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Thema / Archiv | Beitrag vom 24.01.2012

Psychologe: Bei Fragen von Adoptivkindern sehr offen antworten

Eltern, die Kinder adoptiert haben, sollten diesen eine möglichst positive Botschaft vermitteln

Martin Pinquart im Gespräch mit Britta Bürger

Familie mit Kindern (AP)
Familie mit Kindern (AP)

Wann und wie sagt man es seinem Kind am besten, dass man es adoptiert hat? Wie wirkt es sich auf Kinder aus, wenn sie ihre leiblichen Eltern niemals kennenlernen? Mit solchen Fragen beschäftigt sich der Psychologe Martin Pinquart. Sein Rat: Positiv und offen kommunizieren.

Britta Bürger: Was es bedeutet, seine biologischen Eltern nicht zu kennen beziehungsweise erst spät im Leben kennenzulernen, damit hat sich der Entwicklungspsychologe Martin Pinquart beschäftigt. Bevor wir mit ihm über die Folgen für das Leben des Kindes sprechen, stellt uns Sarah Zerback einen Mann vor, der damit ziemlich zu kämpfen hatte.

Sarah Zerback mit dem Beispiel eines Mannes, der als Adoptivkind erst sehr spät die Wahrheit über seine biologischen Eltern erfahren hat.

Mit der Möglichkeit der anonymen Geburt ist diese Problematik in den vergangenen Jahren noch drängender geworden. Es gibt immer mehr Kinder und Jugendliche, die keine Möglichkeit haben, zu erfahren, wer ihre leiblichen Eltern sind. Über die Folgen wollen wir jetzt mit Martin Pinquart sprechen. Er ist Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Marburg und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychologie und in deren Ethikkommission. Ich grüße Sie, Herr Pinquart.

Martin Pinquart: Einen schönen guten Tag!

Bürger: Ist es generell eine traumatische Erfahrung, wenn man nicht weiß, wer die biologischen Eltern sind?

Pinquart: Es ist zumindest erst mal mit einer Unsicherheit verbunden, die ja auch in diesem Beispiel sehr deutlich zum Tragen kam. Warum haben die biologischen Eltern das Kind weggegeben. Manche Kinder denken, das liegt daran, weil sie schlecht gewesen sind. Manche haben sogar die Fantasie, dass sie entführt worden sind von ihren biologischen Eltern. Das bedeutet aber nicht, dass in den meisten Fällen die betroffenen Kinder nicht eine ganz normale und positive Entwicklung nehmen. Hierbei sollte uns bewusst sein, dass in dem eben dargestellten Beispiel auch andere widrige Umstände aufgetreten sind, diese Faktoren haben sicherlich dann auch mit dazu beigetragen, dass dieser Mann dann in seiner Kindheit bis ins Erwachsenenalter hinein verschiedene Probleme hatte.

Bürger: Er sagte ja auch, er fühlte sich immer nur als Kind zweiter Wahl. Wozu führt es, wenn Kinder das Gefühl haben, sie sind geboren worden, waren aber nicht erwünscht?

Pinquart: Ja, ich denke, es hängt davon ab, wie das den Kindern kommuniziert wird. Denn man kann jetzt zum einen kommunizieren, du bist nicht erwünscht gewesen, man kann aber auch anders kommunizieren, dass die biologischen Eltern nicht in der Lage waren, sich um das Kind zu kümmern. Aber diese Eltern wollten, dass das Kind in einer guten Familie aufwächst, wo es Eltern gibt, die sich um das Kind gut kümmern können, die das Kind lieben werden, und man eine solche positive Botschaft vermittelt, dann sollte das, denke ich, nicht damit verbunden sein, dass man sich als Kind zweiter Wahl erlebt.

Bürger: Was speichert denn die Psyche eines Kindes aus der ganz frühen Zeit, in der die Mutter das Kind abgegeben hat?

Pinquart: In der Entwicklungspsychologie spricht man von einem Phänomen, der sogenannten kindlichen Amnesie. Das heißt, wir können uns an Ereignisse in den ersten drei Lebensjahren kaum erinnern. Im Bezug auf die Entwicklung der Beziehung zur Mutter – sei das nun die biologische Mutter oder eine soziale Mutter im Falle einer Adoption – ist allerdings ein Zeitfenster wichtig, das so am Ende des ersten Lebensjahres liegt, so sechster bis zwölfter Monat, wo sich eine besondere Qualität der Beziehung zu den Betreuungspersonen, eine sogenannte Bindung, herausbildet. Wenn ein Kind bis zum Alter von sechs Monaten in eine neue Familie hinein adoptiert wird, ist davon auszugehen, dass sich dieses Kind in seinen sozialen Beziehungen zu den Adoptiveltern ganz normal entwickeln wird.

Bürger: Wann beginnt denn im Allgemeinen das Fragen nach den leiblichen Eltern und was sind das für Fragen?

Pinquart: Es hängt natürlich davon ab, wann die Kinder überhaupt erfahren, dass sie Adoptivkinder sind. Da unterscheiden sich die Geister: Einige Kollegen sagen, das sollte man den Kindern so früh wie möglich mitteilen, andere sagen, dass im Kleinkindalter man noch gar nicht in der Lage ist, das richtig zu verstehen. Es geht aber auf jeden Fall, das kindgerecht durchaus auch im zweiten, dritten Lebensjahr schon zu vermitteln, also es ist ganz einfach natürlich die Frage: Wer ist meine Mama oder wer ist mein Papa? Oder warum bin ich jetzt hier? Und etwas später dann natürlich auch die Frage: Warum bin ich jetzt bei euch, und warum bin ich nicht bei meiner "richtigen Mutti"?

