zurücknimmt und gerade dadurch vielfach gebrochen ein Zeitgefühl einfängt - ein herausragender Roman.

Besprochen von Helmut Böttiger

Stephan Thome: Fliehkräfte
Roman
Suhrkamp Verlag, Berlin
474 Seiten, 22,95 Euro



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