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Thema / Archiv | Beitrag vom 02.11.2010

"Protest ist ausgerottet"

Kahlschlag total für die britischen Geisteswissenschaften: Doch niemand regt sich auf

Claudia Stein im Gespräch mit Susanne Führer

In England gehen die Geisteswissenschaften baden.  (AP Archiv)
In England gehen die Geisteswissenschaften baden. (AP Archiv)

Für die heutigen Studierenden in Großbritannien ist "soziale Gerechtigkeit" ein Fremdwort, dass sie noch nie gehört haben. Wer auf der Strecke bleibt, ist eben ein "Loser". Neoliberale Slogans haben sie gleichsam mit der Muttermilch eingesogen. Eine Protestkultur gibt es in der Akademikerwelt nicht.

Susanne Führer: Große Schulklassen, überfüllte Seminarräume, eine unausgegorene Bachelor- und Masterreform, all das hat in Deutschland Zigtausende Schüler und Studenten zu Protesten bewegt. Es gab Demonstrationen, einen sogenannten Bildungsstreik und am Ende Gespräche mit den politisch Verantwortlichen, in denen Änderung versprochen wurde. Aus Großbritannien werden vergleichbare Proteste zumindest bisher nicht gemeldet. Dabei haben es die für die Universitäten geplanten Einsparungen wirklich in sich: Keinerlei staatliche Finanzierung von Studiengängen der Geisteswissenschaften und der Künste. – Das klingt unglaublich! Dr. Claudia Stein ist Direktorin des medizinhistorischen Instituts an der Universität Warwick in England und uns von dort zugeschaltet. Guten Tag, Frau Stein!

Claudia Stein: Ja, guten Tag, Frau Führer!

Führer: Kann denn das wirklich sein, es soll keinen Penny öffentlichen Geldes mehr geben für die Geisteswissenschaften und die Künste?

Stein: So sieht es nach dem Browne-Report aus. Die staatlichen Zuschüsse werden von 3,5 Milliarden auf 700 Millionen runtergeschraubt …

Führer: … von 3,5 Milliarden auf 700 Millionen, das ist ja mal eine Kürzung um …

Stein: … 80 Prozent!

Führer: … um 80 Prozent.

Stein: Ja, 80 Prozent. Es werden nur noch Fächer gefördert, die strategisch wichtig sind. Darunter fallen Naturwissenschaften, Technologie-Fächer, Medizin, auch Pflegewissenschaften und Sprachen, die strategisch wichtig sind wie zum Beispiel Chinesisch. Französisch und so weiter fällt da nicht mehr drunter. Also ist es tatsächlich so, dass die Geistes- und Sozialwissenschaften und die Künste komplett zusammengestrichen worden sind.

Führer: Aber wie sollen sich diese Fächer denn in Zukunft finanzieren? Was ist mit Ihrem Fach, Medizingeschichte?

Stein: Das soll jetzt so aussehen nach Lord Browne, der diese Empfehlung ausgesprochen hat, nach einer einjährigen Untersuchung der Universitäten, das soll jetzt komplett von den Studenten übernommen werden. Das heißt, man wälzt die gesamten Kosten, also ungefähr, man geht da von neuen Studiengebühren in Höhe um 6000, 7000 Pfund aus, werden jetzt komplett von den Studenten übernommen.

Führer: Frau Stein, Sie haben jetzt zweimal Lord Browne erwähnt. Wir sollten kurz erklären, wer das ist?

Stein: Lord Browne ist nicht Gordon Brown, sondern Lord Browne, der ehemalige Chef von BP, der 2009 zum Chair des sogenannten Independent Review of Higher Education ernannt worden ist. Es ging darum zu erforschen, wie man die Higher Education effizienter machen könnte. Das ist jetzt keine merkwürdige Wahl für England, denn die englischen Universitäten sind nicht mehr dem Ministerium für Education untergeordnet, sondern seit einigen Jahren einem neuen Ministerium - von Labour geschaffenen - Ministerium mit dem Titel "Business, Innovation and Skill". Die Wahl, hier einen Ökonomen zu nehmen, ist jetzt nicht unbedingt merkwürdig.

Führer: Gut, und Sie rechnen wie ja offensichtlich viele andere damit, dass die Regierung diese Empfehlung auch umsetzen wird. Ich fasse noch mal zusammen: 80 Prozent betragen die Kürzungen für die Hochschulen. Und das heißt, für die Geisteswissenschaften wird es gar keine staatliche Unterstützung mehr geben, für die Naturwissenschaften wesentlich weniger, aber doch immerhin noch staatliche Gelder. An Ihrer Universität, Frau Stein, lehren ja Geisteswissenschaftler wie Naturwissenschaftler nebeneinander und studieren eben auch Geisteswissenschaftler und Naturwissenschaftler. – Wie ist denn das Verhältnis da jetzt?