Bürger: Und darauf sollte jeweils sehr offen geantwortet werden.

Pinquart: Darauf sollte sehr offen geantwortet werden, weil sehr problematisch für die Beziehung zu den Adoptiveltern ist natürlich, wenn erst durch ein Versehen oder durch dritte Personen das Kind irgendwann entdeckt, dass es nicht das leibliche Kind dieser Eltern ist. Dann wird natürlich das Vertrauensverhältnis zu den Adoptiveltern massivst untergraben.

Bürger: Welche Folgen hat es, wenn Menschen nicht erfahren, wer ihre biologischen Eltern sind? Darüber sprechen wir hier im Deutschlandradio Kultur mit dem Marburger Entwicklungspsychologen Martin Pinquart. Sie haben in einer Studie ja auch Adoptivkinder untersucht, deren biologische Eltern selbst psychopathologische Auffälligkeiten aufgewiesen haben, also vielleicht auch in der Richtung, wie wir das gerade in dem Beitrag eben gehört haben. Ist davon denn jeweils etwas dann an die Kinder vererbt worden, gibt es da Regelmäßigkeiten?

Pinquart: Die Studie, über die ich Ihnen berichtet habe, habe ich nicht selbst durchgeführt, sie ist in den USA durchgeführt worden. Dort stellte man etwas ganz Interessantes fest, dass sich nämlich die Adoptiveltern zu einem Teil der Adoptivkinder relativ harsch verhalten haben, und dass man das dadurch erklären konnte, dass diese Adoptivkinder selbst biologische Eltern haben, die durch Alkoholismus, Kriminalität und so weiter aufgefallen waren. Weder die Adoptiveltern noch die Kinder wussten etwas von den biologischen Eltern, und die Trennung war so früh erfolgt, dass also auch nicht der soziale Einfluss der biologischen Eltern auf ihre Kinder gewesen sein konnte. Was ist hier passiert? Unser Verhalten hängt nicht nur von sozialen Erfahrungen ab, die wir in unserer Umwelt machen, sondern auch von genetischen Faktoren, von solchen Problemverhaltensweisen weiß man, dass sie bis zu einem gewissen Grade genetisch beeinflusst sind, und diese biologischen Eltern hatten dieses biologische Risiko auf ihre Kinder weitergegeben, sodass die Kinder dann mehr Problemverhaltensweisen zeigten, auf die dann die Adoptiveltern negativ reagierten.

Bürger: Heißt das, es ist auch für Adoptiveltern im Grunde wichtig, viel mehr über die biologischen Eltern des Kindes zu wissen, um vor solchen Schwierigkeiten gewappnet zu sein, um die auch zu verstehen?

Pinquart: Das ist natürlich eine tricky Angelegenheit, weil wenn man bestimmtes Vorwissen hat, mag das natürlich auch zu verzerrten Erwartungen führen, weil nicht in jedem Fall wird sich ein solches biologisches Risiko dann tatsächlich auch im Verhalten des Kindes manifestieren.

Bürger: Wir haben in den vergangenen Tagen hier im "Radiofeuilleton" verschiedene Aspekte der anonymen Geburt beleuchtet und gehört, dass es für viele Betroffene ein Unterschied ist, ob sie irgendwann beschließen können, ihre Herkunftsfamilie zu suchen oder ob sie eben dieser Möglichkeit zum Beispiel durch die Babyklappe von vornherein beraubt werden. Wie sehen Sie das? Sollten Kinder zumindest die Möglichkeit haben, nach den Eltern zu suchen, also selbst eine Entscheidung treffen können?

Pinquart: Es wäre sicherlich optimal, wenn diese Möglichkeit gegeben ist, und wenn die Kinder dann für sich selbst entscheiden können, ob sie diese Information möchten, ob sie also nach ihren leiblichen Eltern suchen wollen, oder ob das nicht der Fall ist. Das bedeutet aber aus meiner Sicht nicht, dass man Babyklappen abschaffen sollte oder der Möglichkeit einer anonymen Geburt von vornherein abschlägig gegenüberstehen sollte. Denn einige Frauen werden sich, wenn es keine Babyklappen gibt oder keine andere Möglichkeit einer anonymen Geburt gibt, natürlich nicht unbedingt zum Freigeben des Kindes für die Adoption entscheiden. Und im Einzelfall könnte die stattdessen getroffene Entscheidung sowohl für die Frau als auch für das Kind eine tragische Entscheidung sein.

Bürger: Der Entwicklungspsychologe Martin Pinquart. Ich danke Ihnen fürs Gespräch!

Pinquart: Ja, gern geschehen!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.



Links auf dradio.de:

Ein Loch am Anfang der eigenen Geschichte - Das Leiden eines anonymen Kindes

"Mit der Babyklappe für das Kind einen sicheren Raum schaffen" - Berliner Kinderklinik-Chefarzt über Babyklappen und anonyme Geburten

Die Babyklappe vor dem Aus? - Deutscher Ethikrat sieht soziale und rechtliche Defizite und will bessere Hilfen für in Not geratene Mütter

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