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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.03.2015

PsychologieKinder dürfen nicht mehr Kinder sein

Von Susanne Billig

Ritalin wird zur Behandlung von ADHS eingesetzt (picture-alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
Ritalin wird zur Behandlung von ADHS eingesetzt (picture-alliance / dpa / Julian Stratenschulte)

Die Ruhigen leiden an Autismus, die Wilden an ADHS: Normales Verhalten von Kindern wird heute schnell für pathologisch erklärt, schreiben Beate Frenkel und Astrid Randerath. Ihr Buch "Die Kinderkrankmacher" ist ein atemberaubender Weckruf, der Klassenräume und Arztpraxen erreichen sollte.

Maßlos geltungssüchtig. Ständig überdreht. Verträumt und schlampig in der Schule. So sind sie, die Helden der Kinderbuchklassiker Huckleberry Finn, Pipi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga oder der kleine Nick. Aber in der Realität? Kinder dürfen keine normalen Kinder mehr sein, weil die Erwachsenenwelt das nicht aushält, warnen Beate Frenkel und Astrid Randerath ihrem aufrüttelnden Buch. "Die Kinderkrankmacher" heißt es und es ist ein Warnruf, der Klassenräume, Arztpraxen und Kinderzimmer erreichen soll. Was zur kindlichen Persönlichkeit dazu gehört − unfertig, verspielt, stürmisch und sprunghaft zu sein − würde heute in einem erschreckenden hohen Ausmaß für behandlungsbedürftig erklärt. Das müsse aufhören, fordern die Autorinnen.

Immer mehr Kinder werden mit Ritalin ruhig gestellt

Vor allem Jungen werden Opfer dieser Entwicklung, so Beate Frenkel und Astrid Randerath und sprechen von der "Pathologisierung eines Geschlechts". Jungen wird viermal so oft ein schweres Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom attestiert wie Mädchen und sie werden mit dem Wirkstoff Methylphenidat behandelt. Die Zahlen, die das Buch vorlegt, lassen schwindeln: Wurden 1995 in Deutschland 40 Kilogramm Methylphenidat an Kinder und Jugendliche verordnet, waren es 2012 schon 1,75 Tonnen − eine Steigerung um das 43-fache.

Hinzu kommen immer "neue" Kinderkrankheiten und Diagnosen: Verträumte Kinder sollen unter Wahrnehmungsdefiziten leiden; introvertierte Kinder unter Autismus oder Asperger. Die Vergabe von Antidepressiva an die Jüngsten der Gesellschaft ist in den letzten zehn Jahren explodiert, ebenso wie die Gabe von Antipsychotika, also von Medikamenten, die für Erwachsene mit schwersten Wahnvorstellungen entwickelt wurden. Schönheitsoperationen sind schon für Elfjährige im Portfolio der Chirurgie. Bunte Flyer in Frauenarztpraxen preisen pubertierenden Mädchen die Pille als Mittel gegen Hautunreinheiten an. Und wer auch nur ein bisschen langsamer wächst als seine Altersgenossen, dem könne täglich eine Spritze mit Wachstumshormen helfen − Nebenwirkungen bis hin zum schweren Herzleiden nicht ausgeschlossen.

Welche Rolle spielt die Pharmaindustrie?

Angesichts dieser Zustände liegt der Verdacht nahe, das neue Arsenal der psychischen Kinder-Aberrationen werde künstlich lanciert. Tatsächlich interviewen die beiden Autorinnen einen Insider der Pharmabranche, der in einem atemberaubenden Kapitel ausplaudert, wie das geht: Ärzte umhegen und gefügig machen; Forschung unterstützen, die genau das herausfindet, was der Branche in ihre Strategie- und Verkaufspläne passt; gezielt Nachwuchsforscher fördern, die einem Unternehmen und seinen Medikamenten ein Leben lang treu bleiben. Alles ganz legal, wie die Autorinnen erläutern, aber auch legitim?

In ihrem überzeugend recherchierten und erschütternd geschriebenen Buch mahnen Beate Frenkel zur Astrid Randerath dringend zum Umdenken. Seit nicht einmal hundert Jahren gesteht diese Gesellschaft Kindern überhaupt eine Kindheit zu. Unter dem Druck von Gleichmacherei und Optimierung ist sie derzeit dabei, Kindern dieses Privileg wieder zu entziehen.

Beate Frenkel/ Astrid Randerath: Die Kinderkrankmacher
Zwischen Leistungsdruck und Perfektion. Das Geschäft mit unseren Kindern
Herder Verlag, Freiburg 2015
256 Seiten, 19,99 Euro

Mehr zum Thema:

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