Stein: Ja das ist ja das Erstaunliche: Zurzeit gibt es eigentlich bisher überhaupt gar keine Diskussion. Es gibt zwar von unserem Vice Chancellor so eine Art Communiqué, dass man diesen Schritt begrüßt. Aber was das jetzt genau bedeutet auch für unser Miteinander, steht also noch ein bisschen in den Sternen. Es gibt auch merkwürdigerweise überhaupt gar keine Demonstration von Studenten, Postdocs, Doktoranden. Ich komme gerade von einem Treffen mit meinen Doktoranden und Postdocs, wo wir so ein bisschen versuchen, eine Diskussion in Gang zu bringen. Es ist merkwürdigerweise überhaupt gar keine Resistenz zu vermerken zurzeit.

Führer: Also kein Protest, kein Widerstand.

Stein: Kein Protest, nein.

Führer: Haben Sie eine Erklärung dafür?

Stein: Ja, es gibt natürlich - ich hab' mir da so ein bisschen Gedanken drüber gemacht, weil mich das doch nicht nur irritiert, aber auch, ich muss sagen, emotional sehr aufbringt - und zum einen kann man natürlich bemühen das berühmte englische Temperament. Man trinkt ein bisschen Tee, man wartet ab, keine übereilten Entscheidungen. Auch für Engländer ist es, wie ich jetzt durch mein Leben hier feststelle, nicht einfach, fast unmöglich, Protest also zu äußern. Es ist schwierig, man versucht das immer so ein bisschen durch Witz oder intellektuelle Gewandtheit zu überwinden.

Dann ist es natürlich auch so, dass keine der drei Parteien eigentlich mit dieser Privatisierung – die sind alle damit einverstanden. Das heißt, Labour hat das Ganze in Gang gebracht, die Torys bringen es eigentlich jetzt nur zu Ende. Und die Liberalen haben zwar vor der Wahl gesagt, sie sind dagegen, jetzt aber doch dafür. Man streitet sich im Grunde nur noch um die Höhe der Gebühren und hier ist man wie gesagt bei im niedrigsten Fall 6000 bis 7000. Aber Herr Browne hat auch gesagt, eigentlich wäre er dafür, überhaupt gar keine Obergrenze festzulegen, das heißt, da sind wir dann bei 12.000, 13.000 im Jahr.

Dann aber kommt noch etwas anderes dazu, das ist: Man ist schon gewohnt in den Geisteswissenschaften, diese Kürzung hinzunehmen. Das geht seit den 80er-Jahren, seit Thatcher werden die Geisteswissenschaften hier als wirtschaftlich unnütz dargestellt. Also so muss man es wirklich sagen, so wird das auch formuliert in den Medien. Wir sind unwichtig für eine Nation, die sich nach rein ökonomischen Modellen ausrichtet.

Führer: Deutschlandradio Kultur, über die Krise der britischen Universitäten spreche ich mit Claudia Stein, der Direktorin des medizinhistorischen Instituts an der englischen Universität Warwick. Frau Stein, in Deutschland wird ja immer noch über die Studiengebühren diskutiert, weil das ja hier auch je nach Bundesland verschieden geregelt ist. Das heißt, da gibt es dann auch immer wieder Anlass, sobald eine Landesregierung wechselt, erneut drüber zu diskutieren, und hier ja immer mit der Befürchtung, dass Studiengebühren dafür sorgen, dass noch weniger Kinder aus nichtakademischen Haushalten ein Studium aufnehmen. Wie ist denn das in England? Vor fünf Jahren wurden dort die Studiengebühren eingeführt, jetzt werden sie verdoppelt werden. Wer studiert dann noch in Großbritannien – nicht nur in England – und wer studiert denn überhaupt noch Geisteswissenschaften, wenn die ein so schlechtes Standing haben, wie Sie gerade beschrieben haben?

