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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.01.2013

Psychodämmerung in Berlin

Sophie Dannenberg: "Teufelsberg", Quadriga Verlag Berlin, 2012, 336 Seiten

Blick auf den Teufelsberg in Berlin mit aufgelassener ehemaliger Horchstation (picture alliance / dpa / Hans Joachim Rech)
Blick auf den Teufelsberg in Berlin mit aufgelassener ehemaliger Horchstation (picture alliance / dpa / Hans Joachim Rech)

"Teufelsberg" ist eine Doku-Soap aus einer fiktiven psychiatrischen Klinik auf einem Berliner Trümmerberg, die dem Untergang geweiht ist. Ein schriller, aufregender und tieftrauriger Roman - aber einer, den man unbedingt bis zum Ende lesen muss wie einen Thriller, dessen Auflösung erst die Schlusspointe liefert.

Es ist eine Art 'Psychodämmerung‘ mit Szenen aus dem wirklichen Leben der kleinen und großen, sympathischen und abstoßenden Verrücktheiten. Dabei sind die Behandelnden nicht immer die Normalen und die Patienten nicht nur die Irren.

Erst zum Schluss wissen wir, warum der Kran auf die "Cardea"-Klinik stürzte, warum eine kopflose Leiche im Park liegt, warum der alte Hauptkommissar Friedrich einem fremden Mann zu Anfang ins Gesicht schlug und warum Falko Gentleman und Betrüger zugleich ist. Die vom pflegerischen und vom ärztlichen Personal nicht ernst genommenen Ressourcen der Patienten bringen das System zum Einsturz - welch eine Metapher für einen Käfig voller Narren, der den Palast der Klugen ersetzt. Schritt für Schritt, Cliffhanger an Cliffhanger setzend, entschlüsselt die Autorin ein Verwirrspiel, das mit Sylvias Einlieferung auf den Teufelsberg beginnt. Ihr Mann Martin ahnt nicht, dass seine Geliebte Jago auf der Nachbarstation als Patientin lebt und dann und wann für die sexuellen Supertreffs mit ihm ausbüxt.

Der alte Friedrich mit seinem running gag "Sind wir noch auf dem Schiff" hat Ähnlichkeiten mit dem großen Indianer in "Einer flog über das Kuckucksnest"; der Indianer versteckt sich hinter einer Maske von Taubstummheit; Ex-Polizist Friedrich ist der verdeckte Ermittler hinter seiner vorgegebenen Demenz.

Dannenberg beschreibt filmisch, oft die gleiche Szene aus verschiedenen Blickwinkeln. Dabei mischen sich die gegenwärtigen Erfahrungen der Beteiligten mit ihren frühen Erlebnissen an den Wendepunkten ihres Lebens. Wenn die Patienten zur Musiktherapie in einen leeren Wasserspeicher steigen, wegen der besonderen Akustik, dann sieht sich die alte Lotti im gefluteten S-Bahn-Tunnel 1945 und erlebt ihre Angst, sieht die im Wasser treibenden Toten und spürt den tierischen Hunger. Xaver, der Professor für Petrologie, den sie nur den Philosophen nennen, kommt von seiner Idee nicht weg, allem auf den Grund gehen zu müssen und sich gedanklich abzuschaffen.

Nur der verblendete Gott in Weiß, Chefarzt Vosskamp, will Xavers Suche nach dem Grund nicht folgen und wird zum betrogenen Betrüger. Da hilft ihm auch sein zum irren Berliner Flughafen-Debakel passender Witz nichts: "Überall in Deutschland baut man neue Irrenhäuser, eins in München, eins in Hamburg und Berlin wird überdacht."

Besprochen von Herbert A. Gornik

Sophie Dannenberg: Teufelsberg
Quadriga Verlag Berlin 2012
336 Seiten,19,99 Euro