Stein: Das ist ja das Merkwürdige: Wenn man sich die Zahlen anguckt, wer die Geisteswissenschaften studiert und wie viele Leute Naturwissenschaften studieren, haben Sie natürlich immer noch zahlenmäßig viel mehr Leute, die sich für Geisteswissenschaften entscheiden. Das, was auch in diesem Browne-Report bisher eigentlich nicht beachtet worden ist, dass sie, wenn sie nur noch Naturwissenschaften fördern, haben sie natürlich auch eine Förderung von Fächern, in denen meistens junge Männer studieren. Das heißt es ist auch ein krasser Schlag gegen Gleichberechtigung, wenn ich das mal so sagen darf. Und diese hohen Studiengebühren … Also in Warwick, kann ich jetzt nur sagen, ist eine Uni, wo doch gehobene Mittelklasse studiert in gewisser Weise, das heißt viele kommen schon aus einem Elternhaus, die das aufbringen, das Geld. Es ist natürlich ein Schlag, das ist ganz klar, gegen Familien mit geringerem Einkommen.

Führer: Frau Stein, wenn sich der Staat so radikal aus der Bildungsfinanzierung zurückzieht, dann teilt er damit doch im Grunde genommen mit, dass Bildung Privatsache ist. Und so, wie Sie es vorhin beschrieben haben, ist dafür ja ideologisch der Boden schon in den vergangenen Jahren oder Jahrzehnten bereitet worden. Das heißt, diese Ansicht teilt die Mehrheit der Briten auch?

Stein: Also wenn ich das jetzt mal so von meiner Perspektive her beurteile und auch meine Studenten, mit denen ich jetzt Diskussionen hatte in der letzten Woche, so ein bisschen als Beispiel heranziehe, dann ist es so, dass viele diese Ansicht teilen. Wenn mehr Geld gezahlt wird, dann hätten sie als Consumer auch mehr Choice, also mehr Wahl. Der Student als Verbraucher hat dann sozusagen mehr Rechte, dann zahlt man halt mehr, dann gehen auch weniger hin, dann hat man also besseren Unterricht, man wird dann vielleicht auch bessere Bibliotheken haben.

Und ich glaube, dann gibt es noch einen Grund, der tiefer liegend ist. Und das ist glaube ich die Tatsache, dass in Großbritannien es kaum noch eine Art von kritischer Auseinandersetzung über diese sozialen Dinge gibt. Und man hat sich daran gewöhnt seit den 80ern, diese neoliberale Marktphilosophie zu zelebrieren und deren Ethik. Das heißt, der kapitalistische Markt als Driving Force für das gesamte Leben des Einzelnen hier zu akzeptieren. Protest ist ausgerottet, das gibt es eigentlich nicht mehr. Shopping, Geld ausgeben, Kredite aufnehmen, das ist sozusagen das, womit die Leute hier gefüttert werden.

Das heißt, das ist das Ende des Sozialstaates natürlich, was hier aber gar nicht mehr wahrgenommen wird als das Ende. Und wenn man hier ein bisschen lebt, dann ist das schon sehr auffällig, dass diese Slogans, diese neoliberalen Marktslogans Tag für Tag in den Medien gepredigt werden. Und ich hab schon in einigen Ländern gelebt, aber ich hab das eigentlich noch nie in dieser Art und Weise gesehen wie in England.

Das heißt, jeder ist sich selbst der Nächste, jeder sieht sich als Kleinunternehmer. Und die es nicht schaffen – und das ist ganz eklatant bei meinen Studenten zu sehen, wenn es um solche Diskussionen geht –, die es nicht schaffen, sind halt die Loser. Die hatten zwar dieselbe Chance, haben sie aber nicht wahrgenommen. Die Naturwissenschaften spielen eine Riesenrolle in dieser Debatte. Die werden seit anderthalb Jahren, ein, zwei Jahren aufgebaut als die Retter dieser Gesellschaft, das heißt die Retter aus der Krise. Man hat nicht einen Abend im BBC, wo Sie nicht irgendeine Sendung über die Naturwissenschaften sehen.

Es gibt keine Rhetorik von den Geisteswissenschaften in den Medien, die dem entgegensetzen. Das heißt hier, dass, wenn ich mit meinen Studenten rede, eine Art von Unfähigkeit herrscht, Dinge eigentlich auch zu formulieren, Dinge wie soziale Ungerechtigkeit zu formulieren. Das Wort an sich ist für meine Studenten schon ganz ungewohnt. Das ist etwas, was sie in ihrem täglichen Zeitungslesen, Medienhören überhaupt gar nicht mehr hören. Die sind in den 90ern geboren. Das heißt, diese Art von Realität, dass etwas sozial ungerecht ist, ist für sie was völlig Neues.

Führer: Dr. Claudia Stein, Direktorin des medizinhistorischen Instituts an der Universität Warwick in England, ich danke Ihnen für das Gespräch, Frau Stein!

Stein: Danke! Tschüss!

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